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Auch hier müssen wir gegen das Kollektivdenken als ein Denken in Fiktionen uns wenden. Alle wirkliche Verwandlung geschieht durch einzelne, im Einzelnen, in zahlreichen Einzelnen, unabhängig voneinander oder in bewegendem Austausch.

Wir Deutsche besinnen uns alle, wenn auch in noch so verschiedener, ja entgegengesetzterweise, auf unsere Schuld und Nichtschuld. Wir alle tun es, Nationalsozialisten und Gegner des Nationalsozialismus. Wenn ich »wir« sage, so meine ich die Menschen, mit denen ich mich zunächst –

durch Sprache, Herkunft, Situation, Schicksal – solidarisch weiß. Ich will niemanden anklagen, wenn ich »wir«

sage. Wenn andere Deutsche sich schuldlos fühlen, so ist das ihre Sache, außer in den zwei Punkten der Strafe für Verbrechen derer, die sie getan haben, und der politischen Haftung aller für die Handlungen des Hitlerstaates. Die sich schuldlos fühlen, werden Gegenstand des Angriffs erst, wenn sie ihrerseits angreifen. Wenn sie, sich selber für schuldlos haltend, anderen Schuld geben, so ist zwar immer zu fragen, ob sie in der Sache etwas Richtiges treffen, aber auch ob sie ein Recht haben hier Ankläger zu sein. Wenn sie aber in Fortsetzung nationalsozialistischer Denkungsart uns das Deutschtum absprechen wollen, und wenn sie, statt eindringend nachzudenken und auf Gründe zu hören, vielmehr blind mit Generalurteilen andere vernichten wollen, so brechen sie die Solidarität, wollen nicht im Miteinanderreden sich prüfen und entwickeln. Sie sind wegen der Art ihres Angreifens der Verletzung der Menschenrechte zu beschuldigen.

In der Bevölkerung ist eine natürliche, unpathetische, besonnene Einsicht nicht selten. Beispiele schlichter Äuße-rungen sind folgende:

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Ein achtzigjähriger Forscher: »Ich habe in diesen 12 Jahren nie geschwankt und doch war ich nie mit mir zufrieden; immer wieder habe ich gegrübelt, ob man nicht aus dem rein passiven Widerstand gegen die Nazis zur Tat übergehen könne. Die Organisation Hitlers war zu teuflisch.«

Ein jüngerer Antinazi: »Denn auch wir Gegner des Nationalsozialismus haben – nachdem wir uns jahrelang, wenn auch zähneknirschend dem ‘Regime mit der Furcht’ ge-beugt haben – eine Reinigung nötig. Wir rücken dabei ab von dem Pharisäertum derer, die glauben, daß allein das Fehlen des Parteiabzeichens sie zu erstklassigen Menschen macht.«

Ein Beamter während der Denazifikation: »Wenn ich mich in die Partei pressen ließ, wenn ich es mir relativ gut gehen ließ, mich im Nazistaat einrichtete und insofern Nutznießer wurde – wenn ich es auch in innerer Gegnerschaft tat, – und wenn ich nun die Nachteile dessen erfahre, so darf ich mich anständigerweise nicht beklagen.«

Daß wir in der Schuldfrage von Reinigung sprechen, hat einen guten Sinn. Reinigen müssen wir uns von der Schuld, wie sie ein jeder in sich findet, soweit das möglich, ist durch Wiedergutmachung, durch Buße, durch innere Erneuerung und Verwandlung. Davon soll später die Rede sein.

Vorher werfen wir einen Blick auf einige der Tendenzen, die uns verführen, der Reinigung auszuweichen. In Ver-lockungen durch falsche Antriebe und Instinkte verlassen wir nicht nur den Weg der möglichen Reinigung, sondern steigern noch die Verworrenheit in unreinen Motivationen.

§ 1. Ausweichen vor der Reinigung

a) Das gegenseitige Sichbeschuldigen

Wir Deutsche sind untereinander sehr verschieden durch Art und Maß der Teilnahme am Nationalsozialismus oder des Widerstandes gegen ihn. Ein jeder hat auf seine eigene innere und äußere Verhaltensweise sich zu besinnen und sich die ihm eigentümliche Wiedergeburt in dieser Krise des Deutschen zu suchen.

Auch der Zeitpunkt, zu dem diese innere Umschmelzung begann, ist für die einzelnen sehr verschieden, ob 1933, ob 1934 nach den Morden des 30. Juni, ob seit 1938 nach den Synagogenbrandstiftungen oder erst im Kriege, oder erst 90

unter der drohenden Niederlage oder erst im Zusammenbruch.

Wir können uns Deutsche in allem diesen nicht auf einen Nenner bringen. Wir müssen von wesensverschiedenen Aus-gangspunkten her zueinander aufgeschlossen sein. Der gemeinsame Nenner ist vielleicht allein die Staatsangehörig-keit. Darin haben alle gemeinsam die Schuld und die Haftung, daß sie es zu 1933 haben kommen lassen, ohne zu sterben. Das vereint auch die äußere und die innere Emigration.

Die großen Verschiedenheiten ermöglichen es, daß an-scheinend ungefähr alle allen Vorwürfe machen. Das hält so lange an als der einzelne nur seine eigene Lage und derer, die ihm ähnlich sind, wirklich ins Auge faßt und die der anderen nur durch Bezug auf sich beurteilt. Es ist erstaunlich, wie sehr wir nur bei Selbstbetroffenheit in wirkliche Erregung geraten und alles aus dem Gesichtswinkel unserer besonderen Lage sehen. Es bedarf der ständigen bewußten Anstrengung, sich aus diesem Gesichtswinkel zu befreien.

Das Sichbeschuldigen der gegenwärtigen deutschen Menschen darzustellen, würde zu einer endlosen Erörterung führen. Nur durch zufällige Beispiele aus der nahen Vergangenheit und aus der Gegenwart sei auf dies Feld hin-gewiesen. Wir können wohl einmal verzagen, wenn uns die Geduld im Miteinanderreden zu verlassen droht, und wenn wir auf kaltschnäuzige und brüske Ablehnung stoßen.

In vergangenen Jahren gab es Deutsche, die von uns anderen Deutschen verlangten, Märtyrer zu werden. Wir sol ten es nicht stillschweigend dulden, was geschah. Wenn unser Tun keinen Erfolg haben sollte, so wäre die Tat doch wie ein sittlicher Halt für die ganze Bevölkerung, ein sichtbares Symbol der unterdrückten Kräfte. So konnte ich seit 1933

Vorwürfe hören von Freunden, Männern und Frauen.

Solche Forderungen waren so erregend, weil in ihnen tiefe Wahrheit liegt, die aber durch die Weise, wie sie vertreten wird, kränkend verkehrt ist. Was der Mensch mit sich selbst vor der Transzendenz erfahren kann, wird in die Ebene des Moralisierens und gar der Sensation gezogen. Stille und Ehrfurcht sind verloren.

Gegenwärtig ist ein schlimmes Beispiel des Ausweichens in das gegenseitige Sichbeschuldigen manche Diskussion 91

zwischen Emigranten und Hiergebliebenen, zwischen den Gruppen, die man wohl äußere und innere Emigration nennt. Beide haben ihr Leid. Der Emigrant: Die fremde Sprachwelt, das Heimweh, – Symbol ist die Erzählung von dem deutschen Juden in New York, in dessen Zimmer das Bild Hitlers hing, – warum? nur wenn er dadurch jeden Tag an den Schrecken erinnert werde, der ihn zu Hause erwarte, könne er seiner Sehnsucht in die Heimat Herr werden. –

Der Daheimgebliebene: Die Verlassenheit, das Ausgesto-ßensein im eigenen Lande, die Bedrohung, allein in der Not, gemieden außer von einigen Freunden, die zu belasten wieder neues eigenes Leid bringt. – Klagen aber die einen die andern an, so brauchen wir uns nur zu fragen: ist uns wohl zumute angesichts des Seelenzustandes und des Tones der so Anklagenden, freuen wir uns, daß solche Menschen so fühlen, sind sie Vorbild, ist etwas wie Aufschwung, Freiheit, Liebe in ihnen, die uns ermutigen? Wenn nicht, dann ist nicht wahr, was sie sagen.

Im gegenseitigen Beschuldigen liegt kein wachsendes Leben. Das eigentliche Miteinanderreden hört auf. Es ist eine Weise des Kommunikationsabbruches. Und diese ist immer ein Symptom der Unwahrheit, daher Anlaß für die Red-lichen, unablässig nach der verborgenen Unwahrheit zu forschen. Diese ist überall da, wo der Deutsche sich moralisch und metaphysisch zum Richter über den Deutschen macht, überall wo kein guter Wille zur Kommunikation, sondern der verschleierte Wille zum Zwang herrscht, wo das Verlangen besteht, der andere solle sich schuldig bekennen, wo der Hochmut – »ich bin unbelastet« – auf den anderen herabsieht, wo das Bewußtsein der Schuldlosigkeit sich berechtigt weiß, anderen Schuld zu geben.

b) Sichwegwerfen und Trotz

Unsere menschliche Artung – wenigstens in Europa –