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ist derart, daß wir ebenso empfindlich gegen Vorwürfe sind wie leicht bereit, anderen Vorwürfe zu machen. Man will sich nicht zu nahe treten lassen, aber man ereifert sich leicht im moralischen Beurteilen der anderen. Das ist die Folge der Vergiftung durch den Moralismus. Für nichts pflegen wir so reizbar zu sein wie für jede Andeutung, daß man uns Schuld gibt. Auch wer Schuld hat, will es sich nicht sagen 92

lassen. Und wenn er es sich sagen läßt, will er es sich nicht von jedem sagen lassen. Je größer die Empfindlichkeit gegen Vorwürfe ist, desto größer pflegt die Rücksichtslosig-keit zu sein, mit der man bereit ist, sie anderen zu machen.

Die Welt ist bis in die kleinen Alltagsumstände hinein voll von Bezichtigungen für die Urheberschaft eines Unheils, daher voll von Sündenböcken, die man überall für diese bösen Instinkte braucht.

Wer reizbar gegen Vorwürfe ist, kann nun merkwürdiger-weise leicht umschlagen in einen Drang, seine Schuld zu bekennen. Solche Schuldbekenntnisse – falsch, weil selber noch triebhaft und lusterfüllt – haben in ihrer Erscheinung einen unverkennbaren Zug: Da sie wie ihr Gegenteil beim selben Menschen aus dem gleichen Machtwillen genährt sind, spürt man, wie der Bekennende sich durch das Bekenntnis einen Wert geben, sich vor anderen hervortun will. Sein Schuldbekenntnis will andere zum Bekennen zwingen. Es ist ein Zug von Aggressivität in solchem Bekennen. Der Moralismus als Erscheinung des Machtwillens nährt sowohl die Reizbarkeit gegen Vorwürfe wie die Schuldbekenntnisse, die Vorwürfe gegen andere wie gegen sich selbst und läßt psychologisch alles dies ineinander umschlagen.

Philosophisch ist daher bei jeder Beschäftigung mit Schuldfragen die erste Forderung das innere Handeln mit sich selbst, durch das die Empfindlichkeit zugleich mit dem Schuldbekenntnisdrang erlischt.

Heute nun ist dies allgemeinmenschliche Phaenomen, das ich psychologisch schilderte, unlösbar verflochten mit dem Ernst unserer deutschen Frage. Unsere Gefahr ist ein doppelter Irrweg: das sich preisgebende Jammern im Schuldbekenntnis und der sich trotzig abschließende Stolz.

Mancher läßt sich verführen durch sein augenblickliches Daseinsinteresse. Es scheint ihm vorteilhaft, die Schuld zu bekennen. Der Entrüstung der Welt über das moralisch verworfene Deutschland entspricht seine Bereitwilligkeit zum Schuldbekenntnis. Dem Mächtigen begegnet man durch Schmeichelei. Man möchte sagen, was er zu hören wünscht.

Dazu kommt die fatale Neigung, durch Schuldbekenntnis sich besser zu dünken als andere. In der Demut ist verborgen der böse Stolz auf sich selber. Im Sichselbstbloßstellen liegt ein Angriff auf die anderen, die es nicht tun. Die 93

Schmählichkeit solcher billigen Selbstanklagen, die Ehr-losigkeit der vermeintlich vorteilhaften Schmeichelei ist offenbar. Hier spielen die Machtinstinkte der Ohnmächtigen und der Mächtigen verhängnisvoll ineinander.

Anders der trotzige Stolz. Gerade weil die anderen moralisch angreifen, verstockt man sich erst recht. Man will sein Selbstbewußtsein in einer vermeinten inneren Unab-hängigkeit. Diese ist aber dann nicht zu gewinnen, wenn man im Entscheidenden unklar bleibt.

Das Entscheidende liegt in dem ewigen Grundphaeno-men, das heute in neuer Gestalt wieder da ist: Wer in der Lage restlosen Besiegtseins das Leben dem Tode vorzieht, kann in Wahrhaftigkeit – der einzigen ihm bleibenden Würde – nur leben, wenn er den Entschluß zu diesem Leben faßt mit dem Bewußtsein des Sinnes, der in ihm liegt.

Was Hegel in seiner Phaenomenologie in dem großartigen Abschnitt über Herr und Knecht gezeigt hat, ist das Unausweichliche, um das sich das menschliche Bewußtsein in Unklarheit herumdrücken möchte:

Der Entschluß, als Ohnmächtiger und Knecht leben zu wollen, ist ein Akt von lebenbegründendem Ernst. Aus ihm folgt eine Verwandlung, die alle Wertschätzungen modifi-ziert. Wird er vollzogen, werden die Folgen übernommen, Leid und Arbeit ergriffen, so liegt hier die höchste Möglichkeit der menschlichen Seele. In Hegels Entwicklung trägt der Knecht, nicht der Herr die geistige Zukunft. Aber nur dann, wenn er redlich seinen schweren Weg geht. Nichts wird geschenkt. Nichts kommt von selbst. Nur wenn dieser Entschluß als Ursprung klar ist, können die Verkehrungen des Sichwegwerfens und des stolzen Trotzes vermieden werden. Die Reinigung führt zur Klarheit des Entschlusses und zur Klarheit seiner Folgen.

Wenn nun mit dem Besiegtsein zugleich eine Schuld da ist, so wird die Lage seelisch verwickelter. Nicht nur die Ohnmacht, auch die Schuld muß übernommen werden. Und aus beidem muß die Umschmelzung erwachsen, der der Mensch sich entziehen möchte.

Der stolze Trotz findet eine Menge von Anschauungs-weisen, Großartigkeiten, gefühlvollen Erbaulichkeiten, um sich die Täuschung zu verschaffen, die es ermöglicht, ihn festzuhalten. Zum Beispieclass="underline"

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Man verwandelt den Sinn der Notwendigkeit, das Geschehene zu übernehmen. Eine wilde Neigung, »sich zu unserer Geschichte zu bekennen«, erlaubt es, das Böse verborgen zu bejahen, am Bösen das Gute zu finden, es im Innern als stolze Festung gegen die Sieger zu halten. Aus solcher Verkehrung sind Sätze möglich wie die folgenden: »Wir müssen wissen, daß wir die ursprüngliche Kraft des Wollens, das die Vergangenheit schuf, noch in uns tragen, und wir müssen uns auch dazu bekennen und es aufnehmen in unsere Existenz … Wir sind beides gewesen und werden beides bleiben … und wir selbst sind immer nur unsere ganze Geschichte, deren Kraft wir in uns tragen.« »Die Pietät« soll die junge Generation von Deutschland zwingen, wieder zu werden, wie die vorige war.

Trotz im Gewand von Pietät verwechselt hier den geschichtlichen Grund, in dem wir liebend wurzeln, mit der Gesamtheit der Realitäten der gemeinsamen Vergangenheit, von denen wir viele in ihrem Sinne nicht nur nicht lieben, sondern als uns wesensfremd abstoßen.

In der Anerkennung des Bösen als Bösen können dann in verwunderlichen Unklarheiten des Gefühls Sätze möglich werden wie folgende: »Wir müssen so mutig und so groß und so milde werden, daß wir sagen können: Ja, auch dieses Fürchterliche war unsere Wirklichkeit und wird es bleiben, aber wir haben die Kraft, es dennoch in uns umzu-schaffen zu schöpferischem Werk. Wir kennen eine furchtbare Möglichkeit in uns, die einmal in jammervoller Ver-irrung Gestalt gewann. Wir lieben und achten unsere ganze geschichtliche Vergangenheit mit einer Pietät und einer Liebe, die größer ist als alle einzelne geschichtliche Schuld.

Wir tragen diesen Vulkan in uns mit dem Wagnis des Wissens, daß er uns zersprengen kann, aber mit der Überzeugung, daß, wenn wir ihn zu bändigen vermögen, uns der letzte Raum unserer Freiheit erst offen werden wird: in der gefährlichen Kraft solcher Möglichkeit das wirklich werden zu lassen, was in der Gemeinsamkeit mit allen übrigen die menschheitliche Tat unseres Geistes sein wird.«

Das ist ein verführender Appell – aus der schlechten Philosophie eines Irrationalismus –, ohne Entscheidung sich einer existentiellen Nivellierung anzuvertrauen. »Bändigen« ist viel zu wenig. Auf die »Wahl« kommt es an. Es 95

ist, wenn sie nicht vollzogen wird, sogleich wieder ein Trotz des Bösen möglich, der zum pecca fortiter führen muß. Es ist verkannt, daß in diesem Appell an Pietät noch in bezug auf das Böse, das zu verneinen ist, doch nur eine scheinhafte Gemeinschaft möglich ist.

Eine andere Weise stolzen Trotzes kann den ganzen Nationalsozialismus »geschichtsphilosophisch« bejahen in einer ästhetischen Anschauung, die aus dem nüchtern anzusehen-den Unheil und aus dem klaren Bösen eine falsche Großartigkeit macht, welche das Gemüt vernebelt:

»Im Frühjahr 1932 hat ein deutscher Philosoph die Prophezeiung ausgesprochen, daß binnen 10 Jahren die Welt nur noch von zwei Polen aus politisch regiert werden wird: Moskau und Washington; daß Deutschland dazwischen als politisch-geographischer Begriff gegenstandslos sein und nur noch als geistige Macht existieren wird.