Die deutsche Geschichte, für die die Niederlage von 1918
zugleich Aussichten auf größere Konsolidierung, ja auf die großdeutsche Vollendung freilegte, lehnte sich auf gegen jene prophezeite und in der Tat aufkommende Tendenz, die Welt auf zwei Pole hin zu simplifizieren. Die deutsche Geschichte zog sich gegen diese Welttendenz zu einer isolierten eigenwilligen, gigantischen Anstrengung zusammen, doch noch zu ihrem eigenen nationalen Ziel zu kommen.
Wenn jene Prophezeiung des deutschen Philosophen, die für den Anbruch der Amerikanisch-Russischen Weltherrschaft eine Frist von nur 10 Jahren ansetzte, Recht hatte, so war das überstürzte Tempo, die Hast und Gewalt-samkeit des deutschen Gegenversuchs ein verständliches Ereignis: es war das Tempo einer innerlich sinnvollen und faszinierenden, historisch aber schon verspäteten Aufleh-nung. Wir haben in den vergangenen Monaten mitange-sehen, wie sich dieses Tempo am Ende in isolierte reine Ra-serei überschlug. – Ein Philosoph spricht leichthin das Urteil aus: die deutsche Geschichte ist zu Ende, jetzt beginnt die Ära Washington-Moskau. Eine so groß und sehnsüchtig angelegte Geschichte wie die deutsche sagt nicht einfach Ja und Amen zu solchem akademischen Beschluß.
Sie flammt auf, sie stürzt sich in tief erregtem Wehren und Angriff, in wildem Tumult von Glauben und Haß in ihr Ende.«
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So schrieb im Sommer 1945 ein von mir menschlich hoch-geschätzter junger Mann in Verwirrung trüber Gefühle.
Alles das ist in der Tat keine Reinigung, sondern ein weiteres Hineingeraten in die Verstrickung. Solche Gedanken –
sowohl des Sichwegwerfens wie des Trotzes – pflegen einen Augenblick ein Gefühl wie von Befreiung zu geben. Man glaubt einen Boden zu haben, und man ist doch erst recht ins Ausweglose gegangen. Es ist die Unreinheit der Gefühle, die sich hier steigert und zugleich befestigt gegen echte Ver-wandlungsmöglichkeiten. –
Zu allen Weisen des Trotzes gehört ein aggressives Schweigen. Man entzieht sich, wo die Gründe unwiderleglich werden. Man zieht sein Selbstbewußtsein aus dem Schweigen als der letzten Macht des Ohnmächtigen. Man zeigt das Schweigen, um den Mächtigen zu kränken. Man verbirgt das Schweigen, um auf Wiederherstellung zu sinnen, politisch durch Ergreifen von Machtmitteln, wenn diese auch lächerlich wären für solche, die nicht teilhaben an den Rie-senindustrien der Welt, welche die Werkzeuge der Zerstörung hervorbringen, – seelisch durch Selbstrechtfertigung, die keine Schuld anerkennt: das Schicksal hat gegen mich entschieden; es war eine sinnlose materielle Übermacht; die Niederlage war ehrenvoll; ich nähre im Innern meine Treue und mein Heldentum. Auf dem Wege solchen Verhaltens mehrt sich aber nur das innere Gift im illusionären Denken und vorwegnehmenden Sichberauschen: »noch nicht mit Faustschlägen und Fußtritten« … »für jenen Tag, da wir ‥«
c) Ausweichen in an sich richtige aber für die Schuldfrage unwesentliche Besonderheiten
Es ist ein Ausweichen vor der Schuldfrage, wenn man vom Wesentlichen abgleitet in an sich richtiges Einzelnes, als ob dieses das Ganze wäre, oder wenn man geflissentlich Fehler der anderen sucht und auch in der Tat findet. Die geduldige Mühe um das Vernünftige erlaubt in geeignetem Zusammenhang auch das Vorbringen von Tatsachen und Zusammenhängen an den Sieger. Jetzt, wo im Ganzen der Geschichte nicht mehr wir Deutsche handeln, sehen wir auf das, was getan und was nicht getan wird, als auf das, wovon auch unser Schicksal abhängt.
Aber so richtig diese Gedankengänge sind, sie dürfen nicht 97
dazu dienen, die Schuldfrage zu ersetzen oder auszulöschen.
Das begreiflichste Ausweichen geschieht durch den Blick auf eigene Not. Mancher denkt: Helft, aber redet nicht von Buße. Die ungeheure Not entschuldigt. Wir hören etwa:
»Ist der Bombenterror vergessen? Sollte er, unter dem Millionen Unschuldiger Leben, Gesundheit und die ganze liebe Habe hergeben mußten, nicht ein Ausgleich sein für das, was im deutschen Land verbrochen wurde? Sollte das Elend der Flüchtlinge, das zum Himmel schreit, nicht ent-waffnend wirken?«
»Ich bin Südtirolerin, kam als blutjunge Frau vor 30 Jahren nach Deutschland. Das deutsche Leid habe ich vom ersten bis zum letzten Tag geteilt, habe Schlag auf Schlag empfangen, Opfer über Opfer gebracht, habe den bitteren Kelch bis zur Neige gelehrt – und fühle mich nun mit angeklagt für etwas, was ich gar nicht begangen habe.«
»Das Elend, das über das ganze Volk gekommen ist, ist so riesengroß und nimmt so unvorstellbare Maße an, daß man nicht noch Salz in die Wunde streuen soll. Das Volk hat bereits in seinen bestimmt unschuldigen Teilen mehr gelitten als vielleicht eine gerechte Sühne erfordert.«
In der Tat ist das Unheil apokalyptisch. Alle klagen, und mit Recht: Die dem KZ entronnen sind oder der Verfolgung und die sich des grauenhaften Leidens erinnern. Die ihre Liebsten auf grausamste Weise verloren haben. Die Millionen Evakuierter und Flüchtlinge, die auf der Wanderschaft ohne Hoffnung leben. Die vielen Mitläufer der Partei, die nun ausgeschieden werden und in Not geraten.
Die Amerikaner und die anderen Alliierten, die Jahre ihres Lebens drangaben und Millionen Tote hatten. Die europäischen Völker, die unter der Terrorherrschaft der nationalsozialistischen Deutschen gepeinigt wurden. Die deutschen Emigranten, die in fremder Sprachumgebung unter schwie-rigsten Umständen leben müssen. Alle, alle.
Die Klagen werden überall zu Anklagen. Aber gegen wen?
Schließlich aller gegen alle.
In diesem furchtbaren Weltzustand, der zur Zeit die Not in Deutschland zur vergleichsweise größten macht, darf man den Zusammenhang des Ganzen nicht vergessen. Die Schuldfrage weist immer wieder darauf hin.
In der Aufzählung der Klagenden habe ich die mannig-98
fachen Gruppen nebeneinandergestellt in der Absicht, man möge sogleich das Ungemäße darin fühlen. Die Not ist als Not, als Daseinszerstörung wohl einer Art, aber sie ist wesensverschieden durch den Zusammenhang, in dem sie steht und durch die Stelle in ihm, der sie zugehört. Es ist ungerecht, alle auf gleiche Weise für unschuldig zu erklären.
Im Ganzen bleibt bestehen, daß wir Deutschen, so sehr wir jetzt in die größte Not unter den Völkern geraten sind, auch für den Gang der Dinge bis 1945 die größte Verantwortung tragen.
Daher gilt für uns, für den einzelnen: wir wollen nicht so leicht uns unschuldig fühlen, uns nicht bemitleiden als Opfer eines Verhängnisses, wollen nicht Belobigung erwarten für Leiden, sondern uns selbst fragen, uns unerbittlich durchleuchten: wo habe ich falsch gefühlt, falsch gedacht, falsch gehandelt – wollen die Schuld möglichst weitgehend bei uns suchen und nicht in den Dingen und nicht bei den andern, wollen nicht ausweichen in die Not. Das folgt aus dem Entschluß zur Umkehr, zum täglichen Besserwerden.
Dort stehen wir als einzelne vor Gott, nicht mehr als Deutsche, nicht als Kollektiv.
d) Ausweichen in ein Allgemeines
Es ist eine Erleichterung, wenn ich selber als einzelner unwichtig werde, weil das Ganze ein Geschehen ist, das über mich kommt, an dem ich aber keine Mitwirkung und daher persönlich keine Schuld habe. Dann lebe ich in der Anschauung des Ganzen, bin selber nur ohnmächtig erleidend oder ohnmächtig teilnehmend. Ich lebe nicht mehr aus mir selbst. Dafür einige Beispiele:
1. Die moralische Gesamtinterpretation der Geschichte läßt eine Gerechtigkeit im Ganzen erwarten: »alle Schuld rächt sich auf Erden«.
Ich weiß mich ausgeliefert einer Totalschuld, bei der mein eigenes Tun kaum noch eine Rolle spielt. Bin ich der Ver-lierende, so ist die metaphysische Ausweglosigkeit im Ganzen niederschlagend. Bin ich der Gewinnende, so habe ich zu meinem Erfolg auch noch das gute Gewissen des Besser-seins. Eine Tendenz, sich selber als einzelner nicht ernst zu nehmen, lähmt die sittlichen Antriebe. Der Stolz eines sich preisgebenden Schuldbekennens im einen Falle wird 99