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ebenso wie der Stolz des moralischen Sieges im anderen Falle zum Ausweichen vor der eigentlich menschlichen Aufgabe, die im je einzelnen liegt.

Gegen diese Totalauffassung steht aber die Erfahrung.

Der Gang der Dinge ist gar nicht eindeutig. Die Sonne scheint über Gerechten und Ungerechten. Die Verteilung des Glückes und die Sittlichkeit der Handlungen scheinen keinen gegenseitigen Zusammenhang zu haben.

Es wäre aber ein entgegengesetztes falsches Totalurteil, umgekehrt zu sagen: es gibt keine Gerechtigkeit.

Wohl überkommt in manchen Situationen angesichts der Zustände und Handlungen eines Staates das untilgbare Gefühclass="underline" »das kann nicht gut enden«, »das muß sich rächen«. Aber sobald dies Gefühl über die begreifbaren Reaktionen der Menschen auf das Böse hinaus auf Gerechtigkeit vertraut, entsteht der Irrtum. Es ist keine Gewissheit. Das Gute und Wahre kommt nicht von selber. In den meisten Fällen bleibt die Wiedergutmachung aus. Verderben und Rache trifft Schuldige wie Unschuldige. Der reinste Wille, die rückhaltlose Wahrhaftigkeit, der größte Mut können, wenn die Situation es ver-wehrt, erfolglos bleiben. Und manchen Passiven fällt durch die Tat anderer die günstige Situation ohne Verdienst zu.

Das Bessermachen, die Sühne, die Schuld liegt zuletzt allein in der Persönlichkeit der einzelnen. Der Gedanke der Totalschuld und des Eingesponnenseins in einen Schuld-Sühne-Zusammenhang als Ganzem wird – trotz metaphysischer Wahrheit, die in ihm liegen mag – zur Verführung des Ausweichens für den einzelnen vor dem, was allein und ganz seine eigene Sache ist.

2. Die Totalanschauung, daß schließlich alles in der Welt ans Ende kommt, daß nichts unternommen wird, das nicht am Ende scheitert, daß in allem der Keim des Verderbens liegt, läßt den Mißerfolg mit jedem anderen Mißerfolg auf die eine gemeinsame Ebene des Scheiterns gleiten. So wird er seines Gewichts beraubt in einer Abstraktion.

3. Man gibt dem eigenen Unheil, das man als Folge der Schuld aller deutet, ein metaphysisches Gewicht durch die Auslegung zu einer neuen Einzigkeit: In der Katastrophe des Zeitalters ist Deutschland das stellvertretende Opfer.

Es leidet für alle. An ihm kommt die Schuld aller zum Ausbruch, und die Sühne für alle.

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Das ist durch Anwendung von Gedanken des Deutero-jesaias und des Christentums eine falsche Pathetik, die wiederum abzieht von der nüchternen Aufgabe, zu tun, was wirklich in der eigenen Kraft liegt, d. h. von der Aufgabe des Bessermachens im Faßlichen und von der inneren Verwandlung. Es ist das Entgleiten ins »Ästhetische«, das durch seine Unverbindlichkeit abzieht von der Verwirklichung aus dem Kern des Selbstseins des einzelnen. Es ist ein Mittel, sich auf neuem Wege ein falsches kollektives Selbstwert-gefühl zu verschaffen.

4. Eine Befreiung von der Schuld scheint es zu sein, wenn wir angesichts der ungeheuren Leiden, die über uns Deutsche gekommen sind, ausrufen: es ist abgebüßt.

Hier ist zu unterscheiden: Eine Strafe wird abgebüßt, eine politische Haftung wird durch Friedensvertrag begrenzt und damit zu einem Ende gebracht. In bezug auf diese beiden Punkte ist der Gedanke sinnvoll und richtig.

Aber moralische und metaphysische Schuld, die allein vom einzelnen in seiner Gemeinschaft als die seine begriffen wird, werden ihrem Wesen nach nicht abgebüßt. Sie hören nicht auf. Wer sie trägt, tritt in einen sein Leben währenden Prozeß ein.

Für uns Deutsche gilt hier die Alternative: Entweder wird das Übernehmen der Schuld, die die andere Welt nicht meint, die aber aus unserem Gewissen ständig wieder ausgesprochen wird, zu einem Grundzug unseres deutschen Selbstbewußtseins – und dann geht unsere Seele den Weg der Verwandlung; oder wir sinken ab in die Durchschnitt-lichkeit des gleichgültigen bloßen Lebens. Dann erwacht in unserer Mitte kein eigentliches Gottsuchen mehr; dann offenbart sich uns nicht mehr, was eigentlich Sein ist; dann hören wir nicht mehr den transzendenten Sinn unserer hohen Dichtung und Kunst und Musik und Philosophie; dann wird dies alles als Vergangenheit vielleicht zur Erinnerung anderer Völker, denen noch sprechend bliebe, was einst Deutsche hervorbrachten und was Deutsche waren, aber nicht mehr sind.

Ohne den Weg der Reinigung aus der Tiefe des Schuldbewußtseins ist keine Wahrheit für den Deutschen zu verwirklichen.

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§ 2. Der Weg der Reinigung Reinigung bedeutet im Handeln zunächst Wiedergutmachung.

Politisch heißt das, aus innerem Jasagen die Leistungen zu erfüllen, die in Rechtsform gebracht unter eigenen Ent-behrungen den von Hitlerdeutschland angegriffenen Völkern einen Teil des Zerstörten wiederherstellen.

Voraussetzung solchen Leistens ist außer der Rechtsform, die eine gerechte Verteilung der Last bringt, Leben, Arbeitsfähigkeit und Arbeitsmöglichkeit. Es ist unausweichlich, daß der politische Wiedergutmachungswille erlahmt, wenn politische Handlungen der Sieger diese Voraussetzungen zerstören. Denn dann wäre nicht Frieden mit dem Sinn der Wiedergutmachung, sondern fortgesetzter Krieg im Sinne einer weiteren Vernichtung.

Wiedergutmachung ist jedoch noch mehr. Wer von der Schuld, an der er Teil hat, innerlich ergriffen ist, will helfen jedem, dem Unrecht geschah durch die Willkür des recht-losen Regimes.

Es sind zwei verschiedene nicht zu verwechselnde Motivationen: Die Forderung zu helfen, wo Not ist, gleichgültig wodurch, einfach darum weil sie nahe ist und Hilfe verlangt – und zweitens die Forderung, den durch das Hitlerregime Deportierten, Beraubten, Geplünderten, Gequälten, den Emigrierten ein besonderes Recht zuzugestehen.

Beides ist voll berechtigt, aber in der Motivation liegt eine Verschiedenheit. Wo Schuld nicht gefühlt wird, geschieht sogleich eine Nivellierung aller Not auf gleiche Ebene. Eine Differenzierung der von Not Betroffenen ist notwendig, wo ich gut machen will, was ich mit verschuldet habe.

Dieser Weg der Reinigung durch Wiedergutmachen ist unausweichlich. Aber Reinigung ist viel mehr. Auch die Wiedergutmachung wird ernstlich nur gewollt, und sie erfüllt ihren ethischen Sinn nur als Folge unserer reinigenden Umschmelzung.

Klärung der Schuld ist zugleich Klärung unseres neuen Lebens und seiner Möglichkeiten. Aus ihr entspringt der Ernst und der Entschluß.

Wo das geschieht, da ist das Leben nicht mehr einfach da zu unbefangenem heiteren Genuß. Das Glück des Da-102

seins, wo es gewährt wird, in Zwischenaugenblicken, in Atempausen, mögen wir ergreifen, aber es erfüllt nicht das Dasein, sondern wird auf dem Hintergrunde der Schwer-mut hingenommen als liebenswürdiger Zauber. Das Leben ist wesentlich nur noch erlaubt im Verzehrtwerden durch eine Aufgabe.

Folge ist die Bescheidung. Im inneren Handeln vor der Transzendenz wird unsere menschliche Endlichkeit und Un-vollendbarkeit bewußt. Demut (humilitas) wird unser Wesen.

Dann können wir ohne Machtwillen im liebenden Kampfe die Erörterung des Wahren vollziehen und uns in ihm miteinander verbinden.

Dann können wir unaggressiv schweigen, – aus der Schlichtheit des Schweigens wird die Klarheit des Mitteil-baren hervorgehen.

Dann kommt es nur noch auf Wahrheit an und Tätigkeit.

Ohne List sind wir bereit, zu ertragen, was uns beschieden ist. Was auch geschieht, es bleibt, solange wir leben, die menschliche Aufgabe, die in der Welt unvollendbar ist.

Reinigung ist der Weg des Menschen als Menschen. Die Reinigung über die Entfaltung des Schuldgedankens ist darin nur ein Moment. Reinigung geschieht nicht zuerst durch äußere Handlungen, nicht durch ein äußerliches Ab-machen, nicht durch Magie. Reinigung ist vielmehr ein innerlicher Vorgang, der nie erledigt, sondern anhaltendes Selbstwerden ist. Reinigung ist Sache unserer Freiheit. Immer wieder steht ein jeder vor der Wegscheide in das Rein-werden oder in das Trübe.