Wenn wir laut zueinander sprechen, so setzen wir nur fort, was und wie jeder einzelne innerlich mit sich selber spricht. In solchem Sprechen ist keiner des andern Richter, jeder ist zugleich Angeklagter und Richter. All unser Erörtern steht unter dem Schatten solcher Anklagen, des Moralisierens, das seit alters sich in so viele Unterhaltungen mischt, und, wogegen auch immer es sich richtet, ständig wie ein Gift in unsere Wunden träufelt. Dieser Schatten ist nicht fortzuschaffen, aber ständig zu lichten. Wir können wohl den rechten Antrieb haben: wir wollen nicht anklagen, außer bei bestimmten Verbrechen, die objektiv feststellbar und zu ahnden sind. All die Jahre haben wir das Verächt-lichmachen anderer Menschen mit angehört. Das wollen wir nicht fortsetzen.
Aber es gelingt immer nur zum Teil. – Wir alle neigen da-zu, uns zu rechtfertigen, und als gegnerisch gefühlte Kräfte 16
anzugreifen durch Werturteile oder moralische Anklagen.
Wir müssen uns heute schärfer als je prüfen. Machen wir uns folgendes klar: Im Gang der Dinge scheint stets der Überlebende recht zu haben. Der Erfolg scheint recht zu geben. Wer oben schwimmt, meint bei der Wahrheit der guten Sache zu sein. Darin liegt die tiefe Ungerechtigkeit der Blindheit für die Scheiternden, für die Ohnmächtigen, für die, welche durch die Ereignisse zertreten werden.
So ist es jederzeit. So war der preußisch-deutsche Lärm nach 1866 und 1870, der den Schrecken Nietzsches erregte. So war der noch wildere Lärm des Nationalsozialismus seit 1933.
So müssen wir uns jetzt selber fragen, ob wir nicht wieder einem anderen Lärm verfallen, selbstgerecht werden, aus unserem bloßen Überleben und Gelittenhaben eine Legitimität ableiten.
Seien wir uns klar: Daß wir leben und überleben, ver-danken wir nicht uns selbst; daß wir neue Zustände mit neuen Chancen in der furchtbaren Zerstörung haben, haben wir nicht durch eigene Kraft erreicht. Geben wir uns keine Legitimität, die uns nicht zukommt.
Wie heute jede deutsche Regierung eine von den Alliierten eingesetzte autoritäre Regierung ist, so verdankt jeder Deutsche, jeder von uns, heute seinen Wirkungsraum dem Willen oder der Erlaubnis der Alliierten. Das ist eine grau-same Tatsache. Unsere Wahrhaftigkeit zwingt uns, sie keinen Tag zu vergessen. Sie bewahrt uns vor Übermut, lehrt uns Bescheidung.
Auch heute gibt es wie jederzeit unter den Überlebenden, oben Schwimmenden die empörten, leidenschaftlichen Menschen, die alle recht zu haben glauben und als ihr Verdienst in Anspruch nehmen, was durch andere geschehen ist. Wem es gut geht, wer Hörer findet, glaubt schon damit recht zu haben.
Niemand kann sich dieser Situation ganz entziehen. Wir müssen uns wirklich bemühen, in Selbsterziehung zurück-zufinden, wenn wir einen Augenblick immer wieder auf diesen Weg geraten. Wir sind selber empört. Möge die Empörung sich reinigen, möge sie uns bleiben als Empörung gegen die Empörung, als Moral gegen das Moralisieren. Wir kämpfen um die Reinheit der Seele, wenn wir uns gegen dieses Unüberwindbare bemühen.
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Das gilt für die Arbeit, die wir nun in dieser Vorlesung miteinander leisten wollen. Was wir als einzelne gedacht, in Gesprächen hier und da erfahren haben, läßt sich zum Teil objektivieren in einem gedanklichen Zusammenhang.
Sie wollen teilnehmen an solchem zusammenhängenden Denken, an Fragen und versuchten Antworten, in denen Sie wiedererkennen, was in Ihnen selbst bereit liegt oder schon klar ist. Wir wollen miteinander überlegen, während ich faktisch einseitig vortrage. Aber der Sinn ist nicht dog-matische Mitteilung, sondern Untersuchung und Darbie-tung zur Prüfung von Ihrer Seite.
Dazu gehört nicht nur Arbeit des Verstandes, sondern durch ihn veranlaßt eine Arbeit des Herzens. Diese Arbeit inneren Handelns trägt die Verstandesarbeit und wird von ihr wiederum erregt. Sie werden mitschwingen oder gegen mich fühlen, und ich selber werde nicht ohne Erregung im Grunde meines Denkens mich bewegen. Wenn wir auch bei dem einseitigen Vortrag nicht faktisch miteinander sprechen, so kann ich nicht vermeiden, daß mancher sich fast persönlich getroffen fühlt. Von vornherein bitte ich: Ver-zeihen Sie mir, wenn ich beleidige. Ich will es nicht. Aber ich bin entschlossen, die radikalsten Gedanken in möglichster Besonnenheit zu wagen.
Wenn wir miteinander reden lernen, so gewinnen wir mehr als unsere eigene Verbindung. Wir schaffen so die un-erläßliche Grundlage, mit den andern Völkern reden zu können.
Nehme ich vorweg, was uns erst am Ende dieser Vorlesungen Thema werden solclass="underline" Für uns ist der Weg der Gewalt hoffnungslos, der Weg der List würdelos und uner-giebig. In voller Offenheit und Ehrlichkeit liegt nicht nur unsere Würde – die auch in der Ohnmacht möglich ist –, sondern auch unsere eigene Chance. Es fragt sich für jeden Deutschen, ob er diesen Weg gehen will auf die Gefahr hin aller Enttäuschungen, auf die Gefahr hin weiterer Verluste und des bequemen Mißbrauchtwerdens von den Mächtigen.
Die Antwort: dieser Weg ist der einzige, der unsere Seele vor dem Pariadasein bewahrt. Was auf ihm sich ergibt, müssen wir sehen. Es ist ein geistig politisches Wagnis am Abgrund. Wenn Erfolg möglich ist, dann nur auf lange Fristen. Man wird uns noch lange mißtrauen.
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Zuletzt charakterisiere ich noch Weisen des Nichtredens, zu denen wir neigen und die unsere große Gefahr sind (ich kann meinerseits das Anklagen nicht umgehen, wenigstens nicht den geistigen Angriff auf die Gesinnung des Angreifens).
Eine Haltung, die stolz schweigt, ist für eine kurze Weile wohl eine berechtigte Maske, hinter der man Atem holt und sich besinnt. Aber sie wird zur Selbsttäuschung und dem andern gegenüber zur List, wenn sie gestattet, sich trotzig in sich zu verbergen, das Klarwerden zu verhindern, sich der Ergriffenheit durch die Wirklichkeit zu entziehen. Wir müssen uns hüten, auszuweichen. Aus solcher Haltung erwächst eine Stimmung, die im heimlichen, ungefährlichen Schimpfen sich entladet, die in herzloser Kälte und wütiger Empörtheit, in der Verkniffenheit des Ausdrucks zur un-fruchtbaren Selbstverzehrung führt. Der Stolz, der sich fälschlich für männlich hält und in der Tat ausweicht, nimmt das Schweigen noch als Kampfhandlung, als letzte in der Ohnmacht bleibende Kampfhandlung.
Das Miteinanderreden ist aufgehoben auch durch das Sprechen, das verborgen nicht mehr spricht, das beleidigen, aber gar nicht eine Antwort hören will, vielmehr auf den Augenblick aus ist, wo man ohrfeigt und verborgen schon vorwegnimmt, was in Wirklichkeit Faust und Tot-schlag, Maschinengewehr und Bomber ist. Die Wut unterscheidet nur Freund und Feind für den Kampf auf Leben und Tod, redet mit beiden nicht aufgeschlossen, sieht den Menschen nicht als Menschen, mit dem man sich verständigen will, indem man bereit ist zu Selbstkorrekturen. Wir können gar nicht gewissenhaft genug in unserem Umgang diese Weise des Kämpfens und Abbrechens bei uns durchleuchten.
§ 2. Die grossen Verschiedenheiten zwischen uns Das Miteinanderreden ist in Deutschland heute erschwert, aber darum erst recht die größte Aufgabe, weil wir unter uns in dem, was wir erlebt, gefühlt, gewünscht, geschätzt, getan haben, außerordentlich verschieden sind. Unter der Decke einer erzwungenen, äußerlichen Gemeinschaft ver-barg sich, was voll Möglichkeiten ist und sich jetzt entfalten kann.
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Wir können sinnvoll miteinander reden nur, wenn wir die außerordentlichen Verschiedenheiten als Ausgangs-punkte, nicht als Endgültigkeiten anerkennen. Wir müssen die Schwierigkeiten in den von den eigenen ganz abwei-chenden Situationen und Haltungen sehen und mitfühlen lernen. Wir müssen die verschiedene Herkunft der gegenwärtigen Haltung durch Erziehung, besondere Erfahrungen und Erlebnisse sehen.