»Was könnte das bedeuten?« sagte er leise mit angsterfüllter Stimme.
»Das bedeutet, daß die Kraft des Zauberers den Kristall verlassen hatte und auf jemand anderes übergegangen war. Einen Wirt. Quillion ist nur das Gefäß für die Gabe, bis sie in jemand anderes hineingegeben werden kann. Jedidiah, ich glaube, die Schwestern bringen die Leute um, die die Gabe besitzen, und stehlen sie für sich selbst. Ich glaube, sie saugen die Kraft in sich hinein.«
Seine Stimme zitterte. »Zusätzlich zu dem, was sie ohnehin schon sind? Jetzt verfügen sie auch noch über die Kraft der Gabe eines Zauberers?«
Sie nickte. »Ja. Das macht sie mächtiger, als wir uns vorstellen können. Das macht mir am meisten angst — nicht, daß man mich wegen der Anschuldigung hinrichten könnte, sondern daß diese Schwestern mir auf die Schliche kommen könnten. Wenn sie tatsächlich die Kraft in sich aufnehmen, dann weiß ich nicht, wie wir sie aufhalten können. Keiner von uns wäre ihnen gewachsen. Ich brauche Beweise, damit die Prälatin mir glaubt. Vielleicht weiß sie, was zu tun ist. Ich weiß es jedenfalls nicht.«
»Was ich nicht begreife, ist, wie die Schwestern die Kraft aus dem Quillion aufnehmen können. Die Gabe des Zauberers, sein Han, ist männlich. Die Schwestern sind weiblich. Ein Weib kann unmöglich das männliche Han aufnehmen. So einfach ist das nicht — sonst hätten sie das Han in sich hineinströmen lassen können, als sie die Zauberer umgebracht haben. Wenn sie tatsächlich das Han der Männer in sich aufnehmen, weiß ich wirklich nicht, wie sie das anstellen.«
»Und was tun sie hier draußen?«
Sie versuchte, sich durch das Verschränken der Arme gegen ein innerliches Frösteln zu wappnen, obwohl die Luft warm war. »Erinnerst du dich noch, vor ein paar Tagen, als Sam Weber und Neville Ranson alle ihre Prüfungen abgeschlossen hatten und sie ihren Halsring abgenommen bekommen und den Palast verlassen sollten?«
Er nickte im Dunkeln. »Ja. Ich war richtig enttäuscht, weil Sam versprochen hatte, sich von mir zu verabschieden und mir zu zeigen, daß man ihm den Rada’Han abgenommen hatte. Ich wollte ihm alles Gute wünschen, wo er doch jetzt ein richtiger Zauberer war. Er ist nie aufgetaucht. Man erzählte mir, er sei in der Nacht aufgebrochen, weil er keinen tränenreichen Abschied wollte. Aber Sam war mein Freund, er war ein sanftmütiger Mensch, ein Heiler, und es sah ihm überhaupt nicht ähnlich, auf diese Weise zu verschwinden, ohne sich von mir zu verabschieden. Das ist einfach nicht seine Art. Ich wollte ihm wirklich alles Gute wünschen.«
»Sie haben ihn umgebracht.«
»Was?« Er sackte ein wenig in sich zusammen. »Beim Schöpfer, nein!« Seine Stimme erstickte unter Tränen. »Bist du sicher? Woher weißt du das?«
Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter und versuchte ihn zu trösten. »Am Tag, nachdem er angeblich auf so seltsame Weise aufgebrochen sein soll, hatte ich den Verdacht, daß etwas Schreckliches geschehen sei. Ich ging nachsehen, ob der Quillion wieder glühte, doch ihre Tür war abgeschirmt.«
»Das beweist nichts. Schwestern schirmen ihre Zimmer des öfteren ab. Du tust es selbst, wenn du nicht gestört werden willst — zum Beispiel, wenn wir zusammen sind.«
»Ich weiß. Aber ich wollte den Quillion sehen, also wartete ich hinter einer Ecke, bis die Schwester zurückkam. Ich trat aus meinem Versteck hervor und paßte es so ab, daß sie es im selben Augenblick betreten mußte, als ich vorüberging. Während ich vorbeiging, kurz bevor sie die Tür hinter sich schloß, warf ich einen Blick in ihr dunkles Arbeitszimmer. Ich habe die Figur im Regal hinter dem Buch gesehen. Sie glühte orange. Tut mir leid, Jedidiah.«
Er senkte wütend die Stimme. »Wer war es? Welche der Schwestern?«
»Das werde ich dir nicht sagen, Jedidiah. Nicht, bevor ich der Prälatin Beweise bringen kann. Es ist zu gefährlich.«
Er dachte einen Augenblick nach. »Wenn dieser Kristall tatsächlich ein Quillion ist und beweisen würde, was diese Schwester ist, warum hat sie ihn dann nicht besser versteckt?«
»Vielleicht hält sie es für ausgeschlossen, jemand könnte wissen, um was es sich handelt. Vielleicht, weil sie keine Angst hat und sich nicht die Zeit nimmt, vorsichtiger zu sein als nötig.«
»Dann laß uns zurückgehen, den Schirm durchbrechen, das verfluchte Ding holen und zur Prälatin bringen. Ich kann den Schirm durchbrechen, ich weiß, daß ich es kann.«
»Das hatte ich auch vor. Ich bin heute abend noch einmal hingegangen, aber das Zimmer war nicht mehr abgeschirmt. Ich habe mich hineingeschlichen, um die Figur zu holen, aber sie war verschwunden. Da habe ich gesehen, wie sie den Palast verließ — sie und auch noch andere. Ich bin ihnen bis hier draußen gefolgt. Wenn ich den Quillion stehlen kann, solange er noch glüht, kann ich beweisen, daß sie Schwestern der Finsternis sind. Ich muß sie aufhalten, bevor sie noch jemandem das Leben aussaugen können. Jedidiah, sie bringen Menschen um, aber ich fürchte, noch schlimmer sind die Gründe, weshalb sie es tun.«
Er stieß einen leisen Seufzer aus. »Also schön. Aber ich komme mit.«
Sie biß die Zähne zusammen. »Nein. Du gehst zurück.«
»Margaret, ich liebe dich, und wenn du mich zurückschickst, werde ich dir das nie vergeben. Ich werde selbst zur Prälatin gehen und die Anschuldigung vorbringen, um Hilfe für dich zu bekommen. Vielleicht werde ich für die Anschuldigung hingerichtet, aber bestimmt wird es einen Verdacht erregen und vielleicht einen Alarm auslösen. Das ist die einzige Möglichkeit, wie ich dich sonst schützen kann. Entweder ich begleite dich, oder ich gehe zur Prälatin, das verspreche ich dir.«
Sie wußte, er meinte es ernst. Jedidiah hielt, was er versprach. Mächtige Zauberer taten das immer. Sie ging auf die Knie, beugte sich hinüber und schlang ihm die Arme um den Hals. »Ich liebe dich auch, Jedidiah.«
Sie gab ihm einen innigen Kuß, als er sich hinkniete und ihr entgegenkam. Seine Hände glitten hinten unter ihr Kleid. Er faßte ihren Hintern und zog sie an sich. Das Gefühl seiner Hände auf der Haut entlockte ihr ein leises Stöhnen. Er küßte sie mit heißen Lippen auf den Hals und dann aufs Ohr und jagte ihr ein magisches Kribbeln durch den Körper. Mit dem Knie zwang er ihre Beine auseinander und machte den Weg frei für seine Hände. Sie stöhnte auf, als er sie berührte.
»Geh jetzt mit mir fort«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Laß uns zurückgehen. Du kannst dein Zimmer abschirmen, dann gebe ich dir mehr hiervon, bis du schreist. Du kannst schreien, soviel zu willst, und niemand wird dich hören.«
Sie stieß sich von ihm ab und zog seine Hände unter ihrem Kleid hervor. Er war drauf und dran, ihren Widerstand zu brechen. Sie mußte sich zwingen, ihn zurückzuweisen. Er benutzte seine Magie, um sie von der Gefahr fortzulocken, versuchte sie auf diese Weise zu retten. Sie wußte: wenn sie es noch eine einzige Sekunde länger geschehen ließ, würde er Erfolg haben.
»Jedidiah«, stöhnte sie leise und mit rauher Stimme, »zwing mich nicht, dich mit dem Halsring zurückzuhalten. Dies ist zu wichtig. Menschenleben stehen auf dem Spiel.« Er versuchte noch einmal, nach ihr zu greifen, doch sie schickte einen Kraftstrang durch ihre Hände bis zu seinen Handgelenken.
»Ich weiß, Margaret. Deines ist eins davon. Ich will nicht, daß dir irgend etwas zustößt. Ich liebe dich mehr als alles auf der Welt.«
»Jedidiah, das hier ist wichtiger als mein Leben. Hier geht es um das Leben aller. Ich glaube, es geht um den Namenlosen.«
Er erstarrte. »Das kannst du unmöglich ernst meinen.«
»Warum, glaubst du, wollen die Schwestern diese Kraft? Was wollen sie damit tun? Warum sollten sie bereit sein, dafür zu töten? Zu welchem Zweck? Wem, glaubst du, dienen die Schwestern der Finsternis?«
»Beim Schöpfer«, flüsterte er gedehnt, »gib, daß sie unrecht hat.« Er packte sie bei den Schultern. »Margaret, wer weiß sonst noch von diesen Dingen? Wem hast du davon erzählt?«
»Bloß dir, Jedidiah. Von vieren, vielleicht fünfen weiß ich, daß sie Schwestern der Finsternis sind. Aber es gibt noch andere, doch wer, weiß ich nicht. Ich habe keine Ahnung, wem ich trauen kann. Es waren elf, denen ich heute abend hier nach draußen gefolgt bin, aber es können leicht mehr sein.«