Sie sehnte sich dorthin zurück, nach Hause. Aber dies hier ließ sich nicht vermeiden. Es gab sonst niemanden, der es tun könnte. Das Leben aller hing von ihr ab. Der Schöpfer verließ sich auf sie. Trotzdem sehnte sie sich nach ihrem Zuhause, nach Sicherheit.
Doch ihr Zuhause war längst nicht mehr sicher. Wenn es tatsächlich Schwestern der Finsternis gab, war es dort ebenso gefährlich wie hier im Hagenwald. Trotz ihres Wissens fiel es ihr schwer, die Vorstellung zu akzeptieren. Die Prälatin mußte ihr glauben, sie mußte einfach. Es gab sonst niemanden, den sie um Hilfe bitten konnte. Wenn es doch wenigstens eine Schwester gäbe, der sie trauen könnte. Doch das wagte sie nicht. Nathan hatte sie genau davor gewarnt.
Sie wünschte sich zwar, daß Jedidiah zu Hause und in Sicherheit wäre, andererseits war sie aber auch froh, daß er bei ihr war. Er würde ihr zwar nicht helfen können, trotzdem tat es gut, jemanden zu haben, dem sie sich anvertrauen konnte. Ihren Mann. Sie mußte bei dem Gedanken lächeln. Sie würde sich nie verzeihen, wenn ihm etwas zustoßen sollte. Sie würde ihn mit ihrem Leben beschützen, wenn es sein mußte.
Der Boden neigte sich. Durch die Baumlücken hindurch konnte sie erkennen, daß sie in eine tiefe Senke im Erdboden hinabstiegen. Der Rand war steil, und sie mußten sich langsam bewegen, damit keine Steine durch den Wald hinabkullerten. Einer von ihnen geriet ins Rutschen, als sie mit dem Fuß daranstieß, und sie hielt ihn rasch mit einer Handvoll Luft fest und drückte ihn wieder fest ins Erdreich zurück. Erleichtert seufzte sie.
Jedidiah folgte ihr, ein stummer, beruhigender Schatten. Ihre Anspannung löste sich ein wenig, als sie nach dem lockeren Felsenboden wieder dichteren Wald betraten, wo der Boden moosbewachsen war und ihre Schritte dämpfte.
Gesang wehte ihnen leise aus dem dichten Wald entgegen, getragen von der schweren, übelriechenden Luft. Der tiefe, rhythmische, kehlige Klang von Worten, die sie nicht verstand, verschnürte ihr die Brust. Auch ohne sie zu verstehen, empfand sie bei den Worten Ekel, so als erfüllten sie die Luft mit Gestank.
Jedidiah packte sie am Arm und riß sie zurück, damit sie stehenblieb. Er brachte seinen Mund dicht an ihr Ohr. »Margaret, bitte«, flüsterte er, »gehen wir zurück, bevor es zu spät ist. Ich habe Angst.«
»Jedidiah!« fauchte sie und packte ihn am Kragen. »Das ist wichtig! Ich bin eine Schwester des Lichts. Du bist ein Zauberer. Wozu, glaubst du, habe ich dich ausgebildet? Damit du in irgendeinem Marktflecken auf der Straße stehst und Kunststückchen vorführst? Damit dir die Menschen Münzen zuwerfen? Wir dienen dem Schöpfer. Er hat uns alles gegeben, was wir haben, damit wir es benutzen, um anderen zu helfen. Andere Menschen sind in Gefahr. Du bist ein Zauberer! Dann benimm dich auch wie einer!«
Im schwachen Licht konnte sie seine aufgerissenen Augen erkennen. Er sank ein wenig in sich zusammen, als die Anspannung aus seinen Muskeln wich. »Tut mir leid. Du hast recht. Verzeih mir. Ich werde tun, was ich tun muß, das verspreche ich dir.«
Ihr Zorn kühlte ab. »Ich habe auch Angst. Berühre dein Han, nimm es in die Hand, aber nicht zu fest. Halte es so, daß du es jederzeit freisetzen kannst, wie ich es dir beigebracht habe. Zögere nicht, wenn irgend etwas geschieht. Hab keine Angst, wie sehr du ihnen weh tun könntest. Wenn du deine Kraft wirklich benötigst, mußt du sie ganz einsetzen, sonst wird sie nicht genügen. Wenn du den Kopf bewahrst, bist du stark genug, dich zu verteidigen. Du kannst es schaffen, Jedidiah. Hab Vertrauen in das, was ich dir beigebracht habe, was alle Schwestern dir beigebracht haben. Vertraue auf den Schöpfer und auf das, was er dir geschenkt hat. Du hast es aus einem bestimmten Grund bekommen, wie wir alle. Vielleicht ist dies der Grund. Vielleicht findet deine Berufung heute abend ihre Erfüllung.«
Er nickte, und sie widmete sich wieder den leuchtenden Fußspuren und folgte ihnen in den dichten Wald. Sie wanderten zwischen den Bäumen hindurch zum Mittelpunkt der Senke, von wo ihnen der Sprechgesang entgegenhallte. Je lauter die Stimmen wurden, desto stärker wurde auch die Gänsehaut auf ihrem Rücken. Es waren die Stimmen von Schwestern. Einige von ihnen glaubte sie zu erkennen.
Geliebter Schöpfer, betete sie, gib mir die Kraft, zu tun, was ich tun muß, um Dir zu helfen. Gib auch Jedidiah Kraft. Hilf uns, Dir zu dienen, damit wir anderen helfen können.
Winzige, flackernde Lichter drangen durch das Blattwerk. Sie schlichen näher. Die Bäume ringsum waren riesig. Die beiden schoben sich von einem Stamm zum nächsten war, folgten jetzt nicht mehr den Spuren. Inzwischen war durch die Lücken im Unterholz schon etwas zu erkennen. Langsam schlichen sie auf Zehenspitzen über den offenen Waldboden unter hohen, ausladenden Fichten. Die Nadeln waren weich und dämpften ihre Schritte. Schulter an Schulter duckten sie sich hinter einem niedrigen, dichten Gebüsch am Rand der Bäume. Näher konnten sie nicht heran. Dahinter lag eine flache, runde Lichtung.
Wenigstens hundert Kerzen waren ringförmig auf dem Boden aufgestellt worden — wie ein Zaun oder eine Begrenzung –, so als sollte der dunkle Wald zurückgehalten werden. Im Kerzenring war ein Kreis auf den Boden gezeichnet. Er sah aus, als wäre er aus Sand gemacht, in dem winzige Spitzen gebrochenen Lichts aufblitzten. Er glich den Beschreibungen des Zauberersandes, von dem sie gehört, den sie aber noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Im Schein der Kerzen und des Mondes oben war er deutlich zu erkennen.
Mit demselben weißen Sand hatte man Symbole gezeichnet. Sie befanden sich innerhalb des Kreises und berührten mit den Spitzen in unregelmäßigen Abständen dessen äußere Umrandung. Margaret hatte solche Symbole noch nie gesehen, doch ein paar der Elemente kannte sie aus einem alten Buch. Sie dienten der Kontaktaufnahme mit der Unterwelt.
Ungefähr auf halbem Weg zwischen der äußeren weißen Linie und dem Ring aus Kerzen saßen elf Schwestern im Kreis. Margaret strengte sich an und versuchte im schwachen, flackernden Licht mehr zu erkennen. Über den Kopf hatten alle eine Kapuze mit Löchern für die Augen gezogen. Sie intonierten einstimmig ihren Gesang. Die Schatten der Schwestern trafen sich an einem Punkt in der Mitte.
Im Mittelpunkt lag eine Frau, nackt bis auf eine ähnliche Kapuze, wie sie die anderen trugen. Sie lag auf dem Rücken, die Hände über der Brust verschränkt, die Beine zusammengepreßt.
Zwölf. Mit der Frau im Mittelpunkt waren es zwölf. Sie suchte noch einmal den Kreis der Schwestern ab. Trotz der Kerzen war es noch immer dunkel, außerdem standen die Kerzen im Rücken der Schwestern.
Ihr Blick blieb auf einer Gestalt am gegenüberliegenden Rand des Kreises haften. Ihr stockte der Atem. Die Gestalt war größer als die übrigen. Sie war geduckt, hielt den Kopf gesenkt und trug keine Kapuze. Sie hockte an einer Stelle, wo die Linien der Symbole zusammenliefen.
Eine Schwester war es nicht. Mit Schrecken entdeckte sie das schwache, orangene Glühen. In ihrem Schoß ruhte die Figur mit dem Quillion.
Sie und Jedidiah duckten sich erschrocken und beobachteten den Kreis der singenden Schwestern. Nach einer Weile erhob sich eine von ihnen neben der geduckten Gestalt. Der Sprechgesang brach ab. Sie sprach kurze, knappe Worte in einer Sprache, die Margaret nicht kannte. An bestimmten Stellen der Ansprache reckte sie die Hand in die Höhe und schleuderte funkelnden Staub über die nackte Frau in der Mitte. Der Staub entzündete sich und tauchte die Schwestern mit ihren Kapuzen in ein jähes, grelles Licht. Das Aufblitzen wurde mit eigenartig rhythmischen Worten beantwortet. Margaret und Jedidiah tauschten Blicke aus, und ihre verwirrten Gefühle spiegelten sich in seinen Augen.
Die stehende Schwester warf beide Hände in die Höhe und rief eine Reihe eigenartiger Worte. Dann ging sie zu der nackten Frau, stellte sich neben ihren Kopf und warf die Arme wieder in die Höhe. Der funkelnde Staub fing erneut Feuer. Diesmal glühte auch der orangefarbene Quillion hell auf.
Die gedrungene Gestalt hob langsam den Kopf. Margaret schnappte stumm nach Luft, als sie das Gesicht des Ungeheuers sah. Sein reißerbesetztes Maul öffnete sich zu einem leisen Knurren. Die Schwester zog ein fein geschmiedetes Silberzepter aus ihrem Gewand, schüttelte es ein paarmal mit scharfem Ruck, während sie wieder zu singen begann, und besprenkelte die ausgestreckt daliegende Frau mit Wasser.