Mit einem letzten, tiefen Seufzer kam die Frau auf die Beine. Dunkles Blut lief ihr die Beine hinab. Mit einer ruhigen Gewißheit, die es Margaret eiskalt den Rücken hinunterlaufen ließ und ihr den Atem raubte, drehte die Frau sich zu ihr um und nahm ihre Kapuze ab. Das bedrohliche orangene Glühen in ihren Augen schwand, und sie nahmen wieder das helle Blau mit den violetten Flecken an, die Margaret so gut kannte.
»Schwester Margaret.« Ihr Tonfall war ebenso spöttisch wie das Lächeln auf ihren dünnen Lippen. »Hat es dir gefallen zuzusehen? Das dachte ich mir schon.«
Margaret riß die Augen auf und kam langsam auf die Beine. Auf der anderen Seite des Kreises erhob sich die Schwester, die den Knebel gehalten hatte, und zog die Kapuze zurück. »Margaret, Liebes, wie schön, daß du soviel Interesse an unserer kleinen Gruppe zeigst. Ich hätte dich nicht für so dumm gehalten. Meinst du, ich hätte dich den Quillion in meinem Büro zufällig sehen lassen? Glaubst du, ich hätte nicht gewußt, daß jemand neugierig geworden war? Ich mußte wissen, wer sich überall herumdrückt und seine Nase in Dinge steckt, die ihn nichts angehen. Ich habe dich ihn sehen lassen. Ich war allerdings erst völlig sicher, als du uns gefolgt bist.« Ihr Lächeln ließ Margaret den Atem gefrieren. »Hältst du uns für Trottel? Ich habe die Lache deines Han gesehen, in die wir treten sollten. Den Gefallen habe ich dir getan. Wie schade. Für dich.«
Margaret hielt die Goldblume um ihren Hals fest umklammert, die Fingernägel bohrten sich in ihre Handfläche. Wie hatten sie die Lache ihres Han sehen können? Weil sie sie unterschätzt hatte, ganz einfach. Sie hatte unterschätzt, was sie mit der Gabe anstellen konnten. Es würde sie das Leben kosten.
Aber nur sie. Nur sie. Bitte, geliebter Schöpfer, nur sie. Sie spürte Jedidiah dicht neben sich.
»Jedidiah«, hauchte sie. »Lauf fort. Ich versuche, sie aufzuhalten, während du fliehst. Lauf fort, mein Geliebter. Lauf um dein Leben.«
Er hob seine kräftige Hand und packte sie am Arm. »Ich glaube kaum, ›meine Liebe‹.« Sein grausam leerer Blick hielt dem ihren stand. »Ich habe versucht, dich zu retten, Margaret. Ich habe versucht, dich zur Umkehr zu bewegen. Aber du wolltest nicht hören.« Er blickte kurz zu den Schwestern auf der anderen Seite der Lichtung. »Wenn sie es mir schwört, könnten wir dann nicht einfach…« Die Schwester erwiderte den Blick. Er seufzte. »Nein, das können wir wohl nicht.«
Er stieß sie mit einem kräftigen Schubs auf die Lichtung. Vor dem Ring aus Kerzen kam sie stolpernd zum Stehen. Sie war wie betäubt. Ihr Verstand verweigerte den Dienst. Ihre Stimme versagte.
Die Schwester auf der anderen Seite des Kreises faltete die Hände und hielt nach Jedidiah Ausschau. »Hat sie es sonst noch jemandem erzählt?«
»Nein. Nur mir. Sie wollte erst einen Beweis, bevor sie jemand anderes um Hilfe bat.« Sein Blick kehrte zu ihr zurück. »Nicht wahr, meine Liebe?« Er schüttelte erneut den Kopf, ein krankhaftes Grinsen auf den Lippen. Auf den Lippen, die sie geküßt hatte. Ihr war übel. Sie kam sich wie der größte Narr vor, den der Schöpfer je gesehen hatte. »Wie schade.«
»Du hast deine Sache gut gemacht, Jedidiah. Dafür wirst du belohnt werden. Und was dich angeht, Margaret … nun, morgen wird Jedidiah melden, daß er, nachdem er versucht hat, sich den beharrlichen Annäherungsversuchen einer älteren Frau zu entziehen, dich endgültig und entschlossen abgewiesen hat und du vor Scham und Demütigung davongelaufen bist. Wenn sie hierherkommen und deine Knochen finden, wird das ihre Befürchtungen bestätigen, daß du deinem Leben ein Ende machen wolltest, weil du dich nicht mehr für wert gehalten hast, als Schwester des Lichts weiterzuleben.«
Die Augen mit den dunklen Sprenkeln wandten sich Margaret zu. »Überlaß sie mir. Laß mich meine neue Gabe ausprobieren. Ich will auf den Geschmack kommen.«
Dieser Blick ließ Margaret noch immer erstarren. Sie hielt noch immer die goldene Blume an ihrem Hals umklammert. Die betäubende Qual, zu wissen, daß Jedidiah sie verraten hatte, raubte ihr den Atem.
Sie hatte den Schöpfer angefleht, Jedidiah Kraft zu geben, die Kraft, anderen zu helfen. Sie hatte keine Ahnung gehabt, wer diese anderen sein würden. Der Schöpfer hatte ihre Gebete erhört, so töricht sie auch waren.
Als die Schwester einverstanden war, verzogen sich die dünnen Lippen zu einem breiten Grinsen. Margaret kam sich unter dem durchdringenden Blick dieser gesprenkelten Augen nackt vor, hilflos.
Schließlich zwang Margaret ihren Verstand zu arbeiten. Sofort sprangen ihre Gedanken auf die verzweifelte Suche nach einer Fluchtmöglichkeit an. Ihr fiel nur eine einzige ein, bevor es zu spät war. Voller Panik ließ sie ihr Han durch jede Faser ihres Seins schießen und schuf einen Schild — den kräftigsten Schild, den sie kannte –, einen Schild aus Luft. Sie machte ihn hart wie Stahl. Undurchdringlich. Sie legte ihren ganzen Haß, ihre ganze Verletztheit hinein.
Das dünne Lächeln blieb. Die scheckigen Augen rührten sich nicht. »Luft also, ja? Mit der Gabe kann ich es jetzt erkennen. Soll ich dir zeigen, was ich mit Luft alles tun kann? Was die Gabe damit anstellen kann?«
»Die Kraft des Schöpfers wird mich beschützen«, brachte Margaret hervor.
Das dünne Lächeln wurde spöttischer. »Glaubst du wirklich? Laß mich dir die Unfähigkeit des Schöpfers darlegen.«
Sie hob die Hand. Margaret hatte einen Ball Zaubererfeuer erwartet. Das war es nicht — es war ein Ball aus Luft, so dicht, daß sie ihn auf sich zufliegen sehen konnte. Er war so dicht, daß alles, was sie durch ihn sah, verzerrt wurde. Margaret hörte, wie er sich rauschend näherte, wie er vor Kraft pfiff. Er durchbrach den Schild wie eine lodernde Pechfackel ein Blatt Papier.
Das hätte er eigentlich nicht können dürfen — schließlich war ihr Schild aus Luft. Luft hätte einen Schild aus Luft nicht durchbrechen können dürfen, jedenfalls keinen, der so kräftig war wie ihrer. Doch das hier war nicht einfach Luft einer Schwester, sondern Luft einer Schwester, die die Gabe besaß. Die Gabe eines Zauberers.
Verwirrt mußte Margaret feststellen, daß sie auf der Erde lag und in die Sterne blickte — hübsche Sterne: die Sterne des Schöpfers. Sie bekam keine Luft. Einfach keine Luft.
Seltsam — sie konnte sich nicht erinnern, wie die Luft auf sie geprallt war. Nur, daß ihr der Atem brutal aus den Lungen gerissen worden war. Ihr war kalt, doch etwas Warmes berührte ihr Gesicht. Warm und feucht. Ein Trost.
Ihre Beine schienen ihr nicht zu gehorchen. Sosehr sie es auch versuchte, sie ließen sich nicht bewegen. Mit allergrößter Anstrengung gelang es ihr, den Kopf ein kleines Stück zu heben. Die Schwestern hatten sich nicht von der Stelle gerührt, aber irgendwie schienen sie jetzt weiter entfernt. Sie sahen alle zu ihr hin. Margaret sah an sich herunter.
Irgend etwas war grauenhaft verkehrt.
Unterhalb ihres Brustkorbes war so gut wie nichts mehr. Nur die zerfetzten Überreste ihrer Eingeweide, dann nichts mehr. Wo der Rest hätte sein müssen, war nichts mehr. Wo waren ihre Beine hin? Sie mußten doch irgendwo sein. Irgendwo mußten sie doch sein.
Da waren sie. Sie lagen ein Stück entfernt, dort, wo sie gestanden hatte.
Aha. Deswegen konnte sie also nicht mehr atmen. Luft hätte nicht dazu imstande sein dürfen. Das war unmöglich. Wenigstens nicht die von einer Schwester bewegte Luft. Es war ein Wunder.
Geliebter Schöpfer, warum hast Du mir nicht beigestanden? Ich war dabei, Dein Werk zu verrichten. Warum hast Du das zugelassen?
Eigentlich müßte es doch weh tun, oder? Müßte es nicht weh tun, in zwei Hälften gerissen zu werden? Aber das tat es nicht. Es tat kein bißchen weh.
Kalt. Nur kalt war ihr. Aber die warme Schnur ihrer Eingeweide an ihrem Gesicht fühlte sich gut an. Warm. Die Wärme hatte etwas Tröstliches.