Chase starrte den Mann an, dann legte er die Stirn in Falten, als hätte er nicht verstanden. Der Mann beugte sich mit seinem Stock nach vorn und zeichnete drei weitere Personen, jede davon mit einem Kleid. Er blickte unter seinen Brauen hervor, als wollte er sich vergewissern, daß Chase zuschaute, dann zeichnete er ein Kreuz über zwei der Figuren. Sein Blick wanderte zu Chase zurück, während er die Arme um die Knie schlang und wartete.
»Was bedeutet das? Tot? Meinst du das — sie sind tot?« Die Männern starrten ihn regungslos an. Chase fuhr sich mit einem Finger wie mit einem Messer über die Kehle. »Tot?«
Der Mann mit dem Silberhaar nickte einmal und sagte »tot«, doch es klang ein wenig komisch, denn er dehnte das Wort länger, als es war. Mit seinem Stock zeigte er auf das Bild der Sonne, dann auf Kahlans Bild, dann über seine Schulter in die Richtung, in die sie aufgebrochen waren. Er zeigte noch einmal auf die Sonne, auf Richards Bild, dann auf das Bild der Frau ohne das Kreuz, schließlich zeigte er in eine andere Richtung.
Chase stand auf. Seine Brust hob und senkte sich, als er einmal tief durchatmete. Er war erschreckend groß. Er starrte in die Richtung, in die Richard nach Angabe des Mannes mit dem Silberhaar aufgebrochen war. »Nach Osten. Also immer tiefer in die Wildnis«, sagte er leise zu sich selbst. »Wieso ist er nicht bei Kahlan?« Er rieb sich das Kinn. Rachel fand, er sah besorgt aus. Ängstlich konnte er unmöglich sein. Chase hatte vor nichts Angst. »Bei den Seelen, warum sollte Richard tiefer in die Wildnis eindringen? Und wieso hatte Kahlan den Jungen in die Wildnis ziehen lassen? Und wen begleitete er?« Die Männer sahen sich untereinander an, als fragten sie sich, aus welchem Grund Chase sich mit der Luft unterhielt.
Chase ging wieder in die Hocke, wobei all sein Leder knarzte, zeigte auf die dritte Frau, legte die Stirn in Falten und sah die Männer achselzuckend an. Er zeigte auf Richards Bild und auf das der Frau und deutete wieder nach Osten. Dann breitete er achselzuckend die Hände in Schulterhöhe aus und verzog das Gesicht, um ihnen zu zeigen, daß er nicht begriff.
Der Mann mit dem langen Silberhaar warf Chase einen traurigen Blick zu und stieß einen tiefen Seufzer aus. Er zeigte auf die dritte Frau, die nicht durchgekreuzt war, dann drehte er sich um und besorgte sich einen Strick von einem der Männer hinter ihm. Er schlang sich den Strick um seinen Hals, sah Chase’ besorgtes Gesicht und zeigte auf Richards Bild. Als Chase den Kopf hob und ihre Blicke sich trafen, spannte der Mann den Strick mit einem Ruck. Er zeigte nach Osten. Mit dem Stock berührte er Kahlans Bild, dann strich er sich mit zwei Fingern, Tränen andeutend, von den Augenwinkeln über die Wange und zeigte nach Norden.
Chase kam hoch. Fast sprang er auf. Sein Gesicht war blaß. »Sie hat ihn gefangengenommen«, sagte er tonlos. »Diese Frau hat Richard gefangengenommen und ihn in die Wildnis verschleppt.«
Rachel stand neben ihm. »Was bedeutet das, Chase? Warum ist Kahlan nicht mit ihm gegangen?«
Er schaute zu ihr hinab. Sein Gesicht war seltsam starr geworden, daß es ihr den Magen zusammenschnürte. »Sie ist Hilfe holen gegangen. Nach Aydindril. Um Zedd zu holen.«
Alle waren ganz still. Er richtete seinen starren Blick noch einmal nach Osten und hakte seinen Daumen hinter seine mächtige Silberschnalle.
»Bei den Seelen«, sprach er leise zu sich selbst, »wenn Richard tatsächlich in die Wildnis gegangen ist, dann führt ihn nach Norden. Laßt ihn nicht nach Süden gehen, sonst wird nicht einmal Zedd ihm helfen können.«
Rachel drückte ihre Puppe fest an sich. »Was ist das, die Wildnis?«
»Ein sehr schlimmer Ort, meine Kleine.« Wie benommen richtete er seinen starren Blick in den dunkler werdenden Himmel. »Ein sehr schlimmer Ort.«
So wie er das sagte, ganz ruhig und still, bekam sie eine Gänsehaut davon.
Zedd spürte das Spiel der Muskeln, als er unter einem Ast wegtauchte und dabei das Tier langsamer gehen ließ. Zedd ritt am liebsten ganz ohne Sattel. Wenn er auf ein Pferd angewiesen war, ließ er dem Tier gern die größtmögliche Freiheit. Er fand das nur fair. Die meisten Pferde schienen seine Rücksichtnahme zu würdigen, und dieses ganz besonders. Es unterstützte ihn mehr als je unter einem Sattel, und er hatte alles angenommen, was es zu geben hatte.
Seinen Sattel und den Rest des Zaumzeugs hatte er einem Mann namens Haff angeboten. Haff besaß die größten Ohren, die Zedd je gesehen hatte. Wie ein Mann mit solchen Ohren je eine Frau hatte finden können, war ein Wunder. Doch er hatte tatsächlich eine Frau und vier Kinder obendrein, und er sah aus, als hätte er das Zaumzeug nötiger als Zedd. Nicht zum Reiten natürlich, sondern um es zu verkaufen. Soldaten der Armee D’Haras hatten seine Ernte und seine Vorräte geplündert.
Es war das mindeste, was Zedd hatte tun können. Schließlich war Rachel bis auf die Knochen durchnäßt gewesen, Haff hatte ihnen einen trockenen Platz zum Schlafen angeboten — auch wenn es in einer halb verfallenen Scheune war –, und seine Frau hatte ihnen Kohlsuppe gereicht, so dünn diese auch sein mochte, und hatte nichts dafür verlangt. Außerdem war es einen Sattel wert, Chase’ Gesichtsausdruck zu sehen, als Zedd erklärte, er habe keinen Hunger.
Der große Mann allerdings aß genug für drei, und Zedd hätte gewarnt sein müssen. Diesen Winter würde es viel Hunger geben. Das Zaumzeug würde seinen Wert nicht einbringen, nicht, wenn der Hunger sich ausbreitete wie der unheilverkündende Wind vor einer Gewitterwolke, aber etwas würde es einbringen, vielleicht genug, um die allergrößten Härten zu überstehen.
Zedd sah, wie Chase, als er sich unbeobachtet glaubte, jedem der vier Kinder eine Münze zusteckte und sie dabei in einem Ton anknurrte, der einen ausgewachsenen Mann hätte erbleichen lassen — Kindern jedoch aus irgendeinem seltsamen Grund bloß ein Lächeln entlockte –, und meinte, sie dürften erst in ihre Taschen gucken, wenn er fort wäre. Hoffentlich war es kein Gold. Der Grenzposten roch es förmlich, wenn ein Dieb im Nachbarort ein Fenster öffnete, und konnte einem wahrscheinlich sogar dessen Namen verraten, aber was Kinder betraf, war er einfach närrisch.
Haff erkundigte sich voller Argwohn, was man als Gegenleistung für das Zaumzeug von ihm erwartete. Zedd meinte, er solle der Mutter Konfessor und dem neuen Lord Rahl seine ewige Ergebenheit schwören, da diese beiden solchen Plünderungen, wie Haff sie erfahren hätte, Einhalt geboten hätten. Der Mann hatte ihn angestarrt, seine großen Ohren hatten unter der lächerlichen Strickmütze hervorgelugt, mit den Troddeln auf beiden Seiten, die nichts weiter bewirkten, als unnötig die Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken, und hatte gesagt: »Gemacht.« Dazu hatte er entschlossen genickt.
Ein bescheidener Anfang: ein erster ergebener Untertan für den Preis eines Sattels. Wäre doch alles nur so einfach. Doch das lag Wochen zurück. Jetzt war er auf sich gestellt.
Der süßliche Duft eines Birkenfeuers wehte ihm durch den dichten Wald entgegen. Das Pferd hob die Nüstern und lief mit Bedacht den schmalen Pfad entlang. Die zunehmende Dunkelheit legte in der stehenden Luft immer tiefere Schatten über seinen Weg. Er hörte den Lärm, noch bevor das kleine Haus ins Blickfeld kam: das Geräusch von Möbeln, die umgestoßen wurden, das Scheppern von Töpfen und Pfannen, von Dämonen, die verflucht wurden. Das Pferd reckte die Ohren dem Tumult entgegen, während sie den verschlungenen Pfad hinabritten. Zedd gab ihm einen beruhigenden Klaps auf den Hals.
Das kleine Haus, dessen Holzwände mit dem Alter dunkel geworden waren und dessen Dach von einer dicken Lage Farne und trockenen Fichtennadeln bedeckt war, schmiegte sich zwischen rauhe Stämme. Zedd stieg neben den welken abgestorbenen Farnen ab, die sich wie ein Garten vor dem Haus breitmachten. Das Pferd rollte ihm die Augen entgegen, als er um es herumging, um es unter dem Kinn zu kraulen.
»Sei ein gutes Mädchen und such dir was zu fressen.« Er legte den Finger unter das Kinn der Stute und zwang sie, den Kopf zu heben. »Aber bleib in der Nähe.« Das Pferd wieherte. Mit einem Lächeln rieb Zedd ihm die graue Nase. »Gutes Mädchen.«