Adie funkelte ihn über die Schulter an, während sie in ihrem Eintopf rührte. »Nein, vielen Dank.«
Zedd war erstaunt. »Wäre es dir nicht lieber, wenn beide Beine gleich lang wären?«
»Ich weiß zu schätzen, daß du meinen Fuß hast nachwachsen lassen. Mit zweien ist das Leben leichter. Ich wußte nicht, wie sehr ich die Krücke gehaßt habe. Aber der Fuß ist gut, so wie er ist.« Sie setzte die langstielige Kelle an die Lippen und pustete in die heiße Suppe.
»Es wäre noch leichter, wenn beide Füße gleich wären.«
»Ich habe nein gesagt.« Sie probierte die Suppe.
»Verdammt, meine Liebe, warum nicht?«
Adie schlug die Kelle am Rand des Eisenkessels aus und hängte sie zurück an ihren Haken, dann nahm sie eine verbeulte Büchse vom Kaminsims und schraubte den Deckel auf. Ihre Stimme klang ruhig, schnarrte nicht mehr so wie zuvor. »Ich möchte diese Schmerzen nicht noch einmal durchmachen. Hätte ich gewußt, wie das ist, ich hätte mich entschieden, den Rest meines Lebens ohne den Fuß zu ertragen.« Sie steckte ihre Hand in die Büchse, entnahm ihr eine Prise Fünfkraut und warf sie in den Eintopf.
Zedd zupfte sich am Ohr. Vielleicht hatte sie recht. Ihr den Fuß nachwachsen zu lassen, hatte sie fast umgebracht. Er hatte nicht mit diesen Folgen gerechnet, mit dieser Reaktion auf die große Menge Magie, die er bei ihr eingesetzt hatte. Trotzdem hatte er Erfolg gehabt, hatte ihr die schmerzhaften Erinnerungen nehmen können, wenn er auch noch immer nicht wußte, worum es dabei ging.
Er hätte das Zweite Gesetz der Magie bedenken sollen, aber er war zu sehr damit beschäftigt gewesen, ihr etwas Gutes zu tun. So ging das mit dem Zweiten Gesetz: normalerweise ließ sich schwer sagen, ob man gerade dagegen verstieß.
»Du kennst den Preis der Magie, Adie, fast ebenso gut wie ein Zauberer. Außerdem habe ich es wieder wettgemacht. Die Schmerzen, meine ich.« Er wußte, daß für das Verlängern des Knöchels nicht soviel Magie erforderlich war wie für das Nachwachsen des Fußes, aber nach allem, was sie durchgemacht hatte, hatte er Verständnis für ihr Sträuben. »Vielleicht hast du recht. Vielleicht habe ich genug getan.«
Sie richtete ihre weißen Augen wieder auf ihn. »Warum bist du hier, Zauberer?«
Er grinste sie schelmisch an. »Weil ich dich sehen wollte. Eine Frau wie dich kann man nur schwer vergessen. Außerdem wollte ich dir berichten, wie Darken Rahl besiegt wurde — von Richard. Daß wir gewonnen haben.« Ihr starrer Blick mißfiel ihm. »Wieso, glaubst du, kommen die Greifer hierher?«
Sie seufzte und schüttelte den Kopf. »Du redest, wie ein Betrunkener geht — in alle möglichen Richtungen, nur nicht geradewegs aufs Ziel zu.« Mit einem Wink Richtung Tisch gab sie ihm zu verstehen, daß er die Schalen holen sollte. »Ich wußte bereits, daß wir gewonnen hatten. Der erste Tag des Winters kam und ging. Hätte Rahl gewonnen, wären die Dinge nicht so friedlich, wie sie sind. Trotzdem bin ich froh, deine alten Knochen wiederzusehen.«
Er trat entschlossen an den Tisch, froh, ihrem prüfenden Blick einen Moment lang zu entkommen. »Du hast meine Frage nicht beantwortet. Warum, glaubst du, kommen die Greifer hierher?«
Sie senkte die Stimme, ihr Schnarren wurde tiefer, härter und bekam einen fast zornigen Unterton. »Ich denke, die Greifer kommen aus dem gleichen Grund hierher wie du: sie wollen einer alten Frau Ärger machen.«
Zedd grinste, als er mit den Schalen zurückkam. »Ich sehe keine alte Frau. Ich sehe eine schöne Frau.«
Sie erwiderte sein Grinsen mit einem hilflosen Kopfschütteln. »Ich fürchte, deine Zunge ist noch gefährlicher als ein Greifer.«
Er reichte ihr eine Schale. »Sind die Greifer früher auch hierhergekommen?«
»Nein.« Sie drehte sich um und begann, die Suppe in die Schale zu löffeln. »Als die Grenze noch da war, sind die Greifer mit den anderen Bestien im Paß geblieben. Nachdem die Grenze gefallen ist, habe ich sie eine Zeitlang nicht gesehen, aber mit dem Wintereinbruch kamen auch die Greifer zurück. Das sollte nicht sein. Ich glaube, irgend etwas stimmt hier nicht.«
Er tauschte seine leere Schale gegen die volle ein, hielt sie sich unter seine Nase und sog den Duft ein. »Vielleicht hält sie seit dem endgültigen Fall der Grenze nichts mehr, und deshalb kommen sie einfach aus dem Paß hervor.«
»Kann sein. Doch mit dem Fall der Grenze sind auch die meisten Bestien verschwunden und in die Unterwelt zurückgekehrt. Einige wurden von ihren Fesseln befreit und sind ins Umland entkommen. Vor Anbruch des Winters, noch vor einem Monat, habe ich hier nie irgendwelche Greifer gesehen. Ich fürchte, ihre Anwesenheit hat noch einen anderen Grund.«
Zedd wußte sehr gut, was geschehen war, sagte aber nichts. Statt dessen fragte er: »Adie, warum ziehst du nicht fort? Komm mit mir. Nach Aydindril. Das wäre…«
»Nein!« fuhr sie ihn barsch an, selbst überrascht von ihrer Schärfe. Sie strich ihr Gewand mit einer Hand glatt, bis der Zorn aus ihrem Gesicht gewichen war, nahm den Löffel aus der Hand, die auch die Schale hielt, und teilte weiter Suppe aus. »Nein. Das hier ist mein Zuhause.«
Zedd sah ihr schweigend zu. Als sie fertig war, trug sie ihre Schale zum Tisch, setzte sie ab und nahm einen Laib Brot vom Bord mit dem blauweißen Vorhang über der Arbeitsfläche. Mit dem Brot zeigte sie auf einen anderen freien Stuhl. Zedd stellte seine Schale auf den Tisch, setzte sich und zog sein Gewand hoch, während er die Beine unter sich verschränkte. Adie ließ sich auf dem Stuhl ihm gegenüber nieder, schnitt eine Scheibe Brot ab und schob sie mit der Messerspitze über den Tisch, bevor sie den Kopf hob und ihm in die Augen sah.
»Bitte, Zedd, verlang nicht von mir, daß ich mein Zuhause verlassen soll.«
»Ich bin nur um dich besorgt, Adie.«
Adie stippte einen Kanten Brot in ihren Eintopf. »Das ist eine Lüge.«
Er sah sie unter seinen Brauen hervor an und griff nach seinem Brot. »Das ist keine Lüge.«
Sie aß weiter, ohne aufzusehen. »Das ›nur‹ ist eine Lüge.«
Zedd widmete sich wieder seiner Suppe. »Schmeckt ausgezeichnet,« murmelte er mit einem Brocken Fleisch im Mund. Sie bedankte sich mit einem Nicken. Er aß, bis seine Schale leer war, dann nahm er sie mit zur Feuerstelle und füllte sie aufs neue.
Auf dem Weg zurück zum Tisch erfaßte er den Raum mit einer ausladenden Handbewegung. »Du hast ein wunderbares Heim, Adie. Wirklich hübsch.« Er setzte sich hin und nahm das Brot, das sie ihm reichte. Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und brach das Brot entzwei, wobei ihm die Ärmel über die Unterarme rutschten. »Aber ich denke nicht, daß du hier leben solltest — ganz allein. Nicht, solange es die Greifer und was sonst noch alles gibt.« Er gestikulierte mit dem Brot in Richtung Norden. »Wieso kommst du nicht mit mir nach Aydindril? Es würde dir dort gefallen. Dort ist reichlich Platz. Kahlan könnte dafür sorgen, daß du wohnen kannst, wo du willst. Ja, vielleicht sogar in der Burg, wenn dir das lieber ist.«
Ihre weißen Augen blieben auf das Essen gerichtet. »Nein.«
»Wieso nicht? Wir würden uns dort bestimmt wohl fühlen. Eine Magierin hätte in der Burg ein tolles Leben. Es gibt dort Bücher und…«
»Ich habe nein gesagt.«
Er beobachtete, wie sie sich anschickte weiterzuessen. Er krempelte seine Ärmel noch weiter auf und tat es ihr nach. Lange konnte er nicht essen. Er legte den Löffel in die Schale und blickte sie an.
»Adie, an der Geschichte ist noch mehr — etwas, das ich dir noch nicht erzählt habe.«
Sie zog eine Braue hoch. »Hoffentlich erwartest du nicht, daß ich ein erstauntes Gesicht mache. Ich kann nicht gut heucheln.« Sie beugte sich wieder über ihre Schale.
»Adie, der Schleier hat einen Riß.«
Die Hand mit dem Löffel verharrte auf halbem Wege zum Mund. Sie sah nicht auf. »Unsinn. Was weißt du vom Schleier. Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst.« Die Hand führte den Löffel schließlich zu seinem Ziel.