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Zedd legte seinen Löffel angewidert ab. »Aber sie hatten die Gabe. Wie sollten sie keinen Gebrauch davon machen?«

»Sie haben Gebrauch davon gemacht, aber nur heimlich. Niemals, wenn jemand sie dabei beobachtete, und niemals bei einem anderen.«

Zedd lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schüttelte in stummem Staunen den Kopf über das Erste Gesetz der Magie und darüber, wie dumm die Menschen sein konnten, als Adie fortfuhr.

»Großmutter Lindel war eine strenge alte Frau, die ganz auf sich allein gestellt lebte. Sie wollte nie etwas davon wissen, mich im Gebrauch der Gabe zu unterrichten. Sie sagte mir nur, ich solle die Finger davon lassen. Und meine Mutter konnte mir natürlich nichts beibringen. Also lernte ich für mich selbst, während ich größer wurde und die Gabe mit mir wuchs — dabei war ich mir aber sehr wohl über die Verruchtheit des Gebrauchs der Gabe bewußt. Jeden Tag bekam ich darüber etwas zu hören. Die Gabe auf unerlaubte Weise zu benutzen, erweckte den Anschein, als besudele man sich mit dem Makel des Hüters selbst, und ich glaubte das auch. Ich hatte große Angst, mich dem zu widersetzen, was man mich lehrte. Ich war eine Frucht vom Baume dieses Aberglaubens.

Eines Tages, ich war vielleicht acht oder neun, war ich mit meiner Mutter und meinem Vater am Markttag auf dem Stadtplatz, als auf der anderen Seite des Platzes in einem Haus ein Feuer ausbrach. Ein Mädchen, ungefähr in meinem Alter, saß, von den Flammen eingeschlossen, im zweiten Stock fest. Sie schrie um Hilfe. Niemand konnte sie erreichen, weil sich das Feuer bereits durch den gesamten ersten Stock gefressen hatte. Ihre entsetzlichen Schreie waren mir unerträglich. Ich fing an zu weinen. Ich wollte helfen. Ich konnte die Schreie nicht ertragen.« Adie faltete die Hände in ihrem Schoß und starrte auf den Tisch. »Ich habe das Feuer ausgehen lassen. Das Mädchen wurde gerettet.«

Zedd betrachtete den ruhigen Ausdruck auf ihrem Gesicht, während sie auf den Tisch starrte. »Ich nehme an, bis auf das Mädchen und seine Eltern war niemand darüber glücklich?«

Adie schüttelte den Kopf. »Jeder wußte, daß ich die Gabe besaß. Sie wußten, daß ich das getan hatte. Meine Mutter stand da und weinte. Mein Vater stand einfach da und schaute zur Seite. Er wollte mich nicht ansehen, einen Agenten der Bosheit des Hüters. Irgend jemand ging und holte Großmutter Lindel. Die Art, wie sie zu ihrem Eid stand, hatte ihr Respekt eingebracht. Als Großmutter Lindel kam, brachte sie mich und das Mädchen vor den Kreis des Königs. Großmutter Lindel peitschte das Mädchen aus, das ich gerettet hatte. Sie weinte lange.«

Zedd war fassungslos. »Sie hat das Mädchen geschlagen! Warum?«

»Weil sie zugelassen hatte, daß der Hüter sie dazu benutzte, die Anwendung der Gabe auszulösen.« Adie seufzte. »Das Mädchen und ich, wir kannten uns. Wir waren so etwas wie Freundinnen. Sie hat nie wieder mit mir gesprochen.«

Adie schlang die Arme um ihren Körper. »Und dann zog Großmutter Lindel mich vor diesen Männern nackt aus und peitschte mich aus, bis ich mit Blut und Striemen überzogen war. Ich schrie lauter als das Mädchen während des Feuers. Dann scheuchte sie mich nackt und blutverschmiert durch den Ort, zu ihrem Haus. Die Erniedrigung war schlimmer als die Schläge.

Als wir bei ihrem Haus ankamen, fragte ich sie, wie sie so grausam sein könne. Sie rümpfte die Nase und sah mich mit ihrem typischen verkniffenen, zornigen Gesicht an und meinte: ›Grausam, Kind? Grausam? Du hast nicht einen Hieb mehr erhalten, als du verdienst. Und nicht einen weniger, als nötig war, um zu verhindern, daß diese Männer dich hinrichten.‹ Dann zwang sie mich, meinen Eid zu leisten. ›Bei meiner Hoffnung auf Errettung schwöre ich, niemals, aus welchem Grund auch immer, von meiner Gabe bei einem anderen Gebrauch zu machen, es sei denn mit Erlaubnis des Königs oder eines seiner Kreise, und sollte ich sie jemals dazu verwenden, einem anderen Schaden zuzufügen, dann verliere ich meine Seele an den Hüter.‹ Und dann scherte sie mir den Kopf kahl. Man ließ mich mit kahlem Kopf herumlaufen, bis ich eine erwachsene Frau war.«

»Kahl? Warum?«

»Weil in den Midlands, wie du weißt, die Länge des Haares einer Frau Auskunft über ihre gesellschaftliche Stellung gibt. Damit wollte man mir und allen anderen zeigen, daß es niemanden gab, der tiefer stand als ich. Ich hatte von meiner Gabe Gebrauch gemacht, in aller Öffentlichkeit, ohne Erlaubnis. Es war eine ständige Erinnerung an das Unrecht, das ich begangen hatte. Von da an lebte ich bei Großmutter Lindel. Meinen Vater und meine Mutter sah ich nur selten. Anfangs vermißte ich sie sehr. Großmutter Lindel brachte mir bei, wie man die Gabe benutzt, damit ich sie genau kennenlernte und genau wußte, was ich nicht tun durfte.

Ich mochte Großmutter Lindel nicht besonders. Sie war eine kalte Frau. Aber ich respektierte sie. In gewisser Weise war sie gerecht. Wenn sie mich bestrafte, und das tat sie oft, dann nur, weil ich gegen ihre Regeln verstoßen hatte. Sie peitschte mich aus, fest, aber nur wegen eines Vergehens, vor dem sie mich gewarnt hatte. Sie unterrichtete mich, wies mich im Gebrauch der Gabe an, aber freundlich war sie nie zu mir. Es war ein hartes Leben, doch lernte ich Disziplin. Am besten lernte ich den Gebrauch der Gabe. Dafür werde ich ihr immer dankbar sein, denn das war mein Leben. Die Gabe berührte etwas Höheres, etwas Edleres, als ich es darstellte.«

»Tut mir leid, Adie.« Er begann, seinen kalten Eintopf zu löffeln, weil er nicht wußte, was er sonst hätte tun sollen. Der Appetit war ihm vergangen.

Adie erhob sich von ihrem Stuhl, ging zur Feuerstelle und starrte eine Weile in die Flammen. Zedd wartete schweigend, bis sie die richtigen Worte fand.

»Nachdem ich das Alter einer erwachsenen Frau erreicht hatte, erlaubte man mir, die Haare wachsen zu lassen.« Sie lächelte zaghaft. »In diesem Alter, als mein Körper aufblühte, hielt man mich für eine attraktive Frau.«

Zedd schob seine Suppenschale fort, ging zu ihr und legte ihr seine Hand auf die Schulter. »Jetzt bist du nicht weniger attraktiv, meine Liebe.«

Sie legte ihre Hand auf seine, ohne den Blick von den Flammen abzuwenden. »Nach einer Weile verliebte ich mich in einen jungen Mann. Sein Name war Pell. Er war ein wenig unsicher, aber ein guter, anständiger Mann und mir gegenüber die Freundlichkeit selbst. Er hätte mir das Meer herbeigeschleppt, Löffel für Löffel, hätte er geglaubt, mir damit eine Freude zu machen. Ich dachte, die Sonne ging nur auf, um mir sein Gesicht zu zeigen, und der Mond schien, damit ich seine Lippen kosten konnte. Jeder Schlag meines Herzens galt ihm. Wir wollten heiraten. Der Kreis des Königs von Choora unter dem Vorsitz eines Mannes namens Mathrin Galliene hatte andere Pläne.«

Sie nahm ihre Hand fort und umfaßte den Knoten ihres Gewandes an ihrem Bauch. »Sie hatten beschlossen, daß ich einen Mann aus dem Nachbarort heiraten sollte, den Sohn des dortigen Bürgermeisters. Für die Menschen aus Choora war ich eine Art Prämie. Eine Magierin, die durch einen Eid mit ihrem Volk verbunden war, galt als Zeichen für die Tugend dieses Volkes. Mich einem wichtigen Mann aus einem größeren Ort zur Frau zu geben war Anlaß zu einiger Aufregung, Freude und Erwartung. Ich würde unsere Städte auf mannigfaltige Weise aneinanderbinden, nicht zuletzt durch umfangreichen Handel.

Ich geriet in Panik. Ich ging zu Großmutter Lindel und bat, ein Wort für mich einzulegen. Ich erzählte ihr von meiner Liebe zu Pell und daß ich nicht zu einer Gegenleistung für Tauschgeschäfte werden wollte. Ich erklärte, die Gabe gehöre mir und dürfe nicht dazu benutzt werden, mich zu versklaven. Eine Magierin dürfe keine Sklavin sein. Großmutter Lindel war Magierin. Ihre Gabe wurde verachtet, aber die Menschen respektierten sie, weil sie sich ihrem Schwur unterwarf — und sie hatten mehr als einen gesunden Respekt vor ihr –, sie hatten Angst. Ich flehte sie um Hilfe an.«