»Sie scheint nicht die Art Mensch zu sein, die dir helfen würde.«
»Ich hätte mich an sonst niemanden wenden können. Sie zwang mich, sie einen Tag lang allein zu lassen, damit sie darüber nachdenken konnte. Es wurde der längste Tag in meinem Leben. Als ich am Abend zu ihr kam, mußte ich vor ihr knien und den Eid sprechen. Sie meinte, ich täte gut daran, ihn ernster zu nehmen als je zuvor, und sie hatte mich ihn oft sprechen lassen. Ich kniete, sprach den Eid und meinte jedes Wort so, wie ich es sagte.
Als ich fertig war, hielt ich den Atem an und wartete. Ich war immer noch auf den Knien. Sie rümpfte die Nase über mich, hatte immer noch ihren typisch säuerlichen Ausdruck im Gesicht. Und dann sagte sie: ›Du hast zwar eine wilde Seele, Kind, aber du hast gearbeitet, um sie zu zügeln. Die Menschen haben deinen Eid verlangt, und du hast ihn geleistet. Ich möchte nicht erleben, daß du ihn brichst. Darüber hinaus bist du niemandem etwas schuldig. Ich werde mich um den Kreis kümmern und um Mathrin Galliene. Und du wirst Pell heiraten.‹ Ich habe in den Saum ihres Kleides geweint.«
Adie verstummte und starrte, verloren in Erinnerungen, ins Feuer. Zedd legte die Stirn in Falten. »Und, hast du deinen Geliebten geheiratet?«
»Ja«, sagte sie mit ihrer schnarrenden Stimme. Zedd sah zu, wie sie die Kelle von ihrem Haken nahm und im Eintopf rührte. Endlich hängte sie sie zurück an ihren Platz. »Drei Monate lang glaubte ich, das Leben sei die allerhöchste Wonne.«
Die Stimme versagte ihr, während sie ins Nichts starrte. Zedd legte ihr den Arm um die Schulter und führte sie behutsam zurück zum Tisch. »Setz dich, Adie. Ich werde dir eine Tasse Tee holen.«
Sie saß immer noch mit auf dem Tisch gefalteten Händen da und starrte ins Nichts, als er mit den dampfenden Tassen zurückkam. Eine stellte er zwischen ihre schmalen Hände, als er sich ihr gegenüber niederließ. Er drängte sie nicht weiterzusprechen, bevor sie soweit war.
Schließlich tat sie es. »Eines Tages machten Pell und ich einen langen Spaziergang übers Land. Ich war schwanger.« Sie nahm die Tasse mit beiden Händen auf und nippte daran. »Wir hatten den Tag damit verbracht, übers Land zu wandern, uns Namen für unser Kind auszudenken, Händchen zu halten … nun, du kennst die kleinen Torheiten, die man in diesem Alter aus Liebe begeht. Auf dem Rückweg mußten wir an der Mühle von Choora vorbei, etwas außerhalb der Stadt. Ich fand es seltsam, daß niemand dort war. Sonst ist immer jemand bei der Mühle.« Adie schloß einen Moment lang die Augen und nippte noch einmal an ihrem Tee. »Wie sich herausstellte, waren doch Leute dort. Der Lebensborn aus dem Schoß der Kirche. Sie warteten bereits auf uns.«
Zedd hatte von ihnen gehört. In den größeren Städten von Nicobarese war der Lebensborn aus dem Schoß der Kirche ein organisierter Männerbund, der Jagd auf Verderbte machte — das Übel ausrottete, wie sie es nannten. In anderen Ländern gab es ähnliche Zusammenschlüsse unter anderen Namen, aber sie unterschieden sich durch nichts. Keiner von ihnen war besonders wählerisch, wenn es um Beweise ging. Eine Leiche genügte ihnen als Beweis, daß sie ihre Arbeit gut verrichtet hatten. Wenn sie behaupteten, die Leiche sei die eines Verderbten, dann war es eben so. In den kleineren Orten bestand der Lebensborn gewöhnlich aus selbsternannten brutalen Schlägern und Verbrechern. Der Lebensborn aus dem Schoß der Kirche war überall gefürchtet. Aus gutem Grund.
»Sie überwältigten uns…« Ihre Stimme brach, aber nur dieses eine Mal. »… und brachten uns in getrennte Räume im Keller der Mühle. Es war dunkel und roch nach feuchten Steinwänden und Getreidestaub. Was man Pell antat, wußte ich nicht. Ich war fast zu verängstigt, um zu atmen.
Mathrin Galliene behauptete, Pell und ich seien Verderbte. Ich könne nicht wie geplant heiraten, weil ich den Wunsch hätte, die Aufmerksamkeit des Hüters auf Choora zu lenken. In jenem Sommer ging eine Krankheit, ein Fieber, durch das Land und trug den Tod in so manches Haus. Mathrin Galliene behauptete, Pell und ich hätten die Krankheit eingeschleppt. Ich bestritt das und sprach als Beweis den Eid.« Adie drehte ihre Tasse zwischen den Fingern und starrte hinein.
Zedd berührte ihre Hand. »Trink, Adie. Das wird dir helfen.« Er hatte eine Prise Wolkenblatt in ihren Tee gegeben, damit es ihr ein wenig leichter fiel, sich zu entspannen.
Sie nahm einen kräftigen Schluck. »Mathrin Galliene behauptete, Pell und ich seien Verderbte und der Friedhof sei voller Beweise dafür. Er meinte, er wolle weiter nichts, als daß Pell und ich die Wahrheit sagten, ein Geständnis ablegten. Die anderen Männer des Lebensborns standen um uns herum wie Hunde um ein Kaninchen und knurrten, bereit, uns zu zerfleischen. Ich hatte fürchterliche Angst um Pell. Als sie mich schlugen, wußte ich, daß sie ihm noch Schlimmeres antaten, damit er mich als Verderbte verleumdete. Für den Lebensborn gab es nichts Schöneres als jemanden, der einen geliebten Menschen als Verderbten verleumdete. Sie hörten einfach nicht hin, als ich es bestritt.« Sie hob den Kopf und sah ihm in die Augen. »Sie wollten einfach nicht hören.«
»Was immer du gesagt hättest«, erklärte Zedd ruhig, »es hätte keinen Unterschied gemacht, Adie. Es war egal. Wenn man im Fangeisen sitzt, hat es wenig Sinn, mit dem Stahl zu diskutieren.«
Sie nickte. »Ich weiß.« Ihr Gesicht war eine Maske der Ruhe, unter der sich etwas zusammenbraute. »Wenn ich von meiner Gabe Gebrauch gemacht hätte, ich hätte es aufhalten können. Aber das hätte allem widersprochen, was man mir beigebracht hatte — was ich glaubte. Ich hätte selbst den Beweis geliefert, daß ihre Beschuldigungen richtig waren. Mir wäre es wie Ketzerei an unserem Schöpfer vorgekommen. Als sie mich schlugen, war ich ebenso hilflos, als hätte ich die Gabe nicht besessen.«
Sie leerte ihre Tasse. »Selbst wenn ich schrie, konnte ich Pells Schreie aus einem Nebenraum hören.«
Zedd ging zum Feuer, holte den Teekessel und füllte erneut ihre Tasse. »Mach dir keine Vorwürfe, Adie.«
Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, als er sich noch eine Tasse Tee einschenkte. »Ich sollte Pell als Verderbten verleumden. Ich sagte ihnen, das würde ich niemals tun, sie könnten mich töten, aber nie dazu bringen.
Mathrin beugte sich über mich, brachte sein Gesicht ganz nah an meins. Ich sehe sein Lächeln noch immer vor meinem inneren Auge. Er sagte: ›Ich glaube dir, Mädchen. Aber das spielt keine Rolle, denn du bist es gar nicht, die den Verderbten benennen soll. Pell ist es, der den Namen des Verderbten nennen soll. Wir wollen, daß Pell dich als Verderbte bezeichnet. Du bist die Verderbte.‹ Dann hielten mich die Männer fest. Mathrin versuchte, mir etwas in die Kehle zu schütten. Es verbrannte mir den Mund. Er hielt mir die Nase zu. Es hieß, entweder trinken oder ertrinken. Ich wäre gern ertrunken, trotzdem schluckte ich es, ohne es zu wollen. Es brannte in der Kehle, als hätte ich Feuer geschluckt. Ich konnte nicht sprechen. Ich brachte kein Geräusch hervor. Ich konnte nicht einmal schreien. Da war nur ein brennender Schmerz. Der Schmerz war größer als alles, was ich bis dahin erlebt hatte.« Sie trank einen Schluck Tee, als wollte sie den Schmerz in ihrer Kehle lindern.
»Dann schleppten mich die Männer in den Raum mit Pell und fesselten mich vor ihm auf einen Stuhl. Mathrin packte mich an den Haaren, so daß ich mich nicht bewegen konnte. Es brach mir das Herz, zu sehen, was sie mit meinem Pell gemacht hatten. Sein Gesicht war weiß wie Schnee. Sie hatten ihm die meisten seiner Finger abgehackt, immer ein Glied nach dem anderen.« Ihre Finger klammerten sich fester um ihre Tasse, als sie sich starren Blicks erinnerte.
»Mathrin erklärte Pell, ich hätte gestanden, daß er ein Verderbter sei. Pell sah mich mit großen Augen an. Ich versuchte zu schreien, daß das nicht wahr sei, doch es kam kein Laut. Ich versuchte meinen Kopf zu schütteln, doch Mathrin hielt mich so, daß das unmöglich war. Pell erklärte, daß er ihnen nicht glaube. Sie schnitten ihm einen weiteren Finger ab. Sie erklärten, das täten sie nur deshalb, weil ich ihn beschuldigt hätte. Sie täten es nur auf mein Geheiß. Pell hielt den Blick auf mich gerichtet, während er ihnen immer wieder kopfschüttelnd erklärte, er glaube ihnen nicht. Sie erklärten Pell, ich hätte behauptet, ich wolle getötet werden, weil er ein Verderbter sei. Pell erklärte noch immer, er glaube ihnen nicht. Er sagte, daß er mich liebe.