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Dann erklärte Mathrin, ich hätte Pell als Verderbten bezeichnet, und wenn das nicht stimme, dann brauchte ich es nur zu bestreiten, und sie würden uns beide freilassen. Er erklärte Pell, ich hätte geschworen, es nicht zu bestreiten, denn er sei ein Verderbter, und ich wolle, daß er dafür stirbt. Pell schrie, ich solle es ihnen erklären. Schrie, ich solle es leugnen. Er schrie meinen Namen, bat mich schreiend, irgend etwas zu sagen.

Ich versuchte es, bekam aber nichts heraus. Meine Kehle brannte wie Feuer. Meine Stimme versagte. Mathrin hielt mich an den Haaren gepackt, so daß ich mich nicht bewegen konnte. Pell starrte mich aus großen Augen an. Während ich stumm dasaß. Dann sprach Pell zu mir. ›Wie kannst du mir das antun, Adie? Wie konntest du mich als Verderbten bezeichnen?‹ Dann fing er an zu weinen.

Mathrin bat ihn, mich als Verderbte zu bezeichnen. Er sagte, wenn er es täte, würden sie ihm eher glauben als mir, denn ich besäße die Gabe. Anschließend wollten sie ihn freilassen. Pell sagte leise: ›Ich werde das nicht von ihr behaupten. Nicht einmal, um mein Leben zu retten. Obwohl sie mich verraten hat.‹ Diese Worte brachen mir das Herz.«

Während sie ins Leere starrte, bemerkte Zedd, wie eine Kerze auf der Arbeitsfläche hinter ihr zu einer Pfütze zusammenschmolz. Er spürte die Kraftwellen, die sie ausstrahlte. Er merkte, wie er den Atem angehalten hatte, entspannte sich und atmete aus.

»Mathrin hat Pell die Kehle durchgeschnitten«, sagte sie schlicht. »Er hat Pells Kopf abgetrennt und ihn mir hingehalten. Ich sollte sehen, zu was es führte, wenn man dem Hüter folgte. Dann meinte er, dies sei das letzte, was ich jemals sehen sollte. Die Männer hielten meinen Kopf nach hinten und rissen mir die Augen auf. Mathrin goß eine brennende Flüssigkeit hinein. Ich war geblendet. In diesem Augenblick geschah etwas in meinem Innern. Mein Pell war tot, er war in dem Glauben gestorben, daß ich ihn verraten hätte, mein Leben stand kurz vor dem Ende. Plötzlich erkannte ich, daß dies alles mein eigener Fehler war, weil ich mich an meinen Eid gehalten hatte. Das Leben meines Geliebten im Tausch gegen einen Eid, einen dummen Aberglauben. Alles war plötzlich egal, alles war für mich verloren.

Ich benutzte die Gabe, ließ meinem Zorn freien Lauf. Ich brach meinen Schwur, die Gabe nicht zu benutzen, um jemandem Schaden zuzufügen. Sehen konnte ich nichts, aber ich konnte hören. Ich hörte, wie ihr Blut an die Steinwände klatschte. Ich schlug wild um mich. Ich zerfetzte alles Lebendige in jenem Raum, ob Mann oder Maus. Ich konnte nichts sehen, also schlug ich auf alles ein, was lebte. Ich wußte nicht, ob jemand entkommen war. In gewisser Weise war ich froh, blind zu sein — vielleicht hätte ich aufgehört, wenn ich hätte sehen können, was ich tat.

Als alles totenstill war, tastete ich mich durch den Raum und zählte die Leichen. Eine fehlte. Ich kroch zum Haus meiner Großmutter Lindel. Ich habe keine Ahnung, wie ich das geschafft habe, vielleicht hat die Gabe mich geführt. Sie war außer sich, als sie mich sah. Sie riß mich hoch und wollte wissen, ob ich meinen Eid gebrochen hatte.«

Zedd beugte sich vor. »Aber du konntest nicht sprechen. Wie hast du ihr geantwortet?«

Adie lächelte kalt. »Ich packte sie mit der Kraft der Gabe bei der Kehle, hob sie hoch und rammte sie krachend gegen die Wand. Dann ging ich zu ihr und nickte. Ich drückte ihr vor Wut die Kehle zu. Sie wehrte sich. Sie wehrte sich mit all ihrer Kraft. Aber ich war stärker, viel stärker. Bis zu diesem Augenblick hatte ich nicht gewußt, daß die Gabe sich bei jedem anders äußert. Sie war so hilflos wie eine Handpuppe.

Aber ich konnte ihr nicht weh tun, weil sie diese Frage vor allen anderen gestellt hatte — jedenfalls nicht so weh, wie ich ihr gern getan hätte. Ich ließ sie los und sank zu Boden. Ich konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten. Sie kam zu mir und begann, meine Wunden zu versorgen. Sie meinte, durch den Bruch meines Eides hätte ich Unrecht getan, doch was man mir angetan hatte, sei ein noch größeres Unrecht.

Ich hatte nie wieder Angst vor Großmutter Lindel. Nicht, weil sie mir half, sondern weil ich mich durch den Bruch meines Eids über das hinweggesetzt hatte, was man mir beigebracht hatte, und weil ich wußte, daß ich stärker war als sie. Von diesem Tag an hatte sie Angst vor mir. Ich glaube, sie hat mir geholfen, weil sie wollte, daß ich gesund werde, damit ich fortgehen konnte.

Ein paar Tage später kam Großmutter Lindel nach Hause und eröffnete mir, sie sei vor den Kreis des Königs gerufen und befragt worden. Sie sagte, alle Männer bei der Mühle, alle Männer des Lebensborns, seien tot, bis auf Mathrin. Er war entkommen. Sie erklärte vor dem Kreis, sie hätte mich nicht gesehen. Man glaubte ihr oder behauptete dies zumindest, weil man keine Auseinandersetzung mit ihr und vor allem nicht mit einer Magierin wollte, die so viele Männer auf derart schreckliche Weise getötet hatte. Daher durfte sie wieder ihren Geschäften nachgehen.«

Ein Teil der Anspannung schien aus ihren Schultern zu weichen. Sie betrachtete einen Augenblick lang die Teetasse, dann nahm sie noch einen Schluck. Sie hielt Zedd die Tasse zum Auffüllen hin. Er schenkte etwas nach. Nebenbei wünschte er sich, ein wenig mehr Wolkenblatt in seinen eigenen Tee gegeben zu haben. Er glaubte nicht, daß die Geschichte hiermit zu Ende war.

»Mein Kind habe ich verloren«, sagte Adie leise schnarrend.

Zedd hob den Kopf. »Das tut mir leid, Adie.«

Sie sah auf und blickte ihm in die Augen. »Ich weiß.« Nachdem er den Kessel abgesetzt hatte, ergriff sie seine Hand mit beiden Händen. »Ich weiß.« Sie zog ihre Hände zurück. »Meine Kehle ist verheilt.« Sie berührte sich ganz sacht am Hals, dann flocht sie die Finger ineinander. »Aber meine Stimme klingt jetzt, als ob man mit Eisen über Felsen kratzt.«

Er sah sie schmunzelnd an. »Ich mag das Eisen in deiner Stimme. Es paßt zu dir.«

Die Andeutung eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. »Meine Augen haben sich allerdings nicht mehr erholt. Ich bin blind. Großmutter Lindel ist vielleicht nicht so stark wie ich, aber sie ist alt und kennt so manchen Trick. Sie hat mir beigebracht, ohne meine Augen zu sehen. Sie hat mir gezeigt, wie man mit der Gabe sieht. Es ist nicht dasselbe wie mit den Augen, doch in mancherlei Hinsicht ist es besser. Auf gewisse Weise sehe ich mehr.

Als ich wieder gesund war, wollte Großmutter Lindel, daß ich fortgehe. Sie wollte niemanden bei sich haben, der den Eid gebrochen hatte, auch wenn wir blutsverwandt waren. Sie hatte Angst, ich könnte ihr Schwierigkeiten machen. Ob durch den Hüter, weil ich meinen Eid gebrochen hatte, oder durch den Lebensborn, das wußte sie nicht, aber sie befürchtete, es würde meinetwegen Ärger geben.«

Zedd lehnte sich zurück und reckte ein wenig seine angespannten Muskeln. »Und — gab es Ärger?«

»O ja«, zischte Adie und hob die Brauen, während sie sich vorbeugte. »Und zwar wie. Mathrin Galliene brachte ihn mit: zwanzig Männer des Lebensborns. Im Dienste der Krone. Kampferprobte Männer, große Kerle mit grimmiger Miene, wilde Typen, schön anzusehen auf ihren Pferden, in Reih und Glied mit ihren Schwertern, Schilden und Bannern, die Lanzen alle im gleichen Winkel ausgerichtet. So hübsch anzusehen in ihren Kettenhemden, ihren blankgeputzten Harnischen, in die man den funkelnden Kranz der Krone getrieben hatte — und alle trugen sie Helme mit roten Federbüschen, die beim Reiten auf und ab wogten. Jedes einzelne Pferd ein Schimmel.

Ich stand auf der Veranda und verfolgte mit den Augen der Gabe, wie sie vor mir Aufstellung nahmen, ganz so, als träten sie vor dem König höchstpersönlich an. Jedes Pferd stellte den Fuß auf die gleiche Weise ab, alle blieben sie auf einen Fingerzeig des Kommandanten in Reih und Glied stehen. Da standen sie vor mir, darauf erpicht, ihre grausige Pflicht zu tun. Mathrin wartete auf seinem Pferd hinter ihnen und sah zu. Der Kommandant rief mir zu: ›Du bist verhaftet als Verderbte, und als solche wirst du hingerichtet werden.‹«