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Adie erwachte aus ihrer Erinnerung und hob den Kopf. Ihr Blick traf den von Zedd. »Ich dachte an Pell. Meinen Pell.«

Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich zu einer eisernen Maske. »Sie waren alle tot, bevor ein einziges Schwert die Scheide verließ, bevor eine Lanze angehoben wurde, bevor ein einziger Fuß den Boden berührte. Mit allem, was ich hatte, fegte ich über ihre Reihe hinweg, von links nach rechts, Mann für Mann, einen nach dem anderen, gedankenschnell. Sie stürzten mit dumpfem Schlag vom Pferd. Jeder einzelne von ihnen, bis auf den Kommandanten. Er hockte noch immer mit versteinerter Miene auf seinem Schimmel, während seine Männer in ihren Rüstungen krachend auf beiden Seiten zu Boden gingen.

Als es vorbei und das Scheppern des letzten Schildes verhallt war, sah ich ihm in die Augen. ›Eine Rüstung‹, erklärte ich ihm, ›ist zwecklos gegen eine wahre Verderbte. Oder eine Magierin. Sie taugt nur gegen Unschuldige.‹ Dann trug ich ihm auf, dem König eine Nachricht von mir zu überbringen. Ich sagte: ›Berichte ihm, daß, wenn er mir noch einen einzigen Mann des Lebensborns nachsendet, um mich gefangenzunehmen, dann dies der letzte Befehl sein wird, den er je erteilt hat.‹ Er sah mich einen Augenblick lang ohne die geringste Regung in seinen kalten Augen an, dann ließ er sein Pferd kehrtmachen und lenkte es fort, ohne sich noch einmal umzudrehen.«

Ihr Blick senkte sich auf den Tisch. »Meine Großmutter wandte sich von mir ab. Sie erklärte, ich müsse aus ihrem Haus verschwinden und dürfe nie wieder zurückkommen.«

Bei der Vorstellung einer Magierin mit genügend Kraft, Männer auf diese Weise umzubringen, zuckten Zedds Mundwinkel, ohne daß er es verhindern konnte. Für eine Magierin war es äußerst selten, über eine derart starke Gabe zu verfügen. »Und was wurde aus Mathrin? Hast du ihn nicht getötet?«

Sie schüttelte den Kopf. Ein freudloses Grinsen spielte über ihre Lippen.

»Nein. Ich habe ihn mitgenommen.«

»Du hast ihn mitgenommen?«

»Ich habe ihn an mich gebunden. Sein Leben an meins gebunden. Und zwar so, daß er immer wußte, wo ich war, und jeden Neumond zu mir kommen mußte, egal, wo ich war, egal, was er selber wollte. Er mußte mir folgen oder zumindest so dicht in der Nähe bleiben, daß er mich an jedem Neumond erreichen konnte.«

Zedd legte die Stirn in Falten und studierte den Bodensatz in seiner Teetasse. »In Winston, der Hauptstadt und dem Sitz der Krone Keltons, habe ich einmal einen Mann namens Mathrin gesehen. Er war ein Bettler, und ihm fehlten an einer Hand die Finger, wenn ich mich recht erinnere. Er war blind. Man hatte ihm die Augen…« Plötzlich heftete er den Blick auf ihr Gesicht. »Man hatte ihm die Augen ausgestochen.«

Adie nickte. »Das stimmt, allerdings.« Ihre Miene wurde wieder eisenhart. »Jeden Neumond kam er zu mir, und ich schnitt ihm etwas ab, um mit seinen Schreien die Leere in meinem Innern zu füllen.«

Zedd ließ sich nach hinten sinken, die Hände auf die Tischplatte gepreßt. Eisenhart, allerdings. »Du hast in Kelton also ein neues Zuhause gefunden?«

»Nein. Ich habe kein Zuhause gefunden. Ich bin gereist, habe Frauen mit der Gabe aufgespürt, Frauen, die mir bei meinen Studien helfen konnten. Keine wußte genau, wonach ich suchte, aber jede einzelne wußte zumindest einen kleinen Teil, den die anderen nicht kannten. Mathrin folgte mir und suchte mich jeden Neumond auf, und ich schnitt ihm jedesmal etwas anderes ab. Ich wollte, daß er ewig lebt, ewig leidet. Er war es, der mich so mit seinen Fäusten mißhandelt hatte, damit ich Pells Kind verlor. Er war es, der Pell getötet hatte. Er hatte mich geblendet.«

Ihre weißen Augen färbten sich im Schein der Lampe rot, als sie den Blick wieder in die Ferne richtete. »Er war es, der Pell dazu gebracht hatte, zu glauben, ich hätte ihn verraten. Ich wollte, daß Mathrin Galliene ewig leidet.«

Zedd machte eine vage Handbewegung. »Wie lange hat er … durchgehalten?«

Adie seufzte. »Nicht lange genug und doch zu lang.« Zedd machte ein fragendes Gesicht. »Eines Tages kam mir ein Gedanke: ich hatte meine Gabe nie dazu benutzt, Mathrin daran zu hindern, sich umzubringen. Warum sollte er weiter zu mir kommen? Und sich von mir quälen lassen? Warum sollte er dem nicht einfach ein Ende machen? Als er dann das nächste Mal kam und ich ihm wieder etwas abschnitt, löste ich auch unseren Bund. Ich löschte sein Verlangen, mich beim nächsten Mal wieder aufzusuchen. Doch ich tat es so, daß er es nicht bemerkte und er mich einfach vergessen konnte, wenn er das wollte.«

»Und das war das letzte Mal, daß du ihn gesehen hast?«

Sie sah ihn mit bitterem Kopfschütteln an. »Nein. Ich dachte, es sei das letzte Mal, doch beim nächsten Neumond war er wieder da. Er war zurückgekehrt, obwohl er es nicht mußte. Mir gefror das Blut, als ich über den Grund nachdachte. Ich entschied, es sei an der Zeit, daß er mit seinem Leben für das bezahlte, was er mir und Pell und all den anderen angetan hatte. Doch bevor er mir sein Leben gab, sollte er mir eine Antwort geben.

Auf meinen Reisen hatte ich viel gelernt. Dinge, für die ich nie Verwendung zu haben glaubte. An jenem Abend fand ich eine Verwendung dafür. Ich wollte erfahren, welche Folter Mathrin vor allen anderen fürchtete. Es gibt einen Trick, mit dem man Ängste herausfinden kann, doch bei anderen Geheimnissen erweist er sich als nutzlos. Gegen seinen Willen sprudelten die Worte, die Ängste, aus ihm heraus.

Ich ließ ihn die ganze Nacht und den ganzen darauffolgenden Tag schwitzen, während ich mich auf die Suche nach den Dingen machte, die ich benötigte: die Dinge, die er mehr als alles fürchtete. Als ich schließlich mit ihnen zurückkehrte, war er fast wahnsinnig vor Angst. Seine Ängste waren wohlbegründet. Ich bat ihn, sein Geheimnis preiszugeben. Er lehnte ab.

Ich schüttelte den Sack aus, baute die kleinen Käfige und anderen Dinge vor ihm auf, während er nackt und hilflos auf dem Boden hockte. Ich nahm jedes einzelne in die Hand und beschrieb es, erklärte ihm, was sich in jedem Käfig, Korb oder Glas befand. Wieder bat ich ihn, es mir zu verraten. Er schwitzte, keuchte und zitterte, aber er lehnte ab. Mathrin glaubte, daß ich bluffe und daß ich nicht den Mut besäße. Er irrte sich.

Ich stählte mich und erweckte seine schlimmsten Ängste vor ihm zum Leben.«

Zedd legte die Stirn in Falten. Seine Neugier besiegte seine Angst. »Was hast du getan?«

Sie hob den Kopf und sah ihm in die Augen. »Das ist die eine Sache, die ich dir nicht verraten werde. Es ist ohnehin nicht wichtig. Mathrin weigerte sich, zu sprechen, und litt so sehr, daß ich ein paarmal fast aufgehört hätte. Jedesmal, wenn ich aufhören wollte, dachte ich an das letzte, was meine Augen gesehen hatten, bevor er mich blendete: Pells Kopf, den Mathrin mir mit seiner Hand vors Gesicht hielt.« Adie schluckte, ihre Stimme wurde so leise, daß Zedd sie kaum noch hörte. »Und ich mußte an Pells letzte Worte denken: ›Ich werde das nicht von ihr behaupten, um mein Leben zu retten. Obwohl sie mich verraten hat.‹«

Sie schloß einen Augenblick lang die Augen. Dann öffneten sich die Lider wieder, und Adie erzählte weiter. »Mathrin stand auf der Schwelle des Todes. Ich dachte, er würde mir nicht verraten, warum er noch einmal zu mir gekommen war. Doch kurz bevor er starb, wurde er ganz ruhig, trotz allem, was ich ihm antat. Und dann sagte er, er wolle es mir verraten, weil er bald sterben werde und weil auch dies zu meinem Plan gehört hätte. Ich fragte ihn abermals, warum er zurückgekommen sei. Er beugte sich zu mir vor. ›Weißt du es nicht, Adie?‹ sagte er. ›Weißt du nicht, was ich bin? Ich bin ein Verderbter. Ich habe mich die ganze Zeit direkt unter deiner Nase versteckt. Du hast mich die ganze Zeit in deiner Nähe behalten, und der Hüter wußte ganz genau, wo du steckst. Der Hüter giert vor allem nach denen mit der Gabe.‹ Ich hatte mir so etwas schon gedacht, daß er ein Verderbter sei. Ich sagte ihm, er hätte versagt, es hätte ihm nichts genutzt, da er in Kürze für seine Verbrechen sterben werde. Er lächelte mich an.« Sie beugte sich vor. »Er lächelte! Und sagte: ›Du hast dich getäuscht, Adie. Ich habe nicht versagt. Ich habe getan, was der Hüter wollte. Ich habe meine Aufgabe erfüllt. Perfekt. All dies ist genau nach Plan verlaufen. Ich habe dich dazu gebracht, genau das zu tun, was er sich wünscht. Ich werde belohnt werden. Ich war es, der das Feuer angezündet hat, als du klein warst. Ich war es, der Pell das alles angetan hat. Nicht, weil ich dachte, er oder du, ihr seid Verderbte. Der Verderbte bin ich, und ich habe das alles getan, damit du deinen Schwur brichst. Um dich dazu zu bringen, den Haß des Hüters in deinem Herzen aufzunehmen.