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Dein Bruch des Schwures war nur der erste Schritt, und sieh dir an, was du seitdem getan hast. Sieh dir an, was du jetzt, in diesem Augenblick, gerade tust. Sieh dir an, wie weit du in seine Richtung gegangen bist. Jetzt bist du in seiner Reichweite. Vielleicht hast du ihm keinen Eid geschworen, aber du bist ihm zu Willen. Du bist geworden, was du haßt. Du bist wie ich geworden, eine Verderbte. Der Hüter lächelt über dich, Adie, und er bedankt sich dafür, daß du ihn in deinem Herzen aufgenommen hast.‹ Mathrin sank zusammen und kippte tot nach hinten.«

Adie war in Tränen aufgelöst, ließ den Kopf in ihre Hände sinken. Zedd kam um den Tisch geeilt, stellte sich neben sie und drückte sie an sich, zog ihren Kopf an seinen Bauch, strich ihr übers Haar, tröstete sie, während sie weinte.

»Das stimmt nicht, meine Liebe, das stimmt ganz und gar nicht.«

Sie weinte in sein Gewand hinein, schüttelte den Kopf. »Hältst du dich für so gescheit, Zauberer? Du bist nicht so gescheit, wie du denkst. In diesem Punkt irrst du.«

Zedd kniete neben ihrem Stuhl nieder, hielt ihre Hände und blickte hoch in ihr gezeichnetes Gesicht. »Ich bin gescheit genug, um zu wissen, daß der Hüter oder einer seiner Günstlinge dir nicht die Genugtuung geben würde, dich glauben zu lassen, du hättest eine Schlacht gegen ihn gewonnen.«

»Aber ich…«

»Du hast dich gewehrt. Du hast zurückgeschlagen, weil du verletzt warst, nicht aber, weil dir die Dinge, die du getan hast, Spaß gemacht hätten. Nicht aus dem Verlangen heraus, dem Hüter zu helfen.«

Sie legte die Stirn in Falten, so sehr bemühte sie sich, ihre Tränen zu unterdrücken. »Bist du so sicher? So sicher, daß du jemandem wie mir trauen kannst?«

Zedd lächelte. »Ganz sicher. Vielleicht weiß ich nicht alles, aber ich weiß, daß du keine Verderbte bist. Du bist das Opfer, nicht die Täterin.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin da nicht so sicher wie du.«

»Hast du nach Mathrins Tod weiter getötet? Hast du dich an Unschuldigen rächen wollen?«

»Nein, natürlich nicht.«

»Wärst du ein Agent gewesen, hättest du dich dem Hüter hingegeben, seinen Wünschen unterworfen und weiter all denen Schaden zugefügt, die ihn bekämpfen. Du bist keine Verderbte, meine Liebe. Es tut mir im Herzen weh, was dir der Hüter alles genommen hat, aber deine Seele hat er nicht bekommen, die gehört noch immer dir. Davor brauchst du keine Furcht zu haben.«

Er drückte ihr sacht die Hände. Sie versuchte nicht, sie zurückzuziehen, sondern ließ sie zitternd in seinen liegen, so als sollten sie dort seinen Trost aufsaugen.

Adie wischte sich die Tränen von der Wange. »Schenkst du mir noch etwas Tee nach? Aber bitte kein Wolkenblattpulver mehr, sonst schlafe ich ein, bevor ich die Geschichte zu Ende erzählen kann.«

Zedd zog eine Braue hoch. Sie war ihm auf die Schliche gekommen. Er tätschelte ihre Schulter und erhob sich. Er schenkte ihr den Tee ein, zog seinen Stuhl vor und setzte sich wieder, während sie daran nippte.

Nachdem sie ihre Tasse halb getrunken hatte, schien sie die Beherrschung wiedergefunden zu haben. »Der Krieg mit D’Hara war in vollem Gange, stand jedoch kurz vor seinem Ende. Ich spürte, wie die Grenze entstand. Spürte, wie sie in diese Welt kam.«

»Du bist also gleich nach Entstehung der Grenze hierhergekommen?«

»Nein. Erst studierte ich noch zusammen mit ein paar Frauen. Einige brachten mir ein paar Dinge über Knochen bei.« Sie zog eine Halskette unter ihrem Gewand hervor. Sie betastete den kleinen, runden Knochen mit den roten und gelben Perlen zu beiden Seiten. Die Kette sah genauso aus wie die, die sie ihm für das Durchqueren des Passes gegeben hatte. Er trug sie noch immer um den Hals. »Dies ist ein Knochen von der Unterseite eines Schädels wie dem auf dem Regal dort drüben, dem, der runtergefallen ist. Das Tier wird Skrin genannt. Skrin sind die Wachtiere der Unterwelt — ein wenig wie die Herzhunde, nur daß sie in beide Richtungen wachen. Am besten könnte man sie als Teil des Schleiers deuten, auch wenn das nicht ganz korrekt wäre. In dieser Welt sind sie gegenständlich, haben eine Gestalt, in der anderen jedoch sind sie nur eine Kraft.«

Zedd runzelte die Stirn. »Eine Kraft?«

Adie hielt ihren Löffel hoch und ließ ihn auf den Tisch fallen. »Eine Kraft. Wir können sie nicht sehen, doch die Kraft ist da. Sie läßt den Löffel fallen und hindert ihn daran, in die Lüfte aufzusteigen. Man kann sie nicht sehen, und doch ist sie da. So ähnlich verhält es sich mit den Skrin. Zu seltenen Anlässen treibt sie die Pflicht, alles von der Scheidelinie fernzuhalten, an der sich die Welt der Toten und die der Lebenden berühren, in diese Welt hinein. Nur wenige Menschen wissen von ihnen, weil das so selten geschieht.« Zedd runzelte die Stirn. »Das ist sehr schwierig. Ich werde es ein anderes Mal erklären. Wichtig ist, daß dieser Knochen eines Skrin dich vor ihnen verbirgt.«

Adie nahm einen Schluck Tee, während Zedd die Halskette aus seinem Gewand zog, um sie in einem neuen Licht zu betrachten. »Und sie versteckt einen auch vor anderen Bestien, damit man durch den Paß gelangt?« Sie nickte. »Woher wußtest du von dem Paß? Ich habe die Grenze errichtet und wußte doch selbst nichts von der Existenz des Passes.«

Sie drehte die Teetasse immer wieder zwischen ihren Fingern. »Nachdem ich meine Großmutter verlassen hatte, spürte ich Frauen mit der Gabe auf, Frauen, die mich Dinge über die Welt der Toten lehren konnten. Nach Mathrins Tod studierte ich mit noch größerem Eifer. Jede der Frauen konnte mir nur den kleinen Teil verraten, den sie selbst kannte, doch gewöhnlich kannten sie wieder eine andere, die mehr wußte. Ich bereiste die Midlands, durchwanderte sie, sammelte Wissen. Ich sammelte all diese kleinen Teile des Wissens und fügte sie zu einem Ganzen zusammen. Auf diese Weise erfuhr ich ein wenig über die Wechselwirkung der beiden Welten.

Die Errichtung der Grenze in diesem Teil der Welt ähnelt ein wenig dem Verschließen eines Wasserkessels, bevor man ihn aufs Feuer setzt. Ohne Ventil wird er explodieren. Ich wußte, wenn es eine Magie gibt, die klug genug ist, um zu wissen, wie man die Unterwelt hierbei ins Spiel bringt, dann muß sie über eine Möglichkeit verfügen, die beiden Seiten der Grenze auszugleichen. Irgendeine Art Ventil. Einen Paß.«

Zedd runzelte die Stirn und starrte gedankenverloren in die Ferne, während er sich mit dem Daumen übers Kinn strich. »Natürlich. Das ergibt einen Sinn. Ausgewogenheit. Alle Kräfte, alle Magie brauchen Ausgewogenheit.« Er richtete den Blick auf sie. »Ich habe beim Errichten der Grenze eine Art Magie benutzt, die ich nicht völlig verstand. Sie stand in einem alten Buch von Zauberern aus alten Zeiten, die mehr Kraft besaßen, als ich mir vorstellen kann. Die Grenze unter Verwendung ihrer Anweisungen zu errichten war ein Akt der Verzweiflung.«

»Ich kann mir dich nur schwer verzweifelt vorstellen.«

»Manchmal ist das Leben nichts anderes: ein verzweifelter Akt nach dem anderen.«

Adie nickte. »Vielleicht hast du recht. Ich habe verzweifelt versucht, mich vor dem Hüter zu verstecken. Mir fiel ein, was Mathrin gesagt hatte: er hatte sich genau unter meiner Nase versteckt. Ich schloß daraus, der sicherste Ort, mich vor ihm zu verstecken, wäre der, wo er nicht suchen würde: direkt unter seiner Nase, am Rand dieser Welt. So kam ich zum Paß. Der Paß war nicht mehr diese Welt, doch er gehörte auch noch nicht zur Unterwelt. Er war eine Mischung von beidem. Ein Ort, wo beide Welten ein wenig miteinander verschmolzen. Mit den Knochen war ich in der Lage, mich vor dem Hüter zu verstecken. Weder er noch die Bestien aus seiner Welt konnten mich sehen.«