»Verstecken?« Diese Frau hatte mehr Eisen in sich, als der Kessel, der über dem Feuer hing. Wie er Adie kannte, steckte noch mehr dahinter. Zedd warf ihr einen strengen Blick zu. »Du bist hierhergekommen, bloß um dich zu verstecken?«
Sie wich seinem Blick aus, während sie den kleinen, runden Knochen an ihrer Halskette befingerte. Schließlich steckte sie ihn zurück in ihr Gewand. »Es gibt noch einen anderen Grund. Ich habe einen Eid geschworen. Mir selbst. Ich habe mir geschworen, einen Weg zu finden, wie ich Verbindung mit meinem Pell aufnehmen kann, um ihm zu sagen, daß ich ihn nicht verraten habe.« Sie trank einen kräftigen Schluck Tee. »Ich habe den größten Teil meines Lebens hier, im Paß, damit verbracht, einen Weg in das Reich der Toten zu entdecken, um Pell dies mitzuteilen. Der Paß ist ein Teil jener Welt.«
Zedd stieß seine Tasse mit dem Finger fort. »Die Grenze, den Paß, gibt es nicht mehr, Adie. Ich brauche deine Hilfe in dieser Welt.«
Sie legte ihre Arme auf den Tisch. »Als du meinen Fuß für mich hast nachwachsen lassen, kamen damit alle Erinnerungen zurück. Sie waren so frisch, als müßte ich alles noch einmal durchleben. Ich habe mich dadurch an manches erinnert, das ich längst vergessen hatte. Ich habe mich an die Schmerzen erinnert, die noch immer da waren, auch wenn die Zeit sie gelindert hat.«
»Entschuldige, Adie«, sagte er leise. »Ich hätte deine Vergangenheit bedenken sollen, aber ich konnte ja nicht ahnen, daß du soviel durchgemacht hast. Vergib mir.«
»Da gibt es nichts zu vergeben. Der Fuß war ein Geschenk. Du kanntest die Dinge nicht, die ich getan hatte. Es ist auch nicht dein Fehler, daß ich sie getan habe. Du wußtest nicht, daß ich eine Verderbte bin.«
Er sah sie scharf an. »Du glaubst, weil du dich gegen das Böse zur Wehr gesetzt hast, bist du selbst böse geworden?«
»Ich habe Schlimmeres getan, als jemand wie du verstehen kann.«
Zedd nickte leicht. »Tatsächlich? Laß mich dir eine kleine Geschichte erzählen. Ich hatte einmal eine Liebe wie du deinen Pell. Ihr Name war Erilyn. Meine Zeit mit ihr war wie deine Zeit mit Pell.« Langsam machte sich ein Lächeln auf seinen Lippen breit, als er in den Nebel dieser angenehmen Erinnerung eintauchte. »Bis Panis Rahl ihr ein Quadron hinterherschickte.«
Adie legte ihre Hand auf seine. »Zedd, du brauchst nicht…«
Zedd schlug mit der anderen Faust auf den Tisch, daß die Tassen hüpften. »Du kannst dir nicht vorstellen, was diese vier ihr angetan haben.« Er beugte sich vor. Sein Gesicht hob sich rot von seinen weißen Haaren ab. Er biß die Zähne aufeinander. »Ich habe sie gehetzt und aufgespürt. Was ich mit jedem einzelnen von ihnen getan habe, läßt das, was du Mathrin angetan hast, als Jux erscheinen. Ich habe Panis Rahl verfolgt, konnte ihn aber nicht erwischen, also machte ich mich über seine Armeen her. Für jeden Mann, den du getötet hast, Adie, habe ich tausend umgebracht. Ich war selbst bei meinen eigenen Leuten gefürchtet. Ich war der Wind des Todes. Ich tat, was nötig war, um Panis Rahl aufzuhalten. Und vielleicht sogar noch mehr.«
Er ließ sich mit seinem ganzen Gewicht in den Stuhl zurücksinken. »Wenn es so etwas wie einen Mann der Tugend gibt, dann sitzt du ihm im Augenblick bestimmt nicht gegenüber.«
»Du hast nur getan, was du tun mußtest. Das schmälert deine Tugend nicht.«
Er rümpfte die Nase. »Kluge Worte, gesprochen von einer klugen Frau. Vielleicht solltest du sie dir selbst zu Herzen nehmen.« Sie schwieg. Er stützte sich mit den Ellenbogen auf den Tisch, nahm ruhig die Tasse vom Tisch und rollte sie zwischen seinen Händen, während er fortfuhr. »Auf gewisse Weise hatte ich mehr Glück als du. Ich hatte mehr Zeit mit meiner Erilyn. Und ich habe meine Tochter nicht verloren.«
»Panis Rahl hat nicht auch versucht, deine Tochter umzubringen?«
»Doch. Ich dachte in der Tat, er hätte es versucht. Ich … ich habe einen Todeszauber ausgesprochen. Sie sollten glauben, sie hätten gesehen, wie sie stirbt. Es war die einzige Möglichkeit, sie zu beschützen und zu verhindern, daß sie es weiter versuchten.«
»Einen Todeszauber…« Adie sprach leise einen Segen in ihrer Muttersprache. »Das ist ein gefährliches Netz. Ich möchte dich deswegen nicht verdammen, du hattest einen Grund, doch solche Dinge bleiben den Seelen nicht verborgen. Du kannst von Glück reden, daß sie dadurch gerettet wurde. Du kannst dich sehr glücklich schätzen, daß dir die guten Seelen an jenem Tag beigestanden haben.«
»Vermutlich ist es manchmal schwer zu entscheiden, ob eine Fügung glücklich ist oder nicht. Ich habe sie ohne Mutter großgezogen. Sie war bereits zu einer prächtigen jungen Frau herangewachsen, als es passierte. Darken Rahl stand neben seinem Vater, als ich das Zaubererfeuer durch die Grenze schickte. Er stand neben seinem Vater, als mein Feuer ihn fand. Ein Teil des Feuers verbrannte Darken Rahl. Er verbrachte seine Jugendjahre mit Lernen, damit er beenden konnte, was sein Vater begonnen hatte, und er sich auf diese Weise rächen konnte. Er lernte, die Grenze zu durchqueren, und kam in die Midlands zurück, ohne daß ich etwas davon wußte.
Er vergewaltigte meine Tochter. Er wußte nicht, wer sie war — jeder dachte, meine Tochter sei tot –, sonst hätte er sie sicherlich getötet. Aber er hat ihr weh getan.« Er preßte die Hände zusammen. Die Tasse zersplitterte. Er drehte seine Hände um und sah nach, ob er sich geschnitten hatte, und war ein wenig überrascht, daß es nicht der Fall war. Adie sagte nichts.
»Anschließend nahm ich sie mit nach Westland, um sie zu verstecken, zu schützen. Ich habe nie herausgefunden, ob es eine weitere unglückliche Fügung war oder ob irgendeine Krankheit sie befallen hatte, jedenfalls starb sie. Sie verbrannte in ihrem eigenen Haus. Ich hatte zwar immer den Verdacht, daß diese Ironie des Schicksals mehr als Zufall war, doch fand ich nichts, was das irgendwie bewiesen hätte. Vielleicht waren die guten Seelen an jenem Tag, als ich den Todeszauber aussprach, doch nicht auf meiner Seite.«
»Wie schrecklich, Zedd«, sagte Adie in ihrem leisen Schnarrton.
Er tat ihr Mitleid mit einer Handbewegung ab. »Ich hatte noch immer ihren kleinen Jungen.« Er schob die Splitter der Tasse mit dem Finger in der Mitte des Tisches zu einem kleinen Haufen zusammen. »Darken Rahls Sohn. Der Abkömmling eines Agenten des Hüters. Aber auch der Sohn meiner Tochter, und mein Enkel. Er wußte nichts von dem Verbrechen, das mit seiner Zeugung verbunden war. Ein toller Junge.«
Er sah sie unter seinen buschigen Brauen hervor an. »Ich glaube, du kennst ihn. Sein Name lautet Richard.«
Adie schnellte auf ihrem Stuhl nach vorn. »Richard! Richard ist dein…« Kopfschüttelnd lehnte sie sich wieder zurück. »Zauberer und ihre Geheimnisse.« Ihre Miene verfinsterte sich ein wenig, heiterte sich dann aber wieder auf. »Vielleicht hattest du einen Grund, das für dich zu behalten. Besitzt Richard die Gabe?«
Zedd zog die Brauen hoch und nickte. »Die besitzt er allerdings. Das war ein Grund, weshalb ich ihn in Westland versteckt hielt. Obwohl ich nicht sicher war, befürchtete ich, er könnte die Gabe besitzen, und wollte ihn vor Gefahren schützen. Wie du gesagt hast, der Hüter giert nach denen, die die Gabe besitzen, mehr als nach irgendwelchen anderen Menschen. Ich wußte, wenn ich beginne, ihn zu unterrichten, und dabei selbst sehr viel Magie einsetze, würde ich ihn der Gefahr aussetzen. Ich wollte, daß er aufwächst und einen starken Charakter bekommt, bevor ich ihn prüfe — und unterrichte, falls er die Gabe hätte. Ich hatte schon immer vermutet, daß er sie besäße. Manchmal hoffte ich, er hätte sie nicht. Aber jetzt weiß ich, daß er sie besitzt. Er hat sie benutzt, um Darken Rahl aufzuhalten. Er hat Magie benutzt.«