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Er beugte sich vor. »Vermutlich hat er die Gabe sowohl von seinem Großvater als auch von seinem Vater. Von zwei unterschiedlichen Geschlechtern von Zauberern.«

»Verstehe«, war alles, was sie sagte.

»Doch im Augenblick müssen wir uns um wichtigere Dinge kümmern. Darken Rahl hat die Kästchen der Ordnung ins Spiel gebracht. Er hat eins aufgemacht — das falsche, wenigstens für ihn. Aber vielleicht auch für uns. In der Burg existieren Bücher, in denen von großen Gefahren die Rede ist. Wenn die Kästchen eingesetzt werden, wenn die Magie der Ordnung eingesetzt wird, selbst wenn die Person, die sie ins Spiel bringt, einen tödlichen Fehler begeht — so lautet die Warnung dort –, kann dadurch der Schleier trotzdem einen Riß bekommen.

Adie, ich weiß nicht so viel über die Unterwelt wie du. Du hast sie den größten Teil deines Lebens studiert. Ich brauche deine Hilfe. Du mußt mich nach Aydindril begleiten, um die Bücher zu studieren und zu sehen, was wir tun können. Ich habe viele von ihnen gelesen und nicht sehr viel verstanden. Vielleicht gelingt es dir. Selbst wenn dir nur eine Kleinigkeit auffällt, die ich übersehen habe, könnte das von Bedeutung sein.«

Sie starrte mit bitterer Miene auf den Tisch. »Ich bin eine alte Frau. Ich bin eine alte Frau, die den Hüter in ihr Herz gelassen hat.«

Zedd sah sie an, doch sie wich seinem Blick aus. Er schob seinen Stuhl zurück und stand auf. »Eine alte Frau? Nein. Eine törichte Frau, vielleicht.« Sie antwortete nicht. Ihr Blick blieb geradewegs auf den Tisch gerichtet.

Zedd schlenderte im Raum umher und begutachtete die an der Wand hängenden Gebeine. Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und studierte die Talismane der Toten.

»Dann bin ich womöglich auch nur ein alter Mann? Ein törichter alter Mann. Vielleicht sollte ich dies einem jungen Mann überlassen?« Er warf einen Blick über die Schulter. Sie beobachtete ihn. »Wenn aber ein junger Mann gut ist, vielleicht wäre dann ein jüngerer noch besser? Ja, warum sollte man es nicht gar einem Kind überlassen? Das wäre noch viel besser. Vielleicht gibt es irgendwo einen Zehnjährigen, der bereit wäre, irgend etwas zu unternehmen, um zu verhindern, daß die Toten die Lebenden verschlingen?«

Er warf die Arme in die Luft. »Wenn es nach dir geht, ist Wissen scheinbar unnütz, und nur die Jugend zählt.«

»Jetzt führst du dich wirklich töricht auf, alter Mann. Du weißt genau, was ich meine.«

Zedd trat an den Tisch zurück und zuckte mit den knochigen Schultern. »Wenn du einfach hier in diesem Haus rumsitzt, anstatt mit deinem Wissen zu helfen, dann bist du vielleicht tatsächlich das, was du am meisten fürchtest: ein Agent des Hüters.«

Er stemmte seine Fäuste auf den Tisch, beugte sich über sie und funkelte sie an. »Wenn du ihn nicht bekämpfst, dann hilfst du ihm. Das war doch die ganze Zeit sein Plan. Er wollte nicht, daß du dich ihm zuwendest, sondern daß du Angst bekommst, ihn aufzuhalten.«

Sie sah ihm in die Augen. Beklommenheit stahl sich in ihren Blick. »Was soll das heißen?«

»Er hat bereits alles getan, was er tun mußte, Adie. Er hat dafür gesorgt, daß du dich vor dir selbst fürchtest. Der Hüter hat unendliche Geduld. Du mußt nicht für ihn arbeiten. Es kostet Mühe, jemanden umzudrehen, der die Gabe hat. Die Mühe warst du ihm nicht wert. Ihm war nur wichtig, daß du nicht gegen ihn arbeitest. Er hat nur das Nötige getan. Mehr Mühe hat er nicht vergeudet. In mancherlei Hinsicht ist er für diese Welt so blind wie wir für seine. Er hat hier nur bedingt Einfluß und muß sich sorgfältig überlegen, was er tut. Die Macht, die er hier hat, vergeudet er nicht leichtfertig.«

Erkenntnis trat an die Stelle der Beklommenheit. »Vielleicht bist du doch nicht so ein alter Narr.«

Lächelnd zog Zedd seinen Stuhl heran und setzte sich. »Der Meinung war ich eigentlich schon immer.«

Adie nestelte mit ihren Händen im Schoß und betrachtete die Tischplatte, als hoffte sie, dort Hilfe zu finden. Im Haus war es bis auf das leise Knistern des Feuers im Kamin still. »All die Jahre hat sich die Wahrheit gleich unter meiner Nase versteckt.« Sie hob den Kopf und sah ihn mit einer Mischung aus Verwirrung und Verstörtheit an. »Und wieso bist du so weise?«

Zedd zuckte mit den Achseln. »Das ist nur einer der Vorzüge eines langen Lebens. Du siehst dich selbst als alte Frau. Ich sehe eine wunderbare, liebenswerte Frau, die in ihrer Zeit in dieser Welt eine Menge gelernt hat und die aus dem Geschehen ihre Klugheit gewonnen hat.«

Er zog ihr die gelbe Rose aus dem Haar und hielt sie ihr vors Gesicht. »Dein Liebreiz ist keine Maske, keine dünne Schicht über einem faulen Kern. Er entspringt aus innerer Schönheit.«

Sie nahm ihm die Blume aus der Hand und legte sie auf den Tisch. »Auch deine geschickte Zunge kann die Tatsache nicht verbergen, daß ich mein Leben vergeudet habe…«

Zedd schüttelte den Kopf, schnitt ihr das Wort ab. »Nein. Du hast nichts vergeudet. Du hast einfach nur die andere Seite der Dinge noch nicht gesehen. In der Magie, ja in allen Dingen, gibt es eine Ausgewogenheit, wir müssen sie nur suchen. Der Hüter hat getan, was er getan hat. Er hat dir einen Verderbten geschickt, damit du ihm nicht ins Werk pfuschst und um dir einen Samen des Zweifels einzupflanzen, ob du dich nicht vielleicht eines Tages doch ihm zuwenden wirst.

Doch selbst darin gibt es etwas, das sein Tun ausgleichen kann. Du bist hierhergekommen, um etwas über die Welt der Toten zu erfahren, damit du Verbindung mit deinem Pell aufnehmen kannst. Begreifst du nicht, Adie? Man hat dich beeinflußt, damit du dich nicht in die Pläne des Hüters einmischst. Die Ausgewogenheit besteht nun darin, daß du dadurch Dinge erfahren hast, die dir dabei helfen könnten, den Hüter aufzuhalten. Du darfst dich nicht dem preisgeben, was er dir angetan hat, sondern du mußt dich mit dem wehren, was er dir versehentlich überlassen hat.«

In ihren Augen glitzerte es, als sie den Blick durch ihr Haus schweifen ließ, den Knochenstapel betrachtete, die Wände, die mit den Talismanen der Toten bedeckt waren, die sie in all den Jahren gesammelt hatte, und die Regale, die noch weit mehr enthielten. »Aber mein Eid … mein Pell. Ich muß ihn erreichen, es ihm erklären. Er ist in dem Glauben gestorben, ich hätte ihn verraten. Wenn ich in seinen Augen keine Erlösung finden kann, bin ich verloren, dann ist mein Herz verloren. Und wenn ich verloren bin, wird mich der Hüter finden.«

»Pell ist tot, Adie. Es gibt ihn nicht mehr. Auch die Grenze und den Paß gibt es nicht mehr. Du weißt sicher besser als ich, ob sie dir bei deinem Anliegen jemals haben helfen können, aber in all den Jahren hast du den Weg nicht gefunden. Wenn du weiter danach trachtest, deinen Eid zu erfüllen, wirst du hier keine Hilfe finden. Aber vielleicht in Aydindril. Zu helfen, den Hüter aufzuhalten, bedeutet nicht, daß du deinen Schwur brechen mußt. Wenn ich dir mit meinem Wissen und meinem Beistand bei deiner Suche irgendwie helfen kann, werde ich das gern tun. So, wie du Dinge weißt, die mir unbekannt sind, weiß ich auch manches, von dem du nichts ahnst. Ich bin schließlich der Oberste Zauberer. Vielleicht hilft dir mein Wissen. Pell würde nicht wollen, daß du ihm erklärst, du hättest ihn nicht verraten, wenn du dafür alle anderen verraten mußt.«

Adie nahm die gelbe Blume in die Hand, drehte sie zwischen den Fingern, dann legte sie sie wieder hin. Sie packte die Tischkante und stemmte sich auf die Beine. Einen Augenblick lang stand sie da, schließlich hob sie den Kopf und ließ ihre weißen Augen noch einmal durch die Hütte wandern.

Sie strich ihr Gewand an den Hüften glatt, als wollte sie ordentlich aussehen, dann humpelte sie um den Tisch herum und stellte sich hinter seinen Stuhl. Zedd spürte, wie ihre Hände auf seinen Schultern ruhten. Unerwartet beugte sie sich vor, küßte ihn auf den Kopf und strich seine widerspenstigen Haare mit sanfter Hand glatt. Zedd war erleichtert, hatte er doch befürchtet, sie könnten sich um seine Kehle schließen. Was nach seinen Bemerkungen durchaus möglich gewesen wäre.