Adie machte eine Handbewegung zu den Wänden, dann Richtung Knochenhaufen. »Ich habe einen vollständigen Skrin hier, unter den Knochen. Ich habe einmal mit einem gekämpft, im Paß. Seine Knochen liegen hier. Sein Schädel liegt im Regal. Es ist der, der heruntergefallen ist.«
Sie legte einen ihrer dürren Finger auf die geschnitzte Knochenkugel in Zedds Hand, dabei beugte sie sich vor und senkte ihre schnarrende Stimme. »Dies hier, meinte die Alte, gehört in die Obhut eines Menschen, der etwas davon versteht. Sie erklärte mir, es sei uralte Magie, hergestellt von Zauberern aus alter Zeit, und möglicherweise habe ihnen der Schöpfer selbst dabei die Hand geführt. Man habe es auf Grund von Prophezeiungen hergestellt. Sie sagte, es sei vielleicht der wichtigste magische Gegenstand, den ich je in Händen halten würde. Er sei mit mehr Kraft ausgestattet, als sie oder ich je begreifen würde. Sie meinte, er sei aus Skrinknochen und enthielte die Kraft der Skrin und er sei ein Talisman, der von großer Wichtigkeit wäre, sollte der Schleier jemals in Gefahr geraten.
Ich fragte sie, wie man ihn benutze, wie die Magie funktionierte und wie er in ihre Hände geraten war. Sie war sehr erschöpft, mein Besuch hatte sie sehr aufgeregt, und sie sagte, sie müsse sich jetzt ausruhen. Ich sollte am Morgen wiederkommen, dann wollte sie mir alles erzählen, was sie wußte. Als ich wiederkam, war sie gestorben.« Adie sah ihn bedeutungsvoll an. »Ihr Tod kam für mich ein wenig zu früh.«
Zedd hatte denselben Gedanken gehabt. »Aber du hast keine Ahnung, was es ist oder wie man ihn benutzt?«
»Nein.«
Schon jetzt benutzte Zedd Magie, um ihn mit einem Luftkissen hochzuheben, ihn im Raum schweben zu lassen, wo er zusah, wie er sich langsam drehte. Die ganze Zeit über erwiderten die fein geschnitzten Augen seinen Blick, während die Kugel vor ihm rotierte. »Hast du versucht, Magie bei ihm anzuwenden?«
»Ich hatte Angst davor.«
Zedd hielt seine knochigen Hände rechts und links neben das schwebende Schnitzwerk und untersuchte es vorsichtig mit verschiedenen Arten von Kraft, verschiedenen Arten von Magie, die er auf der Suche nach einem Riß, einem Schild, einem Auslöser vorsichtig prüfend über den rundlichen Knochen gleiten ließ.
Es fühlte sich äußerst seltsam an. Die Magie wurde zurückgeworfen, als wäre sie auf nichts gestoßen, als wäre das Ding überhaupt nicht vorhanden. Vielleicht handelte es sich um einen Schild, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Er erhöhte die Kraft. Sie glitt am Schnitzwerk ab wie eine neue Ledersohle auf Eis.
Adie rang die Hände. »Ich glaube, du solltest nicht…«
Die Flamme der Lampe erlosch mit einem leisen Puffen. Unvermittelt stieg ein dünner Faden öligen Rauchs kräuselnd vom toten Docht in die Höhe. Plötzlich war der Raum leer bis auf die flackernden Schatten, die das Feuer des Kamins warf. Zedd sah die Lampe verwundert an.
Ein plötzliches Krachen ließ ihrer beider Köpfe herumwirbeln. Der Schädel kam über den Fußboden auf sie zugerollt. Auf halbem Weg blieb er wackelnd und schaukelnd liegen. Leere Augenhöhlen starrten die beiden an. Die langen Reißzähne ruhten auf dem Dielenboden.
Der mit Schnitzereien verzierte Knochenball sprang auf den Tisch, hüpfte zweimal. Adie und Zedd sprangen auf.
»Was für eine Dummheit hast du jetzt gemacht, alter Mann?«
Zedd starrte den Schädel an. »Ich habe überhaupt nichts gemacht.«
Weitere Knochen fielen aus den Regalen. Knochen, die an der Wand gehangen hatten, landeten klappernd auf dem Boden, einige sprangen nach dem Aufprall wieder in die Luft.
Zedd und Adie drehten sich gleichzeitig um, als sie hinter sich Lärm hörten. Der Knochenhaufen fiel klappernd auseinander, Knochen stürzten und fielen übereinander, als der Haufen sich selbst auseinanderzerrte. Als wären sie lebendig, rutschten oder rollten einige der Knochen über den Fußboden auf den Schädel zu. Ein Rippenknochen, der über den Boden glitt, verfing sich an einem Stuhlbein und wirbelte herum, setzte seinen Weg dann fort.
Zedd wandte sich Adie zu, die jedoch zu dem Regal über der Arbeitsplatte eilte, zu jenem Regal, das mit dem blau-weiß gestreiften Tuch bedeckt war.
»Was tust du, Adie? Was ist hier los?«
Knochen in wachsender Zahl sammelten sich um den Schädel.
Sie riß das Tuch fort, zerrte es von seinem Haken. »Geh! Bevor es zu spät ist.«
»Was ist hier los?«
Gläser und Dosen schlugen scheppernd aneinander, als sie sie zur Seite fegte. Sie schob die Hand tiefer ins Regal, ihre Finger tasteten blind herum. Gefäße stürzten mit dumpfem Schlag zu Boden. Ein Glasbehälter kippte aus dem Regal und zerschellte auf der Kante der Arbeitsplatte, verteilte seine funkelnden Glassplitter über Tisch und Stühle. Eine dicke, dunkle Masse quoll über den Arbeitsplattenrand und nahm Splitter mit sich — sie sah fast aus wie ein zerschmolzener Igel.
»Tu, was ich sage, Zauberer! Verschwinde! Sofort!«
Zedd lief zu ihr, unter seinen Füßen knirschte Glas. Er blieb mit einem Ruck stehen, als er über seine Schulter einen Blick auf den Schädel warf.
Er befand sich in Augenhöhe. Unter ihm sammelten sich Knochen und setzten sich zusammen, während er weiter in die Höhe wuchs. Ein paar Rippenknochen reihten sich ein, Wirbel glitten an ihren Platz, Krallen setzten sich auf Klauen, neben beiden Flanken richteten sich Beinknochen auf. Der Kiefer rastete an seinen Platz ein, als der Kopf sich zur Decke hob.
Zedd wirbelte zu Adie herum, packte sie am Arm, riß sie zu sich hin. Sie löste sich von der Arbeitsplatte und hielt eine kleine Blechdose in der anderen Hand.
»Adie, was ist hier los?«
Sie deutete mit dem Kopf auf den Schädel, der bereits die Decke streifte. »Was siehst du?«
»Was ich sehe! Verdammt, Frau! Ich sehe, wie ein Haufen Knochen zum Leben erwacht!«
Der Skrin zog den Kopf zwischen die Schultern, während die Bestie immer weitere Knochen anzog und weiter in die Höhe wuchs.
Adie glotzte ihn mit offenem Mund an. »Ich sehe keine Knochen. Ich sehe Fleisch.«
»Fleisch! Verdammt! Ich dachte, du hättest das Ungeheuer umgebracht.«
»Ich habe gesagt, ich hätte mit ihm gekämpft. Ich weiß nicht, ob man einen Skrin überhaupt töten kann. Ich glaube, sie leben nicht einmal. In einem Punkt hattest du recht, Zauberer: weil du einen Screeling besiegen konntest, hat der Hüter Schlimmeres geschickt.«
»Woher wußte er, wo wir sind? Woher weiß der Skrin, wo wir uns befinden? All diese Knochen sollten uns eigentlich unsichtbar machen!«
»Ich weiß es nicht. Ich verstehe nicht, wieso…«
Ein Knochenarm kam auf sie zu. Zedd sprang zurück und riß Adie mit. Noch immer setzten sich weitere Knochen zusammen. Adie war in verzweifelter Hektik damit beschäftigt, die Dose aufzuschrauben, während Zedd sie hinter den Tisch zerrte. Der Deckel löste sich, fiel zu Boden, wo er sich wie eine Münze um sich selbst drehte. Der Skrin holte aus, schlug mit einem Arm zu. Der Tisch zersplitterte unter lautem Krachen.
Der mit Schnitzereien verzierte Ball hüpfte über den Boden. Zedd versuchte, ihn mit Magie zu schnappen, doch ebensogut hätte man versuchen können, einen Kürbiskern mit fettigen Fingern zu packen. Er versuchte ihn mit einer Hülle aus komprimierter Luft aufzuheben, doch er glitt fort und rollte in die Ecke.
Das Skelett des Skrin sprang auf sie zu. Zedd riß Adie nach unten, und die beiden sanken zu einem Haufen zusammen. Zedd zerrte sie auf die Beine, während sie ihre Hand in die kleine Dose steckte. Der Skrin hatte Mühe, sich schnell zu bewegen, er war so sehr in die Höhe geschossen, daß er nicht mehr unter das Dach paßte.
Die Bestie riß das Maul auf, als wollte sie brüllen. Man hörte kein Geräusch, doch Zedd konnte den Luftzug spüren, der ihre Kleider wie in einer Windbö flattern ließ.