Adie zog die Hand aus der Dose und schleuderte funkelnden weißen Sand auf die Bestie.
Zauberersand. Diese verrückte Frau besaß Zauberersand.
Der Skrin torkelte einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf. Er hatte sich im Nu erholt und taumelte wieder nach vorn. Zedd setzte einen Feuerball frei. Er flog durch die Knochen hindurch und klatschte als flüssiges Feuer an die gegenüberliegende Wand. Die Flammen züngelten, erloschen zischend und hinterließen einen Rußfleck. Zedd versuchte es mit Luft, da Feuer nichts nützte. Es war zwecklos.
Die beiden wichen quer durch den Raum zurück, als die Bestie herumwirbelte, um erneut anzugreifen. Zedd probierte die unterschiedlichsten magischen Elemente, während er Adie hinter sich herzerrte. Sie ignorierte die Gefahr und schüttete den restlichen Zauberersand in ihre Hand. Als der Skrin einen weiteren stummen Schrei ausstieß, schleuderte sie den Sand mit einer seltsamen Beschwörung fort. Der kräftige Hauch des Schreis erstarb, als sie die Worte aussprach. Der Skrin schien den funkelnden weißen Sand einzuatmen, aufzusaugen. Die Kiefer schlossen sich mit einem klackenden Geräusch, als der Kopf zurückgezogen wurde.
»Das war alles, was ich habe«, meinte sie. »Hoffentlich war es genug.«
Der Skrin schüttelte den Kopf und spie den Staub in einer funkelnden Wolke aus. Er griff erneut an, doch als Zedd an ihrem Ärmel zerrte, riß sie sich los. Zedd schleuderte der Knochenbestie Holzscheite und Stühle entgegen, versuchte sie abzulenken, während Adie ihr in den Rücken fiel. Alles prallte einfach von dem Ungeheuer ab.
Zedd stopfte die Hand in seine Tasche und holte eine Handvoll seines eigenen funkelnden Sands hervor. Mit einer kurzen Handbewegung schleuderte er ihn mitten in die Ansammlung von Knochen, die vor ihm stand. Er zeigte genausowenig Wirkung wie Adies Zauberersand. Was er auch tat, nichts schien das Untier abzulenken, und kurz darauf richtete es ihr Augenmerk auf Adie. Die riß gerade einen uralten Knochen von der Wand. An einem Ende baumelten Federn, am anderen Schnüre mit roten und gelben Perlen.
Zedd packte einen Knochenarm, doch die Bestie schleuderte ihn einfach zur Seite.
Als der Skrin zu ihr herumwirbelte, drohte sie der Bestie mit dem Knochen, sprach Zaubersprüche in ihrer eigenen Sprache. Der Skrin schnappte nach ihr. Sie konnte ihre Hand gerade noch rechtzeitig zurückziehen, um sie zu retten, doch nicht den Knochentalisman. Er splitterte entzwei.
Das war’s. Zedd wußte nicht, wie er die Bestie bekämpfen sollte, und Adie hatte ebenfalls keinen Erfolg. Er tauchte unter dem Kopf des Ungeheuers hindurch zu Adie, rollte ab und kam auf die Beine.
»Komm schon! Wir müssen hier raus!«
»Ich kann nicht von hier fort. Hier gibt es Dinge von größtem Wert.«
»Schnapp dir, was du kriegen kannst, wir verschwinden von hier.«
»Hol den runden Knochen, den ich dir gezeigt habe.«
Zedd täuschte seitlich an, versuchte, sich in die Ecke zu stürzen, doch der Skrin schnappte zu und schlug mit krallenbewehrten Klauen nach ihm. Er wehrte sich mit Schüben jeder Art von Magie, die er kannte. Bevor er es richtig mitbekam, verlor er an Boden und wurde in die Ecke gedrängt.
»Adie, wir müssen hier raus, und zwar sofort!«
»Wir dürfen den Knochen nicht zurücklassen! Er ist wichtig für den Schleier!«
Sie stürzte sich in die Ecke. Zedd griff nach ihr, verfehlte sie jedoch. Der Skrin erwischte sie mit einer Kralle und riß ihr eine lange, klaffende Wunde in den Arm. Mit einem Aufschrei wurde sie gegen die Wand geschleudert, prallte zurück und landete mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Neben ihr gingen weitere Knochen krachend nieder.
Zedd bekam den Saum ihres Gewandes zu fassen und riß sie zurück, als Krallen über die Wand kratzten und dabei seinen Kopf nur knapp verfehlten. Adie krallte sich in den Boden, versuchte von ihm fortzukriechen, zu der Knochenkugel in der Ecke.
Der Skrin bäumte sich mit einem stummen Schrei auf. Das Dach zerbarst, als die Bestie sich zu voller Größe aufrichtete. Ein Regen riesiger Holzstücke und -splitter ging nieder. Das Untier schlug wild mit den Krallen um sich, riß die Holzverkleidung von der Wand. Zedd zerrte die sich wehrende Adie zur Tür.
»Es gibt hier Dinge, die ich unbedingt mitnehmen muß! Wichtige Dinge! Ich habe ein ganzes Leben gebraucht, um sie zu sammeln!«
»Dafür ist keine Zeit, Adie. Wir können sie jetzt unmöglich mitnehmen!«
Sie riß sich los und stürzte zu den Knochentalismanen an der Wand. Der Skrin griff sie an. Zedd riß sie mit Hilfe von Magie zurück. Er packte sie mit beiden Armen und stürzte im selben Augenblick rücklings durch die Tür, als eine Kralle sie in Splitter schlug.
Sie wälzten sich nach draußen und sprangen auf die Beine. Zedd fing stolpernd an zu rennen, zerrte die sich wehrende Adie hinter sich her. Sie versuchte, Magie gegen ihn einzusetzen, doch er schirmte sich dagegen ab. Die Nachtluft war eiskalt. Der kalte Wind wehte ihren warmen Atem wie eine weiße Fahne davon, während die beiden rannten und sich bekriegten.
Adie jammerte wie eine Mutter, die mitansehen muß, wie ihr Kind zerfleischt wird. Sie reckte die Arme, einen davon blutverschmiert, zum Haus. »Bitte! Meine Sachen! Ich darf sie nicht zurücklassen! Du verstehst nicht! Sie sind wichtige Magie!«
Der Skrin riß an den Wänden, um sich zu befreien, um an die beiden ranzukommen.
»Adie!« Er zog sie dicht an sein Gesicht. »Tot nützen sie dir nichts. Wir werden sie holen, sobald wir die Bestie los sind.«
Ihre Brust hob und senkte sich. Tränen traten ihr in die Augen.
»Bitte, Zedd. Bitte, meine Knochen. Du verstehst nicht. Sie sind wichtig. Sie besitzen magische Kräfte. Sie könnten uns helfen, den Schleier zu verschließen. Wenn sie in die falschen Hände fallen…« Zedd pfiff nach seinem Pferd. Er hatte sich wieder in Bewegung gesetzt und zerrte sie hinter sich her. Sie protestierte mit jedem Schritt.
»Zedd, bitte! Tu das nicht! Laß sie nicht zurück!«
»Adie, wenn wir tot sind, können wir niemandem mehr helfen!« Das Pferd galoppierte heran, kam rutschend zum Stehen. Als es sah, wie die Bestie ihren Körper durch die Wände des Hauses zwängte, dabei Balken und Bohlen knickte und zersplitterte, verdrehte es in einem Anflug von Panik die Augen. Es stieß einen entsetzten Schrei aus, wich aber nicht zurück, als Zedd es bei der Mähne packte, sich auf seinen Rücken warf und Adie hinter sich nach oben zog.
»Los! Flieg wie der Wind, Mädchen!«
Moos- und Erdbrocken wurden von den Hufen hoch in die Luft geschleudert, als das Pferd davonsprang, während Reißzähne nach seinen Flanken schnappten. Zedd beugte sich nach vorn, Adie umklammerte seine Hüfte, als sie in die Dunkelheit galoppierten. Der Skrin war keine zehn Schritte hinter ihnen und schien ebenso schnell zu sein wie das Pferd. Wenigstens war er nicht schneller. Zedd hörte das schnappende Geräusch der Reißzähne. Das Pferd schrie jedesmal auf, streckte sich und gab alles, was es hatte. Zedd fragte sich, wer das wohl länger durchhielt, das Pferd oder der Skrin. Er fürchtete, die Antwort zu wissen.
24
Richard riß die Augen auf und sagte: »Ich glaube, da kommt jemand.«
Schwester Verna saß auf der anderen Seite des kleinen Lagerfeuers und schrieb in das kleine Buch, das sie sonst in ihrem Gürtel aufbewahrte. Sie sah unter ihren Brauen hervor auf. »Du hast dein Han berührt, ja?«
»Nein«, gestand er. Seine Beine schmerzten. Bestimmt hatte er eine Stunde lang dagesessen, ohne sich zu bewegen. »Aber ich sage Euch, ich glaube, es kommt jemand.«
Sie taten das jeden Abend, und diesmal war es nicht anders. Er hockte da, stellte sich das Schwert vor einem schwarzen Hintergrund vor und versuchte, den Ort in seinem Innern zu erreichen, von dem sie behauptete, daß es ihn gab, den er jedoch nicht finden konnte. Sie beobachtete ihn dabei, schrieb in ihr kleines Buch oder berührte selbst ihr Han. Seit dem ersten Abend hatte er sich kein Bild mehr von dem Schwert vor dem schwarzen Hintergrund mit dem weißen Rand machen können. Er hegte nicht den geringsten Wunsch zu riskieren, diesen Alptraum noch einmal zu erleben.