»Allmählich glaube ich, daß ich mein Han nicht berühren kann. Ich versuche mein Bestes, aber es gelingt mir einfach nicht.«
Sie hielt das Buch ganz nah vor ihr Gesicht und schrieb weiter. »Ich habe es dir doch schon erklärt, Richard, das braucht seine Zeit. Du hast noch nicht einmal ansatzweise genug geübt. Verliere nicht den Mut. Es kommt, wenn es soweit ist.«
»Schwester Verna, ich sage Euch, da nähert sich jemand.«
Sie schrieb weiter. »Wie willst du das wissen, Richard, wenn du nicht in der Lage bist, dein Han zu berühren? Hmm?«
»Ich weiß es nicht.« Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.
»Ich war viel allein in den Wäldern. Manchmal spüre ich einfach, wenn jemand in der Nähe ist. Fühlt Ihr niemals, wenn jemand in der Nähe ist? Habt Ihr nie gespürt, wie Euch jemand ansieht?«
»Nur mit Hilfe meines Han«, sagte sie und schrieb.
Er beobachtete, wie der Schein des Feuers flackernd auf ihr leidenschaftsloses Gesicht fiel. »Schwester Verna, Ihr habt gesagt, wir befinden uns in einer gefährlichen Gegend. Ich sage Euch, da kommt jemand.«
Sie blätterte in ihrem Buch zurück und kniff die Augen zusammen und las in dem schwachen Licht. »Und wie lange weißt du das schon, Richard?«
»Ich habe es Euch gleich gesagt, als ich das Gefühl hatte. Eben gerade.«
Sie senkte das Buch in ihren Schoß und sah auf. »Aber du sagst, du hast dein Han nicht berührt? Du hast in deinem Innern nichts gespürt? Keine Kraft? Du hast kein Licht gesehen? Hast den Schöpfer nicht gespürt?« Sie kniff die Augen zusammen. »Du solltest mich nicht anlügen, Richard. Du solltest mich niemals über das Berühren deines Han anlügen.«
»Schwester Verna, Ihr hört mir nicht zu! Es kommt jemand!«
Sie klappte das Buch zu. »Richard, ich wußte schon, daß jemand kommt, als du mit deinen Übungen begonnen hast.«
Er starrte sie überrascht an. »Und warum sitzen wir dann einfach hier?«
»Wir sitzen nicht einfach hier. Du übst, dein Han zu berühren, und ich kümmere mich um meine Angelegenheiten.«
»Warum habt Ihr nichts davon gesagt? Ihr habt mir erzählt, das Land hier sei gefährlich.«
Schwester Verna seufzte und ging daran, ihr Buch wieder in ihren breiten Gürtel zu stecken. »Weil sie immer noch ein gutes Stück entfernt waren. Warum solltest du die Übung unterbrechen, die so wichtig für dich ist. Du mußt es so lange versuchen, bis du dein Han berühren kannst.« Sie schüttelte resigniert den Kopf. »Aber vermutlich bist du jetzt zu aufgeregt, um weiterzumachen. Sie sind noch immer zehn, fünfzehn Minuten entfernt; wir können ebensogut anfangen, unsere Sachen zu packen.«
»Warum gerade jetzt? Warum sind wir nicht aufgebrochen, als Ihr sie gespürt habt?«
»Weil man uns bereits gesehen hatte. Ist man erst einmal entdeckt, kann man diesen Leuten nicht mehr entkommen. Dies ist ihr Land, wir wären nicht in der Lage, ihnen davonzulaufen. Wahrscheinlich war es ein Posten, der uns entdeckt hat.«
»Und warum wollt Ihr dann jetzt zusammenpacken und aufbrechen?«
Sie sah ihn an, als wäre es hoffnungslos mit ihm. »Weil wir nicht über Nacht hierbleiben können, nachdem wir sie getötet haben!«
Richard sprang auf. »Getötet! Ihr wißt nicht einmal, wer da kommt, und schon wollt Ihr sie umbringen?«
Schwester Verna erhob sich, richtete sich auf und sah ihm in die Augen. »Richard, ich habe mein Bestes getan, um es zu verhindern. Sind wir bis jetzt jemandem begegnet? Nein. Obwohl diese Menschen das Land wie ein Schwärm zorniger Wespen überziehen, haben wir keinen einzigen von ihnen zu Gesicht bekommen. Ich bin allen aus dem Weg gegangen, die ich mit meinem Han spüren konnte. Ich habe alles getan, um Ärger zu vermeiden. Manchmal jedoch läßt sich Ärger nicht vermeiden, selbst wenn man sein Bestes gibt. Ich will diese Menschen nicht töten — doch sie sind entschlossen, uns zu töten.«
Das erklärte allerdings ihre seltsame Reiseroute. Sie waren wochenlang stets nach Südosten geritten, wenn auch in seltsamer Manier. Ohne jemals etwas zu erklären, hatte sie sie erst in die eine Richtung, dann in die andere geführt, war gelegentlich denselben Weg zurückgeritten, doch immer ging es nach Südosten weiter.
Das öde Land war zunehmend felsiger und trostloser geworden. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, sie nach dem Weg zu fragen, weil er nicht glaubte, daß sie ihn preisgeben würde, und weil es ihm egal war. Wohin sie auch ritten, er blieb ein Gefangener.
Richard kratzte sich den Bart und begann, Erde über das Feuer zu treten. Die Nacht war warm wie fast alle Nächte in der letzten Zeit. Er fragte sich, was aus dem Winter geworden war. »Wir wissen noch nicht einmal, wer diese Leute sind. Ihr könnt doch nicht einfach jeden töten, der sich blicken läßt.«
»Richard.« Sie faltete die Hände. »Nicht alle Schwestern, die versuchen zurückzukehren, sind dabei erfolgreich. Viele werden bei dem Versuch, diese Gegend zu durchqueren, getötet. Sie waren immer zu dritt. Ich bin nur eine. Die Chancen stehen nicht sehr gut.«
Die Pferde wieherten leise, warfen ihre Köpfe zurück und scharrten mit den Hufen. Richard hängte sich den Gurt um die Schulter. Er sah nach, ob das Schwert fest in der Scheide steckte.
»Es war ein Irrtum, Schwester, nicht gleich aufzubrechen, als Ihr Bescheid wußtet. Wenn wir jetzt kämpfen müssen, dann nur, weil wir keine andere Möglichkeit mehr haben. Ihr habt es jedoch nicht einmal versucht.«
Die Hände immer noch gefaltet, sah sie ihn an. Ihre Stimme klang sanft und doch bestimmt. »Diese Menschen sind entschlossen, uns zu töten, Richard. Uns beide. Hätten wir versucht davonzulaufen, hätte dieser eine die anderen alarmiert und Hunderte, Tausende herbeigeholt, um uns niederzumachen. Ich bin nicht fortgelaufen, weil ich diesen einen ermutigen wollte, uns allein zu überwältigen, damit wir der Bedrohung ein Ende machen können.«
»Ich werde für Euch niemanden töten, Schwester Verna.«
Während die beiden sich wütend anfunkelten, hörte er einen Schrei: den Schrei einer Frau. Er starrte hinaus in die Nacht, versuchte, im Schatten der Felsendorne etwas zu erkennen, festzustellen, woher der Schrei kam. Er konnte niemanden entdecken, doch die Schreie und Rufe kamen näher.
Richard trat Erde über die letzten Flammen und rannte zu den Pferden, beruhigte sie mit besänftigenden Worten und sachtem Streicheln. Was sie erzählte, war ihm egal. Er würde niemanden auf ihr Wort hin töten. Die Frau war verrückt, wenn sie nicht fliehen wollte.
Vermutlich wollte sie einen Kampf, damit sie sehen konnte, wie er sich verhielt. Ständig beobachtete sie ihn wie einen Käfer in einer Schachtel. Jedesmal, wenn er das Berühren seines Hans zu üben versuchte, fragte sie ihn aus. Was immer ein ›Han‹ war, er hatte es noch nicht gespürt und schon gar nicht berührt oder herbeigerufen. Was auch egal war, soweit es ihn betraf.
Richard wollte gerade zu den Satteltaschen gehen, um ihre restlichen Sachen zusammenzusuchen, als eine Frau aus der Nacht gelaufen kam. Mit fliegendem Gewand und vor Entsetzen schreiend, lief sie geradewegs auf ihren Lagerplatz. Sie jammerte und kam verzweifelt auf ihn zugerannt.
»Bitte!« stieß sie hervor. »Bitte helft mir! Bitte, sorgt dafür, daß sie mich nicht kriegen!«
Das ungebändigte Haar wehte ihr hinterher. Die nackte Angst in ihrem Gesicht ließ es Richard eiskalt den Rücken runterlaufen. Als sie ihn erreicht hatte, kam sie ins Stolpern. Richard fing ihren zerbrechlichen Körper auf. Ihr schmutziges Gesicht war tränennaß und voller Schweißperlen.
»Bitte, Sir«, schluchzte sie und sah aus ihren dunklen Augen zu ihm hoch, »bitte laßt mich nicht in ihre Hände fallen. Ihr habt ja keine Ahnung, was diese Männer mir antun werden.«
Die entsetzliche Erinnerung an Kahlan, die von den Quadronen verfolgt wurde, füllte Richards Gedanken. Er mußte daran denken, welche Angst sie vor diesen Männern gehabt hatte und wie sie fast dieselben Worte benutzt hatte: Ihr habt ja keine Ahnung, was diese Männer mir antun werden.