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»Niemand wird dich bekommen. Jetzt bist du in Sicherheit.«

Sie öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen, doch statt dessen stieß sie ein leises Stöhnen aus und zuckte zusammen. Licht schien im Innern ihrer Augen aufzublitzen. Sie sackte schlaff und schwer in seine Arme.

Richard schaute hoch und sah Schwester Vernas unerschütterlichen Blick, als sie der Frau das silberne Messer aus dem Rücken zog. Richard merkte, wie er die ganze Last zu Boden gleiten ließ. Die Frau sank in sich zusammen und fiel auf den Rücken.

Das Klirren von Stahl hallte durch die Nacht, als Richard das Schwert zog.

»Was ist los mit Euch?« zischte er. »Ihr habt gerade diese Frau umgebracht.«

Schwester Verna erwiderte seinen wütenden Blick. »Hattest du nicht gesagt, du hättest keine törichten Bedenken, eine Frau zu töten?«

Der Zorn der Magie des Schwertes jagte durch seinen Körper und wollte befreit werden. »Ihr seid verrückt.« Er näherte sich in rasendem Tempo einem tödlichen Abgrund. Die Schwertspitze ging in die Höhe.

»Bevor du auch nur daran denkst, mich umzubringen«, sagte Schwester Verna in berechnendem Ton, »solltest du sichergehen, daß du keinen Fehler machst.« Richard antwortete nicht. Er brachte vor Wut kein Wort heraus. »Wirf einen Blick auf ihre Hand, Richard.«

Er blickte auf den leblosen Körper hinab. Die Hände waren von ihrem schweren Wollgewand versteckt. Mit dem Schwert schnippte er das Gewand von ihrem Arm und brachte ein Messer an den Tag, das die Frau noch immer mit ihrer toten Faust umklammert hielt. Die Spitze wies einen dunklen Flecken auf.

»Hat sie dich mit dem Messer verletzt?«

Richards Brust hob und senkte sich immer noch vor Wut. »Nein. Warum?«

»Ihr Messer ist vergiftet. Ein Kratzer würde schon genügen.«

»Wie kommt Ihr auf den Gedanken, das könnte mir gegolten haben? Wahrscheinlich wollte sie sich gegen die Männer verteidigen, die sie verfolgen!«

»Niemand verfolgt sie. Sie ist eine Wächterin. Ständig verlangst du von mir, ich soll dich nicht wie ein Kind behandeln, Richard. Dann hör auf, dich wie eines zu benehmen. Ich kenne diese Menschen, ich weiß, wie sie vorgehen. Sie hatte vor, uns umzubringen.«

Er spürte, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten, als er die Zähne aufeinanderbiß. »Wir hätten versuchen können, zu fliehen, gleich nachdem sie uns entdeckt hatte.«

Sie nickte. »Richtig, und wären dabei umgekommen. Ich sage dir doch, Richard, ich kenne dieses Volk. Die Wildnis ist voll von diesen Völkern, die uns alle töten werden, wenn sie uns finden. Hätten wir sie zu ihren Artgenossen zurückkehren lassen, hätte sie uns gefangengenommen und getötet. Laß nicht zu, daß der Zorn des Schwertes dir die Augen verschließt. Sie hält ein vergiftetes Messer in der Hand, sie hatte es schon in deinem Rücken, und sie ist dir in die Arme gefallen, um dicht genug heranzukommen, damit sie es benutzen kann. Du hast es törichterweise zugelassen.« Sie ließ den Arm an ihre Seite fallen. »Hier ist niemand. Ich könnte ihn sonst mit meinem Han spüren. Sie war allein. Ich habe dir gerade das Leben gerettet.«

Er schob das Schwert der Wahrheit in die Scheide zurück. »Damit habt Ihr mir keinen großen Gefallen getan, Schwester Verna.«

Er wußte nicht, was er glauben sollte. Er wußte nur, daß er der Magie überdrüssig war und auch des Mordens. »Was ist das für ein Messer, das Ihr in Eurem Ärmel aufbewahrt? Was ist das für ein Licht in ihren Augen, wenn Ihr sie damit tötet?«

»Man nennt es Dacra. Man könnte es vermutlich mit der vergifteten Klinge vergleichen, die sie bei sich hatte. Bei einem Dacra ist es nicht die Wunde selbst, die tötet. Ein Dacra löscht den Lebensfunken.« Sie senkte den Blick. »Es ist eine schmerzhafte Erfahrung, jemandem das Leben zu nehmen. Manchmal ist es die einzige Möglichkeit. Heute abend war es die einzige Möglichkeit, um unser Leben zu retten, ob du das glauben willst oder nicht.«

»Ich weiß nur, Schwester Verna, daß Ihr es ohne Zögern benutzt und gar nicht erst etwas anderes versucht habt.« Er wollte sich umdrehen. »Ich werde sie begraben.«

»Richard.« Sie strich ihren Rock glatt. »Ich hoffe, du verstehst, ich hoffe, du mißdeutest unser Tun nicht, doch wenn wir den Palast erreichen, könnte es erforderlich sein, dir das Schwert der Wahrheit wegzunehmen. Zu deinem eigenen Vorteil.«

»Warum? Wie sollte das zu meinem Vorteil sein?«

Sie faltete erneut die Hände. »Die Prophezeiung, auf die du dich berufst, in der es heißt: ›Er ist der Bringer des Todes und wird sich selbst dazu ernennen‹, ist eine sehr gefährliche Prophezeiung. Des weiteren heißt es dort, der Träger des Schwertes kann den Tod auf den Plan rufen, die Vergangenheit in die Gegenwart holen.«

»Was heißt das?«

»Das wissen wir nicht.«

»Prophezeiungen«, murmelte er vor sich hm. »Prophezeiungen sind nichts als dumme Rätsel, Schwester. Ihr schenkt ihnen viel zuviel Beachtung. Ihr gebt zu, daß Ihr sie nicht versteht, und doch versucht Ihr, ihnen nachzugehen. Wäre sie wahr, dann könnte ich den Tod auf den Plan rufen und dieser Frau das Leben zurückgeben.«

»Wir wissen sehr viel mehr darüber, als du denkst. Ich glaube, es wäre am besten, wenn wir das Schwert an uns nehmen, nur zur Sicherheit, bis wir diese Prophezeiung besser verstehen.«

»Schwester Verna, wenn jemand Euch den Dacra nehmen würde, wärt Ihr dann immer noch eine Schwester?«

»Selbstverständlich. Der Dacra ist bloß ein Werkzeug, das uns bei unserer Arbeit hilft. Er macht uns nicht zu dem, was wir sind.«

Er lächelte ein kaltes Lächeln. »Mit dem Schwert ist es dasselbe. Ob mit oder ohne, ich bin immer noch der Sucher. Ich wäre keine geringere Gefahr für Euch. Es mir wegzunehmen, wird Euch nicht retten.«

Sie ballte die Fäuste. »Es ist nicht dasselbe.«

»Ihr werdet mir das Schwert nicht abnehmen«, entschied er knapp. »Ihr werdet nie verstehen, wie sehr ich dieses Schwert und seine Magie hasse und wie sehr ich mir wünschte, davon befreit zu werden, aber es wurde mir gegeben, als man mich zum Sucher ernannte. Es wurde mir gegeben, damit es mir gehört, solange ich es behalten will. Ich bin der Sucher, und ich, nicht Ihr noch irgend jemand sonst, werde entscheiden, wann ich es aus den Händen gebe.«

Sie kniff die Augen zusammen. »Man hat dich zum Sucher ernannt? Du hast das Schwert nicht gefunden? Es wurde dir von einem Zauberer überreicht? Man hat dich zum Sucher ernannt? Zum echten Sucher? Von einem Zauberer?«

»Ganz recht.«

»Wer war dieser Zauberer?«

»Ich hab es Euch bereits gesagt: Zeddicus Z’ul Zorander.«

»Du hast ihn nur das eine Mal getroffen, als er dir das Schwert gegeben hat?«

»Nein. Ich habe mein ganzes Leben bei ihm verbracht. Er hat mich praktisch aufgezogen. Er ist mein Großvater.«

Einen Augenblick lang war es totenstill. »Und er hat dich zum Sucher ernannt, weil er sich geweigert hat, dir beizubringen, wie man die Gabe beherrscht? Um Zauberer zu werden.«

»Geweigert! Als er erkannte, daß ich die Gabe besitze, hat er mich praktisch angebettelt, mir beibringen zu dürfen, wie man Zauberer wird.«

»Er hat es dir angeboten?« sagte sie leise.

»Ganz recht. Ich habe ihm gesagt, ich will kein Zauberer sein.« Irgend etwas stimmte nicht. Diese Neuigkeit schien sie zu verstören. »Er hat gesagt, das Angebot gilt noch immer. Warum?«

Sie rieb sich gedankenverloren die Hände. »Es ist nur … ungewöhnlich, das ist alles. Vieles an dir ist ungewöhnlich.«

Richard wußte nicht, ob er ihr glauben sollte. Vielleicht brauchte er den Halsring gar nicht, vielleicht hätte Zedd ihm ohne helfen können.

Allerdings hatte Kahlan gewollt, daß er ihn anlege. Sie hatte gewollt, daß man ihn fortschafft. Der Schmerz verdrehte ihm die Gedärme.

Das Schwert war alles, was er von Zedd hatte. Man hatte es ihm überreicht, als er noch in Westland gewesen war, in seiner Heimat. Er vermißte sein Zuhause und die Wälder. Das Schwert war alles, was ihm von Zedd und von zu Hause geblieben war.

»Schwester, man hat mich für so lange zum Sucher ernannt, wie ich es bleiben möchte. Und genauso lange kann ich das Schwert behalten. Ich werde es sein, der entscheidet, wann die Zeit gekommen ist, es abzugeben. Wenn Ihr den Wunsch habt, es mir fortzunehmen, dann tut es jetzt. Doch wenn Ihr es versucht, wird einer von uns dabei sterben. Im Augenblick ist es mir gleichgültig, wer von uns beiden das ist. Aber ich habe die Absicht, bis zum Tod zu kämpfen. Es gehört von Rechts wegen mir, und Ihr werdet es mir nicht wegnehmen, solange noch ein Hauch von Leben in mir steckt.«