Er lauschte dem fernen Heulen eines Tieres, das einen plötzlichen und brutalen Tod starb, und dann der langen, leeren Stille, die darauf folgte.
»Da man dir das Schwert überreicht hat und du es nicht einfach gefunden oder gekauft hast, darfst du es behalten. Ich werde es dir nicht wegnehmen. Für die anderen kann ich nicht sprechen, doch werde ich deinen Wunsch vor ihnen vertreten. Die Gabe ist es, um die wir uns kümmern müssen. Jene Magie ist es, deren Beherrschung wir dich lehren müssen.«
Sie richtete sich auf und betrachtete ihn mit einem Ausdruck derart kalten Zorns, daß es ihm äußerst schwer fiel, nicht zurückzuweichen. »Doch solltest du es jemals wieder gegen mich ziehen, werde ich dafür sorgen, daß du den Tag bereust, an dem der Schöpfer dich den ersten Atemzug hat machen lassen.« Ihre Kinnmuskeln spannten sich. »Verstehen wir uns?«
»Was ist so wichtig an mir, daß Ihr töten würdet, um mich gefangenzunehmen?«
Ihre kalte Beherrschtheit ängstigte ihn mehr, als wenn sie ihn angeschrien hätte. »Es ist unsere Aufgabe, denen zu helfen, die die Gabe besitzen, denn die Gabe ist ein Geschenk des Schöpfers. Wir sind Dienerinnen des Schöpfers. Wenn wir sterben, dann für ihn. Wegen dir habe ich zwei meiner ältesten Freundinnen verloren. Ich habe mich vor Kummer deswegen in den Schlaf geweint. Ich mußte diese Frau heute abend töten, und vielleicht muß ich auch noch andere töten, bevor wir den Palast erreichen.«
Richard schien es am besten, den Mund zu halten, doch er konnte nicht. Sie hatte eine Art, die Glut seines Zorns zu offener Flamme anzufachen. »Versucht nicht, die Schuld für Euer Tun mir zuzuschieben, Schwester.«
Ihr Gesicht nahm eine Röte an, die er selbst im Mondschein sehen konnte. »Ich habe es mit Geduld bei dir versucht, Richard. Ich habe dir Spielraum gelassen, weil man dich aus deinen bisherigen Leben herausgerissen und in eine Lage gestürzt hat, vor der du Angst hast und die du nicht begreifst. Doch meine Geduld ist bald zu Ende.
Ich habe alles getan, um nicht immer nur die Leichen meiner Freundinnen zu sehen, wenn ich in deine Augen blicke. Oder wenn du mir sagst, ich sei herzlos. Ich habe versucht, nicht daran zu denken, daß du es warst, der ihrem Begräbnis beiwohnte, und nicht ich; ich wollte nicht an die Worte denken, die ich an ihrem frischen Grab gesprochen hätte. Es geschehen Dinge, die mein Verständnis übersteigen, meine Erwartungen und alles, was man mich glauben gelehrt hat. Wäre es an mir, ich hätte nicht übel Lust, dir deinen Wunsch zu erfüllen und dir den Rada’Han abzunehmen und dich im Wahn und unter Schmerzen krepieren zu lassen. Aber es ist nicht an mir. Es ist das Werk des Schöpfers, an dem ich teilhabe.«
Die Glut seines Zorns war zwar nicht erloschen, aber doch abgekühlt. »Schwester Verna, es tut mir leid.« Wenn sie ihn doch angeschrien hätte. Das wäre besser als ihr leiser Zorn, ihr stummes Mißfallen.
»Du bist erzürnt, weil du denkst, ich behandele dich wie ein Kind und nicht wie einen Mann, und doch hast du mir keinen Anlaß gegeben, mich anders zu verhalten. Ich weiß, wo du stehst, was deine Fähigkeiten anbelangt, und daß du deinen Weg noch gehen mußt. Auf diesem Weg bist du nicht viel mehr als ein Säugling, der mit großem Geschrei verlangt, auf die Welt losgelassen zu werden, dabei jedoch noch nicht mal laufen kann.
Der Halsring, den du trägst, ist imstande, dich zu beherrschen. Er ist auch imstande, dir Schmerzen zu bereiten. Große Schmerzen. Bislang habe ich es vermieden, ihn zu benutzen, und statt dessen versucht, dich auf andere Weise anzuhalten, das Unvermeidliche anzunehmen. Doch wenn ich muß, werde ich ihn benutzen. Der Schöpfer weiß, ich habe alles andere versucht.
Wir werden bald ein Land erreicht haben, das weitaus gefährlicher ist als dieses. Um es durchqueren zu können, werden wir uns mit den Menschen dort auseinandersetzen müssen. Die Schwestern haben ein Abkommen mit ihnen, das ihnen die Durchreise ermöglicht. Du wirst tun, was ich sage und was diese Menschen sagen. Du wirst tun, was man von dir verlangt, oder es wird großen Ärger geben.«
Richards Argwohn flackerte erneut auf. »Was muß ich tun?«
Sie funkelte ihn wütend an. »Stell meine Geduld heute abend nicht weiter auf die Probe, Richard.«
»Solange Ihr begreift, daß Ihr mein Schwert nicht kampflos bekommen werdet.«
»Wir versuchen lediglich, dir zu helfen, Richard. Aber solltest du diese Waffe noch einmal gegen mich richten, werde ich dafür sorgen, daß du das sehr bedauerst.« Sie warf einen Blick auf den Strafer an seinem Hals. »Die Mord-Sith sind nicht die einzigen, die jemandem Schmerzen zufügen können.«
Daß sich sein Verdacht nun bestätigte, drehte ihm den Magen um. Sie hatten die Absicht, ihn genauso auszubilden wie die Mord-Sith. Das war der eigentliche Grund für den Halsring. So wollten sie ihn unterrichten: mit Schmerzen. Zum erstenmal hatte er das Gefühl, sie habe ihm, ohne es zu wollen, ihre wahren Absichten offenbart.
Sie zog das kleine Buch aus ihrem Gürtel. »Ich habe noch zu arbeiten, bevor wir aufbrechen. Geh und begrabe sie. Und verstecke ihre Leiche gut. Wird sie gefunden, verrät sie den anderen, was vorgefallen ist, und sie werden uns verfolgen. Und dann hätte ich umsonst getötet.«
Sie ließ sich vor dem erkalteten Feuerholz nieder. Nach einer eleganten Handbewegung über den verkohlten Resten ging es in Flammen auf. »Wenn du sie begraben hast, möchte ich, daß du einen Spaziergang machst und deinen Zorn abkühlst. Komme erst zurück, wenn das geschehen ist. Solltest du versuchen fortzulaufen, oder sollte es dir nicht gelingen, ein wenig Vernunft in deinen dicken Schädel zu bekommen, bis ich bereit zum Aufbruch bin, werde ich dich mit dem Halsring zurückholen.« Sie blickte ihn von unten herauf drohend an. »Es wird dir nicht gefallen, sollte ich dazu gezwungen sein. Mein Wort darauf, es wird dir kein bißchen gefallen.«
Die tote Frau war schmächtig und keine große Last. Er bemerkte ihr Gewicht kaum, als er den Lagerplatz verließ und in die flache, felsige Hügellandschaft wanderte. Der Mond war aufgegangen und der Weg leicht zu erkennen. Trübsinnige Gedanken kreisten in seinem Kopf, während er, gelegentlich gegen einen Stein tretend, seines Weges zog.
Richard war überrascht, denn vorher hatte Schwester Verna ihm nie gezeigt, wie tiefbetrübt sie über den Tod der Schwestern Grace und Elizabeth war. Aus diesem Grund hatte er sie für hartherzig gehalten. Jetzt tat sie ihm leid, weil sie solche Qualen litt. Es wäre ihm lieber gewesen, sie hätte ihm nichts davon erzählt. Es war leichter, mit jemandem zu hadern, den man für herzlos hielt.
Er hatte sich weit vom Lagerplatz entfernt und stand auf dem Gipfel einer kleinen Erhebung, umgeben von Felswänden und Felszacken. Sein Verstand befreite sich von seinen verqueren Gedanken und konzentrierte sich wieder auf die Leiche, die er auf seinem Rücken trug. Vielleicht hatte die Stichwunde des Dacra sie tatsächlich nicht getötet, trotzdem war ihr das Blut den Rücken hinabgelaufen, hatte ihr Haar verfilzt und seine Schulter durchweicht. Plötzlich fand er die Vorstellung ekelhaft, eine tote Frau auf seinem Rücken durch die Gegend zu schleppen.
Er legte die Leiche vorsichtig auf dem felsigen Boden ab und sah sich nach einem Ruheplatz für sie um. Er hatte sich eine kleine Schaufel an seinen Gürtel gehakt, doch das Graben schien nirgendwo leicht zu sein. Vielleicht konnte er sie in einer der Felsrinnen einmauern.
Als er in die schattendunklen Felsrinnen blickte, streifte er geistesabwesend die noch immer wunde Brandstelle auf seiner Brust. Nissel, die Heilerin, hatte ihm eine Salbe mitgegeben, die er jeden Tag aufstrich, bevor er die Wunde neu verband. Er sah sie sich nicht gern an. Er mochte den Handabdruck nicht, der sich in sein Fleisch eingebrannt hatte.