Schwester Verna hatte gemeint, möglicherweise habe er sich an der Feuerstelle im Haus der Seelen verbrannt, oder es sei ihnen vielleicht tatsächlich gelungen, die finsteren Günstlinge des Namenlosen herbeizurufen. Die Brandwunde stammte ganz offensichtlich nicht vom Feuer, sie war ein Mal der Unterwelt. Von Darken Rahl.
Irgendwie schämte er sich dessen und ließ es Schwester Verna niemals sehen. Die Wunde erinnerte ihn ständig daran, wer in Wirklichkeit sein Vater war. Sie schien eine Beleidigung Richard Cyphers zu sein, jenes Mannes, den er für seinen Vater hielt, der ihn aufgezogen hatte, der ihm vertraut und ihn unterrichtet, ihm seine Liebe geschenkt und dessen Liebe er erwidert hatte.
Das Mal erinnerte ihn auch ständig an das Ungeheuer, welches er war — das Ungeheuer, das Kahlan beringt und fortgeschickt sehen wollte.
Richard schlug nach einem Insekt, das sein Gesicht umsurrte. Er sah nach unten. Insekten umsurrten auch die Tote. Ein kalter Schrecken fuhr ihm in die Glieder, noch bevor er den Einstich an seinem Hals spürte.
Blutmücken.
Hastig zog er sein Schwert, als die gewaltige, schattengleiche Gestalt hinter einem Felsen vorgesprungen kam. Das Klirren des Stahls wurde von seinem Röhren übertönt. Der Gar stürzte sich mit ausgebreiteten Flügeln auf ihn. Für einen Augenblick glaubte er einen zweiten zu erkennen, der sich hinter dem ersten in dessen Schatten duckte, doch dann zog die Bestie seine ganze Aufmerksamkeit auf sich, als sie auf ihn niederging und ihn mit boshaft grünlich leuchtendem Blick fixierte.
Für einen langschwänzigen Gar war er zu groß und nach der Art zu urteilen, wie er Richards ersten Hieb ahnte und ihm auswich, auch zu gerissen. Also ein kurzschwänziger Gar, fluchte er leise. Er war dünner als die kurzschwänzigen Gars, die er zuvor gesehen hatte — wahrscheinlich als Folge magerer Beute in dieser öden Gegend, aber dünn oder nicht, er war noch immer riesengroß und überragte ihn um eine halbe Körperlänge.
Richard stolperte und fiel über die Tote, als er nach hinten taumelte, um dem Hieb einer mächtigen Kralle auszuweichen. Wütend mit dem Schwert um sich schlagend, kam er wieder auf die Beine und ließ sich von der Magie des Schwertes durchfluten. Mit der Schwertspitze riß er eine klaffende Wunde in den weichen, straffen, rosa Bauch. Der Gar heulte vor Wut auf, griff Richard erneut an und stieß ihn unerwartet mit einem ledrigen Flügel zu Boden.
Richard wälzte sich wieder auf die Beine, wirbelte im Hochkommen das Schwert herum. Die Klinge blitzte im Mondlicht auf und rasierte in einer Gischt aus Blut eine Flügelspitze ab. Das trieb den Gar nur zum nächsten wutentbrannten Angriff. Lange, triefende Reißzähne bissen durch die Nachtluft. Die Augen leuchteten noch grüner auf. Das grollende Geheul tat Richard in den Ohren weh. Krallen griffen von beiden Seiten nach ihm.
Die Magie jagte durch seinen Körper, wollte Blut. Statt dem Angriff auszuweichen, duckte sich Richard darunter durch. Dann sprang er wieder auf und rammte der riesenhaften, pelzbewachsenen Bestie das Schwert in die Brust. Unter dem lauten Todesgeschrei des Gars drehte Richard die Klinge und riß sie zurück.
Er hob das Schwert nach hinten, bereit, den widerwärtigen Kopf mit mächtigem Schlag abzutrennen, doch der Gar griff gar nicht an. Mit den Krallen griff er nach der Wunde in seiner Brust, aus der das Blut sprudelte, schwankte einen Augenblick, bevor er schwer auf seinen Rücken stürzte. Die Flügelknochen zerbrachen krachend, als er darauf fiel.
Aus den Schatten war ein durchdringender Klagelaut zu hören. Richard trat ein paar Schritte zurück. Eine kleine, dunkle Gestalt huschte über den Boden zu der besiegten Bestie und warf sich über sie. Und schlang die kleinen Flügel um die sich hebende Brust.
Richard machte ein ungläubiges Gesicht. Ein ganz junger Gar.
Die angeschlagene Bestie hob zitternd eine Kralle und griff kraftlos nach dem winselnden Körper. Ein gurgelnder Atemzug hob den kleinen Gar in die Höhe. Der Arm sank schlaff zur Seite. Das Garweibchen schien den Kleinen mit ihren schwach grünlich leuchtenden Augen aufzusaugen, dann hob es den Kopf und sah Richard flehend an. Blutiger Schaum blubberte aus dem Maul, als es seinen letzten, rasselnden Atemzug aushauchte. Die Glut in seinen Augen erlosch, dann lag das Garweibchen still. Das Jungtier krallte sich unter jämmerlichem Geschrei mit seinen kleinen Fäusten in sein Fell.
Klein oder nicht, überlegte Richard, es war trotzdem ein Gar. Er trat näher. Er mußte ihn töten. Der Zorn jagte durch seinen Körper. Er hob das Schwert über seinen Kopf.
Der kleine Gar hob zitternd einen Flügel über seinen Kopf und wich zurück. So verängstigt er auch war, seine Mutter wollte er nicht verlassen. Er winselte vor Angst und Pein.
Ein erschrockenes, kleines Gesicht linste über den zitternden Flügel. Weit aufgerissene, feuchte, grüne Augen blinzelten Richard an. Tränen rannen durch die tiefen Falten seiner Wangen, als das Garjunge verzweifelt schluchzend einen Klagelaut murmelte.
»Bei den guten Seelen«, sagte Richard leise, während er wie erstarrt dastand, »das kann ich nicht tun.«
Zitternd verfolgte der kleine Gar, wie die Schwertspitze im Boden versank. Richard drehte ihm den Rücken zu und schloß die Augen. Ihm war schlecht, sowohl von der Magie des Schwertes, die die Qualen seines besiegten Opfers auf ihn übertrug, als auch von der schrecklichen Vorstellung dessen, was er zu tun bereit gewesen war.
Er steckte das Schwert zurück und atmete tief durch, um sich zu beruhigen, dann hievte er die Tote über seine Schulter und zog los. Er hörte das erstickte Schluchzen des kleinen Gars, der sich an seine reglose Mutter klammerte. Er brachte es nicht fertig, ihn zu töten. Er konnte einfach nicht. Außerdem, so redete er sich ein, würde das Schwert das nicht zulassen. Die Magie wirkte nur, wenn er bedroht wurde. Sie würde nicht zulassen, daß er den kleinen Gar tötete. Das wußte er.
Natürlich konnte er die Klinge weiß färben, doch diese Schmerzen waren unerträglich. Er war nicht bereit, sich diesen Qualen auszusetzen, wenn es nur darum ging, ein hilfloses Jungtier umzubringen.
Er schleppte die Leiche zur nächsten Anhöhe und lauschte auf das schwächer werdende Gewinsel. Dann legte er die Leiche ab und setzte sich, um Luft zu holen. Im Mondschein konnte er die Bestie gerade noch erkennen, als dunklen Fleck vor dem etwas helleren Felsen, und darauf die kleinere Gestalt. Er hörte die schwerfälligen Laute der Qual und der Verwirrung. Richard blieb lange sitzen, sah hinüber und lauschte.
»Bei den guten Seelen, was habe ich nur getan?«
In den Augenwinkeln erweckte eine Bewegung seine Aufmerksamkeit. Zwei ferne Schattenrisse zogen vor dem großen, leuchtendhellen Mond vorbei. Sie schwenkten allmählich seitlich ab und setzten zur Landung an. Zwei Gars.
Richard sprang auf. Vielleicht entdeckten sie den kleinen Gar und halfen ihm. Er ertappte sich dabei, wie er sie insgeheim anfeuerte, dann merkte er, wie absurd es war, darauf zu hoffen, daß ein Gar weiterlebte. Andererseits entwickelte er ein eigenartiges Mitgefühl für diese Ungeheuer.
Richard duckte sich. Die beiden Gars weiter oben kamen ganz in seine Nähe, während sie mit weitem, kreisendem Blick die Situation auf dem Nachbarhügel erfaßten. Ihr Blickkreis wurde enger.
Der kleine Gar verstummte.
Die dunklen Gestalten stürzten hinab und landeten flügelschlagend ein gutes Stück voneinander entfernt. Vorsichtig umkreisten sie den toten Gar und seinen Sprößling. Mit ausgebreiteten Flügeln stürzten sie sich plötzlich auf den kleinen Gar, der sich noch immer stumm verhielt. Er brach sein Schweigen mit einem Schrei. Plötzlich gab es ein Durcheinander aus Flügelschlagen, boshaftem Röhren und verängstigten, schrillen Schreien.
Richard stand auf. Viele Tiere verspeisten die Jungen eines anderen ihrer eigenen Art. Besonders die männlichen Tiere, und vor allem, wenn Nahrung knapp war. Sie hatten nicht die Absicht, ihn zu retten, sie hatten vor, ihn zu fressen.