Bevor ihm bewußt wurde, was er tat, raste Richard den Hügel hinunter. Er rannte, ohne auf die Torheit zu achten, die er im Sinne hatte. Während er die Hügel zu dem kleinen Gar hinaufstürmte, zog er das Schwert. Dessen angstvolles Gejammer trieb ihn weiter. Das wilde Knurren seiner Angreifer löste den Zorn der Magie des Schwertes aus.
Die Klinge voran, stürzte er sich in das Durcheinander aus Fell, aus Krallen und aus Flügeln. Die beiden Gars waren größer als der, den er getötet hatte, was seinen Verdacht bestätigte, daß es sich um Männchen handelte. Seine Klinge traf nur auf Luft, als die beiden zurücksprangen, doch der eine von ihnen ließ den kleinen Gar fallen. Der flitzte über den Boden und krallte sich in das Fell seiner Mutter. Die beiden anderen kreisten ihn ein, sprangen vor, griffen an, schlugen mit ihren Krallen nach ihm. Richard schwang das Schwert, versuchte zuzustechen. Einer von ihnen versuchte, das Jungtier an sich zu reißen. Richard bekam es mit seinem freien Arm zu fassen und zog sich rasch ein Dutzend Schritte zurück.
Sie fielen über den toten Gar her. Mit einem Aufschrei reckte das Jungtier seine Arme nach seiner Mutter, schlug dabei Richard in dem Bemühen, sich loszureißen, die Flügel klatschend ins Gesicht. Die beiden Gars rissen und zerrten wild an dem Kadaver.
Richard fällte einen durchdachten Entschluß. Solange der tote Gar noch dalag, würde das Jungtier ihn nicht verlassen. Der Kleine hätte eine bessere Überlebenschance, wenn ihn nichts mehr an diesem Ort hielt. Der Kleine wand sich mächtig in seinem Arm. Er war zwar mindestens halb so groß wie Richard, aber wenigstens war er leichter, als er gedacht hatte.
Er täuschte einen Angriff vor, um die beiden fortzuscheuchen. Zu ausgehungert, um sich ohne Mahlzeit fortjagen zu lassen, schnappten sie nach ihm. Kämpften gegeneinander. Ihre Krallen schlitzten und fetzten, rissen den Kadaver in Stücke. Richard griff noch einmal an, als sich der kleine Gar losriß und kreischend vor ihm herrannte. Die beiden flatterten in die Luft, jeder mit einer Hälfte der Beute. Im Nu waren sie verschwunden.
Der kleine Gar stand an der Stelle, wo seine Mutter gelegen hatte, und klagte sein Weh, während er die beiden am dunklen Himmel verschwinden sah.
Richard schob keuchend und erschöpft sein Schwert in die Scheide zurück, dann ließ er sich auf einen niedrigen Felsen fallen und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Er legte den Kopf in die Hände, und Tränen traten ihm in die Augen. Er hatte sichtlich den Verstand verloren. Was in aller Welt hatte er getan? Er riskierte sein Leben für nichts. Nein, nicht für nichts.
Er hob den Kopf. Der kleine Gar stand in der Blutlache, dort, wo seine Mutter gelegen hatte, die zitternden Flügel ermattet ausgestreckt, mit eingesunkenen Schultern, und ließ die flauschigen Ohren hängen. Große, grüne Augen sahen ihn an. Richard und der Gar starrten sich eine Weile gegenseitig an.
»Tut mir leid, Kleiner«, sagte er leise.
Der Gar machte einen vorsichtigen Schritt auf ihn zu. Tränen liefen ihm übers Gesicht. Er wagte einen weiteren kleinen, schwankenden Schritt.
Richard breitete die Arme aus. Der Gar sah das, dann stürzte er sich mit einem jammervollen Klagelaut hinein.
Er klammerte sich mit seinen langen, dürren Armen um Richard. Die warmen Flügel schlangen sich um seine Schultern. Richard drückte ihn fest an sich.
Sacht sein struppiges Fell streichelnd, beruhigte er den Gar mit tröstenden Worten im Flüsterton. Richard hatte selten eine Kreatur in solchem Elend gesehen, eine Kreatur, die so dringend Trost brauchte, daß sie sich von dem trösten ließ, der ihr Elend verursacht hatte. Vielleicht sah der Kleine in ihm auch denjenigen, der ihn davor bewahrt hatte, von zwei Riesenmonstern gefressen zu werden. Vor die entsetzliche Wahl gestellt, hatte er vielleicht beschlossen, in ihm seinen Retter zu sehen. Vielleicht war der letzte Eindruck, daß er vor dem Gefressenwerden gerettet wurde, schlicht der stärkere.
Der kleine Gar schien kaum mehr zu sein als pelzige Haut und Knochen. Er war halb verhungert. Richard konnte seinen Magen knurren hören. Sein schwacher, moschusartiger Geruch war weder angenehm noch ekelhaft. Er versprach ihm säuselnd Hilfe, bis das Winseln des Tieres nachließ. Als er sich schließlich mit einem schweren, matten Seufzer beruhigt hatte, stand Richard auf. Seine scharfen, kleinen Krallen rissen an Richards Hosenbein, und der kleine Gar blickte zu ihm auf. Er hätte dem Kleinen gern etwas Futter dagelassen, doch er hatte seinen Rucksack nicht mitgenommen und konnte ihm nichts anbieten.
Er löste die Krallen von seiner Hose. »Ich muß jetzt gehen. Die zwei werden nicht mehr wiederkommen. Versuch, dir ein Kaninchen zu fangen oder irgend etwas anderes. Du mußt jetzt allein sehen, wie du zurechtkommst. Geh schon.«
Der Kleine blinzelte ihn an, gähnte und reckte die beiden Flügel und ein Bein dabei. Richard drehte sich um und wollte gehen. Er warf einen Blick über seine Schulter. Der kleine Gar lief ihm hinterher.
Richard stampfte mit dem Fuß auf und blieb stehen. »Du kannst nicht mitkommen.« Er streckte die Arme aus und versuchte, ihn zu verscheuchen. »Geh schon. Mach, daß du verschwindest.« Er ging rückwärts weiter. Der Gar folgte ihm. Er blieb erneut stehen und scheuchte ihn energischer fort. »Verschwinde! Du kannst nicht mit mir kommen. Hau ab!«
Er ließ die Flügel hängen und machte ein paar taumelige Schritte rückwärts, als Richard erneut losging. Diesmal blieb der Kleine, wo er war.
Richard mußte die Leiche der Frau begraben, und er mußte wieder im Lager sein, bevor Schwester Verna sich entschloß, ihn mit dem Halsring zurückzuholen. Er hatte nicht die geringste Absicht, ihr einen Grund zu liefern, sie würde früh genug selbst einen finden. Er sah noch einmal kurz nach hinten, um sich zu vergewissern, daß ihm der Gar nicht gefolgt war. Er war allein.
Er fand die Leiche auf dem Rücken liegend dort, wo er sie zurückgelassen hatte. Erleichtert stellte er fest, daß keine Blutmücken in der Nähe waren. Er mußte entweder einen Flecken Erde finden, der weich genug war, um ein Loch auszuheben, oder irgendeine tiefe Spalte, in der er ihre Leiche verstecken konnte. Schwester Verna hatte ausdrücklich darauf bestanden, sie gut zu verstecken.
Er suchte das Gelände ab, als er einen leisen Flügelschlag vernahm und der kleine Gar ein Stück von ihm entfernt mit einem dumpfen Plumps landete. Er verwünschte den Kleinen still, während der die Flügel faltete, sich gemütlich vor ihm niederließ und ihn aus seinen großen, grünen Augen ansah.
Richard versuchte erneut, ihn zu verscheuchen. Der Kleine rührte sich nicht von der Stelle. Richard stemmte die Hände in die Hüfte.
»Du kannst nicht mit mir kommen! Verschwinde!«
Der Gar kam auf ihn zugewatschelt und umschlang seine Beine. Was sollte er nur tun? Er konnte nicht zulassen, daß ein Gar sich an ihn hängte.
»Wo sind deine Mücken? Du hast ja nicht mal eigene Blutmücken. Wie willst du ohne eigene Mücken dein Essen fangen?« Er schüttelte nachdenklich den Kopf. »Na ja, das ist nicht mein Problem.«
Das kleine, faltige Gesicht linste um seine Beine herum. Aus der Kehle des Gars drang ein tiefes Knurren, als er seine Zähne bleckte und seine kleinen, scharfen Reißzähne zeigte. Richard sah sich um. Er knurrte die tote Frau an. Dann schloß er stöhnend die Augen. Der Kleine war hungrig. Wenn er die Leiche vergrub, würde der Gar sie wieder ausbuddeln.
Richard beobachtete, wie der Gar zu der Leiche hinübersprang und sie betatschte, während sein Knurren lauter wurde. Richards Kehle war trokken, er mußte schlucken — und der Gedanke, der ihm kam, behagte ihm gar nicht.
Schwester Verna hatte ihm gesagt, er solle die Leiche loswerden. Die Leute hier dürften nicht wissen, wie die Frau gestorben war, hatte sie gesagt. Die Vorstellung, daß ihre Überreste gefressen wurden, war unerträglich. Doch gefressen würde sie in jedem Fall, auch wenn er sie vergrub — von Würmern. Wieso waren Würmer besser als ein Gar? Dann kam ihm der nächste grausige Gedanke: Wer war er schon, sich ein Urteil erlauben zu dürfen? — Er hatte selbst Menschenfleisch gegessen. Wieso war das etwas anderes? War er etwas Besseres?