Außerdem konnte er sich aus dem Staub machen, solange der Kleine mit Fressen beschäftigt war, und sie wären verschwunden, bevor er Zeit fand, ihnen zu folgen. Danach wäre der Kleine auf sich gestellt. Und er wäre ihn los.
Richard sah, wie der kleine Gar vorsichtig die Leiche untersuchte. Probeweise zerrte er mit seinen Zähnen an einem Arm. Das Jungtier war noch nicht erfahren genug, um zu wissen, was man mit einer Beute machte. Sein Knurren wurde lauter. Richard wurde schlecht bei diesem Anblick.
Er ließ den Arm los und sah Richard an, als wollte er ihn um Hilfe bitten. Er flatterte aufgeregt mit den Flügeln. Er war hungrig.
Zwei Probleme auf einen Schlag.
Welchen Unterschied machte es? Sie war tot. Ihre Seele hatte ihren Körper verlassen und würde ihn nicht vermissen. Damit wären zwei Probleme auf einmal gelöst. Angesichts des gerade gefaßten Plans biß er die Zähne aufeinander und zog das Schwert.
Richard schob den ausgehungerten Gar mit einem Bein zurück, holte zu einem mächtigen Schlag aus und schlug eine riesige Wunde. Der kleine Gar fiel darüber her.
Richard ging schnell fort, ohne sich umzusehen. Bei den Geräuschen drehte sich ihm der Magen um. Wer war er, daß er sich ein Urteil erlauben durfte? Benommen fiel er in einen Trab zurück zum Lagerplatz. Sein Hemd war schweißgetränkt. Das Schwert hatte sich an seiner Hüfte noch nie so schwer angefühlt. Er versuchte, den ganzen Vorfall aus den Gedanken zu verbannen. Er dachte an die Wälder Kernlands und wünschte, er wäre zu Hause. Er wünschte, noch immer der sein zu können, der er einmal gewesen war.
Schwester Verna war gerade damit fertig geworden, Jessup zu striegeln, und sattelte ihn. Sie musterte Richard mit einem kurzen Seitenblick, bevor sie zum Kopf des Pferdes ging und ihm leise ein paar Worte zuflüsterte, es dabei unterm Kinn kraulte. Richard holte sich den Striegel, bürstete Geraldine rasch den Rücken und gab ihr in scharfem Tonfall zu verstehen, daß sie still stehen und sich nicht ständig umdrehen sollte. Er wollte schnell von hier fort.
»Hast du dafür gesorgt, daß man ihre Leiche nicht findet?«
Seine Hand mit dem Striegel erstarrte auf Geraldines Flanke. »Sollte jemand ihre Überreste finden, wird er nicht wissen, was passiert ist. Ich wurde von Gars angegriffen. Sie haben sich die Leiche geholt.«
Sie dachte einen Augenblick lang schweigend darüber nach. »Ich dachte schon, ich hätte Gars gehört. Nun, vermutlich wird das ausreichen.« Er machte sich wieder ans Striegeln, als sie erneut das Wort ergriff. »Hast du sie getötet?«
»Einen.« Er spielte mit dem Gedanken, ihr nichts zu erzählen, entschied dann aber, daß es keine Rolle spielte. »Da war ein kleiner Gar. Ihn habe ich nicht getötet.«
»Gars sind mörderische Bestien. Du hättest ihn töten sollen. Vielleicht solltest du zurückgehen und es nachholen.«
»Ich kann nicht. Er läßt mich nicht nahe genug an sich heran.«
Mit einem kurzen Stöhnen zurrte sie den Sattelgurt fest. »Du hast einen Bogen.«
»Welchen Unterschied macht das? Laßt uns einfach aufbrechen. Ganz auf sich gestellt, wird er vermutlich ohnehin verhungern.«
Sie bückte sich und sah nach, ob der Gurt das Pferd nicht kniff. »Vielleicht hast du recht. Das Beste wäre, wenn wir von hier verschwinden.«
»Schwester? Wieso haben die Gars uns nicht schon vorher angegriffen?«
»Weil ich mich mit meinem Han gegen sie abgeschirmt habe. Du warst zu weit fort, jenseits meines Schildes, deswegen haben sie dich angegriffen.«
»Dieser Schild wird uns also sämtliche Gars vom Leibe halten?«
»Ja.«
Nun, zumindest gab es etwas, wozu das Han gut war. »Kostet das nicht eine Menge Kraft? Gars sind große Tiere. Ist das nicht schwierig?«
Die Frage zauberte ein dünnes Lächeln auf ihre Lippen. »Ganz recht, Gars sind groß, und es gibt außer ihnen auch noch andere Bestien, gegen die ich mich mit meinem Han abschirmen muß. Das alles würde zuviel Kraft kosten. Man muß immer nach einer Möglichkeit suchen, sein Ziel mit dem geringsten Aufwand zu erreichen.«
Sie streichelte dem Pferd den Hals, während sie fortfuhr. »Ich habe die Gars nicht dadurch ferngehalten, daß ich die Bestien selbst vertrieben habe, sondern indem ich mich gegen die Blutmücken abgeschirmt habe. Das ist viel einfacher. Wenn die Fliegen den Schild nicht durchbrechen können, kommen die Gars nicht auf den Gedanken, daß sich dahinter etwas Lohnendes verbirgt, und deshalb haben wir Ruhe vor ihnen. Dieser Schirm verbraucht daher nur wenig meiner Kraft, und doch erreiche ich mein Ziel.«
»Und warum habt Ihr diesen Schirm nicht gegen die Menschen hier benutzt? Gegen die Frau, heute abend?«
»Einige Völker in der Wildnis besitzen einen Zauber gegen unsere Kraft. Deswegen sterben auch zahlreiche Schwestern bei dem Versuch, das Land zu durchqueren. Wüßten wir, wie diese Zauber oder Talismane funktionieren, könnten wir ihnen etwas entgegensetzen, doch wir wissen es nicht. Sie sind uns ein Rätsel.«
Richard beendete das Satteln von Geraldine und Bonnie schweigend. Die Schwester wartete geduldig. Er dachte, daß sie noch mehr zu sagen hätte — über ihren Streit vorhin, doch sie schwieg. Er beschloß, es dann eben selbst zur Sprache zu bringen.
»Schwester Verna, das mit Schwester Grace und Schwester Elizabeth tut mir leid.« Er streichelte Bonnies Schulter, während er den Blick auf den Boden gerichtet hielt. »Ich habe ein Gebet an ihrem Grab gesprochen. Ich wollte nur, daß Ihr das wißt. Ein Gebet an die Guten Seelen, damit sie über sie wachen und sie gut behandeln. Ich habe ihren Tod nicht gewollt. Vielleicht denkt Ihr darüber anders, aber ich wünsche niemandem den Tod. Ich bin das Töten leid. Ich kann nicht einmal mehr Fleisch essen, weil ich den Gedanken nicht ertragen kann, daß irgend etwas sterben mußte, nur um mich zu ernähren.«
»Danke für das Gebet, Richard, doch du mußt lernen, daß wir nur zum Schöpfer beten dürfen. Sein Licht ist es, das uns führt. Ein Gebet an die Seelen ist heidnisch.« Sie schien sich eines Besseren zu besinnen und milderte ihren harschen Ton. »Allerdings bist du noch nicht ausgebildet und konntest das nicht wissen. Ich kann dir keinen Vorwurf machen, denn du hast dein Bestes gegeben. Ich bin sicher, der Schöpfer hat dein Gebet gehört und die wohlwollende Absicht verstanden.«
Richard gefiel ihre engstirnige Haltung nicht. Vielleicht wußte er sogar mehr über die Seelen als sie. Über ihren Schöpfer wußte er allerdings nicht sehr viel, aber Seelen hatte er schon selbst gesehen, sowohl gute wie auch böse. Er wußte, wie gefährlich es war, sie zu ignorieren.
Ihre Dogmen kamen ihm ebenso töricht vor wie der Aberglaube der Landbevölkerung im Kernland. Überall hatte er eine andere Geschichte darüber gehört, wie die Menschen entstanden waren. Jede entlegene Region, die er besucht hatte, besaß ihre eigene Version, wie der Mensch aus diesem oder jenem Tier, aus dieser oder jener Pflanze erschaffen worden war. Richard hatte den Geschichten gern gelauscht. Sie steckten voller Wunder und Magie. Doch suchten die Geschichtenerzähler mit ihren Mythen und Legenden nur zu begreifen, wie sich der Mensch in die Welt fügte. Richard war nicht bereit, die Dinge, die die Schwester ihm erzählt hatte, nur deshalb als wahr anzusehen, weil sie daran glaubte.
Er stellte sich den Schöpfer nicht wie einen König vor, der auf einem Thron saß und auf jedes armselige Gebet lauschte, das ihm zu Ohren kam. Seelen waren dagegen einmal selbst lebendig gewesen und verstanden die Bedürfnisse der Sterblichen, kannten die Nöte von lebendem Fleisch und Blut.
Zedd hatte ihm beigebracht, der Schöpfer sei nur ein anderer Name für die Kraft der Ausgewogenheit in allen Dingen — und kein weiser Mann, der über alles Gericht hielt.
Doch was spielte das für eine Rolle? Er wußte, daß Menschen an ihren Grundsätzen festhielten und in diesem Punkt sehr engstirnig waren. Schwester Verna glaubte, was sie eben glaubte, daran würde er nichts ändern können. Er hatte Menschen niemals ihren Glauben vorgehalten und wollte damit jetzt auch nicht anfangen. Ein solcher Glaube, ob er nun stimmte oder nicht, konnte ein Trost sein.