Er streifte den Gurt über seinen Kopf und hielt ihr das Schwert hin. »Ich habe über das nachgedacht, was Ihr vorhin gesagt habt. Ich habe mich entschieden, daß ich das Schwert nicht mehr will.«
Sie hob die Hände, und er legte das Schwert mit Scheide und Gurt in sie. hinein.
Sie zeigte keinerlei Regung. »Meinst du das wirklich ernst?«
Er nickte. »Ja. Ich bin damit fertig. Das Schwert gehört jetzt Euch.«
Er machte kehrt, um nach seinem Sattel zu sehen. Selbst ohne das Schwert an seiner Hüfte spürte er noch das kribbelnde Gefühl seiner Magie. Das Schwert konnte er aufgeben, doch seine Magie blieb ihm. Er war der wahre Sucher, und das konnte ihm niemand nehmen. Aber wenigstens konnte er sich von der Klinge trennen und damit von den Taten, die er damit beging.
»Du bist ein sehr gefährlicher Mann, Richard«, sagte sie leise.
Er sah zurück über seine Schulter. »Deshalb gebe ich Euch das Schwert. Ich will es nicht mehr, Ihr wollt es, also soll es Euch gehören. Jetzt werden wir sehen, wie es Euch gefällt, damit zu töten.«
Er zog das Ende des Sattelgurtes durch die Schnalle und zurrte es fest. Er versetzte Bonnie einen freundlichen Klaps, bevor er sich umdrehte. Schwester Verna hielt das Schwert noch immer in der ausgestreckten Hand.
»Bis jetzt hatte ich keine Vorstellung, wie gefährlich du bist.«
»Das ist vorbei. Jetzt habt Ihr das Schwert.«
»Ich kann es nicht annehmen«, sagte sie leise. »Es war meine Pflicht, dir das Schwert bei deiner Rückkehr abzunehmen — um dich auf die Probe zu stellen. Du hattest nur eine Möglichkeit, zu verhindern, daß du es verlierst. Und genau das hast du getan.« Sie hielt ihm das Schwert hin. »Kein Mann ist gefährlicher als der, der unberechenbar ist. Es gibt keine Möglichkeit vorherzusagen, wie du dich unter Druck verhalten wirst. Das wird großen Ärger bringen. Dir. Und uns.«
Richard wußte nicht, wovon sie sprach. »Was ist daran unberechenbar? Ihr wolltet das Schwert haben, und ich bin die Dinge leid, die ich damit tue, also habe ich es Euch überlassen.«
»Du glaubst, es zu verstehen, denn das ist deine Art zu denken. Andere denken nicht so. Du bist ein Rätsel. Schlimmer, dein unerklärliches Verhalten tritt auf, wenn du es am meisten brauchst. Das ist die Gabe. Du gebrauchst dein Han, ohne zu wissen, was du tust. Das ist gefährlich.«
»Ein Grund für den Halsring ist, daß er meinen Geist für die Gabe öffnen soll. Das habt Ihr selbst gesagt. Wenn ich die Gabe nutze — und das verlangt Ihr schließlich von mir — und ich eben das tun muß, dann sehe ich nicht, was daran gefährlich sein soll.«
»Was du tun mußt und was richtig ist, braucht nicht unbedingt dasselbe sein. Etwas zu wollen, heißt nicht, daß es auch richtig ist.« Sie deutete mit dem Kopf auf das Schwert. »Nimm es zurück. Ich kann es im Augenblick nicht annehmen. Du mußt es behalten.«
»Ich habe Euch schon gesagt, ich will es nicht.«
»Dann wirf es ins Feuer. Ich kann es nicht annehmen. Es ist mit einem Makel behaftet.«
Richard riß es ihr aus der Hand. »Ich werde es nicht ins Feuer werfen.« Er steckte seinen Kopf durch den Gurt und zog ihn an seiner Hüfte zurecht. »Ich glaube, Ihr seid zu abergläubisch, Schwester Verna. Es ist nur ein Schwert. Es ist mit keinem Makel behaftet.« Sie irrte sich. Es war die Magie, die mit einem Makel behaftet war, und die hatte er ihr nicht angeboten. Auch wenn er seine Magie, alle Magie, loswerden wollte, er konnte nicht. Sie war ein Teil von ihm. Kahlan hatte das erkannt und hatte sich davon befreit. Von ihm.
Sie wandte sich von ihm ab und bestieg Jessup. Ihre Stimme klang kalt und abweisend. »Wir müssen aufbrechen.«
Richard ließ sich in seinem Sattel nieder und ritt ihr hinterher. Hoffentlich hatte der kleine Gar eine Chance zu überleben. Er verabschiedete sich im stillen von ihm und ritt hinter Schwester Verna in die Nacht.
Auch wenn es ihm ernst damit gewesen war, ihr das Schwert zu überlassen, so fühlte er sich seltsam erleichtert, es zurückzuhaben. Es gehörte zu ihm und machte ihn auf irgendeine Weise zu einem Ganzen. Zedd hatte es ihm geschenkt, und das Schwert war es gewesen, das ihn verändert hatte, es war das einzige, was ihn an seinen Freund und an zu Hause erinnerte.
25
Das Pferd war erschöpft, jagte aber immer noch in wildem Galopp vorwärts. Adie hielt Zedds Hüfte fest umklammert, während dieser sich über den Widerrist des Pferdes beugte und sich in dessen Mähne krallte. Unter sich spürte er das rhythmische Spiel der Muskeln. Endlos huschten die Bäume des dichten Waldes kaum erkennbar vorbei.
Der Skrin war nur einen Herzschlag hinter ihnen. Da er größer war als das Pferd, schlug er im Laufen gegen das Geäst. Zedd hörte Äste krachen und zersplittern. Er hatte Bäume umgeworfen und gleich hinter ihnen über den Weg gelegt, doch das hielt die Knochenbestie nicht auf. Er hatte alle möglichen Tricks, Zaubereien und magischen Kunststückchen probiert. Nichts hatte funktioniert, trotzdem, es widerstrebte ihm, sich seine Niederlage einzugestehen. Das Eingestehen einer Niederlage schuf ein geistiges Klima der Resignation, welches sie erst zur Gewißheit machte.
»Ich fürchte, diesmal hat der Hüter uns erwischt«, rief Adie hinter ihm.
»Noch ist es nicht soweit! Wie hat er uns gefunden? Die Knochen des Skrin waren in deinem Haus und haben dich jahrelang versteckt! Wenn sie dich verborgen haben, wie hat er uns dann gefunden?«
Sie wußte keine Antwort.
Sie hetzten den Pfad entlang, wo die Grenze gewesen war, und hielten auf die Midlands zu. Zedd war froh, daß die Grenzwälle nicht mehr existierten, sonst hätten sie längst aus Versehen in die Unterwelt laufen können. Grenze oder nicht, lange konnte es so nicht mehr weitergehen, dann würde sie der Skrin erwischen. Und mit ihm der Hüter.
Denk nach, befahl er sich.
Mit Hilfe von Magie gab Zedd dem Pferd Kraft und Stehvermögen, trotzdem konnten Herz, Lungen und Sehnen unmöglich noch lange über ihre natürlichen Grenzen hinaus durchhalten. Er war fast ebenso erschöpft wie das verängstigte Tier. Viel Zeit blieb ihnen nicht mehr.
Er mußte den Versuch aufgeben, den Skrin zu bremsen, und sich endlich auf die Lösung des Problems konzentrieren. Doch diese Veränderung der Taktik konnte gefährlich werden. Was er im Augenblick tat, konnte den Skrin zwar nicht bremsen, verhinderte möglicherweise aber, daß er sie zu fassen bekam.
Links schien etwas Grünes aufzublitzen. Ein Grün, das er nur an einem einzigen Ort gesehen hatte: an der Grenze. In der Unterwelt. Das ist nicht möglich, dachte er. Die Hufe des Pferdes donnerten weiter.
»Adie! Hast du etwas bei dir, das der Skrin wiedererkennen würde?«
»Was zum Beispiel?«
»Weiß ich nicht! Irgend etwas! Er muß uns durch irgend etwas aufgespürt haben. Irgend etwas, das uns mit der Unterwelt verbindet.«
»Ich habe nichts bei mir. Er muß uns durch die Knochen in meinem Haus gefunden haben.«
»Aber diese Knochen haben dich versteckt!«
Diesmal ließ sich das Aufblitzen des grünen Lichts nicht länger als Täuschung abtun. Es kam von rechts. Links erschien ein weiteres.
»Zedd! Ich glaube, der Skrin holt die Unterwelt herauf, um uns hineinzudrängen!«
Knochen.
»Kann er das?«
Diesmal klang ihre Stimme nicht so laut. »Ja.«
»Verdammt«, brummte er in den kalten Wind vor seinem Gesicht.
Zwischen den Bäumen flackerte ein gespenstisches grünes Licht. Es kam näher. Wenn ihm nichts einfiele, würden sie sterben.
Denk nach.
Plötzlich schien das grüne Licht aufzulodern und auf beiden Seiten einen festen Wall zu bilden. Mit einem dumpfen Schlag, den Zedd tief in seiner Brust spüren konnte, stand er plötzlich wie aus einem Stück in dieser Welt. Das Pferd galoppierte den Pfad zwischen diesen Wänden entlang, welcher sich zunehmend verengte.