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Knochen.

Skrinknochen.

»Adie! Gib mir die Kette, die du um deinen Hals trägst!«

Die leuchtendgrünen Grenzwälle drängten von beiden Seiten nach innen. Die Zeit lief ihnen fort. Und die Möglichkeiten.

Adie riß ihr Halsband ab, dann legte sie den Arm wieder um ihn und hielt ihm das Knochenhalsband hin. Ihre Hand glänzte vom Blut. Zedd riß sich seine eigene Halskette über den Kopf und packte ihre mit derselben Hand.

»Wenn das nicht klappt, dann tut’s mir leid, Adie. Ich möchte nur, daß du weißt, wie sehr ich die Zeit mit dir genossen habe.«

»Was hast du vor?«

»Halt dich fest!«

Vor ihnen schlossen sich die grünlichen Grenzwälle. Zedd nahm das Pferd fest in den Griff und gab ihm ein stilles Kommando.

Es stemmte die Hufe in den Boden, kam zum Stehen und wirbelte gerade noch rechtzeitig herum, bevor der Pfad vor einem Wall zur Unterwelt endete.

Zedd schleuderte die beiden aus Skrinknochen gefertigten Halsketten in das grüne Licht, in eine breite Schneise zwischen den Bäumen.

Der Skrin hatte sie eingeholt. Ohne anzuhalten, folgte er den Halsketten, die in die Grenze, in das grüne Licht hineinsegelten. Ein Blitz und ein krachender Donner wie bei einem Blitzeinschlag, dann tauchte der Skrin hinein.

Das grüne Licht und der Skrin flackerten auf und waren verschwunden. Im dunklen Wald war es bis auf ihren eigenen keuchenden Atem still.

Adie lehnte den Kopf matt an seinen Rücken. »Du hast recht, alter Mann. Dein Leben ist eine Verzweiflungstat nach der anderen.«

Zedd tätschelte ihr Knie, bevor er von dem verschwitzten Pferd hinunterglitt. Das arme Tier war vollkommen erschöpft und stand kurz vor dem Zusammenbruch. Zedd nahm seinen Kopf in beide Hände und gab ihm auf diese Weise Kraft — und seinen aufrichtigen Dank. Er legte seine Wange an das Maul des Pferdes, schloß die Augen und streichelte ihm zur Beruhigung eine Weile die Wangen, dann ging er und kümmerte sich um Adie.

Ihre Armwunde blutete noch immer. Neben dem großen Pferd wirkte Adie kleiner, als sie tatsächlich war. Ihre eingefallenen Schultern und der hängende Kopf taten das Ihrige, den Eindruck noch zu unterstreichen. Sie behauptete, keine Schmerzen zu haben, während Zedd die Wunde untersuchte.

»Ich bin eine Närrin«, meinte sie. »Ich habe die ganze Zeit geglaubt, mich unter den Augen des Hüters zu verstecken, dabei war es genau umgekehrt. Er wußte die ganze Zeit, wo ich war. Die ganzen Jahre.«

»Wir können uns damit trösten, daß es ihm nichts eingebracht hat. Seine Mühe war umsonst. Und jetzt halt still. Ich muß mich um die Wunde kümmern.«

»Dafür haben wir keine Zeit. Wir müssen zu meinem Haus zurück. Ich muß meine Knochen holen.«

»Ich habe gesagt, halt still.«

»Wir müssen uns beeilen.«

Zedd hob den Kopf und sah sie finster an. »Wir gehen zurück, wenn ich fertig bin, aber das Pferd ist zu erschöpft, ich muß es am Halfter führen. Ich werde zu Fuß gehen und dich aufsitzen lassen, vorausgesetzt, du machst mir keinen Ärger mehr. Und jetzt sei still, sonst stehen wir hier die ganze Nacht und spalten Haare.«

In kaltem fahlem Licht bei Tagesanbruch erreichten sie Adies Haus. Es war ein trauriger Anblick. Der Skrin hatte das Haus kurz und klein geschlagen. Adie widmete den durchlöcherten, sich zur Seite neigenden Wänden keine Aufmerksamkeit, sondern eilte ins Haus, stieg über Trümmer hinweg, hob Knochen auf, stapelte sie auf ihren Armen und arbeitete sich dabei in die Ecke vor, wo sie den runden, mit Schnitzereien verzierten Knochen zuletzt gesehen hatte.

Zedd war damit beschäftigt, den Boden draußen nach Spuren abzusuchen, als er ihren Ruf hörte.

»Komm und hilf mir, den Knochen zu finden, Zauberer.«

Er trat über einen heruntergestürzten Balken. »Vermutlich wirst du ihn nicht finden.«

Sie schob ein Brett auf die Seite. »Hier irgendwo hat er gelegen.« Sie blieb stehen und warf einen Blick über ihre Schulter. »Was soll das heißen, vermutlich werden wir ihn nicht finden?«

»Jemand war hier.«

Sie ließ den Blick über die Trümmer schweifen. »Bist du sicher?«

Zedd deutete mit einer vagen Handbewegung auf die Stelle, wo er den Boden untersucht hatte. »Ich habe einen Fußabdruck gefunden, dort drüben. Und der stammt nicht von uns.«

Sie ließ die Knochen in ihrem Arm fallen. »Wer war es dann?«

Er legte seine Hand auf einen Balken, der von der Decke hing und dessen Ende auf dem Boden ruhte. »Keine Ahnung, aber es war jemand hier. Sieht aus wie ein Frauenstiefel, aber deiner war es nicht. Sie wird den runden Knochen mitgenommen haben.«

Adie durchstöberte das Durcheinander in der Ecke, suchte. Schließlich gab sie es auf. »Du hast recht, alter Mann. Der Knochen ist verschwunden.« Sie drehte sich im Kreis, schien die Luft mit ihren weißen Augen abzusuchen. »Verderbte«, zischte sie. »Du hast dich geirrt, der Hüter hat sich nicht umsonst bemüht.«

»Ich fürchte, du hast recht.« Zedd wischte sich die Hand am Hosenbein ab. »Wir sollten machen, daß wir von hier verschwinden. So weit fort wie möglich.«

Adie beugte sich zu ihm. Ihre Stimme klang leise, aber entschlossen. »Zedd, wir müssen diesen Knochen finden. Es ist wichtig für den Schleier.«

»Sie hat ihren Weg mit Magie verhüllt. Ich habe keine Ahnung, wohin sie gegangen ist. Ich habe nur den einen Fußabdruck gefunden. Wir müssen von hier fort, möglicherweise erwartet der Hüter, daß wir zurückkommen. Ich werde unsere Spuren ebenfalls unsichtbar machen, damit niemand weiß, wohin wir gehen.«

»Glaubst du, das wird dir gelingen? Der Hüter scheint zu wissen, wo wir stecken, und schickt uns nach Belieben seine Günstlinge.«

»Er hat uns anhand unserer Halsketten aufgespürt. Im Augenblick kann er uns nicht sehen. Aber wir müssen von hier fort. Vielleicht hat er Augen, die uns für ihn beobachten — jene Augen, die auch den Knochen gefunden haben.«

Sie ließ den Kopf noch tiefer hängen und schloß die Augen. »Vergib mir, Zedd, daß ich dich in Gefahr gebracht habe. Ich war wirklich eine Närrin.«

»Unsinn. Niemand weiß alles. Niemand spaziert durchs Leben, ohne gelegentlich in eine schlammige Pfütze zu treten. Nur darf man nicht aus dem Gleichgewicht geraten, wenn das passiert, und nicht auf die Nase fallen und dadurch alles nur noch schlimmer machen.«

»Aber der Knochen ist wichtig!«

»Er ist weg. Daran können wir im Augenblick nichts ändern. Wenigstens haben wir dem Hüter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir sind ihm entwischt. Aber wir müssen fort von hier.«

Adie bückte sich, um die Knochen aufzuheben, die sie fallen gelassen hatte. »Ich werde mich beeilen.«

»Wir können unmöglich alles mitnehmen, Adie«, sagte er ruhig.

Sie richtete sich auf. »Ich muß die Knochen mitnehmen. Einige von ihnen sind sehr wichtig. Einige verfügen über starke magische Kräfte.«

Zedd ergriff ihre schmale Hand. »Adie, dank eines Knochens wußte der Hüter, wo wir sind. Er hat dich beobachtet. Wir können unmöglich wissen, ob er nicht auch einen von diesen hier erkennt. Wir können sie nicht mitnehmen, aber wir dürfen auch nicht riskieren, daß jemand anderes sie an sich nimmt. Sie müssen vernichtet werden.«

Ihre Lippen bewegten sich einen Augenblick lang stumm, bevor sie Worte fand. »Ich werde sie nicht zurücklassen. Sie sind wichtig. Es war äußerst schwierig, sie zu bekommen. Bei einigen hat es mich Jahre gekostet. Der Hüter kann sie nicht gezeichnet haben. Er konnte nicht wissen, welche Mühe ich mir geben würde.«

Zedd tätschelte ihre Hand. »Adie, einen Knochen, den du finden solltest, hätte er dir niemals einfach nur so hingelegt. Er hätte dich mühevoll danach suchen lassen, damit du ihn wertschätzt und in deiner Nähe aufbewahrst.«

Sie riß ihre Hand zurück. »Dann hätte er ja alles zeichnen können!« Sie zeigte auf das Pferd. »Woher weißt du, daß das nicht auch von einem Verderbten stammt?«

Zedd sah sie ganz ruhig an. »Weil es nicht das war, das man mir angeboten hat. Ich habe ein anderes genommen.«

Ihr kamen die Tränen. »Bitte, Zedd«, hauchte sie. »Sie gehören mir. Mit ihrer Hilfe wollte ich meinen Pell erreichen.«