»Ich werde dir helfen, deine Botschaft Pell zu übermitteln. Ich habe dir mein Wort gegeben, aber so wird es nicht klappen. Es hat ja bis jetzt nicht geklappt. Ich werde dir helfen, einen anderen Weg zu finden.«
Sie humpelte einen Schritt auf ihn zu. »Und wie?«
Er betrachtete ihr gequältes Gesicht voller Mitgefühl. »Ich kenne einen Weg, wie ich Seelen für einen kurzen Augenblick durch den Schleier holen kann, um mit ihnen zu sprechen. Auch wenn ich Pell nicht hindurchholen kann, so kann ich ihm vielleicht doch eine Nachricht überbringen. Aber, Adie, du mußt auf mich hören, im Augenblick geht es nicht. Wir müssen warten, bis der Schleier wieder verschlossen ist.«
Mit zitternden Fingern berührte sie ihn am Arm. »Aber wie? Wie ist so was möglich?«
»Es ist möglich. Mehr brauchst du nicht zu wissen.«
»Verrat es mir.« Ihr Griff um seinen Arm wurde fester. »Ich muß wissen, ob du die Wahrheit sagst. Ich muß wissen, ob es möglich ist.«
Er wog die Entscheidung einen Augenblick lang ab. Mit Hilfe des Zaubererfelsens, den ihm sein Vater gegeben hatte, hatte er die Seelen seines Vaters und seiner Mutter zu sich gerufen. Aber sie hatten ausdrücklich von ihm verlangt, sie erst wieder zu rufen, wenn dies hier erledigt war, da sonst die Gefahr bestand, daß der Schleier zerriß. Selbst in günstigen Zeiten war es gefährlich, den Stein zu benutzen, und man hatte ihn gewarnt, es nur in einer äußersten Notlage zu tun.
Den Seelen einen Pfad zu öffnen war stets höchst riskant. Man wußte nie genau, was man unbeabsichtigterweise in diese Welt einließ. Auch ohne seine Hilfe waren bereits genug Wesen aus der Finsternis hindurchgelangt.
Adie war zwar Magierin, doch wie man einen Zaubererfelsen bediente, durfte sie nicht wissen. Das war ein Geheimnis, das Zauberer, wie vieles andere auch, für sich behalten mußten. Die Verantwortung machte ihm das Herz schwer.
»Du wirst dich auf mein Wort verlassen müssen, daß es möglich ist. Ich habe dir versprochen, daß ich dir helfen werde, und wenn es sicher ist, werde ich es versuchen.«
Noch immer bohrten sich ihre Finger hartnäckig in seinen Arm. »Wie ist so etwas möglich? Bist du sicher? Wie kannst du so etwas wissen?«
Er warf sich in die Brust. »Ich bin ein Zauberer der Ersten Ordnung.«
»Aber bist du wirklich sicher?«
»Du mußt mir glauben, Adie. Ich behaupte solche Dinge nicht leichtfertig. Ich weiß nicht sicher, ob es funktioniert, aber ich glaube, daß es funktionieren kann. Jetzt ist es erst mal wichtig, alles zu nutzen, was wir, was du und ich, wissen, um den Hüter daran zu hindern, den Schleier zu zerreißen. Es wäre nicht richtig, mein Wissen für eigennützige Ziele zu mißbrauchen und damit die Sicherheit aller anderen aufs Spiel zu setzen. Den Schleier aufrechtzuerhalten verlangt nach einem empfindlichen Gleichgewicht der Kräfte — dies könnte es zerstören. Es könnte sogar sein, daß ein solcher Mißbrauch den Schleier ganz zerreißt.«
Sie nahm die Hand von seinem Arm und strich sich eine verirrte Strähne ihres grauen Haars aus dem Gesicht. »Vergib mir, Zedd. Du hast recht. Ich habe die Trennlinie zwischen den Welten die längste Zeit meines Lebens studiert. Ich sollte es besser wissen. Vergib mir.«
Lächelnd legte er ihr den Arm um die Schulter und drückte sie. »Zum Glück nimmst du deine Gelübde so ernst. Das ehrt dich. Und einen besseren Verbündeten als einen ehrenhaften Menschen gibt es nicht.«
Sie drehte sich zu ihrem zerstörten Zuhause um. »Es ist nur … ich habe mein Leben damit verbracht, all diese Dinge zu sammeln. Ich war so lange ihr Betreuer. Andere haben sie mir anvertraut.«
Zedd führte sie aus den Trümmern hinaus. »Andere haben dir ihr Vertrauen geschenkt, damit du die dir gegebene Gabe dazu benutzt, die Machtlosen zu schützen. Sie sind es, die die Prophezeiungen geschrieben haben. Man hat dich nicht ohne Grund an diesen Punkt gebracht. Das ist das Versprechen, das du halten mußt.«
Sie nickte und strich ihm mit ihrer schmalen Hand über den Rücken, als sie die Überreste ihres Heims hinter sich ließen.
»Zedd, ich glaube, es fehlen auch noch mehrere andere Knochen.«
»Ich weiß.«
»In falschen Händen sind sie gefährlich.«
»Auch das weiß ich.«
»Und was willst du dagegen tun?«
»Ich werde das tun, was uns den Prophezeiungen zufolge als einziges eine Chance gibt, den Schleier zu schließen.«
»Und das wäre, alter Mann?«
»Richard helfen. Wir müssen einen Weg finden, ihm zu helfen, denn in den Prophezeiungen heißt es, daß er der einzige ist, der den Schleier schließen kann.«
Keiner der beiden sah sich um, als das Feuer donnernd zum Leben erwachte, durch die Trümmer züngelte und toste und zwischen den Knochen seinen Tanz aufführte.
26
Königin Cyrilla ließ sich ihren Stolz nicht nehmen. Sie weigerte sich zuzugeben, wie sehr die derben Finger der Grobiane schmerzten, die sie gepackt hielten. Sie leistete keinen Widerstand, als man sie den dreckstarrenden Korridor entlangführte. Widerstand wäre ohnehin zwecklos gewesen und hätte nichts gebracht. Sie wollte auftreten wie immer: würdevoll. Sie war die Königin von Galea. Mit Würde wollte sie ertragen, was sie erwartete. Sie nahm sich vor, sich ihr Entsetzen nicht anmerken zu lassen.
Es war ihr auch nicht wichtig, was man ihr antat. Es war das Schicksal des Volkes von Galea, welches ihr Sorge bereitete.
Und das, was bereits geschehen war.
Knapp zweitausend Mann der Galeanischen Garde waren vor ihren Augen ermordet worden. Wer hätte ahnen können, daß man sie ausgerechnet hier, auf neutralem Boden, überfallen würde? Daß ein paar entkommen waren, war kein Trost. Vermutlich würden auch sie verfolgt und getötet werden.
Hoffentlich war ihr Bruder, Prinz Harold, unter denen, die hatten entkommen können. Vorausgesetzt, ihm war die Flucht gelungen, konnte er vielleicht Kräfte zur Verteidigung sammeln, um das noch schlimmere Gemetzel zu verhindern, das ihnen womöglich noch bevorstand.
Mit einem brutalen Griff wurde sie gezwungen, neben einer zischenden Fackel in einer rostüberkrusteten Halterung stehenzubleiben. Man schraubte ihr die Finger so schmerzhaft in den Arm, daß ihr ein leiser Schrei über die Lippen kam, obwohl sie fest entschlossen gewesen war, ihn zu unterdrücken.
»Tun meine Männer Euch weh, Mylady?« hörte sie von hinten eine spöttische Stimme.
Kühl versagte sie Prinz Fyren die Genugtuung einer Antwort.
Ein Wächter bearbeitete ein rostiges Schloß mit einem Schlüssel. Ein scharfes, metallisches Klicken hallte durch den steinernen Korridor, als der Riegel schließlich nachgab. Die schwere Tür ächzte in den Angeln, als sie aufgezogen wurde. Die schraubstockartigen Hände schoben sie weiter, durch die Türöffnung hindurch und einen weiteren, langen Gang hinab.
Sie hörte das Rauschen ihres Samtrocks und neben sowie hinter sich die Stiefel der Männer auf dem Steinfußboden, die gelegentlich durch stehendes, faulig stinkendes Wasser stapften. Die feuchtkalte Luft fühlte sich kühl an auf ihren Schultern, die es nicht gewohnt waren, entblößt zu sein.
Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, sobald sie daran dachte, wohin man sie brachte. Sie flehte die guten Seelen an, daß es dort keine Ratten gäbe. Sie hatte Angst vor Ratten, vor ihren scharfen Zähnen, ihren Krallen und ihren schwarzen, listigen Augen. Als sie noch sehr klein gewesen war, hatte sie Alpträume von Ratten gehabt und war ständig schreiend aus dem Schlaf hochgeschreckt.
Um ihren Puls zu beruhigen, versuchte sie sich abzulenken. Sie dachte an die seltsame Frau, die um eine Privataudienz bei ihr ersucht hatte. Cyrilla war sich alles andere als sicher, weshalb sie ihrer Bitte entsprochen hatte, jetzt jedoch wünschte sie, sie hätte dieser hartnäckigen Person mehr Beachtung geschenkt.
Wie war ihr Name doch gleich gewesen? Lady irgendwas. Ihr Haar hatte unter dem alles verhüllenden Schleier hervorgelugt, und man hatte sehen können, daß es zu kurz für jemand ihres Standes war. Lady … Bevinvier. Ja, so war ihr Name gewesen: Lady Bevinvier. Lady Bevinvier von … irgendwo. Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern. Es war ohnehin egal. Nicht woher sie kam, zählte, sondern was sie gesagt hatte.