Verlaßt Aydindril, hatte Lady Bevinvier sie gewarnt. Und zwar sofort.
Cyrilla hatte jedoch nicht mitten im schneidend kalten Winter diesen weiten Weg gemacht, um wieder abzureisen, bevor der Rat der Midlands ihre Beschwerde angehört und darüber entschieden hatte. Sie war gekommen, um zu verlangen, daß der Rat seine Pflicht tat und den Übergriffen auf ihr Land und Volk augenblicklich ein Ende bereitete.
Städte waren geplündert, Farmen niedergebrannt, Menschen ermordet worden. Die Armeen Keltons sammelten sich für einen Angriff. Eine Invasion stand kurz bevor, war vielleicht bereits im Gange. Und zu welchem Zweck? Aus keinem anderen Grund als blankem Eroberungswahn. Gegen einen Verbündeten! Eine Ungeheuerlichkeit!
Es war die Pflicht des Rates, jedem Land, das angegriffen wurde — egal, von wem –, zu Hilfe zu kommen. Der Sinn des Rates der Midlands bestand gerade darin, einen solchen Verrat zu verhindern. Es war seine Pflicht, alle Länder anzuweisen, Galea zu Hilfe zu kommen und die Aggression niederzuschlagen.
Obwohl Galea ein mächtiges Land war, war es durch die Verteidigung der Midlands gegen D’Hara stark geschwächt worden und nicht auf einen weiteren kostspieligen Krieg vorbereitet. Kelton war der Hauptstoß der Eroberung durch D’Hara erspart geblieben, und es verfügte über reichlich Reserven. An seiner Statt hatte Galea den Preis des Widerstandes gezahlt.
Lady Bevinvier war am Abend zuvor zu ihr gekommen und hatte sie angefleht, sofort aufzubrechen. Cyrilla könne seitens des Rats keine Hilfe für Galea erwarten. Diese Lady Bevinvier hatte gesagt, wenn die Königin bliebe, gerate sie persönlich in große Gefahr. Anfangs, unter Druck, hatte Lady Bevinvier sich geweigert, Genaueres zu sagen.
Cyrilla hatte ihr gedankt, jedoch erklärt, sie werde sich der Pflicht ihrem Volk gegenüber nicht entziehen und vor den Rat treten — wie geplant. Lady Bevinvier war daraufhin in Tränen ausgebrochen und hatte die Königin angefleht, auf sie zu hören.
Schließlich hatte sie ihr anvertraut, sie habe eine Vision gehabt.
Cyrilla hatte versucht, der Frau die Art der Vision zu entlocken, die jedoch hatte gemeint, sie sei unvollständig, und sie wisse keine Einzelheiten, außer daß etwas Entsetzliches geschähe, wenn die Königin nicht augenblicklich abreise. Obwohl Cyrilla durchaus auf die Kräfte der Magie vertraute, Wahrsagern schenkte sie nur wenig Glauben. Die meisten waren Scharlatane und hatten nur ihren Geldbeutel im Sinn, wenn sie eine Aussage geschickt verdrehten oder eine Gefahr andeuteten, die es zu vermeiden galt.
Königin Cyrilla war gerührt von der offenkundigen Ernsthaftigkeit der Frau, kam jedoch zu dem Schluß, daß es vielleicht nichts weiter war als eine Täuschung, mit der man sie um die eine oder andere Münze erleichtern wollte. Ein solcher Betrug mutete bei dieser scheinbar wohlhabenden Frau seltsam an, doch die Zeiten waren hart gewesen, und auch die Reichen mußten gelegentlich Verluste hinnehmen. Wenn es um Gold und Güter ging, dann ergab es nur Sinn, sie bei denen zu suchen, die sie besaßen. Cyrilla kannte viele, die ihr ganzes Leben hart gearbeitet hatten, nur um alles im Krieg mit D’Hara zu verlieren. Vielleicht war Lady Bevinviers kurzes Haar die Folge eines solchen Verlustes.
Sie bedankte sich bei der Frau, erklärte ihr jedoch, ihre Mission sei zu wichtig, um sie aufzugeben. Sie drückte der Frau ein Goldstück in die Hand, woraufhin Lady Bevinvier die Münze durch den Raum schleuderte, bevor sie, in Tränen aufgelöst, von dannen lief.
Cyrilla war erschüttert. Kein Scharlatan wies Gold zurück. Es sei denn, natürlich, sie hätte etwas Kostbareres erwartet. Entweder die Frau hatte die Wahrheit gesagt, oder sie arbeitete Kelton zu und versuchte zu verhindern, daß dem Rat der Überfall zu Ohren kam.
Wie auch immer, es war gleichgültig. Cyrilla war entschlossen. Außerdem hatte sie einen gewissen Einfluß beim Rat. Man respektierte Galea für die Verteidigung der Midlands. Nach dem Fall Aydindrils hatte man die Räte, die sich weigerten, D’Hara ihre Ergebenheit zu schwören, hingerichtet und durch Marionetten ersetzt. Wer von den Räten kollaborierte, durfte seine Stellung behalten. Der dem Rat ergebene Botschafter Galeas war exekutiert worden.
Wie der Krieg geendet hatte, war ein Rätsel. Man teilte den Truppen D’Haras mit, Darken Rahl sei tot und alle Feindseligkeiten wären beendet. Ein neuer Lord Rahl hatte gesiegt, und die Truppen wurden einfach zurückbeordert oder erhielten Befehl, denen zu helfen, die sie erobert hatten. Cyrilla nahm an, Darken Rahl sei einem Meuchelmörder zum Opfer gefallen.
Was immer auch geschehen war, ihr war es recht. Der Rat war wieder in den Händen der Völker der Midlands. Die Kollaborateure und Marionetten waren verhaftet worden. Angeblich hatte man die Dinge wieder in den Zustand vor der Diktatur versetzt. Sie erwartete, daß der Rat Galea zu Hilfe kommen werde.
Auch Königin Cyrilla hatte eine Verbündete im Rat, die mächtigste Verbündete, die man sich denken konnte, die Mutter Konfessor. Kahlan war zwar ihre Halbschwester, doch das hatte kein Gewicht. Galea und die Königin unterstützten die Unabhängigkeit der verschiedenen Länder und halfen dem Rat, den Frieden zu sichern. Galea war immer für die gleichen Ziele eingetreten. Die Mutter Konfessor respektierte diese Standhaftigkeit, und das machte sie zu einer Verbündeten Galeas.
Kahlan hatte Cyrilla nie auf irgendeine Weise bevorzugt, und das war auch richtig so. Eine Bevorzugung hätte die Stellung der Mutter Konfessor geschwächt, den Zusammenhalt des Rates und damit den Frieden gefährdet. Sie respektierte Kahlan dafür, daß sie die Einheit der Midlands über irgendwelche Machtspiele stellte. Derartige Spiele waren ohnehin eine trügerische Angelegenheit, man fuhr am Ende immer besser, wenn man gerecht und nicht bevorzugt behandelt wurde.
Insgeheim war Cyrilla stets stolz auf ihre Halbschwester gewesen. Kahlan war zwölf Jahre jünger, trotz ihres jungen Alters aber eine kluge Führerin. Sie waren zwar blutsverwandt, sprachen aber fast nie darüber. Kahlan war Konfessor und besaß magische Kräfte. Sie war keine Schwester, die mit ihr das Blut des Vaters teilte, sondern ein Konfessor, die Mutter Konfessor der Midlands. Konfessoren waren mit niemandem blutsverwandt außer mit Konfessoren.
Trotzdem, bis auf ihren geliebten Bruder Harold hatte sie keine Familie, und sie sehnte sich oft danach, Kahlan als ihre Verwandte, als ihre kleine Schwester in die Arme zu schließen. Doch so etwas war ausgeschlossen. Cyrilla war die Königin von Galea, und Kahlan war die Mutter Konfessor — zwei Frauen, die für einander praktisch Fremde waren und nichts gemeinsam hatten als das Blut und den gegenseitigen Respekt. Pflicht ging über Herzensdinge hinaus. Galea war Cyrillas Familie und die Konfessoren Kahlans.
Es gab zwar Menschen, die es Kahlans Mutter übelnahmen, daß sie Wyborn zum Gatten genommen hatte, doch Cyrilla gehörte nicht zu ihnen. Ihre Mutter, Königin Bernadine, hatte ihr und Harold die Bedürfnisse der Konfessoren erklärt, ihr Bedürfnis nach starkem Blut in ihrer magischen Abstammungslinie, hatte erklärt, wie dies dem größeren Ziel der Midlands diente, der Wahrung des Friedens. Ihre Mutter hatte sich niemals verbittert darüber gezeigt, daß sie ihren Gatten an die Konfessoren verloren hatte, sondern hatte Cyrilla und Harold statt dessen erklärt, welche Ehre es sei, das Blut mit den Konfessoren zu teilen, auch wenn dies meist unausgesprochen blieb. Ja, sie war stolz auf Kahlan.
Stolz, aber auch ein wenig mißtrauisch. Die Wege der Konfessoren waren ihr ein Rätsel. Von Geburt an wurden sie in Aydindril ausgebildet, von anderen Konfessoren und von Zauberern. Ihre Magie, ihre Kraft, war etwas, mit dem sie geboren wurden und das sie in gewisser Weise zu Sklaven machte. In gewisser Hinsicht war es mit ihr dasselbe. Sie war zur Königin geboren, ohne groß eine Wahl zu haben. Sie besaß zwar keine Magie, aber die Bedeutung des Erstgeburtsrechts war ihr bewußt.