Выбрать главу

Man zwang Konfessoren, von der Geburt bis zum Ende ihrer Ausbildung wie Priesterinnen in der abgeschiedenen Welt eines Klosters zu leben. Angeblich herrschte strenge Disziplin. Cyrilla wußte zwar, daß Kahlan wie andere Menschen auch Gefühle haben mußte; man bildete die Konfessoren jedoch darin aus, sie zu unterdrücken. Die Pflicht gegenüber ihrer Kraft war alles. Das ließ ihnen im Leben keine Wahl, bis auf die eine, sich selbst einen Gatten auszusuchen, und selbst das geschah nicht aus Liebe, sondern aus Pflichtgefühl.

Cyrilla hatte sich immer gewünscht, Kahlan ein wenig ihrer Geschwisterliebe geben zu können. Vielleicht hätte sie auch gern von Kahlan ein wenig dieser Liebe bekommen. Aber das war völlig ausgeschlossen. Vielleicht hatte Kahlan sie aus der Ferne geliebt, so wie Cyrilla Kahlan. Vielleicht war Kahlan sogar auf ihre Art auch stolz auf sie. Das hatte sie sich immer erhofft.

Am meisten quälte sie, daß sie zwar beide den Midlands dienten, sie für ihre Pflichterfüllung aber von ihrem Volk geliebt wurde, während man Kahlan dafür fürchtete und haßte. Kahlan müßte die Liebe eines Volkes erfahren können — das war ein Trost, der einen gewissen Ausgleich für das Opfer bot. Doch bei Konfessoren war das ausgeschlossen. Vielleicht, so überlegte Cyrilla, war dies der Grund, weshalb man sie lehrte, ihre Empfindungen und Bedürfnisse zurückzustellen.

Auch Kahlan hatte sie vor der Gefahr aus Kelton gewarnt.

Es war beim Mittsommernachtsfest gewesen, vor mehreren Jahren, im ersten Jahr nach dem Tod von Cyrillas Mutter. Im ersten Sommer der Königin Cyrilla. Und im ersten Sommer, nachdem Kahlan zur Mutter Konfessor aufgestiegen war.

Daß Kahlan in so jungen Jahren die Mutter Konfessor geworden war, sprach sowohl für das Ausmaß ihrer Kraft als auch für ihre Charakterstärke. Und vielleicht für eine gewisse Notwendigkeit. Da die Wahl im geheimen abgehalten wurde, wußte Cyrilla wenig über die Amtsnachfolge von Konfessoren, außer daß sie ohne Feindseligkeiten oder Rivalitäten vonstatten ging und etwas mit dem Abwägen von Kraft gegen Alter und Ausbildung zu tun hatte.

Für die Menschen in den Midlands war Alter ohne Bedeutung. Sie fürchteten alle Konfessoren, unabhängig von ihrem Alter, und besonders die Mutter Konfessor. Sie wußten, daß sie die mächtigste der Konfessoren war. Im Gegensatz zu den meisten Menschen wußte Cyrilla jedoch, daß man Kraft an und für sich nicht unbedingt fürchten mußte, außerdem war Kahlan immer gerecht gewesen. Sie hatte nie etwas anderes als den Frieden im Sinn gehabt.

An jenem Tag hatten in den Straßen von Ebinissia, dem Sitz der Krone von Galea, Festlichkeiten aller Art stattgefunden. Selbst der niedrigste Stalljunge war an den Tischen des Volksfestes, bei den Spielen oder in der Nähe der Musiker, Akrobaten und Jongleure willkommen gewesen.

Als Königin hatte Cyrilla den Vorsitz bei den Wettbewerben innegehabt und den Siegern Lorbeer überreicht. Noch nie hatte sie so viele lächelnde Gesichter gesehen, so viele glückliche Menschen. Noch nie hatte ihr Volk sie so mit Zufriedenheit erfüllt, noch nie hatte sie sich so von ihnen geliebt gefühlt.

An jenem Abend fand im Palast ein königlicher Ball statt. Fast vierhundert Menschen füllten den großen Festsaal. Ein herrlicher Anblick, all die Menschen in ihrer elegantesten Kleidung. Auf langen Tafeln hatte man Speisen und Wein in reicher und verblüffender Vielfalt arrangiert — was dem wichtigsten Tag des Jahres nur angemessen war. Es ging großzügiger zu als auf jedem Ball zuvor, denn es gab viel, für das man dankbar sein konnte. Es war eine Zeit des Friedens und des Wohlstands, des Wachstums und der Hoffnung, des neuen Lebens und der Freigiebigkeit.

Die Musik endete in kläglicher Disharmonie, und das laute Gemurmel der versammelten Menschen wich plötzlich einer Totenstille, als die Mutter Konfessor, gefolgt von ihrem Zauberer in wehendem Silbergewand, entschlossenen Schritts den Saal betrat. Ihr königlich weißes Kleid ragte aus dem Durcheinander der Farben heraus wie der Vollmond zwischen den Sternen. Leuchtende Farben und elegante Kleidung hatten nie so plump gewirkt. Alles machte eine tiefe Verbeugung, als die Mutter Konfessor vorüberging. Cyrilla wartete mit ihren Beratern neben dem Tisch, auf dem eine große Kristallschale mit gewürztem Wein stand.

Verfolgt von jedermanns Blicken, durchquerte Kahlan den Saal, in dem es still geworden war, blieb vor der Königin stehen und neigte den Kopf knapp. Ihr Gesicht war kalt wie Eis. Sie wartete nicht ab, bis man die förmliche Verneigung vor ihrem Amt erwiderte.

»Königin Cyrilla. Habt Ihr einen Berater namens Drefan Tross?«

Cyrilla deutete mit ihrer Hand zur Seite. »Dies ist er.«

Kahlan richtete ihren kalten Blick auf Drefan. »Ich will Euch unter vier Augen sprechen.«

»Drefan Tross ist mein Vertrauter und Berater«, unterbrach Cyrilla sie. Er war mehr als das. Er war ein Mann, den sie sehr mochte, ein Mann, in den sie gerade im Begriff stand, sich zu verlieben. »Ihr könnt mit ihm in meiner Gegenwart sprechen.« Sie wußte nicht, um was es ging, hielt es jedoch für das beste, eingeweiht zu sein. Kein Konfessor unterbrach ein Festmahl, wenn es sich nicht um etwas Ernstes handelte. »Dies ist weder die Zeit noch der Ort für diese Art von Angelegenheit, Mutter Konfessor, doch wenn sie nicht warten kann, dann wollen wir sie gleich hier und jetzt erledigen.«

Sie glaubte, damit wäre die Angelegenheit auf einen passenderen Zeitpunkt verschoben. Mit ausdruckloser Miene dachte die Mutter Konfessor einen Augenblick darüber nach. Das Gesicht des Zauberers in ihrem Rücken war dagegen alles andere als ausdruckslos. Er wirkte sogar recht erregt. Er beugte sich zu Kahlan vor und wollte etwas sagen, doch sie hob die Hand und brachte ihn zum Schweigen, noch bevor er ansetzen konnte.

»Ganz wie Ihr wollt. Tut mir leid, Königin Cyrilla, aber die Angelegenheit kann nicht warten.« Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Drefan. »Ich habe gerade das Geständnis eines Mörders entgegengenommen. In seinem Geständnis hat er sich zudem als Komplize eines Attentäters zu erkennen gegeben. Als Attentäter hat er dich genannt und als dein Opfer die Königin Cyrilla.«

Unter denen, die nahe genug standen, um mitzuhören, erhob sich erstauntes Getuschel. Drefans Gesicht färbte sich rot. Das Getuschel wich angespannter Stille.

Cyrilla konnte kaum verfolgen, was dann geschah. Ein Augenzwinkern, und man hätte es nicht mitbekommen. Eben noch stand Drefan da wie zuvor, mit seiner Hand in seinem goldenen und tiefblauen Rock, dann plötzlich stach er mit einem Messer auf die Mutter Konfessor ein. Aufrecht stehend bewegte sie nur ihre Hand und packte ihn am Handgelenk. Scheinbar gleichzeitig begann die Luft heftig zu beben — ein Donner ohne Hall. Die Kristallschale zersplitterte, und Rotwein ergoß sich über Tisch und Boden. Cyrilla zuckte unter einem unvermittelt stechenden Schmerz zusammen, der jedes Gelenk in ihrem Körper zu durchströmen schien. Das Messer fiel scheppernd zu Boden. Drefan riß die Augen auf, seine Kinnlade fiel kraftlos herab.

»Herrin«, flüsterte er unterwürfig.

Cyrilla war wie betäubt vor Schreck, als sie sah, wie ein Konfessor seine Kraft gebrauchte. Sie kannte nur die Nachwirkungen, hatte aber nie gesehen, wie sie angewandt wurde. Nur wenige hatten das. Die Magie schien noch einen Augenblick lang knisternd in der Luft zu hängen.

Die Menschenmenge drängte vor. Ein warnender Blick des Zauberers verwandelte ihre Neugier in ängstliches Zögern, und die Leute wichen zurück.

Kahlan wirkte ausgezehrt, doch ihre Stimme verriet keinerlei Schwäche. »Du hast vor, die Königin zu ermorden?«

»Ja, Herrin«, sagte er bereitwillig und leckte sich die Lippen.

»Wann?«

»Heute abend. In dem Durcheinander beim Aufbruch der Gäste.« Drefan wirkte innerlich zerrissen. Ihm traten die Tränen in die Augen, liefen ihm die Wangen hinab. »Bitte, Herrin, befehligt mich. Sagt mir, was Ihr wollt. Laßt mich Eure Befehle ausführen.«

Cyrilla stand noch immer unter Schock. Genau das hatte man ihrem Vater angetan. Genau so war er zum Gatten eines Konfessors geworden. Erst ihr Vater und nun ein Mann, den sie sehr mochte.