»Warte und sei still«, befahl Kahlan. Die Hände an den Seiten, drehte sie sich zu Cyrilla um, deren jungen Augen der Kummer deutlich anzusehen war. »Vergebt mir, daß ich Euer Fest gestört habe, Königin Cyrilla, aber ich hatte Angst, Euch nicht rechtzeitig zu erreichen.«
Cyrilla drehte sich mit Zornesröte im Gesicht zu Drefan um. Er stand da und starrte Kahlan offenen Mundes an. »Wer hat das angeordnet, Drefan? Wer hat befohlen, mich zu töten?«
Er schien nicht einmal bemerkt zu haben, daß sie etwas gesagt hatte.
»Er wird Euch nicht antworten, Königin Cyrilla«, erklärte Kahlan. »Er antwortet nur mir.«
»Dann fragt ihn!«
»Das wäre nicht ratsam«, gab der Zauberer leise zu bedenken.
Cyrilla kam sich töricht vor. Jeder wußte, wie sehr sie Drefan mochte. Jeder sah, daß man sie betrogen hatte. Dieses Mittsommernachtsfest würde niemand je vergessen.
»Erdreiste dich nicht, mir einen Rat zu erteilen.«
Kahlan beugte sich näher und meinte leise: »Cyrilla, wir glauben, daß er möglicherweise durch einen Zauber geschützt war. Als ich seinem Komplizen diese Frage stellte, starb er, bevor er antworten konnte. Aber ich glaube, ich kenne die Antwort. Es gibt verborgene Möglichkeiten, sie aus ihm herauszubekommen, wenn man den Zauber umgehen kann. Wenn ich ihn irgendwo auf meine Art befragen könnte, bekämen wir vielleicht die Antwort.«
Cyrilla war vor Wut den Tränen nahe. »Ich habe ihm vertraut! Er stand mir so nahe! Er hat mich verraten! Mich, nicht Euch! Ich will wissen, wer ihn gedungen hat! Ich will es von seinen eigenen Lippen hören! Ihr befindet Euch in meinem Königreich, in meinem Haus! Also fragt ihn!«
Kahlan richtete sich auf. Ihr Gesicht wurde wieder zu der reglosen Maske, die nichts verriet. »Ganz wie Ihr wollt.« Sie richtete ihr Augenmerk erneut auf Drefan. »War das, was du der Königin antun wolltest, dein eigener Wille?«
Er rieb sich die Hände in verfrühter Bereitschaft, der Mutter Konfessor zu Diensten sein zu können. »Nein, Herrin, man hat mich geschickt.«
Wenn es überhaupt möglich war, dann wurde das Gesicht der Mutter Konfessor noch ruhiger. »Wer hat dich geschickt?«
Er hob eine Hand und öffnete den Mund, ganz so, als wollte er versuchen zu tun, was sie verlangte. Doch aus seiner Kehle kam nur ein blutiges Gurgeln, dann brach er zusammen.
Der Zauberer gab ein wissendes Grunzen von sich. »Wie ich mir dachte, genau wie bei den anderen.«
Kahlan hob das Messer auf und hielt es Cyrilla mit dem Griff nach vorn hin. »Wir glauben, daß es eine Verschwörung größten Ausmaßes gibt. Ich weiß nicht, ob dieser Mann daran beteiligt war, aber geschickt wurde er aus Kelton.«
»Kelton! Ich weigere mich, das zu glauben!«
Mit einem Nicken deutete Kahlan auf das Messer in Cyrillas Hand. »Das Messer stammt aus Kelton.«
»Viele Leute tragen Messer, die in Kelton geschmiedet wurden. Die dort hergestellten gehören zu den besten. Das ist wohl kaum ein Beweis für eine derartige Anschuldigung.«
Kahlan blieb weiter ungerührt. Cyrilla war im Augenblick zu aufgebracht, um sich zu fragen, welche Gedanken sich hinter diesen grünen Augen verbergen mochten. Schließlich fuhr Kahlan fort. Ihre Stimme war bar jeden Gefühls. »Mein Vater hat mir beigebracht, daß Keltonier immer nur aus zwei Gründen zuschlagen. Erstens aus Eifersucht und zweitens, weil eine Schwäche sie dazu verleitet. Er meinte, in jedem Fall würden sie zuerst die Probe machen, indem sie versuchen, den kräftigsten und ranghöchsten ihrer Gegner zu töten. Euch ist es zu verdanken, daß Galea im Augenblick stärker ist, als es jemals war. Das Mittsommernachtsfest ist ein Zeichen dieser Stärke. Ihr seid der Grund für diese Eifersucht und ein Symbol für diese Stärke.
Mein Vater meinte außerdem, Ihr solltet immer ein Auge auf die Keltonier halten und dürftet ihnen nie den Rücken zukehren. Wenn Ihr ihren ersten Versuch vereitelt, dann vertieft Ihr damit nur ihre Gier nach Eurem Blut, und sie werden immer auf eine Schwäche von Euch lauern, um zuschlagen zu können.«
Cyrilla war derart aufgebracht über Drefans Verrat, daß sie wild um sich schlug, ohne sich ihre Worte zu überlegen. »Was Euer Vater sagt, weiß ich nicht. Ich hatte nie das Vergnügen, von ihm unterrichtet zu werden. Ein Konfessor hat ihn uns genommen.«
Kahlans Miene wechselte von der ruhigen, kalten Ausdruckslosigkeit eines Konfessors zu zeitloser, wissender Güte, die weit über ihr Alter hinauszugehen schien.
»Vielleicht, Königin Cyrilla, haben es die guten Seelen vorgezogen, Euch seinen Unterricht zu ersparen, und ihn statt dessen mich unterrichten lassen. Seid froh, daß sie Euch freundlich gesonnen waren. Sein Unterricht hätte Euch zweifelsohne nicht gefallen. Auch mir bereitet er nicht gerade Freude, außer der vielleicht, daß er dazu beigetragen hat, Euch heute abend das Leben zu retten. Bitte seid nicht verbittert. Macht Frieden mit Euch selbst und genießt, was Ihr habt: die Liebe Eures Volkes. Das ist Eure Familie, alle miteinander.«
Kahlan wollte sich gerade umdrehen, doch Cyrilla faßte sie am Arm und zog sie auf die Seite, als Männer sich über die Leiche beugten, um sie abzutransportieren.
»Vergebt mir, Kahlan.« Sie spielte nervös mit einem Band an ihrer Taille. »Es war nicht recht, meinen Zorn über Drefan an Euch auszulassen.«
»Ich verstehe, Cyrilla. An Eurer Stelle hätte ich vermutlich genauso reagiert. Ich konnte Euren Augen ansehen, was Ihr für Drefan empfindet. Ich hatte nicht erwartet, daß Ihr glücklich darüber seid, was ich gerade getan habe. Vergebt mir, daß ich Euch in Eurem Zuhause etwas derart Quälendes antun mußte, noch dazu an einem Tag, der nur Freude machen sollte, doch ich hatte fürchterliche Angst, zu spät zu kommen.«
Kahlan gab ihr das Gefühl, die jüngere Schwester zu sein. Sie sah die wunderschöne junge Frau, die vor ihr stand, mit neuen Augen. Kahlan war im rechten Alter, einen Gatten zu erwählen. Vielleicht hatte sie sogar schon einen ausgesucht. Ihre Mutter mußte ungefähr so alt gewesen sein, als sie Cyrillas Vater zu ihrem Gatten gemacht hatte. So jung.
Cyrilla blickte in diese unergründlichen, grünen Augen und vergaß bald ihren Ärger über Drefan. Diese junge Frau, ihre Schwester, hatte ihr gerade das Leben gerettet, und das in dem vollen Bewußtsein, keine Dankbarkeit erwarten zu dürfen, sondern eher den unsterblichen Haß ihrer Halbschwester auf sich zu ziehen. So jung. Cyrilla schämte sich, weil sie so egoistisch gewesen war.
Zum erstenmal lächelte sie Kahlan an. »Bestimmt hat Wyborn Euch nicht nur Grausamkeiten beigebracht?«
»Er hat mir nur das Töten beigebracht. Wen man tötet, wann man tötet, wie man tötet. Seid froh, daß Ihr seine Lektionen nicht kennt und niemals auf diese Dinge angewiesen wart. Ich war bereits darauf angewiesen, und ich fürchte, das war erst der Anfang.«
Cyrilla runzelte die Stirn. Kahlan war ein Konfessor, keine Mörderin. »Warum sagt Ihr so etwas?«
»Wir glauben, daß wir eine Verschwörung aufgedeckt haben. Ich werde erst darüber sprechen, wenn ich weiß, welcher Art sie ist, und ich Beweise habe. Aber ich glaube, sie wird einen Sturm entfachen, wie wir beide ihn noch nicht gesehen haben.«
Cyrilla strich ihrer Schwester über die Wange, zum allerersten Mal in ihrem Leben. »Kahlan, bitte bleibt. Genießt den Rest des Festes an meiner Seite. Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr bei mir bliebet.«
Kahlans Gesicht bekam wieder den ruhigen Ausdruck des Konfessors. »Das kann ich nicht. Meine Anwesenheit würde Eurem Volk nur die gute Laune verderben. Danke für Euer Angebot, aber Ihr solltet den Tag bei Eurem Volk genießen können, ohne daß ich ihn noch mehr verderbe.«
»Unsinn. Ihr würdet niemandem etwas verderben.«
»Nichts wäre mir lieber als das, aber so ist es nicht. Denkt daran, was unser Vater gesagt hat: haltet ein wachsames Auge auf die Keltonier. Ich muß fort. Es droht Ärger, und ich muß darum Sorge tragen, daß die Konfessoren den Grund dafür herausfinden. Bevor ich nach Aydindril zurückkehre, werde ich Kelton einen Besuch abstatten und dort meinen Verdacht vortragen und eine Warnung aussprechen, daß das, was geschehen ist, sich nicht wiederholen darf. Ich werde den Rat über den heutigen Vorfall in Kenntnis setzen, damit sich aller Augen auf die Keltonier richten.«