Was wurde nur in Aydindril gelehrt, daß das, was wie Porzellan aussah, so hart wie Stahl war?
»Danke, Mutter Konfessor.« Das war alles, um ihrer Schwester die ihrem Amt gebührende Ehre zu erweisen, als sie sie, den Zauberer im Schlepptau, von dannen ziehen sah. Es war das persönlichste Gespräch, das sie je mit ihrer Halbschwester geführt hatte. Nachdem Kahlan gegangen war, hatte ihr das Mittsommernachtsfest nicht mehr viel Erfreuliches zu bieten. So jung und doch bereits so alt.
Bei der Ratssitzung heute hatte Cyrilla zu ihrer Überraschung festgestellt, daß die Mutter Konfessor nicht den Vorsitz innehatte. Niemand wußte, wo sie steckte. Ihre Abwesenheit beim Fall von Aydindril war zu erwarten gewesen; sie war viel in ihrer Eigenschaft als Konfessor unterwegs gewesen und hatte wahrscheinlich alles in ihrer Macht Stehende getan, um die Bedrohung aus D’Hara aufzuhalten. Alle Konfessoren hatten die Horden aus D’Hara mit ganzer Kraft bekämpft. Und Kahlan hatte bestimmt nicht weniger als das getan, wobei ihr das von Nutzen gewesen war, was ihr Vater ihr beigebracht hatte.
Doch daß sie nicht sofort nach dem Rückzug D’Haras nach Aydindril zurückgekehrt war, beunruhigte Cyrilla. Vielleicht hatte sie noch keine Zeit gefunden. Cyrilla befürchtete, Kahlan könnte durch die Hände eines Quadrons umgekommen sein. D’Hara hatte sämtliche Konfessoren zum Tode verurteilt und ihnen unbarmherzig nachgestellt. Galea hatte den Konfessoren Unterschlupf gewährt, doch die unnachgiebigen und gnadenlosen Quadrone hatten sie trotzdem aufgespürt.
Schlimmer noch, ohne die Mutter Konfessor war auch kein Zauberer anwesend gewesen, der die Sitzung hätte überwachen können. Cyrilla hatte vor Angst eine Gänsehaut bekommen, als sie keinen Zauberer gesehen hatte. Sie hatte erkannt, daß die Abwesenheit eines Konfessors und eines Zauberers ein großes Vakuum in den Ratskammern erzeugte.
Doch als sie sah, wer der Ratssitzung vorsaß, wurden ihre Befürchtungen zu einer bestürzenden Gewißheit. Auf dem ersten Stuhl saß Prinz Fyren von Kelton. Eben jener Mann, vor dem sie Schutz suchte, verhandelte den Fall. Es war bestürzend, ihn auf jenem Platz sitzen zu sehen, der immer der Mutter Konfessor vorbehalten gewesen war. Der Rat, so schien es, war noch nicht wieder das, was er sein sollte.
Trotzdem beachtete sie ihn nicht weiter und bestand vor der übrigen Versammlung nachdrücklich auf ihren Forderungen. Im Gegenzug erhob sich Prinz Fyren und beschuldigte sie genau jenes Vergehens, dessen er schuldig war.
Des weiteren versicherte Prinz Fyren dem Rat, daß Kelton keineswegs angegriffen hatte, sondern lediglich aus Notwehr gegen einen gierigen Nachbarn handelte. In seiner Schmährede belehrte er sie über die Bosheit von Frauen in Machtstellungen. Der Rat glaubte ihm jedes Wort. Sie durfte nicht einmal Beweise vorbringen.
Niedergeschlagen und sprachlos stand sie da, während sich der Rat Fyrens Anklagen anhörte, sie gleich darauf für schuldig befand und dazu verurteilte, geköpft zu werden.
Wo war Kahlan? Wo waren die Zauberer?
Lady Bevinviers Vision hatte sich bewahrheitet. Cyrilla hätte auf sie hören oder wenigstens Vorsichtsmaßnahmen ergreifen sollen. Auch Kahlans Warnung hatte sich als richtig herausgestellt. Damals hatte Kelton aus Eifersucht zugeschlagen, und nun, Jahre später, wiederholten sie ihren Angriff, nachdem sie eine verlockende Schwäche entdeckt hatten.
Die galeanischen Wachen standen im großen Innenhof, bereit, Cyrilla unverzüglich nach Hause zu begleiten. Sie hätte Galeas Verteidigung in Bereitschaft versetzen müssen, bis die vom Rat entsandten Kräfte eintreffen konnten. Doch soweit sollte es nicht kommen.
Bei der Urteilsverkündung hörte sie draußen entsetzliches Kampfgeschrei. Kampf, dachte sie voller Bitterkeit. Das war kein Kampf, das war ein Gemetzel. Ihre Truppen hatten ohne Waffen im großen Innenhof gewartet — als Zeichen des Respekts und der Ergebenheit, eine offene Geste der Unterwerfung unter die Herrschaft des Rats der Midlands.
Königin Cyrilla stand am Fenster, einen Posten an jedem Arm, und verfolgte vor Entsetzen zitternd das Gemetzel. Einigen ihrer Männer war es gelungen, ihre Angreifer zu überwältigen und dadurch Waffen in die Hände zu bekommen. Tapfer wehrten sie sich, doch hatten sie keine Chance. Bei fünffacher Unterlegenheit und kaum Waffen hatte jede Verteidigung wenig Sinn. Ob dem Chaos jemand entkommen war, wußte sie nicht. Hoffentlich. Sie betete, daß Harold es geschafft hatte.
Der weiße Schnee, der auf dem Boden lag, verwandelte sich in ein Meer von Rot. Sie war bestürzt über das Gemetzel. Gnädig war allein, daß es so schnell ging.
Man hatte Cyrilla gezwungen, vor dem Rat niederzuknien, als Prinz Fyren ihr langes Haar mit seiner Faust ergriff und es ihr mit seinem eigenen Schwert abschnitt. Stumm hatte sie zu Ehren ihres Volkes erhobenen Hauptes dagekniet, zu Ehren der Männer, deren Ermordung sie gerade mitangesehen hatte, während er ihr das Haar so kurz schnitt wie der niedrigsten Küchenhilfe.
Noch vor einer Stunde hatte es danach ausgesehen, als sei das Ende der Qualen ihres Volkes nahe, doch statt dessen hatten sie gerade erst richtig begonnen.
Die kräftigen Finger auf ihren Armen zwangen sie, ruckartig vor einer kleinen Eisentür stehenzubleiben. Sie zuckte vor Schmerz zusammen. Eine grobe Leiter, doppelt so hoch wie sie, war auf der Seite an die gegenüberliegende Korridorwand gelehnt.
Wieder trat der Posten mit den Schlüsseln vor und machte sich am Schloß zu schaffen. Er verfluchte den Mechanismus und beschwerte sich, es sei durch den seltenen Gebrauch eingerostet. Sämtliche Posten schienen Keltonier zu sein. Von der Bürgerwehr aus Aydindril hatte sie keinen einzigen Mann gesehen. Sie wußte, daß die meisten von ihnen getötet worden waren, als Aydindril an D’Hara fiel.
Endlich riß der Mann die Tür zurück. Dahinter war eine dunkle Grube zu erkennen. Cyrillas Beine wollten sie nicht mehr tragen. Nur die Hände, die ihre Arme umfaßt hatten, hielten die Königin noch aufrecht. Man würde sie in die finstere Grube werfen. Zu den Ratten.
Sie zwang sich, gerade zu stehen. Sie war die Königin. Doch ihr Herzschlag wollte sich nicht beruhigen.
»Wie könnt Ihr es wagen, eine Dame in ein solches Rattenloch zu stekken!«
Prinz Fyren trat an das finstere Loch. Eine in die Hüfte gestemmte Hand hielt seinen offenen blauen Königsrock zurück. Mit der anderen Hand riß er eine Fackel aus ihrer Halterung.
»Ratten? Ist es das, was Euch ängstigt, Mylady? Ratten?« Er sah sie spöttisch grinsend an. Er war zu jung für einen derart geschulten Umgang mit Unverfrorenheiten. Hätte sie die Arme frei gehabt, sie hätte ihn geschlagen. »Laßt mich Eure Ängste besänftigen, Königin Cyrilla.«
Er schleuderte die Fackel in die Dunkelheit. Im Fallen beleuchtete sie Gesichter. Eine derbe Faust fing die Fackel auf. Dort in der Grube hockten Männer. Wenigstens sechs, vielleicht zehn.
Prinz Fyren beugte sich in die Türöffnung, seine Stimme verhallte in dem Loch. »Die Königin befürchtet, dort unten könnten Ratten sein.«
»Ratten?« ließ sich eine rauhe Stimme aus der Grube vernehmen. »Hier unten gibt es keine Ratten. Schon längst nicht mehr. Die haben wir alle aufgefressen.«
Die Hand mit den weißen Rüschen am Handgelenk ruhte noch immer auf Prinz Fyrens Hüfte. Seine Stimme troff vor geheuchelter Besorgnis. »Seht Ihr? Der Mann sagt, dort gibt es keine Ratten. Seid Ihr jetzt beruhigt, Mylady?«
Ihr Blick zuckte zwischen der flackernden Fackel unten und Fyren hin und her. »Wer sind diese Männer?«
»Nun, lediglich ein paar Mörder und Vergewaltiger, die auf ihre Enthauptung warten — genau wie Ihr. Ziemlich übles Gesocks im übrigen. Ich muß mich um so viel kümmern, daß ich noch nicht dazu gekommen bin, sie hinrichten zu lassen. Ich fürchte, der lange Aufenthalt in der Grube hat sie in eine ziemlich miese Stimmung versetzt.« Sein Grinsen kehrte zurück. »Ich bin jedoch sicher, daß eine Königin in ihren Reihen ihre Laune erheblich bessern wird.«