Выбрать главу

Beim Häuten der toten Tiere war ihr schlecht geworden, als das rote Muskelfleisch, das Weiß von Knochen und Sehnen zum Vorschein gekommen waren, jenes Material des Seins, das so elegant wirkte, wenn es angefüllt von Leben und beseelt war, und das plötzlich so gräßlich wirkte, wenn der Tod eingetreten war.

Während die beiden Brüder sich an ihr schauriges Werk machten, mußte sie an Brophy denken, an jenen Mann, den sie mit ihrer Kraft berührt hatte, nur um damit seine Unschuld zu beweisen. Ihr Zauberer, Giller, hatte ihn in einen Wolf verwandelt, um ihn von der Kraft der Magie eines Konfessors zu befreien und ihm den Neubeginn in einem anderen Leben zu ermöglichen. Sie hatte sich gefragt, wie betrübt die Familien dieser Wölfe sein mußten, wenn sie nicht zurückkamen — genau wie Brophys Rudel und seine Gefährtin nach seinem Tod.

Sie hatte so viel Morden gesehen. Sie war es leid, hätte heulen können, weil es, ohne ein Ende in Sicht, weiterzugehen schien. Wenigstens hatten die drei Männer beim Tod dieser prachtvollen Tiere weder Stolz noch Freude empfunden und hatten ein Gebet für die Seelen ihrer Wolfsbrüder gesprochen, wie sie sie nannten.

»Wir sollten das nicht tun«, murrte Chandalen.

Er stand auf seinen Speer gestützt und sah sie an. Das wußte sie, obwohl sie den Blick nicht von der stummen Stadt dort unten wandte, diesem viel zu stillen Anblick. Chandalens Stimme klang nicht so scharf wie sonst. Es war ein Zeichen seiner Ehrfurcht angesichts einer Stadt von Ebinissias Größe.

Er war nie zuvor weit vom Land der Schlammenschen fort gewesen, hatte noch nie so viele Gebäude gesehen, schon gar keine von solcher Pracht. Als er diese Größe zum erstenmal in sich aufnahm, war der Blick seiner braunen Augen in stummem Staunen erstarrt, das er nicht verhehlen konnte, und endlich einmal machte er keine beißenden Bemerkungen. Ihm, der sein ganzes Leben im Dorf draußen in der Ebene gelebt hatte, mußte dies wie das Ergebnis von Magie, nicht wie das Ergebnis schlichten menschlichen Bemühens vorkommen.

Sie war ein wenig besorgt um ihn und seine Brüder, weil sie ihr naives Bild der Außenwelt zerstören mußte. Nun, bevor diese Reise zu Ende wäre, würden sie noch weitere Dinge sehen, die sie in noch größeres Erstaunen versetzen würden.

»Chandalen, ich habe viel Mühe darauf verwendet, fast jeden wachen Augenblick, um dir, Prindin und Tossidin meine Sprache beizubringen. Dort, wo wir hingehen, wird niemand eure Sprache sprechen. Das war nur zu eurem Besten. Es steht euch frei, entweder zu glauben, ich hätte es aus Gehässigkeit getan oder weil ich tatsächlich auf eure Sicherheit außerhalb eures Landes bedacht bin. Aber wie auch immer, ihr werdet mit mir in der Sprache sprechen, die ich euch beigebracht habe.«

Sein Ton wurde schärfer, konnte aber noch immer nicht verbergen, wie sehr ihn der Anblick dieser Riesenstadt demütigte. Es war längst nicht die größte, die er zu Gesicht bekommen sollte. Vielleicht verriet es auch etwas, das sie noch nie bei ihm gespürt hatte: Angst.

»Ich soll dich nach Aydindril bringen, nicht hierher. Wir sollten unsere Zeit nicht an diesem Ort vergeuden.« Sein Tonfall verriet, daß ein solcher Ort für ihn nur böse sein konnte.

Die Augen gegen die strahlend grelle Sonne auf dem weißen Schnee zusammenkneifend, erkannte sie die beiden Gestalten, die sich tief unten an den Aufstieg machten. Sie ließ den runden Knochen aus ihren Fingern gleiten. »Ich bin die Mutter Konfessor. Es ist meine Pflicht, alle Völker der Midlands zu beschützen, genau wie ich alles tue, damit die Schlammenschen in Sicherheit leben können.«

»Du bringst meinem Volk keine Hilfe, sondern nichts als Ärger.«

Sein Protest schien eher einer Gewohnheit zu entspringen als einem tiefempfundenen Bedürfnis. Sie murmelte leise zur Antwort: »Das reicht, Chandalen.«

Zum Glück verfolgte er das Thema nicht weiter, sondern lenkte seinen Zorn auf etwas anderes. »Prindin und Tossidin sollten nicht so offen den Hügel heraufkommen. Ich habe ihnen beigebracht, nicht so dumm zu sein. Wenn es kleine Jungen wären, würde ich ihnen den Hintern versohlen. Jeder kann sehen, wo sie hingehen. Tust du jetzt endlich, was ich sage, und zeigst dich nicht so offen?«

Sie ließ sich von ihm zurück in den Schutz der Bäume führen. Nicht, weil sie es für nötig hielt, sondern weil sie ihm zeigen wollte, wie sehr sie sein Bemühen um ihre Sicherheit respektierte. Er hatte, bei aller Feindseligkeit, weil man ihn zu dieser Reise gezwungen hatte, seine Pflicht getan, hatte ständig über sie gewacht, genau wie seine Brüder — die beiden mit einem Lächeln auf den Lippen und voller Sorge, er mit finsterer Miene und voller Argwohn. Alle drei gaben ihr das Gefühl, eine wertvolle, zerbrechliche Last zu sein, um die man sich jederzeit kümmern mußte. Die Brüder meinten es ernst, das wußte sie. Chandalen sah in dieser Mission mit Sicherheit nur eine Aufgabe, die erledigt werden mußte, wie lästig sie auch sein mochte.

»Wir sollten schnell von hier verschwinden«, drängte er sie erneut.

Kahlan zog eine Hand unter ihrem Pelzumhang hervor und strich sich eine verirrte Strähne ihres langen Haars aus dem Gesicht. »Es gehört zu meiner Pflicht, in Erfahrung zu bringen, was dort unten vorgefallen ist.«

»Du hast gesagt, es ist deine Pflicht, nach Aydindril zu gehen, wie Richard mit dem Zorn es von dir verlangt hat.«

Kahlan wandte sich ab, ohne zu antworten, und ging tiefer unter die schneebedeckten Bäume. Sie vermißte Richard mehr, als sie ertragen konnte. Jedesmal, wenn sie die Augen schloß, sah sie vor sich seinen Gesichtsausdruck, als er geglaubt hatte, sie hätte ihn verraten. Sie wollte sich auf die Knie fallen lassen und den Schrei ausstoßen, der die ganze Zeit in ihrer Kehle zu lauern schien und hervorbrechen, ihre Beherrschung überwinden wollte. Ein Schrei, geboren aus dem Entsetzen über ihre Tat.

Aber was hätte sie sonst tun können? Wenn es stimmte, was sie gehört hatte, wenn der Schleier zur Unterwelt zerrissen und Richard tatsächlich der einzige war, der ihn wieder schließen konnte, wenn der Halsring das einzige Mittel war, ihm das Leben zu retten und ihm eine Chance zu geben, den Schleier zu schließen, dann hatte sie keine andere Wahl gehabt. Wie hätte sie eine andere Entscheidung treffen können? Wie sollte Richard sie jemals respektieren, wenn sie sich ihrer Verantwortung einer größeren Sache gegenüber nicht gestellt hätte? Der Richard, den sie liebte, würde das irgendwann erkennen. Es blieb ihm gar nichts anderes übrig.

Doch wenn irgend etwas davon nicht stimmte, dann hatte sie den Mann, den sie liebte, seinem schlimmsten Alptraum ausgesetzt — ohne Grund.

Sie fragte sich abermals, ob Richard oft an sie dachte und die Locke ihres Haars betrachtete, die sie ihm geschenkt hatte. Hoffentlich würde er eines Tages verstehen, wieso sie auf diese Weise gehandelt hatte, und ihr dann verzeihen. Sie hätte ihm so gern gesagt, wie sehr sie ihn liebte. Sie sehnte sich danach, ihn an sich zu drücken. Sie wollte nur nach Aydindril, zu Zedd, um Hilfe zu holen.

Doch sie mußte wissen, was hier vorgefallen war. Entschlossen drückte sie ihren Rücken durch. Sie war die Mutter Konfessor.

Eigentlich hatte sie Ebinissia umgehen wollen, doch während der letzten zwei Tage waren sie immer wieder auf gefrorene Leichen von Frauen gestoßen. Niemals Männer, immer nur Frauen, von jung bis alt, von Kindern bis hin zu Großmüttern. Die meisten waren halb nackt, einige gänzlich unbekleidet. Und das mitten im Winter. Die meisten hatten allein dagelegen, einige jedoch lagen zusammen, dichtgedrängt im Kältetod, zu erschöpft, zu verängstigt oder orientierungslos, um Schutz zu suchen. Sie waren in hastigem Durcheinander aus Ebinissia geflohen, voller Panik, waren lieber erfroren, als dort zu bleiben.

Die meisten waren zudem schwer mißhandelt worden, bevor sie sich in alle Richtungen des bergigen Geländes verstreut hatten. Kahlan wußte, was man ihnen angetan hatte, wußte, warum sie diese Wahl getroffen hatten. Die drei Männer wußten es auch, doch niemand wagte, es laut auszusprechen.