Sie zog den warmen Umhang fester um sich. Diese Greueltaten konnten nicht von den Armeen aus D’Hara begangen worden sein, dafür waren sie zu frisch. Die Truppen aus D’Hara waren heimbeordert worden. Bestimmt hätten sie dies hier nicht getan, nachdem man ihnen erzählt hatte, der Krieg sei zu Ende.
Sie hielt die Ungewißheit über das Schicksal von Ebinissia nicht länger aus, schob sich den Bogen höher auf die Schulter und machte sich auf den Weg den Hang hinab. Ihre Beinmuskeln hatten sich zu guter Letzt an die breitbeinige Art zu gehen gewöhnt, welche das Laufen in den Schneeschuhen erforderte, die die Männer aus Sehnen und Weiden gefertigt hatten. Chandalen stürzte ihr hinterher.
»Du darfst nicht dort runter. Dort könnten gefährlich lauern.«
»Gefahren«, verbesserte sie ihn und schob ihren Rucksack höher hinauf. »Wenn es dort Gefahren gäbe, würden Prindin und Tossidin nicht so offen herumlaufen. Du kannst mitkommen oder hier warten, aber ich gehe dort runter.«
Er wußte, Widerspruch war sinnlos, und folgte in einem seltenen Anflug von Schweigen. Die helle Nachmittagssonne brachte keine Wärme in den bitterkalten Tag. Gewöhnlich ging am Rand des Rang’Shada-Gebirges immer ein Wind, doch zum Glück war er an diesem Tag zur Abwechslung nur schwach. Es hatte seit mehreren Tagen nicht mehr geschneit, und in der klaren Witterung waren sie schneller vorangekommen. Doch noch immer fühlte sich die Luft bei jedem Atemzug so an, als könnte sie die Innenwand ihrer Nase in Eis verwandeln.
Auf halbem Weg nach unten trafen sie auf Prindin und Tossidin. Die beiden blieben vor ihr stehen und stützten sich schwer atmend auf ihre Speere, was für sie ungewöhnlich war, da nichts sie zu ermüden schien. Allerdings waren sie die Höhe nicht gewöhnt. Ihre Gesichter waren blaß, und das nette Zwillingslächeln war längst verschwunden.
»Bitte, Mutter Konfessor«, sagte Prindin und hielt inne, um nach dem anstrengenden Aufstieg Luft zu schöpfen, »du darfst nicht dorthin. Die Ahnenseelen dieser Menschen haben diesen Ort verlassen.«
Kahlan band einen Wasserschlauch von ihrer Hüfte los und zog ihn unter ihrem Umhang hervor, wo die Körperwärme das Gefrieren des Wassers verhinderte. Sie reichte ihn Prindin hin, drängte ihn, einen Schluck zu nehmen, bevor sie ihn befragte.
»Was habt ihr gesehen? Ihr seid doch nicht in die Stadt hineingegangen, oder? Ich hatte euch doch gesagt, ihr sollt nicht hinter die Stadtmauer gehen.«
Prindin reichte seinem keuchenden Bruder den Wasserschlauch. »Nein. Wir sind in Deckung geblieben, wie du uns befohlen hast. Wir sind nicht hineingegangen, das war auch nicht nötig.« Er leckte sich einen Wassertropfen von der Unterlippe. »Von draußen haben wir genug gesehen.«
Kahlan nahm den Wasserschlauch wieder an sich, als auch Tossidin getrunken hatte, und verschloß ihn. »Habt ihr irgend jemanden gesehen?«
Tossidin warf einen verstohlenen Blick über die Schulter, den Hügel hinab. »Wir haben viele gesehen.«
Prindin wischte sich mit dem Handrücken über die Nase und blickte von seinem Bruder zu ihr. »Viele Tote.«
»Wie viele? Woran sind sie gestorben?«
Tossidin zog an dem Band, das seinen Fellumhang am Hals zusammenhielt. »Sie sind im Kampf gestorben. Die meisten sind Männer mit Waffen: mit Schwertern, Speeren und Bogen. Es sind mehr, als ich mit Worten zählen kann. Ich habe noch nie so viele Männer gesehen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viele Männer gesehen. Hier hat es Krieg gegeben. Einen Krieg, und die Besiegten wurden abgeschlachtet.«
Kahlan starrte die Männer einen Augenblick lang an. Das Entsetzen drohte ihr die Luft zu nehmen. Sie hatte gehofft, daß einige Menschen aus Ebinissia entkommen waren und hatten fliehen können.
Ein Krieg. Hatten die Truppen aus D’Hara dies getan? Oder steckte etwas anderes dahinter?
Endlich löste sich die Anspannung in ihren Muskeln, und sie lief mit wehendem Umhang den Hang hinab, ließ die eisige Luft hinein. Sie hatte Herzklopfen vor Angst, was den Menschen von Ebinissia zugestoßen sein mochte. »Ich muß dort hinunter und nachsehen, was passiert ist.«
»Bitte, Mutter Konfessor, geh nicht«, rief Prindin ihr hinterher. »Es ist ein schlimmer Anblick.«
Die drei Männer eilten hinter ihr her, als sie den Hügel hinabmarschierte, wobei das Gefalle ihre Schritte noch beflügelte. »Ich weiß, wie Tote aussehen.«
Ein gutes Stück vor der Stadtmauer stießen sie auf die ersten dahingestreckten Leichen — offenbar der Schauplatz kleinerer Scharmützel. Schnee war über sie hinweggeweht und verdeckte sie teilweise. An einer Stelle reckte sich eine Hand aus dem Schnee, als wäre der Mann darunter im Begriff zu ertrinken und greife nach der Luft. Die meisten waren weder von Vögeln noch von Tieren angerührt worden, da sich den Aasfressern ein Übermaß an Nahrung bot. Sie alle waren Soldaten der Armee Galeas, im Tode dort erstarrt, wo sie gefallen waren, ihre blutgetränkte Kleidung steinhart an ihren Leibern festgefroren, die gräßlichen offenen Wunden vereist.
An der Südmauer, wo gewaltige, mit gekreuzten Eisenbändern bespannte Eichentore gestanden hatten, befand sich ein klaffendes Loch im Gemäuer, dessen Ränder verschmolzen und verkohlt waren. Kahlan stand da und starrte auf das Gemäuer, das wie das Wachs einer tropfenden Kerze zerschmolzen war. Sie kannte nur eine Kraft, die dazu imstande war. Zaubererfeuer.
Ihr Verstand hatte Mühe, zu begreifen, was sie sah. Sie wußte, wie die Folgen eines Zaubererfeuers aussahen, aber es gab keine Zauberer mehr. Bis auf Zedd und vermutlich Richard. Aber Zedd zeichnete hierfür bestimmt nicht verantwortlich.
Außerhalb der Mauern, ein Stück entfernt von beiden Seiten des Tores, lagen kopflose Leichen zu gewaltigen gefrorenen Hügeln aufgetürmt. Köpfe starrten aus weniger ordentlichen eigenen Stapeln heraus. Schwerter, Schilde und Speere hatte man auf getrennte Haufen geworfen, die großen, toten Igeln aus Stahl glichen. Dies war eine Massenhinrichtung gewesen, ausgeführt an verschiedenen Stellen gleichzeitig, um die große Anzahl effektiv zu bewältigen. Es waren alle galeanische Soldaten.
Während sie vom Schock wie betäubt auf die verrenkten Glieder starrte, sprach Kahlan mit leiser Stimme zu den drei Männern hinter ihr. »Das Wort, das ihr nicht kanntet, um so viele zu zählen, lautet tausend. Hier liegen vielleicht fünftausend Tote.«
Prindin steckte das untere Ende seines Speeres vorsichtig in den Schnee und drehte es in einer hilflosen Geste. »Ich wußte nicht, daß man ein Wort braucht, um so viele Männer zu zählen.« Er wiederholte die verlegene Geste und senkte seine Stimme zu einem Flüstern. »Das wird ein schlimmer Ort sein, wenn das warme Wetter einsetzt.«
»Es ist jetzt bereits ein schlimmer Ort«, murmelte sein Bruder zu sich selbst in seiner eigenen Sprache.
Kahlan wußte, daß dies längst nicht alle Toten waren. Sie kannte die Verteidigungstaktik von Ebinissia. Die Mauer war keine sichere Befestigungsanlage mehr wie in früheren, lange zurückliegenden Zeiten. Als die Stadt mit dem Wohlstand des Bundes der Midlands gewachsen war, hatte man die älteren, stärker befestigten Mauern niedergerissen und die Steine für die Errichtung dieser neuen Außenmauer benutzt, die eher eine Begrenzungsmauer war und weniger der Befestigung diente. Sie war eher ein Symbol für den Stolz und die Größe des Sitzes der Krone.
Bei einem Angriff waren die Tore mit Sicherheit geschlossen worden, während man die härtesten, erfahrensten Truppen davor plaziert hatte, um die Angreifer aufzuhalten, bevor sie die Mauer erreichten. Die eigentliche Verteidigung von Ebinissia lag in den umliegenden Bergen, deren enge Pässe keinen Angriff auf breiter Front zuließen.
Auf Befehl Darken Rahls hatten Truppen aus D’Hara Ebissinia zwei Monate lang belagert, doch die Verteidiger vor der Außenmauer hatten sie auf den umliegenden Pässen zurückhalten, sie dort festnageln und immer wieder attackieren können, bis die Angreifer sich schließlich zurückgezogen hatten, um ihre Wunden zu lecken und sich nach einer leichteren Beute umzutun. Die Ebinissier hatten zwar die Oberhand behalten, allerdings auf Kosten großer Verluste unter den Verteidigern. Wäre Darken Rahl weniger von der Idee besessen gewesen, die Kästchen zu finden, hätte er weitere Truppen schicken und die Verteidiger in den Pässen vielleicht überrennen können, doch das hat er nicht getan. Diesmal jedoch hatte es jemand getan.