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Die Männer ohne Kopf gehörten zu eben diesem äußeren Verteidigungsring. Sie waren mit dem Rücken zur Wand besiegt und gefangengenommen und schließlich hingerichtet worden, bevor man eine Bresche in die Mauer geschlagen hatte — offensichtlich als Warnung an alle, die noch drinnen waren, um sie mit Hilfe von Terror und Panik an einer erfolgreichen Verteidigung zu hindern. Was sich im Innern der Mauern befand, war mit Sicherheit noch schlimmer. Soviel verrieten ihr die toten Frauen, auf die sie unterwegs immer wieder gestoßen waren.

Aus Gewohnheit und ohne es recht zu merken, hatte sie die ruhige Miene aufgesetzt, die nichts verriet: das Gesicht eines Konfessors, wie ihre Mutter es ihr beigebracht hatte.

»Prindin, Tossidin, ich möchte, daß ihr außen um die Mauer herumgeht. Ich will wissen, was es sonst noch draußen gibt. Ich will alles wissen über das, was hier geschehen ist. Ich will wissen, wann das getan wurde, woher die Angreifer stammen und wohin sie gegangen sind, als sie fertig waren. Chandalen und ich werden in die Stadt gehen. Kommt wieder hierher zurück, wenn ihr fertig seid.«

Die Brüder machten sich auf ihre Anweisung hin rasch auf den Weg, steckten flüsternd die Köpfe zusammen, während sie mal hier-, mal dorthin zeigten und Spuren und Zeichen begutachteten, die sie nach kaum mehr als einem flüchtigen Blick verstanden hatten. Chandalen ging schweigend neben ihr, den Bogen mit eingelegtem Pfeil und Spannung auf der Sehne bereit, als sie über die Trümmer trat und durch die klaffende Öffnung kletterte.

Keiner der drei Männer hatte etwas gegen ihre Anweisung eingewandt. Sie wußte, daß die Größe der Stadt sie in Erstaunen versetzte, aber noch mehr waren sie von der Ungeheuerlichkeit dessen, was hier geschehen war, überwältigt. Sie respektierten ihre Verpflichtung den Toten gegenüber.

Chandalen übersah die Leichen, die überall herumlagen, und konzentrierte sich statt dessen auf die schattigen Durchgänge und Gassen zwischen den kleinen Häusern aus Lehm und Flechtwerk, die einst das Zuhause der Bauern und Schäfer gewesen waren, welche das Land in der Nähe der Stadt bewirtschaftet hatten. Es gab keine frischen Spuren im Schnee; nichts Lebendiges hatte sich in der letzten Zeit hierher verirrt.

Kahlan entschied sich für die breiteren Straßen, und Chandalen blieb dicht hinter ihrer rechten Schulter, einen halben Schritt zurück. Sie blieb gar nicht erst stehen, um die überall herumliegenden Toten näher zu untersuchen. Sie alle schienen auf die gleiche Weise umgekommen zu sein: in einer bestialischen Schlachterei.

»Diese Menschen wurden von einer großen Übermacht besiegt«, meinte Chandalen ruhig. »Von vielen Tausend, wie du es genannt hast. Sie hatten keine Chance.«

»Wie kommst du darauf?«

»Sie liegen zusammengedrängt zwischen den Gebäuden. Das ist ein schlechter Platz zum Kämpfen, aber in einem abgeschlossenen Ort wie diesem ist das die einzige Möglichkeit. So hätte ich auch versucht, mich gegen eine Übermacht zu verteidigen — indem ich verhindere, daß mich der Feind umzingeln kann. In den schmalen Gassen nützt eine Überzahl nicht so viel. Ich würde versuchen, zu verhindern, daß der Feind sich ausbreitet, sondern ständig fürchten muß, von wo ich als nächstes angreifen werde. Man darf sich dem Feind nicht so stellen, wie er es will, besonders dann nicht, wenn er zahlenmäßig weit überlegen ist.

Unter den Soldaten sind alte Männer und Kinder. Kinder und alte Männer würden nicht an Chandalens Seite kämpfen, es sei denn, der Kampf geht auf Leben und Tod und ich bin zahlenmäßig stark unterlegen. Diese Männer müssen sehr tapfer gewesen sein, daß sie gegen eine große Übermacht gekämpft haben. Alte Männer und Kinder wären solch tapferen Männern nicht zu Hilfe gekommen, wäre der Feind nicht so übermächtig gewesen.«

Sie wußte, Chandalen hatte recht. Jeder hatte die Hinrichtungen draußen vor der Mauer gesehen oder gehört. Eine Niederlage hätte für sie den sicheren Tod bedeutet.

Die Toten gehörten allesamt zu den Verteidigern, keiner von ihnen war ein Angreifer. Kahlan wußte: manche glaubten, wenn man die Toten dort liegen ließ, wo sie bei einem Sieg über einen Gegner gefallen waren, dann prophezeite dies Unglück bei zukünftigen Schlachten, außerdem überließe man deren Seelen der Vergeltung durch die Seelen derer, die man besiegt hatte. Gleichermaßen glaubten diese Menschen, wenn sie ihre Toten am Ort einer Niederlage zurückließen, würden die Seelen ihrer gefallenen Kameraden weiterleben, um ihre Feinde zu verfolgen. Wer immer dies angerichtet hatte, hatte daher seine eigenen Toten von den Leichen des geschlagenen Gegners fortgeholt. Kahlan kannte mehrere Völker, die glaubten, daß der Tod in einer Schlacht derartige Wunderdinge bewirken konnte. Vor allem ein Volk stand ganz oben auf ihrer Liste.

Als sie um einen umgekippten Wagen herumgingen, dessen Ladung Feuerholz als Haufen auf dem Boden lag, blieb Chandalen unter einem kleinen Holzschild stehen, in das man eine blattreiche Pflanze gleich neben einem Mörser und einem Stößel geschnitzt hatte. Mit einer Hand die Augen vor dem Sonnenlicht schützend, linste er in den langen, schmalen Laden, den man um ein paar Fuß hinter die Gebäude rechts und links zurückversetzt hatte. »Was ist das für ein Geschäft?«

Kahlan ging an ihm vorbei und trat durch den zersplitterten Türrahmen. »Ein Kräuterladen.« Die Theke war mit zerbrochenen Glasbehältern und getrockneten Kräutern übersät, alles aufs Geratewohl zu einem unbrauchbaren Durcheinander vermengt. Lediglich zwei Glasdeckel waren in dem blaßgrünen Chaos unbeschädigt geblieben. »Hier haben die Leute ihre Kräuter und Medizin gekauft.«

Der Wandschrank hinter der Theke, der vom Boden bis zur Decke reichte und fast die gesamte Breite des Ladens einnahm, hatte Hunderte kleiner Holzschubladen enthalten, deren Oberfläche von unzähligen Fingern dunkel geworden war. Die meisten Schubladen hatte man mitsamt Inhalt auf dem Boden zertreten, die restlichen mit einer Keule eingeschlagen. Chandalen ging in die Hocke und zog die wenigen Laden dicht über dem Boden auf, die unberührt geblieben waren, und untersuchte kurz ihren Inhalt, bevor er jede einzelne Lade wieder zurückschob.

»Nissel wäre … wie sagt man … ›erstaunt‹?«

»Erstaunt«, antwortete Kahlan.

»Sie wäre erstaunt über so viele Heilpflanzen. Es ist ein Verbrechen, Dinge zu zerstören, die Menschen helfen.«

Sie sah zu, wie er die Schubladen öffnete und wieder schloß. »Ganz recht, ein Verbrechen«, stimmte sie zu.

Als er die nächste Lade aufzog, stockte ihm der Atem. Er hockte reglos einen Augenblick lang davor, bevor er ehrfürchtig ein Büschel winziger Pflanzen herausnahm, die an den Stengeln mit einem Stück Bindfaden zusammengebunden waren.

Er stieß einen leisen Pfiff durch die Zähne aus. »Quassin doe«, sagte er leise.

Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, blickte Kahlan in den dunklen Hintergrund des Ladens. Leichen sah sie keine. Der Besitzer mußte geflohen sein, oder vielleicht hatte er mit der Armee gegen die Invasoren gekämpft. »Was ist Quassin doe?«

Chandalen drehte das Bündel in seiner Handfläche hin und her, den Blick starr darauf geheftet. »Quassin doe kann dir das Leben retten, wenn du aus Versehen Zehnschrittgift zu dir nimmst oder -wenn du schnell genug bist — auch wenn du von einem Pfeil mit diesem Gift getroffen wirst.«

»Wie kann man es aus Versehen nehmen?«

»Viele giftige bandu-Blätter müssen lange Zeit gekaut und im Mund angefeuchtet werden, bevor man sie zu einem dicken Brei verkocht. Manchmal, wenn man aus Versehen ein wenig der Flüssigkeit in seinem Mund verschluckt oder zu lange darauf kaut, kann einem schlecht davon werden.« Er öffnete einen Hüftbeutel aus Wildleder und zeigte ihr eine kleine Schachtel mit Deckel aus geschnitzten Knochen. Im Innern befand sich eine dunkle Paste. »Dies ist das Zehnschrittgift, das wir auf unsere Pfeile schmieren. Wir stellen es aus bandu her. Wenn du sehr wenig davon ißt, wird dir schlecht. Ißt du ein wenig mehr, wirst du ganz langsam sterben. Wenn du noch mehr ißt, dann stirbst du schnell. Doch niemand würde es essen, nachdem es hergestellt und hierin verpackt worden ist.« Er ließ das Kästchen mit dem Gift zurück in seinen Beutel gleiten.