Выбрать главу

»Du könntest also ein wenig von diesem quassin doe nehmen, und du würdest wieder gesund werden, wenn du beim Kauen der Blätter, um dieses Gift herzustellen, aus Versehen etwas von dem bandu verschluckt hättest?« Er beantwortete ihre Frage mit einem Nicken. »Aber wenn du von einem Zehnschrittpfeil getroffen wirst, würdest du nicht sterben, bevor du das quassin doe nehmen könntest?«

Chandalen drehte das Pflanzenbüschel zwischen seinen Fingern. »Kann sein. Manchmal ritzt sich jemand versehentlich mit seinem eigenen Zehnschrittpfeil, dann kann er das quassin doe einnehmen und wird wieder gesund. Wenn man von einem Zehnschrittpfeil getroffen wird, bleibt einem manchmal noch genug Zeit, sich selbst zu retten. Zehnschrittpfeile wirken nur dann schnell, wenn man in den Hals getroffen wird. Dann bleibt dir keine Zeit mehr, das quassin doe zu nehmen, du stirbst zu schnell. Aber wenn du an einer anderen Stelle getroffen wirst, ins Bein vielleicht, braucht das Gift länger, bis es wirkt, und du hast Zeit, das quassin doe zu nehmen.«

»Und wenn Nissel nicht in der Nähe ist, um es dir zu geben? Dann stirbst du also, solltest du dich draußen im Grasland bei der Jagd aus Versehen mit einem Giftpfeil ritzen?«

»Früher hatten alle Jäger immer ein paar Blätter dabei, damit sie es nehmen konnten, wenn sie sich verletzt hatten oder von einem Pfeil getroffen wurden und ihnen genug Zeit blieb. Ist nicht viel Gift an dem Pfeil, weil er zum Beispiel für die Jagd auf kleine Tiere benutzt wird, hat man mehr Zeit. Vor langer Zeit schluckten unsere Männer, wenn es Krieg gab, quassin doe kurz vor der Schlacht, damit die Zehnschrittpfeile der Feinde sie nicht vergiften konnten.«

Er schüttelte betrübt den Kopf. »Aber es ist sehr schwer zu bekommen. Als wir letztes Mal eine solche Menge eintauschten, mußte jeder Mann im Dorf drei Bogen machen und zwei Fäuste voll Pfeile, und alle Frauen mußten Schalen herstellen. Jetzt ist es schon lange aufgebraucht. Seit Jahren. Die Leute, bei denen wir es eingetauscht hatten, konnten nichts mehr finden. Zwei Männer sind schon gestorben, seit wir nichts mehr haben. Mein Volk würde viel dafür geben, um wieder eine solche Menge zu bekommen.«

Kahlan stand über ihn gebeugt und sah zu, wie er es vorsichtig in die Schublade zurücklegte. »Nimm es, Chandalen. Gib es deinem Volk. Ihr könnt es gebrauchen.«

Er schob die Lade langsam zu. »Das kann ich nicht. Es wäre nicht recht, es einem anderen Volk wegzunehmen, selbst wenn sie alle tot sind. Es gehört nicht meinem Volk, es gehört den Menschen hier.«

Kahlan hockte sich neben ihn, zog die Schublade auf und nahm das kleine Bündel heraus. Auf dem Boden gleich daneben fand sie ein quadratisches Stück Stoff, das zum Verpacken der gekauften Ware benutzt wurde, und wickelte die quassin doe-Pflanzen darin ein. »Nimm es.« Sie drückte ihm das Bündel in die Hand. »Ich kenne die Menschen in dieser Stadt. Ich werde ihnen bezahlen, was ich mir genommen habe. Da ich dafür bezahlen werde, gehört es jetzt mir. Nimm es. Es ist ein Geschenk für all den Ärger, den ich deinem Volk bereitet habe.«

Er starrte auf das Stoffpäckchen in seiner Hand. »Als Geschenk ist es zu wertvoll. Ein Geschenk von solch hohem Wert würde uns dir gegenüber zu etwas verpflichten.«

»Dann ist es eben kein Geschenk, sondern der Lohn für dich und Prindin und Tossidin — dafür, daß ihr mich auf dieser Reise beschützt habt. Ihr drei riskiert euer Leben, um mich zu beschützen. Ich schulde euch mehr als diesen Lohn. Ihr seid mir zu nichts mehr verpflichtet.«

Er betrachtete das Päckchen einen Augenblick lang nachdenklich, dann wog er es zweimal kurz in der Hand, bevor er es in den Wildlederbeutel an seiner Hüfte stopfte. Er verschloß die Lasche mit dem derben Lederband und stand auf. »Dann tauschen wir dies gegen unsere Arbeit ein. Nach dieser Reise sind wir dir nichts mehr schuldig.«

»Nichts«, sagte sie und besiegelte damit den Handel.

Die beiden gingen weiter durch die stillen Straßen, vorbei an den Geschäften und Gasthäusern des alten Stadtviertels. Man hatte jede Tür, jedes Fenster zerbrochen. Glassplitter blitzten im Sonnenlicht auf — glitzernde Tränen für die Toten. Die einfallenden Horden waren durch jedes Haus gestürmt und hatten alles Lebendige aufgespürt.

»Wo finden diese vielen Tausend, die alle zusammen an diesem Ort leben, das Land, um ihre Familien zu ernähren? Es kann hier unmöglich für alle genug Wild für die Jagd oder genügend Felder zum Bepflanzen geben.«

Kahlan versuchte, die Stadt mit seinen Augen zu sehen. Sie mußte ein großes Rätsel für ihn darstellen. »Nicht alle jagen oder bestellen das Land. Die Menschen, die hier leben, haben sich spezialisiert.«

»Spezialisiert? Was ist das?«

»Das bedeutet, daß verschiedene Menschen verschiedene Arbeiten verrichten. Jeder hat seine ganz bestimmte Aufgabe. Mit Silber oder Gold kaufen sie die Dinge, die sie brauchen und die sie weder anbauen noch selbst herstellen können.«

»Und woher haben sie dieses Silber oder Gold?«

»Menschen, die von anderen etwas haben möchten, bezahlen diese Sache mit Silber oder Gold.«

»Und woher haben diese anderen das Silber oder Gold?«

»Das haben sie von Menschen, die ihnen damit die Dinge bezahlen, die sie tun.«

Chandalen sah sie skeptisch an. »Wieso tauschen sie nicht. Tauschen wäre einfacher.«

»Na ja, in gewisser Weise ist es ein Tausch. Oft hat jemand, der etwas von dir will, nichts, was du gebrauchen kannst, also gibt er dir statt dessen Geld — Silber oder Gold, zu flachen, runden Scheiben geprägt, die man Münzen nennt. Dann kannst du das Geld dazu verwenden, die Dinge zu kaufen, die du brauchst.«

»Kaufen.« Chandalen ließ sich das fremdartige Wort auf der Zunge zergehen, während er, ungläubig mit dem Kopf schüttelnd, eine Straße zu ihrer Rechten hinabblickte. »Warum sollten die Menschen dann arbeiten? Warum ziehen sie nicht einfach los und besorgen sich dieses Geld aus Silber oder Gold?«

»Manche tun das. Sie suchen Silber oder Gold. Aber auch das ist harte Arbeit. Gold ist schwer zu finden, und man muß es mühsam aus der Erde graben. Deswegen benutzt man es als Geld: weil es selten ist. Wäre es leicht zu finden wie Sandkörner, dann würde es niemand im Tausch annehmen. Wäre Geld leicht zu finden oder herzustellen, wäre es wertlos, und schließlich würde dieser Tauschhandel mit wertlosem Geld zusammenbrechen, und alle würden verhungern.«

Er machte ein nachdenkliches Gesicht und blieb stehen. »Woraus wird dieses Geld gemacht? Was ist dieses Silber oder Gold, von dem du sprichst?«

Sie blieb nicht mit ihm stehen, und er mußte ein paar Schritte laufen, um sie wieder einzuholen. »Gold ist … das Medaillon, die Halskette, die der Bantak dem Volk der Schlammenschen zum Geschenk gemacht hat, als Zeichen dafür, daß sie keinen Krieg wollen, das war aus Gold.« Chandalen nickte und gab ein wissendes Grunzen von sich. Jetzt war es Kahlan, die stehenblieb. »Weißt du, woher die Bantak soviel Gold haben?«

Chandalen ließ den Blick über die Schieferdächer schweifen. »Natürlich. Sie haben es von uns.«

Kahlan packte ihn am Arm, der unter seinem Umhang verborgen war, und riß ihn herum. »Was soll das heißen, sie haben es von euch?«

Auf die Berührung reagierte er nervös. Er mochte es nicht, wenn sie, ein Konfessor, ihn mit der Hand berührte. Daß der Pelzumhang den tatsächlichen Hautkontakt verhinderte, spielte keine Rolle, ihre Haut war nah genug. Wenn sie die Beherrschung über ihre Kraft lockerte, böte dieses dünne Stückchen Fell kein Hindernis. Kahlan hatte schon früher ihre Kraft durch eine Rüstung hindurch freigesetzt. Er war sichtlich erleichtert, als sie den Griff löste. »Chandalen, woher haben die Schlammenschen das Gold?«