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Er sah sie an, als wäre sie ein Kind, das wissen wollte, wo man Erde findet. »Aus den Erdlöchern. In unserem Land, im Norden, wo es felsig ist und wo nicht viel wächst und gedeiht, gibt es Löcher in der Erde. Sie enthalten das Gold. Es ist eine schlimme Gegend. Die Luft ist heiß und stinkt. Es heißt, man stirbt, wenn man zu lange in der Erde bleibt. Das gelbe Metall befindet sich in diesen tiefen Löchern. Es ist zu weich, um gute Waffen daraus herzustellen, und daher nutzlos.«

Er machte eine abschätzige Handbewegung. »Die Bantak sagen jedoch, die Seelen ihrer Ahnen mögen den Anblick des gelben Metalls, daher lassen wir sie auf unser Land und zu den Löchern, damit sie es sich holen können und die Seelen ihrer Vorfahren den Anblick genießen können, wenn sie in diese Welt kommen.«

»Chandalen, wissen noch andere von diesen Löchern in der Erde und von dem Gold, das sich darin befindet?«

Er zuckte mit den Achseln. »Wir lassen keine Fremden in unser Land. Aber wie gesagt, es ist zu weich, um Waffen daraus herzustellen, deswegen taugt es nichts. Es gefällt den Bantak, und sie tauschen gern mit uns, also lassen wir sie herausholen, soviel sie haben wollen. Sie holen sich allerdings nicht viel, weil es ein so schlimmer Ort ist. Niemand außer den Bantak würde dorthin gehen, um seinen Ahnen einen Gefallen zu tun.«

Wie sollte sie ihm das klarmachen? Er hatte keine Ahnung, wie es in der Welt draußen zuging. »Chandalen, du darfst dieses Gold niemals verwenden.« Sein Gesicht verriet, daß er bereits erklärt hatte, wie nutzlos es sei und daß niemand es haben wollte. »Du denkst vielleicht, es ist nutzlos, aber andere würden töten, um es zu bekommen. Wüßten die Menschen, daß ihr Gold auf eurem Land habt, würden sie in Schwärmen einfallen, um es sich zu holen. Die Gier nach Gold treibt Menschen in den Wahnsinn, manche würden alles tun, um es zu bekommen. Sie würden die Schlammmenschen töten.«

Chandalen richtete sich auf und zog ein selbstgefälliges Gesicht. Er löste seine Hand von der Bogensehne und schlug sich an die Brust. »Ich und meine Männer, wir beschützen unser Volk. Wir würden die Fremdlinge verjagen.«

Mit einer ausladenden Geste deutete Kahlan auf die Hunderte und Aberhunderte von Toten ringsum. »Beschützen? Vor so vielen Menschen? Vor Tausenden von Menschen?« Chandalen hatte noch nie so viele Menschen gesehen. Er wußte nicht viel von den Massen, die außerhalb seines Landes lebten. »Tausende, die so lange euer Land überrennen würden, bis ihr vertrieben wärt?«

Sein Blick folgte dem Bogen, den ihr Arm beschrieben hatte. Die Falten auf seiner Stirn verrieten, wie wenig vertraut ihm diese Ängste waren, und seine Überheblichkeit verflog, als er die Toten musterte. »Die Seelen unserer Ahnen haben uns davor gewarnt, über die Erdlöcher mit der ungesunden Luft zu sprechen. Wir lassen nur die Bantak dorthin, sonst niemanden.«

»Sorge dafür, daß das so bleibt«, sagte sie. »Sonst kommen sie und stehlen es.«

»Es wäre nicht recht, einem Volk etwas zu stehlen.« Er spannte den Bogen wieder, während sie ihrer Verzweiflung geräuschvoll Luft machte. »Wenn ich einen Bogen mache, um ihn einzutauschen, dann weiß jeder, daß dies das Werk von Chandalen ist, weil es ein so guter Bogen ist. Wenn ihn jemand stiehlt, weiß jeder, was für ein Bogen das ist und woher er stammt. Man würde den Dieb fassen und ihn zwingen, ihn zurückzugeben. Vielleicht würde er sogar von seinem Volk verjagt. Woher wollen diese Menschen wissen, wem das Geld gehört, wenn es ein Dieb gestohlen hat?«

Kahlan drehte sich der Kopf, so anstrengend fand sie es, Chandalen derartige Dinge zu erklären. Wenigstens hielt es sie davon ab, über all die Toten ringsum nachzudenken. Sie stapfte weiter durch den Schnee und mußte über den Rücken eines Mannes steigen, weil neben ihm kein Platz war, so dicht nebeneinander waren sie gefallen.

»Das ist schwierig. Aus diesem Grund bewachen die Menschen ihr Geld. Wird jemand beim Stehlen erwischt, wird er hart bestraft, um andere Diebe abzuschrecken.«

»Wie werden Diebe bestraft?«

»Wenn sie nicht viel gestohlen und Glück haben, werden sie vielleicht in einer kleinen Kammer eingeschlossen, bis ihre Familie den Schaden wiedergutmachen kann.«

»Eingeschlossen? Was ist das?«

»Mit einem Schloß kann man eine Tür versperren. Die steinernen Kammern, in die man Diebe steckt, haben eine Tür, die sich nicht von innen öffnen läßt. Und damit sie nicht herauskönnen, hat diese ein Schloß, und man braucht einen Schlüssel, den richtigen Schlüssel, um sie zu öffnen.«

Chandalen blickte in eine Seitenstraße hinter dem Geschäft eines Silberschmieds, während sie weiter die Hauptstraße hinaufgingen. »Ich würde lieber getötet, als in eine Kammer gesperrt zu werden.«

»Wenn der Dieb vom Falschen stiehlt oder Pech hat, dann passiert ihm genau das.«

Chandalen brummte etwas in sich hinein. Vermutlich war sie nicht besonders gut darin, ihm Dinge zu erklären. Er schien das Ganze für undurchführbar zu haken.

»Wir machen das besser. Was wir wollen, stellen wir selbst her. Jeder macht, was er braucht. Dieses Spezialisieren ist nichts für uns. Wir tauschen nur ganz wenige Dinge ein. Das ist besser.«

»Ihr tut das gleiche wie diese Menschen, Chandalen. Du magst das vielleicht nicht einsehen, aber es ist so.«

»Nein. Jeder von uns weiß viele Dinge. Wir bringen unseren Kindern bei, wie man alle Dinge macht, die man benötigt.«

»Du hast dich ebenfalls spezialisiert. Du bist Jäger, und mehr noch, du bist ein Beschützer deines Volkes.« Wieder deutete sie mit einem Nicken auf die Toten ringsum. Einige starrten aus stumpfen Augen zurück. »Diese Männer waren Soldaten. Sie haben sich darauf spezialisiert, ihr Volk zu schützen. Sie haben ihr Leben bei dem Versuch gelassen, ihr Volk zu beschützen. Du bist genau wie sie: ein Soldat. Du bist stark, kannst gut mit Speer und Bogen umgehen, und du kannst gut die Pläne anderer aufdecken und vereiteln, die deinem Volk schaden wollen.«

Chandalen dachte einen Augenblick darüber nach, indes er kurz stehenblieb, um einen schweren Klumpen Schnee von der Bindung seines Schneeschuhs abzuklopfen. »Aber das gilt nur für mich. Weil ich so stark und klug bin. Andere aus meinem Volk haben sich nicht spezialisiert.«

»Jeder spezialisiert sich, Chandalen. Nissel, die Heilerin — sie hat sich darauf spezialisiert, Kranken oder Verletzten zu helfen. Sie verbringt die meiste Zeit damit, anderen zu helfen. Und wovon lebt sie?«

»Die, denen sie hilft, geben ihr, was sie braucht, und wenn niemand da ist, dem sie helfen kann, damit sie Lebensmittel von ihnen angeboten bekommt, dann geben ihr andere etwas ab, die genug haben, damit Nissel gut leben und uns helfen kann.«

»Siehst du? Die, denen sie hilft, bezahlen sie mit Tavabrot, aber das ist fast das gleiche wie hier mit dem Geld. Weil sie sich darauf spezialisiert hat, dem Dorf in bestimmter Weise zu dienen, hilft jeder ihr ein wenig, damit sie für das Dorf dasein kann, wenn sie gebraucht wird. Hier nennt man das Steuer, wenn jeder einen kleinen Beitrag für das Gemeinwohl leistet und so all jene unterstützt, die für alle Menschen arbeiten.«

»Bekommst du so dein Essen? Alle Menschen geben etwas für dich? So wie wir, als du zu uns kamst, um Ärger zu machen?«

Sie war erleichtert, weil er es zum erstenmal ohne Feindseligkeit sagte. »Ja.«

Chandalen musterte die Fenster im ersten Stock, als sie zwischen Gebäuden hindurchliefen, die zunehmend größer und prachtvoller wurden. Die doppelten, mit Bandeisen beschlagenen Türen eines Gasthauses zu ihrer Linken waren eingeschlagen. Tische, Stühle, Töpfe, Teller und mit roten Rosen besticktes Leinen — augenscheinlich die Illustration des Namens des Gasthauses, der Roten Rose — waren auf die Straße geworfen worden, wo sie, halb von Schnee bedeckt, noch immer herumlagen. Durch die leere Türöffnung konnte sie die Leiche eines mit einer Schürze bekleideten Küchenjungen sehen, der ausgestreckt auf dem Boden lag und dessen Augen, gefroren im Grauen seines letzten Blicks, an die Decke starrten. Er konnte nicht älter als zwölf gewesen sein.