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»Aber das sind nur die Jäger und Nissel«, fügte Chandalen nach einigem Nachdenken hinzu. »Die anderen von uns haben mit diesem Spezialisieren nichts zu tun.«

»Jeder tut es auf gewisse Weise. Die Frauen backen das Tavabrot, die Männer stellen die Waffen her. Auch in der Natur ist das so. Einige Pflanzen wachsen dort, wo es feucht ist, andere, wo es trocken ist. Einige Tiere fressen Gras, einige Blätter, andere wieder fressen Käfer und andere Tiere. Jeder spielt seine Rolle. Frauen bekommen Kinder, und Männer…«

Sie blieb stehen, die Fäuste in die Seite gestemmt, und betrachtete die unzähligen Toten, die ringsum gefallen waren. Sie machte eine ausladende Geste.

»Und Männer, so möchte es scheinen, sind auf der Welt, um alle umzubringen. Verstehst du, Chandalen? Die Spezialität der Frauen ist es, Leben zu erzeugen, und die der Männer, es wieder zu vernichten.«

Kahlan faßte sich an ihren Bauch. Sie war gefährlich nahe daran, ihre Beherrschung zu verlieren. Eine Woge von Übelkeit erfaßte ihren Körper. Ihr drehte sich der Kopf.

Chandalen sah sie verstohlen aus den Augenwinkeln an. »Der Vogelmann würde antworten, man sollte nicht alle danach beurteilen, was einige tun. Außerdem erzeugen Frauen das Leben nicht alleine. Männer haben daran auch ihren Anteil.«

Kahlan sog die kalte Luft in sich hinein. Mit Mühe machte sie sich erneut auf den Weg, schlurfte in ihren Schneeschuhen voran. Chandalen ließ zu, daß sie ein schnelleres Tempo anschlug, und ging neben ihr her. Sie bog ab und führte ihn eine mit erlesenen Geschäften gesäumte Straße entlang. Als sie erst eine Schneewehe hinauf- und dann wieder hinunterstieg, zeigte er mit seinem Bogen auf etwas, scheinbar, um das Thema zu wechseln.

»Wozu haben sie hier diese Menschen aus Holz?«

Eine kopflose Kleiderpuppe lehnte schief an einer Fensterbank, ragte halb aus einem Geschäft heraus. Das kunstvolle, blaue Kleid, das die Puppe trug, war mit Perlen verziert, die in mehreren Schnüren um die Hüfte drapiert waren. Froh über die Ablenkung von den düsteren Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen, näherte sich Kahlan der blaugekleideten Puppe.

»Dies ist das Geschäft eines Schneiders. Die Besitzer dieses Ladens haben sich darauf spezialisiert, Kleider herzustellen. Dieser Mensch aus Holz soll einfach nur zeigen, was sie herstellen, damit andere wissen, welch gute Arbeit sie leisten. Es soll zeigen, wie stolz sie auf ihre Arbeit sind.«

Sie blieb vor dem großen Fenster stehen. Alle Glasscheiben waren zerschlagen worden. Einige der gelb gestrichenen Mittelpfosten hingen schief am oberen Rand des Fensterrahmens. Der Blauton des wundervollen Kleides erinnerte Kahlan an ihr Hochzeitskleid. Sie spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals hinaufschlug. Chandalen suchte in beiden Richtungen die Straße ab, während sie langsam die Hand ausstreckte, um das gefrorene, blaue Tuch zu berühren.

Ihr Blick fiel vorbei an der Kleiderpuppe in den Laden, wo ein Quadrat aus Sonnenlicht auf den schneebestäubten Boden und einen niedrigen Arbeitstisch fiel. Sie zögerte. Ein Toter mit lichtem Haar war mit einem Speer durch seine Brust an die Wand genagelt. Eine Frau lag hingestreckt mit dem Gesicht nach unten über der Ladentheke. Ihr Kleid und Unterrock waren zu einem Wulst auf ihre Hüften geschoben worden, so daß man die bläuliche Haut sehen konnte. Aus ihrem Rücken ragte eine Schneiderschere.

In der Dunkelheit auf der fernen Ladenseite stand eine weitere Kleiderpuppe — in einem eleganten Männerrock. Hunderte kleiner Einstiche hatten die Vorderseite des dunklen Rocks zerfetzt. Offenbar hatten die Soldaten die Puppe beim Messerwerfen als Zielscheibe benutzt, während sie darauf warteten, bei der Frau an die Reihe zu kommen. Als sie der Frau dann überdrüssig geworden waren, hatten sie sie dem Anschein nach mit ihrer eigenen Schere abgestochen.

Kahlan wandte sich von dem Laden ab und fand sich von Angesicht zu Angesicht Chandalen gegenüber. Er war errötet. Sein Blick hatte etwas Bedrohliches.

»Nicht alle Männer sind gleich. Ich würde jedem meiner Männer die Kehle durchschneiden, wenn er so etwas täte.«

Kahlan wußte darauf keine Antwort. Plötzlich war ihr die Lust zu reden vergangen. Im Weitergehen lockerte sie den Umhang am Hals. Sie mußte sich in der kalten Luft abkühlen.

Bis auf das tiefe, unheilvolle Stöhnen des Windes zwischen den Gebäuden war es still, als sie an Ställen vorbeistapften, in denen man allen Pferden die Kehle durchgeschnitten hatte, vorbei an Gasthäusern und Herrschaftshäusern, deren hohe Gesimse sie vor der grellen Sonne schützten. Die gekehlten Holzsäulen zu beiden Seiten einer Eingangstür hatte man mit einem Schwert bearbeitet, scheinbar aus keinem anderen Grund als dem, die Eleganz des Wohnhauses zu verunstalten.

Im Schatten war es kälter, aber das war ihr egal. Sie stiegen über Leichen, die mit dem Gesicht nach unten und Wunden im Rücken im Schnee lagen, und mußten umgekippten Wagen und Kutschen ausweichen, toten Pferden und toten Hunden. Das alles verschmolz zu einem sinnlosen, irrsinnigen Bild der Zerstörung.

Gesenkten Blicks stapfte sie weiter durch den Schnee. Die Luft war schneidend kalt, und sie zog den Umhang wieder fester um sich. Die Kälte entzog ihrem Körper nicht nur die Wärme, sondern auch die Kraft. Mit grimmiger Entschlossenheit setzte sie einen Fuß vor den anderen, immer weiter Richtung Ziel, irgendwie darauf hoffend, daß sie es nie erreichen würde.

Inmitten der gefrorenen Leichen Ebinissias versuchte sie, die alles erdrückende Leere mit einem stummen Gebet zu füllen.

Bitte, geliebte Seelen, haltet Richard warm.

28

Das ausgetrocknete ebene Land erstreckte sich nackt unter der brüllenden Sonne endlos vor ihnen, erzeugte in der Ferne flirrende Bilder, die in der Glutofenhitze wankten und tanzten wie Phantome eines allmächtigen Feindes. Die zerklüfteten Hügel hinter ihnen endeten in einer Felsbank steinigen Gerölls. Die Stille war ebenso erdrückend wie die Hitze.

Richard wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel aus der Stirn. Das Leder seines Sattels knarzte, als er sein Gewicht verlagerte und wartete. Bonnie und die beiden anderen Pferde warteten ebenfalls, die Ohren nach vorn gerichtet, scharrten gelegentlich mit den Hufen und machten ihrer Anspannung mit einem Schnauben Luft.

Schwester Verna saß reglos auf Jessups Rücken und suchte das ferne Nichts ab, als hätte sie dort etwas von größter Wichtigkeit vor Augen. Vom Erschlaffen ihrer braunen Locken abgesehen, schien ihr die Hitze nicht weiter zuzusetzen.

»Ich begreife dieses Wetter nicht. Es ist Winter. Ich habe noch nie gehört, daß es im Winter so heiß sein kann.«

»Das Wetter ändert sich mit der Gegend«, murmelte sie.

»Nein, das ist nicht wahr. Im Winter ist es kalt. So heiß wie jetzt ist es nur im Sommer.«

»Hast du im Sommer jemals Schnee auf den Gipfeln gesehen?«

Richard wechselte die Position der Hände auf dem Sattelknauf. »Ja. Aber nur auf den Gipfeln. Die Luft dort oben ist kälter. Wir befinden uns auf keinem Gipfel.«

Sie rührte sich noch immer nicht. »Das Wetter ist nicht nur auf den Berggipfeln anders. Im Süden ist das Klima nicht so kalt wie im Norden. Aber hier spielt noch etwas anderes eine Rolle. Das hier ist wie eine unerschöpfliche Hitzequelle.«

»Und wie nennt sich dieser Ort?«

»Das Tal der Verlorenen.«

»Und wer ist hier verlorengegangen?«

»Die, die es geschaffen haben, und wer immer es betritt.« Endlich wandte sie sich ihm wenigstens ein Stück weit zu und sah ihn an. »Es ist das Ende der Welt. Wenigstens deiner Welt.«

Er verlagerte sein Gewicht auf die andere Seite, als Bonnie dasselbe tat. »Wenn es das Ende der Welt ist, wieso sind wir dann hier?«

Schwester Verna hob die Hand und deutete auf das Land hinter ihnen. »Genau wie Westland, wo du geboren bist, von den Midlands getrennt ist und die Midlands von D’Hara, so sind diese Länder auch von dem getrennt, was am anderen Ende dieser Ödnis liegt.«