Richard runzelte die Stirn. »Und was liegt am anderen Ende dieses Landes?«
Sie drehte sich wieder zu der Weite vor ihnen um. »Du hast in der Neuen Welt gelebt. Jenseits dieses Tales liegt die Alte Welt.«
»Die Alte Welt? Von der Alten Welt habe ich noch nie gehört.«
»Nur wenige aus der Neuen Welt haben das. Man hat sie versiegelt und vergessen. Dieses Tal, das Tal der Verlorenen, trennt die beiden fast genauso, wie die Grenze früher die drei Länder der Neuen Welt voneinander getrennt hat. Das letzte der Länder, die wir durchquert haben, war unwirtlich gewesen, eine öde Wüstenei. Wer immer sich dort hindurchwagt und in dieses Tal hinein, kehrt nicht zurück. Die Menschen glauben, daß dahinter nichts mehr kommt. Sie glauben, dies sei das südliche Ende der Midlands und D’Hara, hinter dem nichts weiter folgt als das, was du hier siehst: eine endlose Wüste, in der man vor Hunger und Durst krepiert, woraufhin die Sonne einem die Knochen ausbleicht.«
Richard manövrierte Bonnie ein Stück vor, neben die Schwester. »Und was liegt nun dahinter? Und wieso kann niemand hier hindurch? Und wenn niemand hindurch kann, wieso können wir es dann?«
Sie betrachtete ihn aus den Augenwinkeln. »Einfache Fragen, aber nicht einfach zu beantworten.« Sie entspannte sich und lehnte sich ein Stück zurück. »Das Land zwischen der Neuen und der Alten Welt verjüngt sich etwas, mit dem Meer zu beiden Seiten.«
»Dem Meer?«
»Du hast den Ozean noch nie gesehen?«
Richard schüttelte den Kopf. »Von Westland aus liegt er sehr weit im Süden, außerdem lebt niemand dort. Das hat man mir zumindest erzählt. Ich habe gehört, wie andere vom Ozean erzählt haben, aber gesehen habe ich ihn noch nie. Sie haben gesagt, er sei weitaus größer als jeder See, den man sich vorstellen kann.«
Schwester Verna lächelte ihn dünn an. »Da haben sie die Wahrheit gesagt.« Sie drehte sich nach vorn und zeigte nach rechts. »Ein Stück in dieser Richtung liegt das Meer.« Dann zeigte sie nach links, nach Südosten. »Noch weiter entfernt in dieser Richtung liegt ebenfalls das Meer. Obwohl das Land dazwischen unermeßlich weit ist, so ist es dennoch die schmälste Stelle zwischen der Neuen und der Alten Welt. Aus diesem Grund hat hier ein Krieg stattgefunden. Ein Krieg zwischen Zauberern.«
Richard richtete sich im Sattel auf. »Zauberer? Was für ein Krieg?«
»Ja, Zauberer. Das war vor langer Zeit, als es noch viele Zauberer gab. Was du vor dir siehst, ist die Folge dieses Krieges. Das hier ist alles, was geblieben ist — als Warnung davor, was Zauberer anrichten können, die über mehr Macht als Weisheit verfügen.«
Der vorwurfsvolle Blick, mit dem sie ihn ansah, gefiel ihm nicht. »Und wer hat gewonnen?«
Endlich faltete sie die Hände über ihrem Sattelknauf und entspannte ihre Schultern ein wenig. »Niemand. Die beiden Seiten wurden durch dieses Land zwischen den beiden Meeren getrennt. Der Krieg war zwar beendet, doch gesiegt hat niemand.«
Richard lehnte sich zurück und holte einen Wasserschlauch hervor. »Wie war’s mit einem Schluck?«
Mit einem schmallippigen Lächeln ergriff sie den Schlauch, den er ihr reichte, und nahm einen langen Zug. »Das Tal ist ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn du deine magischen Kräfte mit dem Herz und nicht mit dem Verstand kontrollierst.« Ihr Lächeln erlosch. »Wegen ihrer Untaten wurden die Menschen beider Welten für alle Zeiten voneinander getrennt. Das ist einer der Gründe, weshalb die Schwestern des Lichts darum bemüht sind, diejenigen auszubilden, die die Gabe besitzen — damit sie keine Dummheiten machen.«
»Worum ging es in dem Krieg?«
»Worum kämpfen Zauberer? Sie haben darum gekämpft, wer von ihnen herrschen soll.«
»Man hat mir von einem Zaubererkrieg erzählt, in dem es darum ging, ob Zauberer überhaupt herrschen sollen oder nicht.«
Sie gab ihm den Wasserschlauch zurück und wischte sich die Lippen mit einem Finger ab. »Das war ein anderer Krieg und doch ein Teil desselben. Nachdem die beiden Seiten durch diesen Ort voneinander getrennt worden waren, gerieten ein paar aus beiden Lagern auf der Seite der Neuen Welt in eine Falle. Beide Gruppen waren ausgezogen, um ihre Herrschaft über jene geltend zu machen, die in die Neue Welt übergesiedelt waren, sowie über die, die immer schon dort gelebt hatten.
Einmal in der Falle, versteckte sich eine Seite jahrhundertelang, darum bemüht, Kraft zu sammeln, bevor sie den Versuch unternahm, die Macht über die gesamte Neue Welt an sich zu reißen. Der Krieg, der vor langer Zeit entflammt war, loderte erneut auf, bis ihre Streitmacht besiegt war — abgesehen von einigen wenigen, die in ihre Festung in D’Hara fliehen konnten.« Sie zog eine Braue hoch und sah ihn an. »Verwandte von dir, glaube ich.«
Richard sah sie eine ganze Weile wütend an, bevor er schließlich einen Schluck des warmen, fast heißen Wassers trank. Er träufelte ein wenig auf einen Streifen Stoff — etwas, das Kahlan ihm beigebracht hatte — und band es sich um den Kopf, um seine Stirn zu kühlen und sein länger werdendes Haar zu bändigen. Richard hakte den Wasserschlauch wieder an seinen Sattel. »Und was ist hier nun passiert?«
Mit einer weiten Handbewegung zeigte sie von Südwesten nach Südosten. »Wo das Land am schmälsten war, also hier, kämpften nicht nur Armeen, sondern auch Zauberer, bemüht, sich gegenseitig daran zu hindern, weiter vorzurücken. Die Zauberer verhängten Banne, beschworen alle möglichen Arten von Magie herauf, mit dem Ziel, ihren Gegnern eine Falle zu stellen. Beide Seiten entfesselten damit ein Übel von unsagbarem Grauen und voller Gefahr. Das ist es, was vor uns hegt.«
Richard starrte in ihr ausdrucksloses Gesicht. »Soll das etwa heißen, daß ihre Magie, ihre Banne noch immer dort draußen wirken?«
»Unvermindert.«
»Wie ist das möglich? Sie müßten sich doch abnutzen, schwächer werden?«
»Vielleicht.« Sie seufzte. »Aber sie haben noch etwas anderes getan. Um die Macht ihrer Banne aufrechtzuerhalten, haben sie Bauwerke errichtet, die deren Kraft erhält.«
»Welche Bauwerke wären dazu in der Lage?«
Schwester Verna starrte immer noch ins Leere oder vielleicht auf etwas, das er nicht sehen konnte. »Die Türme der Verdammnis«, sagte sie leise.
Richard streichelte Bonnies Hals und wartete. Endlich riß sich Schwester Verna mit einem Seufzer aus ihren Gedanken und fuhr fort.
»Von einem Meer zum anderen errichteten beide Seiten Reihen dieser Türme, die mit ihrer Kraft und Zauberkunst ausgestattet waren. Diese Reihen wurden am Meer begonnen und trafen sich hier, in diesem Tal. Doch wegen der Kraft der Türme, die beide Seiten ausstrahlten, kam keine Seite weit genug an die andere heran, um den letzten Turm in ihrer eigenen Linie zu vollenden. Ihr Werk endete in einem Patt, das beide Seiten daran hinderte, ihren letzten Turm zu Ende zu bauen. Und es erzeugte eine schwache Stelle in der magischen Barriere. Eine Lücke.«
Richard rutschte nervös in seinem Sattel hin und her. »Wenn es eine Lücke gibt, wieso kann dann niemand hindurch?«
»Es handelt sich nur um eine Verminderung der vollen Kraft. Die Linie der Verdammnis ist nach beiden Seiten hin undurchdringlich — den gesamten Weg über Hügel und Berge hinweg, bis zur Küste und darüber hinaus, bis weit hinaus aufs Meer, wo sie manchmal schwächer wird. Sie zu betreten, heißt, von den Bannstürmen gepackt zu werden, von der Magie. Wer immer sie betritt, würde getötet werden — schlimmer noch, er könnte für ewig durch den Nebel wandern.
Hier, in diesem Tal, verhinderte der völlige Stillstand auf beiden Seiten die Vollendung des letzten Turms, die die Linie versiegelt hätte. Doch die Banne wandern und ziehen in der Lücke hin und her wie Gewitterwolken, die vom Wind getrieben werden. An manchen Stellen prallen sie aufeinander und berühren sich. Durch die Schwäche an diesem Ort entsteht dort ein Irrgarten, den die mit der Gabe durchwandern können. Die Passagen verschieben sich ständig, und nicht immer kann man die Banne sehen. Man muß sie mit der Gabe erfühlen. Trotzdem, leicht ist das nicht.«