»Deswegen schaffen es die Schwestern des Lichts also hindurchzukommen? Weil sie die Gabe besitzen?«
»Ja. Aber allerhöchstens zweimal, einmal auf dem Hinweg, einmal auf dem Rückweg. Die Magie lernt, dich aufzuspüren. Vor langer Zeit wurden Schwestern, die hinüber in die Neue Welt gegangen waren, abermals in die Neue Welt geschickt, doch keine von ihnen kehrte je zurück.« Ihr Blick löste sich von seinen Augen und suchte das ferne Nichts. »Sie befinden sich dort drinnen, wo sie niemals gefunden oder gerettet werden können. Die Türme der Verdammnis und ihre Stürme aus Magie halten sie gefangen.«
Richard wartete, bis sie ihn wieder ansah. »Vielleicht waren sie unzufrieden und zogen es vor, nicht zurückzukehren. Woher wollt Ihr das wissen, Schwester?«
Ihr Gesichtsausdruck klärte sich. »Wir wissen es. Einige, die hindurchkamen, haben sie gesehen« — sie deutete mit einem Nicken auf das ferne Flirren –, »und zwar dort drinnen. Ich selbst habe mehrere entdeckt.«
»Das tut mir leid, Schwester Verna.« Richard mußte an Zedd denken. Vielleicht gelang es Kahlan, ihn aufzuspüren und ihm zu erzählen, was geschehen war. Er mußte die schmerzhafte Erinnerung an Kahlan verdrängen. »Ein Zauberer kann es also schaffen.«
»Nicht, wenn er im vollen Besitz seiner Kraft ist. Sobald wir denen, die die Gabe besitzen, beigebracht haben, sie zu beherrschen, muß man ihnen gestatten umzukehren, bevor ihre Kraft voll entwickelt ist. Schließlich ist es Sinn und Zweck der Linie, Zauberer am Durchqueren zu hindern. Die voll entwickelte Kraft eines Zauberers würde die Banne auf sich ziehen wie ein Magnet Eisenspäne. Sie sind es, die die Magie sucht, für sie wurden die Türme errichtet. Sie wären ebenso verloren wie jemand, der nicht mit seiner Gabe umzugehen versteht und die Lücken in den Bannen nicht erfühlen kann. Zuviel oder zuwenig, und man ist verloren. Aus diesem Grund konnten die Erbauer der Linie sie auch nicht vollenden. Die Sphäre der Banne von der anderen Seite verhinderte, daß sie sie betreten konnten. Ihr Werk endete in einem Patt.«
Richards Hoffnungen wurde mit einem Schlag ein Ende bereitet. Selbst wenn Kahlan ihm den Gefallen tat und seinen alten Freund aufspürte, Zedd würde ihm nicht helfen können. Er nahm den Drachenzahn in die Hand, der am Lederband vor seiner Brust baumelte. »Und wenn man darüber hinwegfliegt? Könnte irgend etwas darüber hinwegfliegen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Die Banne reichen bis hoch hinauf in die Lüfte, genau wie sie auch aufs Meer hinausreichen. Nichts, was fliegen kann, fliegt hoch genug.«
»Und das Meer? Könnte man weit genug hinaussegeln, um sie zu umfahren?«
Schwester Verna zuckte mit den Achseln. »Ich habe erzählen hören, daß es im Laufe der Zeiten ein paarmal geschafft wurde. Zu meinen Lebzeiten habe ich nur gesehen, wie Schiffe ausgelaufen sind, um den Versuch zu unternehmen. Aber niemals, wie eins zurückgekehrt ist.«
Richard warf einen Blick nach hinten über seine Schulter, sah jedoch nichts. »Könnte … uns jemand hindurch folgen?«
»Einer oder zwei, vorausgesetzt, sie bleiben nahe genug bei uns. Was du übrigens auch tun mußt. Eine größere Gruppe würde sicherlich verlorengehen. Die Nischen zwischen den Bannen sind nicht groß genug, um mehrere hindurchzulassen.«
Richard dachte schweigend darüber nach, schließlich fragte er: »Wieso hat nie jemand die Türme zerstört, damit die Banne aufhören?«
»Wir haben es versucht. Es ist nicht möglich.«
»Daß Ihr keinen Weg gefunden habt, Schwester, heißt nicht, daß es unmöglich ist.«
Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. »Die Türme und die Banne wurden sowohl mit Hilfe von Additiver als auch Subtraktiver Magie erbaut.«
Subtraktive Magie! Wie konnten die Zauberer von früher gelernt haben, Subtraktive Magie anzuwenden? Zauberer beherrschten Subtraktive Magie nicht. Darken Rahl dagegen schon. Richard schlug einen sanfteren Ton an. »Wie können die Türme verhindern, daß die Banne sich zerstreuen?«
Schwester Verna hakte die Daumen in die Zügel. »Die Türme enthalten die Lebenskraft von Zauberern.«
Richard fröstelte trotz der Hitze. »Wollt Ihr damit sagen, daß ein Zauberer seine Lebenskraft an die Türme abgegeben hat?«
»Schlimmer. Jeder Turm enthält die Lebenskraft vieler Zauberer.« Die Vorstellung, daß Zauberer ihr Leben gegeben hatten, um die Türme mit ihrer Lebenskraft zu versehen, ließ Richard erstarren. »Wie nahe beieinander stehen die Türme?«
»Es heißt, daß einige meilenweit auseinanderstehen, andere nur wenige Meter. Ihr Abstand hängt von dem Geflecht der Kraftlinien im Erdinnern ab. Den Sinn dieser Aufstellung kennen wir nicht. Da es den Tod bedeuten würde, die Linie zu betreten, um sie zu finden, wissen wir nicht einmal, wie viele Türme es sind. Wir kennen nur die wenigen in diesem Tal.«
Richard rutschte im Sattel hin und her. »Werden wir beim Durchschreiten einige Türme zu Gesicht bekommen?«
»Das läßt sich unmöglich sagen. Die Lücken verändern ständig ihre Lage. Gelegentlich führt der Weg dicht an einen Turm heran. Auf dem Hinweg habe ich einen gesehen. Einige Schwestern haben nie einen zu Gesicht bekommen. Hoffentlich sehe ich nie wieder einen.«
Richard merkte, daß er das Heft des Schwertes mit seiner linken Hand umklammert hielt. Die erhabenen Lettern des Wortes WAHRHEIT gruben sich in sein Fleisch. Er entspannte seine Hand und löste sie vom Heft.
»Und was erwartet uns nun?«
Schwester Verna richtete den in die Ferne schweifenden Blick auf Richard. »Es gibt Banne jeder Art. Einige sind Banne der Verzweiflung. Unter einen von ihnen zu geraten, bedeutet, daß die Seele für alle Zeiten verzweifelt umherwandert. Einige sind Banne der Freude und des Entzükkens, unter denen man sich auf ewig im Glück verliert. Einige sind pure Zerstörung und würden dich zerfetzen. Einige zeigen dir Dinge, die du fürchtest, damit du den Dingen in die Fänge läufst, die hinter ihnen lauern. Einige versuchen dich mit Dingen zu verführen, die du dir ersehnst. Wenn du dem Verlangen nachgibst…« Sie beugte sich näher zu ihm vor. »Du mußt dicht bei mir bleiben und immer weitergehen. Du mußt jedes Verlangen unterdrücken, das dich, sei es aus Angst oder Sehnsucht, zu etwas verleiten will. Hast du verstanden?«
Schließlich nickte Richard. Schwester Verna richtete den Blick wieder auf die schimmernden Formen. Sie saß reglos da und beobachtete. In der Ferne, hinter dem flirrenden Licht, glaubte er Gewitterwolken zu erkennen, die dunkel und unheilverkündend über den Horizont herangeweht wurden. Ihren Donner fühlte er mehr, als daß er ihn hörte. Irgendwie wußte er, daß es keine Wolken waren, sondern Magie. Als Bonnie den Kopf zur Seite warf, gab er ihr einen beruhigenden Klaps auf den Hals.
Nachdem er eine Weile zugeschaut hatte, sah er zur Schwester hinüber. Sie saß still und voller Anspannung da.
»Worauf wartet Ihr, Schwester? Auf den Mut?«
Sie antwortete, ohne sich zu bewegen. »Genau. Ich warte auf den Mut, mein Kind.«
Diesmal ärgerte es ihn nicht, daß sie ihn ›Kind‹ nannte, eher schien es die passende Bezeichnung seiner Fähigkeiten zu sein.
Ganz leise und immer noch, ohne den Blick von dem sonnenverbrannten Inferno vor ihnen zu lösen, fuhr sie fort: »Du hast noch in Windeln gelegen, als ich die Linie durchquerte, und doch erinnere ich mich an jede Einzelheit, als wäre es gestern gewesen. Ja, ich warte auf den Mut.«
Er drückte Bonnie mit den Schenkeln, drängte sie nach vorn. »Je eher wir aufbrechen, desto schneller sind wir hindurch.«
»Oder verloren.« Sie führte ihr Pferd hinter ihm her. »Bist du versessen darauf verlorenzugehen, Richard?«
»Ich bin bereits verloren, Schwester.«
29
Sie sahen sich Stufen gegenüber, zwanzig Schritte breit, die sich nur am äußersten rechten Rand als das zu erkennen gaben, was sie waren, dort, wo der Wind wie durch einen Trichter gleich neben dem geschwungenen Geländer aus rosa Marmor hinabgeweht war und sie von Schnee freigehalten hatte. Kahlan zögerte nur einen kurzen Augenblick, nachdem sie erkannt hatte, daß sie ihr Ziel erreicht hatten, dann stemmte sie ihre Schneeschuhe fest in die Schneewehe, die die Stufen unter sich begrub, und stieg hinauf zum Portal, dessen Gesims eine Reihe von Statuen schmückte, deren aus Stein gehauene Kleidung so echt wirkte, daß es schien, als würde sie sich in der sachten Brise bewegen. Zehn weiße Säulen auf jeder Seite stützten das massige Gebälk in schwindelerregender Höhe über dem Bogenportal. In verzweifeltem Kampf gefallene Leichen lagen übereinander geschichtet überall auf dem schneebedeckten Rasen oder lehnten wie in Ruhestellung an den Mauern der mit einer Kuppel gekrönten äußeren Eingangshalle.