Die reich verzierten Türen, auf denen kunstvoll geschnitzte königliche Wappenschilde des Hauses derer von Amnell, hochgehalten von zwei Berglöwen, zu sehen waren, lagen zerschlagen auf dem Boden der Vorhalle. Neben dem verschnörkelten Steinbogen am anderen Ende standen lebensgroße Statuen von Königin Bernadine und König Wyborn, jeweils mit Speer und Schild in einer Hand, die Königin eine Garbe Weizen in der anderen haltend, der König ein Lamm. Die Brüste der Königin waren abgebrochen worden; Steinsplitter und Staub bedeckten die rostfarbenen Marmorfliesen. Beiden Statuen fehlte der Kopf.
Mit tauben Fingern löste Kahlan die Bindungen ihrer Schneeschuhe und lehnte sie an die Statue der Königin. Chandalen folgte ihrem Beispiel, bevor er ihr in die mit zerbrochenen Spiegeln und zerrissenen Wandbehängen gesäumte Eingangshalle folgte. Kahlan zog ihren Umhang fest um sich. Ihr Atem stieg als träge Wolke in der fast völlig stillen Luft auf, und aus irgendwelchen Gründen war es hier viel kälter als draußen.
»Wozu dient dieser Ort?« fragte Chandalen im Flüsterton, als hätte er Angst, die Seelen der Toten zu wecken.
Sie mußte sich zusammennehmen, um nicht ebenfalls zu flüstern. »Dies ist das Zuhause der Königin dieses Landes. Cyrilla heißt sie.«
Seine vom Zweifel angefüllte Stimme hallte durch die steinerne Halle. »Ein einziger Mensch lebt in einem Haus wie diesem?«
»Hier leben viele Menschen. Es gibt Berater, ganz ähnlich den Ältesten aus deinem Volk, und andere, deren Aufgabe es ist, sich um die Bedürfnisse des Landes zu kümmern, und wieder andere, die sich um deren Bedürfnisse kümmern, damit sie ihre Arbeit tun können. Viele Menschen bezeichnen dies als ihr Zuhause, doch die Königin ist der Haushaltsvorstand, so wie sie auch ihrem ganzen Land vorsteht. Sie steht über allen anderen.«
Chandalen folgte ihr schweigend, während sie sich daranmachte, den Palast zu durchsuchen. Sein Blick wanderte von einem wundersamen Gegenstand zum nächsten, von kunstvoll geschnitzten Möbeln, die nun überall in Trümmern herumlagen, zu den schweren roten, blauen, goldenen oder grünen Wandbehängen vor den zehn Fuß hohen rechteckigen Fenstern, die jetzt allesamt zerbrochen waren.
Sie stieg eine Treppenflucht hinab zu den unteren Gemächern. Die Eichenbohlen knarrten bei jedem Schritt in dieser Kälte. Er bestand darauf, jeden Raum als erster zu betreten, stieß die Tür mit dem Fuß auf und schlüpfte mit aufgelegtem Zehnschrittpfeil hinein, bevor er ihr gestattete, das Innere zu durchsuchen.
Sie fanden nichts als Tote. In einigen Räume lag ein Teil des Personals. Man hatte sie an der Wand aufgereiht und wie ein Nadelkissen mit Pfeilen durchbohrt. In der Küche sah es so aus, als hätten die Eindringlinge erst die Köche, die Kochgehilfen, die Weinkellner, Gehilfen, Tellerwäscher, die Schankkellner und die Küchenjungen hingerichtet und sich dann zu einem Saufgelage niedergelassen. Die Bier- und Weinfässer waren leer. Wie es schien, hatten sie mehr Speisen an die Wand geworfen als verzehrt.
Während Chandalen die geplünderte Speisekammer untersuchte, fiel Kahlans Blick auf die Leichen zweier junger Frauen, Küchenhilfen, die auf dem Boden hinter einem langen Schlachtklotz lagen. Eine war vollständig nackt, die andere trug nur noch einen braunen Wollstrumpf, den man ihr auf ihre schmalen Fesseln geschoben hatte. Ihre erste Annahme war falsch gewesen. Nicht das ganze Personal war vor dem Saufgelage ermordet worden.
Mit einem Gesicht, so unbeweglich wie das der toten Frauen, drehte sie sich um, verließ die Küche und stieg über die Dienstbotentreppe hinauf, um sich in den oberen Stockwerken umzusehen. Chandalen stapfte ihr hinterher. Er nahm drei Stufen auf einmal, um sie einzuholen.
Bestimmt gefiel ihm nicht, daß sie ohne ihn gegangen war, er sprach es jedoch nicht aus. »Es gibt Pökelfleisch. Vielleicht könnten wir etwas davon mitnehmen? Ich glaube nicht, daß die Menschen hier etwas dagegen hätten. Sie würden uns bestimmt etwas zu essen geben.«
Kahlan legte ihre Hand auf das Geländer und stieg in stetem Rhythmus hinauf. Doch dann steckte sie ihre Hand wieder unter ihren Umhang, denn das polierte Ahornholz fühlte sich so kalt an, daß ihr die Finger brannten. »Wenn du von dem Fleisch ißt, wirst du sterben. Sie haben es bestimmt vergiftet, damit alle ihre Landsleute, die an diesen Ort zurückkehren und von den Speisen essen, ebenfalls sterben.«
Wie sich herausstellte, war das Hauptstockwerk frei von Leichen. Es schien als Hauptquartier der Armee gedient zu haben. Leere Rum- und Weinfässer lagen überall auf dem Boden des Ballsaales herum. Speisereste, Becher und Tassen, zerbrochene Teller, Tabakasche, blutige Verbände, ölverschmierte Lumpen, abgebrochene oder verbogene Schwerter, Speere und Keulen, dunkle Späne eines Tischbeines aus Walnußholz, an dem jemand herumgeschnitzt hatte, bis nur noch ein Stumpf übriggeblieben war, Becken mit gefrorenem Wasser, schmutzige Bettwäsche, in Streifen gerissene Laken und verdreckte Steppdecken in jeder Farbe lagen über den Fußboden verstreut. Überall waren schmutzige Stiefelabdrücke, selbst auf den Tischen. Nach den Kratzern zu urteilen, hatten die Männer auf den Tischen getanzt.
Chandalen stapfte durch das Durcheinander, untersuchte verschiedene Dinge. »Sie waren zwei, vielleicht drei Tage hier.«
Sie nickte zum Zeichen, daß sie der gleichen Ansicht war, und sah sich dabei um. »Sieht ganz so aus.«
Er rollte ein Weinfaß mit einem Fuß hin und her, um festzustellen, ob es leer war. Es war leer. »Ich frage mich, warum sie so lange geblieben sind? Nur um zu trinken und zu tanzen?«
Kahlan seufzte. »Ich weiß es nicht. Vielleicht haben sie sich ausgeruht und ihre Verwundeten versorgt. Vielleicht haben sie nur ein Saufgelage gemacht, um ihren Sieg zu feiern.«
Er hob den Kopf und blickte sie scharf an. »Töten ist nichts, was man feiert.«
»Doch, für diese Menschen schon.«
Widerwillig stieg Kahlan endlich die Stufen hinauf ins oberste Stockwerk. Am liebsten hätte sie dort oben nicht nachgesehen. Denn dort befanden sich die Schlafzimmer.
Zuerst sahen sie sich im Westflügel um, in den Gemächern der Männer. Offenbar hatten die Truppen sie als Quartiere benutzt. In einer so zahlreichen Armee wie der, die das hier angerichtet hatte, gab es mit Sicherheit viele ranghohe Offiziere. Vermutlich waren diese hier abgestiegen, in den geheizten Zimmern. Die Soldaten unter ihrem Kommando hatten vermutlich die Gasthäuser und die Heime der gewöhnlichen Bürger benutzt.
Tief durchatmend, um ihre Entschlossenheit zu bekräftigen, schob sie ihr Kinn nach vorn, durchquerte die Mittelhalle mit der Empore, von der aus man auf die große Treppe blickte, und betrat die Räume im Ostflügel. Chandalen, der ihr dicht auf den Fersen folgte, wollte die Türen für sie öffnen und sich zuerst umsehen, doch das ließ sie nicht zu. Ihre Hand zögerte kurz auf dem Türknauf, schließlich öffnete sie die erste Tür. Eine ganze Weile blieb sie stehen und starrte auf das Bild, das sich ihr drinnen bot. Dann ging sie zur nächsten Tür und stieß sie auf, dann zur nächsten.
In jedem Schlafgemach lag eine Frau, keine von ihnen angekleidet. Zimmer auf Zimmer auf Zimmer immer das gleiche Bild. Nach den verdreckten Teppichen zu urteilen, schien ein unablässiger Strom von Männern hier hindurchgegangen zu sein. Holzspäne lagen in kleinen Haufen auf dem Boden, wo sich jemand die Zeit damit vertrieben hatte, an irgend etwas herumzuschnitzen, während er darauf wartete, daß er an die Reihe kam.