»Jetzt wissen wir, warum sie mehrere Tage hier verbracht haben«, sagte Kahlan, ohne Chandalen in die Augen zu sehen. Er schwieg. Sie brachte nicht mehr als ein Flüstern hervor. »Damit sie das hier tun konnten.«
Diese wenigen Tage waren zweifellos die längsten im Leben dieser Frauen gewesen. Kahlan betete, daß ihre Seelen jetzt Frieden gefunden haben mochten.
Sie erreichten die Tür am anderen Ende, die Tür zu dem Gemach, das sich die jüngeren Frauen teilten. Langsam öffnete sie die Tür, stand da und sah hinein, während Chandalen, dicht dahinter, ihr über die Schulter blickte.
Mit einem unterdrückten Schrei fuhr sie herum und schlug die Hand vor die Brust. »Bitte, Chandalen, warte hier.«
Er nickte und sah auf seine Stiefel.
Kahlan schloß die Tür hinter sich und blieb eine Weile mit dem Rücken daran gelehnt stehen. Die eine Hand an ihrer Seite, die andere vor dem Mund, ging sie um einen umgestürzten, zertrümmerten Kleiderschrank herum und durchmaß den kalten Raum der Länge nach, zwischen den Bettreihen hindurch, blickte mal zur einen, mal zur anderen Seite. Die kostbaren Handspiegel, Bürsten, Kämme und Haarnadeln, die früher liebevoll angeordnet auf den Nachttischen zwischen den Betten gelegen hatten, waren jetzt über den Fußboden verstreut. Die blauen Moirévorhänge blähten sich sacht in der eisigen Brise, die durch die zerbrochenen Fenster hereinwehte.
Hier hatten die zukünftigen Hofdamen der Königin gewohnt. Junge Frauen von vierzehn, fünfzehn und sechzehn Jahren, ein paar, die etwas älter waren. Dies waren nicht einfach namenlose Tote. Kahlan kannte viele dieser jungen Frauen.
Die Königin hatte sie mitgenommen, als sie nach Aydindril gekommen war, um dort vor dem Rat zu sprechen. Kahlan hätte sie gar nicht übersehen können, ihre Lebendigkeit, ihr aufgeregtes Staunen darüber, in Aydindril zu sein. Wie gern hätte Kahlan sie persönlich herumgeführt, doch die Gegenwart der Mutter Konfessor hätte ihnen nur angst gemacht, daher hatte sie es unterlassen. Statt dessen hatte sie sie aus der Ferne bewundert und um ihr junges Leben, dem noch alle Möglichkeiten offenstanden, beneidet.
Kahlan blieb an verschiedenen Betten stehen. Entschlossen und doch widerstrebend richtete sie den Blick auf die Gesichter, die sie kannte. Juliana, eine der jüngsten, war immer selbstbewußt und lebensfroh gewesen. Sie kannte ihre Ziele und hatte keine Angst, sie zu verfolgen. Immer war sie von jungen Männern in Uniform hingerissen gewesen: von Soldaten. Das hatte ihr einmal Ärger mit ihrer Anstandsdame eingebracht: Nelda. Kahlan hatte sich immer heimlich für sie eingesetzt, hatte Nelda erklärt, trotz Julianas Tändeleien seien die Soldaten der Palastwache Aydindrils ausnahmslos Ehrenmänner, die niemals eine der Hofdamen der Königin auch nur berühren würden. Jetzt hatte man sie mit den Handgelenken an die Bettpfosten gefesselt, und nach all dem Blut zu urteilen, schien sie während ihres gesamten Martyriums dort angebunden gewesen zu sein. Im stillen verfluchte Kahlan die Seelen wegen ihres grausamen Humors, dem jungen Mädchen seinen Wunsch zu erfüllen.
Im nächsten blutdurchtränkten Bett lag die kleine Elswyth. Man hatte ihr unzählige mal in die Brust gestochen und wie bei vielen der anderen Mädchen die Kehle aufgeschlitzt — wie Schweinen auf der Schlachtbank. Am Ende des Saales blieb Kahlan am Fuß des letzten Bettes stehen. Ashley, eine der älteren, war mit den Knöcheln an den Bettpfosten gefesselt. Man hatte sie mit einer Gardinenschnur erdrosselt. Ihr Vater war einer der Berater des galeanischen Botschafters in Aydindril. Ihre Mutter hatte vor Glück geweint, als Königin Cyrilla sich bereit erklärt hatte, Ashley als eine ihrer zukünftigen Hofdamen bei sich aufzunehmen. Wie sollte sie jemals die Worte finden, um Ashleys Eltern zu erklären, was ihr im Dienste ihrer Königin zugestoßen war?
Auf dem Weg zurück durch den Saal, während sie noch einmal einen letzten Blick auf jede Tote, auf jedes entsetzt oder in gefügiger Unterwerfung erstarrte Gesicht warf, fragte sie sich, wieso ihr nicht die Tränen kamen. Müßte sie nicht weinen? Müßte sie nicht auf die Knie fallen, gequält schreien, mit den Fäusten auf den Boden trommeln und weinen, bis sie in ihren Tränen ertrank? Doch sie tat es nicht. Sie kam sich vor, als hätte sie keine Tränen mehr zu vergießen.
Vielleicht waren es zu viele. Vielleicht hatte sie an diesem Tag so viele gesehen, daß sie stumpf geworden war. Als säße man in einem heißen Bad, das einen erst zu verbrühen schien und einem wenige Minuten später bloß noch lauwarm vorkam.
Sacht zog sie die Tür hinter sich ins Schloß. Chandalen stand noch genau dort, wo sie ihn zurückgelassen hatte. Die Knöchel der Hand an seinem Bogen waren weiß. Kahlan ging an ihm vorbei und dachte, daß er folgen würde. Er tat es nicht.
»Die meisten Frauen würden weinen«, sagte er und starrte auf die Tür.
Sie spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. »Ich bin nicht wie die meisten Frauen.«
Schließlich löste er seinen Blick von der Tür und betrachtete seinen Bogen. Die Spannung wich aus seinen Schultern, als er tief Luft holte. Es schien sein erster Atemzug seit einer ganzen Weile zu sein. »Ich möchte dir eine Geschichte erzählen.«
Kahlan wartete ein paar Schritte entfernt. »Ich möchte im Augenblick keine Geschichte hören, Chandalen. Vielleicht später.«
Er sah sie aus seinen wilden, braunen Augen an. »Ich möchte dir eine Geschichte erzählen«, wiederholte er, ein wenig lauter diesmal.
Sie seufzte. »Wenn es dir wichtig ist, dann erzähl sie mir.«
Er ging zu ihr, ohne ihrem Blick auszuweichen. Er war knapp zwei Zentimeter kleiner als sie, doch in diesem Augenblick kam er ihr größer vor. »Als mein Großvater noch jung und stark war« — er schlug sich auf die gewölbte Brust –, »so wie ich jetzt, hatte er bereits eine Frau und zwei Söhne. Viele Stämme kamen zum Handeln in unser Dorf. Wir ließen sie alle kommen. Wir haben niemanden abgewiesen. Jeder war willkommen. Die Jocopo waren einer dieser Stämme, die zum Handeln kamen.«
»Wer sind die Jocopo?« Kahlan kannte alle Völker und Stämme in den Midlands, aber von ihnen hatte sie noch nie gehört.
»Ein Stamm, der im Westen lebte, näher an der früheren Grenze.«
Kahlan runzelte die Stirn, während sie in Gedanken eine Karte absuchte. »Niemand lebt westlich der Schlammenschen. Das Land dort ist von Menschen verlassen.«
Chandalen sah sie unter seinen Brauen hervor an. »Die Jocopo waren ein großes Volk.« Er deutete ihre Größe an, indem er die Hand einen Kopf weit über sich hielt und sie dann wieder herunternahm. »Aber sie waren immer friedlich gewesen. Wie die Bantak. Wie wir. Dann haben sie Krieg gegen uns geführt. Den Grund wissen wir nicht. Aber unser Volk hatte große Angst. Die Menschen zitterten nachts aus Angst, die Jocopo könnten am nächsten Tag wiederkommen. Sie kamen in unser Dorf, schnitten den Männern die Kehlen durch, nahmen die Frauen und taten ihnen etwas an.« Er machte eine verlegene Handbewegung Richtung Tür.
»Sie haben sie vergewaltigt«, erklärte Kahlan ruhig. »Man nennt das Vergewaltigung.«
Er nickte. »Das haben die Jocopo mit unseren Frauen gemacht. Sie haben viele Frauen geraubt und ihnen … diese Vergewaltigung angetan.« Er warf erneut einen verstohlenen Blick zur Tür. »Genau wie diesen Frauen. Begreifst du?«
»Sie wurden von vielen Männern vergewaltigt, gefoltert und ermordet.«
Er nickte, froh darüber, es nicht näher erklären zu müssen. »Die Schlammenschen hatten keine Krieger wie heute — wie mich.« Seine Brust schwoll wieder an, und er reckte das Kinn nach oben. »Wir mußten nie gegen irgend jemanden kämpfen. Niemand aus unserem Volk wollte gegen jemanden kämpfen. Wir hielten das für falsch. Doch die Jocopo haben in uns den Wunsch geweckt zu kämpfen. Sie haben meine Großmutter geraubt. Die Frau meines Großvaters. Die Mutter meines Vaters. Mein Großvater schwor einen Eid, die Jocopo in die Welt der Seelen zu befördern. Er scharte seine Männer um sich, Männer, denen man die Frauen, Schwestern oder Mütter geraubt hatte, und…« Er wischte sich mit dem Arm über die Stirn, als schwitze er, doch das tat er in dieser Kälte nicht.