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Kahlan legte ihm die Hand auf den Arm. Diesmal zuckte er nicht zurück. »Ich verstehe, Chandalen.«

»Mein Großvater berief eine Versammlung ein und wurde von den Seelen unserer Vorfahren besucht. Vor diesen Seelen weinte er um seine Frau und fragte die Seelen der Vorfahren, ob sie ihm zeigen würden, wie man die Jocopo aufhalten kann. Sie antworteten ihm, zuerst müsse er aufhören zu weinen, bis die Kämpfe vorüber seien.«

Kahlan zog ihre Hand zurück und strich sich gedankenverloren über das Fell an ihrem Hals. »Mein Vater hat mir etwas ganz Ähnliches beigebracht. Er sagte: ›Vergieße keine Träne über die, die schon in der Erde liegen, bis du es denen vergolten hast, die sie dorthingebracht haben. Danach wirst du genug Zeit haben.‹«

Chandalen sah sie anerkennend an. »Dann war dein Vater ein weiser Mann.«

Kahlan wartete schweigend, bis Chandalen seinen Faden wieder aufnahm und fortfuhr.

»Die Seelen der Vorfahren haben meinen Großvater jede Nacht bei einer Versammlung aufgesucht. Sie haben ihm gezeigt, was er tun, wie er töten mußte. Dann brachte er diesen Männern bei, was er gelernt hatte. Er zeigte ihnen, wie man sich mit Schlamm einschmiert, sich Gras umbindet, damit man nicht gesehen wird. Unsere Männer wurden zu Schatten. Die Jocopo konnten sie nicht sehen, selbst wenn sie so nahe standen wie wir beide jetzt.

Mein Großvater und seine Männer führten gegen die Jocopo Krieg. Nicht so, wie die Jocopo Krieg führten, sondern so, wie es die Seelen ihm beigebracht hatten. Die Jocopo führten Krieg am Tag, weil sie viele waren und keine Angst vor uns hatten. Die Seelen hatten Großvater beigebracht, er dürfe die Jocopo nicht so bekämpfen, wie sie es wollten, sondern müsse sie dazu bringen, daß sie die Nacht fürchteten, das menschenleere Grasland und jeden Schrei eines Vogels, eines Frosches, eines Käfers.

Auf jeden Schlammenschen kamen fünf Jocopo. Anfangs hatten sie wegen ihrer großen Zahl keine Angst vor uns. Wir töteten Jocopo, wenn sie auf der Jagd waren, wenn sie ihre Felder bestellten, wenn sie ihre Tiere versorgten, wenn sie Wasser holen gingen, wenn sie schliefen. Ohne Unterschied. Jeden von ihnen. Wir haben nicht mit ihnen gekämpft, sie bloß getötet. Bis es keine Jocopo mehr gab in dieser Welt — nur in der Welt der Seelen.«

Sie fragte sich kurz, ob das hieß, daß sie auch die Kinder getötet hatten, doch die Antwort kannte sie: es gab keine Jocopo mehr. Ihr fiel noch etwas anderes ein, was ihr Vater ihr beigebracht hatte: Wenn man dir einen Krieg aufzwingt, dann ist es deine Pflicht, keine Gnade zu zeigen. Gewiß wird man dir gegenüber keine Gnade walten lassen, und du machst dich zum Verräter deines Volkes und gemein mit deinem Feind, wenn du Nachsicht übst, denn dein Volk wird jeden deiner Fehler mit dem Leben bezahlen.

»Ich verstehe, Chandalen. Dein Volk hat das einzig Mögliche getan. Dein Großvater hat getan, was nötig war, um sein Volk zu schützen. Mein Vater hat mir auch beigebracht: ›Wenn man dir einen Krieg aufzwingt, dann mache ihn zu einem Krieg, wie ihn sich dem Feind nicht in seinen schlimmsten Alpträumen vorstellen kann. Alles andere hieße, den Sieg deinem Feind zu überlassen.‹«

»Dein Vater kennt ebenfalls die Seelen seiner Vorfahren. Er hat gut daran getan, dir ihre Lektionen beizubringen.« Er senkte mitfühlend die Stimme. »Aber ich weiß, es ist hart, nach diesen Regeln zu leben, und man erscheint in den Augen der anderen leicht unversöhnlich.«

»Ich weiß, wie wahr das ist. Dein Großvater hat den Schlammenschen ihre Ehre wiedergegeben, Chandalen. Ich bin sicher, als das erledigt war, hat er viele Tränen über die Getöteten aus seinem Volk vergossen.«

Chandalen löste das Band um seinen Hals und ließ seinen Umhang von den Schultern gleiten und zu Boden fallen. Er trug ein Hemd und eine Hose aus schwerem Wildleder. Auf jeder Schulter, gehalten von einem Band aus gewebter Wildbaumwolle um seinen Oberarm, hatte er ein Knochenmesser. Das untere Ende war zugespitzt, und das Knöchelbein am anderen Ende war ebenfalls mit Baumwolle umwickelt, damit man es besser halten konnte. Am oberen Ende waren schwarze Federn befestigt.

Er tippte auf einen der Knochen. »Dieser stammt von meinem Großvater.« Er berührte den anderen. »Dieser stammt von meinem Vater. Wenn ich eines Tages einen kräftigen Sohn habe, wird er einen von mir tragen und einen von meinem Vater, und der meines Großvaters wird dann in der Erde zur Ruhe gelegt.«

Als Kahlan die Knochenmesser zum erstenmal gesehen hatte, beim Verlassen des Dorfes der Schlammenschen, hatte sie sie für rituelle Gegenstände gehalten. Doch jetzt wurde ihr klar, daß dem nicht so war. Es waren richtige Waffen: Waffen der Seelen.

»Was sind das für Federn?«

Er strich über die glänzendschwarze Feder des einen auf seiner rechten Schulter. »Unser damaliger Vogelmann hat sie angebracht, als es geschnitzt wurde.« Er berührte die Feder auf seiner linken Schulter. »Diese hier hat unser jetziger Vogelmann angebracht. Es sind Rabenfedern.«

Der Rabe galt bei den Schlammenschen als mächtige Seele. Sein Bild beschwor den Tod herauf. Die Vorstellung, ein Messer zu tragen, das aus dem Armknochen des eigenen Vaters oder Großvaters hergestellt war, hatte etwas Schauriges, doch sie wußte, daß es für Chandalen eine Ehre war, deshalb sagte sie nichts, um ihn nicht zu kränken. »Es ist ehrenvoll für mich, Chandalen, daß du die Seelen deiner Vorfahren zu meinem Schutz aufbietest.«

Er sah nicht glücklich aus. »Der Vogelmann sagt, ihr gehört auch zu den Schlammenschen und müßt daher beschützt werden, also habe ich sie angelegt. Es ist meine Pflicht.«

Er strich noch einmal mit der Hand über den Knochen seines Großvaters. »Mein Großvater hat meinem Vater beigebracht, daß sie die Beschützer unseres Volkes sind — und meinem Onkel Toffalar, dem Mann, den ihr getötet habt.« Er berührte den Knochen seines Vaters. »Mein Vater hat es mir beigebracht. Ich werde es meinem Sohn beibringen, wenn er kommt, und eines Tages wird er meine Seele bei sich tragen, wenn er unser Volk beschützt. Seit damals, als wir die Jocopo getötet haben, haben wir nicht mehr viele auf unser Land gelassen. Die Seelen unserer Vorfahren haben uns gelehrt, andere nach deren Belieben zu uns einzuladen, heißt, den Tod einzuladen. Die Seelen sprechen die Wahrheit. Du hast Richard mit dem Zorn zu uns gebracht, und wegen ihm ist Darken Rahl gekommen und hat viele aus unserem Volk getötet.«

Darauf lief es also hinaus. Chandalen sollte sein Volk beschützen, trotzdem waren Menschen getötet worden, und er hatte nichts dagegen tun können. »Die Seelen der Vorfahren haben uns geholfen, die Schlammenschen zu retten, Chandalen, und zahllose andere auch. Sie haben erkannt, daß Richard aufrichtigen Herzens war und daß er genau wie du sein Leben riskierte, um andere zu retten, die keinen Krieg wollten.«

»Er ist im Seelenhaus geblieben, während Darken Rahl unsere Leute umgebracht hat. Er hat nicht einmal versucht, ihn aufzuhalten. Er hat nicht gekämpft. Er hat unsere Leute sterben lassen.«

»Weißt du auch, warum?« Sie wartete, während er mit versteinerter Miene dastand. Als er nicht antwortete, fuhr sie fort. »Die Seelen haben ihm gesagt, wenn er auszieht, um Darken Rahl zu töten, dann würde er kämpfen, wie Darken Rahl kämpfte, und Richard wäre gestorben und hätte niemandem helfen können. Sie haben ihm erklärt, wenn er Darken Rahl wirklich besiegen und den Rest der Schlammenschen retten wolle, dann dürfe er nicht kämpfen wie Darken Rahl, sondern müsse warten und auf seine eigene Art kämpfen, später — genau wie es die Seelen deinem Großvater beigebracht haben.«

Er sah sie skeptisch an. »Das behauptet er.«

»Ich war dabei, Chandalen. Ich habe gehört, wie sie es gesagt haben. Richard wollte kämpfen. Er hat vor Enttäuschung geweint, als die Seelen ihm erklärten, er dürfe nicht. In diesem Augenblick gab es nichts, was man hätte tun können, um Darken Rahl aufzuhalten. Es war weder Richards Fehler noch deiner. Du hättest nichts tun Können, um ihn aufzuhalten, genausowenig, wie Richard etwas hätte tun können. Hätte er es versucht, wäre er jetzt tot, und Darken Rahl hätte gesiegt.«