Er beugte sich ein wenig zu ihr vor. »Hättest du ihn nicht mitgebracht, wäre es nicht passiert. Darken Rahl wäre nicht gekommen, um nach ihm zu suchen.«
Kahlan richtete sich entschlossen auf. »Chandalen, weißt du eigentlich, was ich tue. Worauf ich mich spezialisiert habe?«
»Ja. Wie alle Konfessoren machst du den Menschen angst, damit du ihnen sagen kannst, was sie tun sollen, und weil sie Angst haben, tun sie, was du sagst.«
»So ungefähr. Ich sitze dem Rat der Midlands vor. Ich vertrete alle Völker und wahre ihre Rechte. Ich ermögliche es Völkern wie den Schlammmenschen, so zu leben, wie sie wollen.«
»Wir beschützen uns selbst.«
Sie nickte ihm nüchtern zu. »Glaubst du wirklich? Auf jeden Schlammmenschen kamen fünf Jocopo. Dein Großvater war mutig und hat einen Feind besiegt, der ihm zahlenmäßig überlegen war. Doch auf jeden Mann, auf jede Frau und jedes Kind der Schlammenschen kommen in dieser Stadt über einhundert tote Soldaten, und dies ist nur eine Stadt dieses Landes. Sie alle wurden besiegt, als wären sie nichts. Einhundert Krieger auf jeden Schlammenschen, und sie haben tapfer gekämpft, wie du selbst gesagt hast. Welche Chance, glaubst du, hättet ihr gegen eine Armee, die so viele Krieger besiegen kann? Gegen eine Armee, die nur halb so groß wäre?«
Chandalen verlagerte sein Gewicht, sagte aber nichts.
»Es gibt Länder, Chandalen, die nichts zu sagen haben, wie die Schlammenschen und die Bantak. Sie sind im Rat nicht vertreten. Die größeren Länder, wie dieses und jenes, das es besiegt hat, sind sehr mächtig. Und doch hat Darken Rahl sie erobert. Ich spreche für die Länder, die keine Stimme im Rat haben. Ich trete für euren Wunsch ein, ungestört zu bleiben, und verbiete anderen, in euer Land einzudringen.
Wenn ich ihnen nicht angst machen und ihnen nicht sagen könnte, was sie tun sollen, würden sie euer Land für sich beanspruchen. Du hast das Land gesehen, durch das wir gekommen sind. Der größte Teil davon ist schwer zu bepflanzen. Die Menschen würden euer Land nehmen, um Felder anzulegen und Tiere zu züchten. Euer geheiligtes Grasland würde niedergebrannt und bestellt und mit Getreide bepflanzt werden, das man gegen Gold eintauscht.
So tapfer und stark du auch bist, du wärst nicht in der Lage, dein Volk zu schützen. Dein Land würde vor lauter Fremden nur so wimmeln. Nur weil du tapfer und stark bist, mußt du nicht siegen. Die Soldaten hier waren tapfer und stark und hundertmal so viele wie ihr, und sieh dir an, was mit ihnen geschehen ist. Und dies ist nur eine Stadt. Es gibt viele, die größer sind. Tapfer sein bedeutet nicht, daß man sich dumm verhalten muß, Chandalen. Du hast gesehen, was hier angerichtet wurde. Wie lange, glaubst du, könntest du gegen eine Armee wie diese kämpfen, die so etwas angerichtet hat? Selbst wenn jeder deiner Männer fünfzig Gegner tötet, es würde kaum auffallen. Ihr wärt wie die Jocopo — verschwunden. Bis zum allerletzten Mann.«
Kahlan tippte sich mit dem Finger auf die Brust. »Ich bin es, die ihnen sagt, daß sie das nicht dürfen. Vor dir haben sie keine Angst, aber mich fürchten sie — zusammen mit dem Bund, den ich vertrete. Es gibt gute Völker in den Midlands, Völker, die bereit sind, zu kämpfen, um andere zu beschützen, die weniger mächtig sind. Die Toten hier gehören einem solchen Volk an. Sie haben mich stets unterstützt, wenn ich gesagt habe, kein Land dürfte ein anderes überfallen, um Gebiete hinzuzugewinnen. Ich stehe dem Rat der Midlands vor und halte die Länder zusammen, die Frieden wollen. Unter meiner Führung würden sie jeden bekämpfen, der einen Krieg gegen andere beginnt. Ja, ich mache den Menschen angst, damit sie tun, was ich sage. Aber nicht, weil es mir um die Herrlichkeit der Macht geht. Ich verfüge über diese Macht nur, um die Völker der Midlands — die Schlammenschen eingeschlossen — vor Unterdrückung zu bewahren. Diese Menschen hier haben gekämpft, damit alle Völker der Midlands in Freiheit leben können. Sie haben für dich gekämpft, für deine Rechte, obwohl du von dem Blut nichts wußtest, das sie deinetwegen vergossen haben.«
Sie raffte ihren Umhang fester um sich. »Du hast noch nie für sie kämpfen müssen — bis Darken Rahl euch alle bedrohte. Ich bin mit Richard zu den Schlammenschen gekommen, weil ich Hilfe gesucht habe. Die Seelen deiner Vorfahren haben die Wahrheit unseres Kampfes erkannt und uns geholfen, damit die Schlammenschen und alle anderen in Freiheit leben können. Zum erstenmal mußten die Schlammenschen Blut für die Midlands vergießen. Die Seelen deiner Vorfahren haben die Wahrheit dessen erkannt und uns geholfen. Die Völker der Midlands schulden den Schlammenschen etwas für dieses Opfer, aber ebenso seid ihr ihnen etwas schuldig.
Richard mit dem Zorn hat sein Leben für dein Volk riskiert. Er hat, genau wie du, in diesem Kampf liebe Freunde verloren. Er hat Dinge erlitten, die du niemals wirst begreifen können. Du kannst dir nicht vorstellen, was Darken Rahl ihm angetan hat, bevor Richard ihn getötet hat.«
Kahlan war außer sich. Ihr heißer Atem stieg in Wolken in die kalte Luft.
»Ich mache den Menschen angst, damit ihr weiter blind und halsstarrig bleiben könnt. Richard und ich haben gekämpft, um zu verhindern, daß die Völker der Midlands, die Schlammenschen eingeschlossen, niedergemetzelt werden, so wie die Jocopo Schlammenschen ermordet haben. Und das, obwohl ihr uns eure Hilfe verweigert, ja sogar schlichte Dankbarkeit.«
Die Stille dröhnte ihnen in den Ohren.
Chandalen trat langsam ans Geländer und fuhr bedächtig mit einem Finger über dessen polierte Oberfläche. Sie sah zu, wie ein Wölkchen seines Atems sich langsam verflüchtigte, um gleich vom nächsten gefolgt zu werden. Leise sagte er: »Du hältst mich für halsstarrig. Ich halte dich für halsstarrig. Vielleicht hätten uns unsere Väter auch beibringen sollen, zu erkennen, daß Menschen tun, was sie tun, nicht deshalb, weil sie halsstarrig sind, sondern weil sie Angst um die haben, die sie beschützen wollen. Vielleicht sollten wir beide erkennen, daß wir nicht bloß hart sind, sondern nach bestem Wissen handeln, damit unser Volk in Sicherheit leben kann.«
Überraschenderweise huschte ein schmales Lächeln über Kahlans Gesicht. »Vielleicht ist Chandalen nicht so blind, wie ich dachte. Ich werde selbst auch versuchen, besser hinzuschauen und dich als den Ehrenmann zu sehen, der du bist.«
Er nickte und mußte ebenfalls kurz lächeln. »Richard mit dem Zorn ist kein dummer Mann.« Er legte seine Hände auf das Geländer und ließ den Blick über den ersten Stock schweifen. »Er hat gesagt, wenn er einen Mann aussuchen müßte, der neben ihm kämpfen soll, dann würde er Chandalen auswählen.«
»Da sprichst du die Wahrheit«, meinte sie leise. »Er ist nicht dumm.«
»Richard hat sich auch als dein Gatte geopfert. Er hat unsere Männer davor gerettet, erwählt zu werden, da du sicher einen von uns erwählt hättest, weil wir so stark sind.« Er hob vor Stolz die Stimme. »Wahrscheinlich hättest du mich auserwählt, damit du den stärksten Gatten bekommst. Richard hat mich also gerettet.«
Kahlan mußte gegen ihren Willen lächeln, als er über das Geländer starrte. »Es tut mir leid zu hören, daß du es als eine Last empfindest, mein Gatte zu sein.«
Chandalen kam zu ihr zurück. Er blieb einen Augenblick lang stehen, dann begann er, das Band an seinem rechten Arm zu lösen. Er nahm das Band und das Knochenmesser ab und hielt es ihr hin.
»Großvater wäre stolz, dich zu beschützen, eine der Seinen, eine aus dem Volk der Schlammenschen.« Er schlug den Umhang über ihre linke Schulter zurück.
»Chandalen, das kann ich nicht annehmen. Es enthält die Seele deines Großvaters.«
Er achtete nicht auf ihre Worte und schnürte das Band um ihren linken Arm. »Ich trage die Seele meines Vaters bei mir, und ich bin stark. Du kämpfst, um unser Volk zu beschützen. Großvater würde in deinem Kampf bei dir sein wollen. Du erweist ihm eine Ehre.«