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Sie hob das Kinn, als er das Knochenmesser unter das Band steckte. »Also gut. Ich fühle mich geehrt, die Seele deines Großvaters bei mir zu wissen.«

»Sehr gut. Jetzt ist es deine Pflicht, zu kämpfen, wie mein Großvater gekämpft hat, um dein Volk zu schützen. Dein ganzes Volk.« Er hob ihre rechte Hand und legte sie auf das Knochenmesser. »Schwöre, diese Pflicht in deinem Herzen zu tragen.«

»Ich habe bereits geschworen, die Schlammenschen und andere Völker der Midlands zu beschützen. Ich habe schon dafür gekämpft und werde weiter kämpfen — für euch alle.«

Er drückte ihre Hand fester auf den Knochen. »Schwöre es Chandalen.«

Sie betrachtete lange sein entschlossenes Gesicht. »Du hast meinen Eid, Chandalen. Ich schwöre es dir.«

Lächelnd zog er den Umhang wieder über ihre Schulter und damit über das Knochenmesser. »Wenn ich ihn wiedersehe, wird Chandalen Richard mit dem Zorn dafür danken, daß er mich davor bewahrt hat, Gatte der Mutter Konfessor zu werden. Ich werde ihm nur Gutes wünschen. Auch er kämpft für die Schlammenschen, wie der Vogelmann uns gesagt hat.«

Kahlan bückte sich, um seinen Umhang aufzuheben. »Hier. Zieh das wieder an. Ich will nicht, daß du erfrierst. Du mußt mich noch nach Aydindril zurückbringen.«

Er nickte, das schmallippige, angespannte Lächeln noch immer im Gesicht, während er sich den Umhang über die Schultern warf. Sein Lächeln erlosch, als er zu den Türen hinübersah. »Jemand war hier, seit das getan wurde.«

Kahlan runzelte die Stirn. »Wie kommst du darauf?«

»Warum hast du die Türen zugemacht, nachdem du nachgesehen hattest?«

»Aus Respekt vor den Toten.«

»Als wir zu ihnen kamen, waren sie bereits geschlossen. Wer immer diese Vergewaltigungen begangen hat, hatte keinen Respekt. Niemals hätten sie alle Türen geschlossen. Sie wollten, daß jeder, der hierherkommt, sieht, was sie getan haben. Jemand war hier und hat die Türen zugemacht.«

Kahlan warf einen Blick auf die Türen und sah, was er meinte. »Ich glaube, du hast recht.« Sie schüttelte den Kopf. »Wer das getan hat, hätte die Türen nicht zugemacht.«

Chandalen lehnte sich wieder an das Geländer und blickte die breite Treppe hinab. »Warum sind wir hier?«

»Weil ich wissen mußte, was diesen Menschen zugestoßen ist.«

»Das hast du draußen schon gesehen. Warum also?«

Kahlan warf einen kurzen Blick auf die Treppe, die in das oberste Stockwerk führte. »Weil ich wissen muß, ob die Königin ebenfalls getötet wurde.«

Er sah sie über seine Schulter an. »Bedeutet sie dir etwas?«

Plötzlich merkte Kahlan, wie sehr ihr Herz klopfte. »Ja. Erinnerst du dich an die Statuen neben der Tür, durch die wir hereingekommen sind?«

»Eine Frau und ein Mann.«

Sie nickte. »Die Statue der Frau ist eine Statue ihrer Mutter. Meine Mutter war ein Konfessor. Die Statue des Mannes ist eine Statue ihres Vaters. König Wyborn. Er war auch mein Vater.«

Chandalen zog eine Braue hoch. »Du bist eine Schwester dieser Königin?«

»Eine Halbschwester.« Sie nahm ihren Mut zusammen und ging zur Treppe. »Sehen wir nach, ob sie hier ist. Danach können wir uns auf den Weg nach Aydindril machen.«

Kahlans Herz klopfte noch immer, als sie vor der Tür zu den Gemächern der Königin stand. Sie brachte es nicht fertig, sie zu öffnen.

»Möchtest du, daß ich für dich nachsehe?«

»Nein«, sagte sie. »Ich muß es mit eigenen Augen sehen.«

Sie drehte den Knauf. Die Tür war verschlossen, doch der Schlüssel steckte. Sie berührte die eiskalte Metallplatte. »Dies ist so ein Schloß, von dem ich dir erzählt habe«, klärte sie ihn auf, während sie den Schlüssel abzog und in die Höhe hielt. »Das ist ein Schlüssel.« Sie steckte den Schlüssel wieder hinein und drehte ihn mit zitternden Fingern. »Wenn man den richtigen Schlüssel hat, kann man das Schloß öffnen und schließlich die Tür.«

Offensichtlich hatte jemand die Tür aus Respekt vor der Königin abgeschlossen.

Die Fenster waren intakt, wie auch die Möbel. Im Zimmer war es eisig kalt wie im übrigen Palast, doch plötzlich nahm ihnen der Gestank den Atem, und sie mußten die Luft anhalten.

Das gesamte äußere Wohnzimmer war mit menschlichen Exkrementen bedeckt. Die beiden erstarrten schockiert. Dunkle Haufen sprenkelten den Teppich, lagen auf Schreibtisch und Tisch. Die blauen Samtvorhänge und Sofas waren von gefrorenem, gelbem Urin durchtränkt. Irgend jemand hatte sogar mitten im Kamin abgehockt.

Den Umhang vor die Nase haltend, staksten sie vorsichtig durch das Zimmer bis hin zur nächsten geschlossenen Tür. Das Schlafgemach der Königin war noch übler zugerichtet. Es gab kaum eine Stelle, wo man den Fuß hätte hinsetzen können, ohne hineinzutreten. Doch so bedeckt der Fußboden auch war, das Bett war schlimmer: es war mit Fäkalien überhäuft. Die fein gemalten Blumenmuster an den Wänden waren damit beschmiert. Wäre nicht alles hart gefroren gewesen, der Gestank hätte sie aus dem Raum getrieben. Es war bereits so kaum zu ertragen.

Zum Glück gab es hier keine Toten. Die Königin war nicht da.

Die Namen auf Kahlans schwarzer Liste der möglichen Täter fielen fort, und übrig blieb nur ein einziges Volk. Jenes, das auch vorher schon ganz oben gestanden hatte.

»Keltonier«, stieß sie hervor, mehr zu sich selbst.

Chandalen war verblüfft. »Warum tun diese Männer so etwas? Sind es Kinder, die es nicht besser wissen?«

Nachdem sie sich noch ein letztes Mal umgesehen hatte, ging Kahlan mit ihm zurück auf den Korridor, schloß die Tür wieder ab und holte tief Luft. »Es ist eine Botschaft. Es soll ihre Verachtung für die hier lebenden Menschen zeigen. Damit sagen sie, daß sie für diese Menschen und für alles, was ihnen gehört, nichts als Geringschätzung übrig haben. Sie haben die Ehre ihres Feindes auf jede mögliche Art, die ihnen in den Sinn gekommen ist, beschmutzt.«

»Wenigstens ist deine Halbschwester nicht hier.«

Kahlan zog die Bänder ihres Umhangs am Hals behaglich zusammen. »Wenigstens etwas.«

Als sie die Stufen hinunterstieg, blieb sie kurz stehen, um einen letzten Blick auf die verschlossenen Türen des ersten Stocks zu werfen. Chandalen beobachtete sie, nachdem auch er noch einen kurzen Blick auf die Türen geworfen hatte.

Um die Stille zu brechen, sagte sie: »Wir müssen nachsehen, wo Tossidin und Prindin sind.«

Der Zorn stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Macht dich das nicht wütend?«

Erst jetzt bemerkte sie, daß sie ihre Konfessormiene aufgesetzt hatte. »Es würde mir nichts nützen, wenn ich meinen Ärger jetzt zeige. Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du erfahren, wie wütend ich tatsächlich bin.«

30

In einer engen Lehm- und Flechtwerkhütte in der Nähe des Loches in der Stadtmauer sah Kahlan zu, wie Chandalen ihr ein kleines Feuer in der Grube mitten im Raum anzündete. Die beiden Brüder waren nirgends zu sehen.

»Wärm dich auf«, meinte er. »Ich werde nachsehen, ob Prindin und Tossidin in der Nähe sind, und ihnen sagen, wo wir warten.«

Als er gegangen war, nahm sie ihren Umhang ab, obwohl sie wußte, daß es keine gute Idee war, sich zu sehr an die Wärme zu gewöhnen, denn später würde ihr die Kälte nur noch schlimmer vorkommen. Vom lodernden Feuer angezogen, hockte sie sich dicht daneben, rieb sich über den Flammen die Hände und bibberte, während die Wärme ihr langsam in die Knochen drang.

Der kleine Raum war einer von nur zweien, die einmal den größten Teil der Welt einer Familie ausgemacht hatten. Der Tisch war zertrümmert, nicht aber die derbe Bank, die an der Wand stand. Ein paar Kleidungsstükke lagen verstreut herum, zusammen mit verbogenen Blechtellern und einem zerbrochenen Spinnrad. Jemand hatte drei Garnrollen in den Lehmboden getreten.

Kahlan zog einen zerbeulten Topf zwischen den Trümmern hervor. Es war einfacher, den zu benutzen, als einen ihrer eigenen auszupacken. Sie häufte Schnee von draußen vor der Tür hinein, stellte den Topf auf die drei im Feuer liegenden Steine, dann wärmte sie sich wieder die eiskalten Finger und legte sie anschließend auf ihr kaltes Gesicht. In einer zerdrückten Dose in der Ecke gab es Tee, sie zog jedoch ihren eigenen aus ihrem Rucksack, während sie darauf wartete, daß der Schnee schmolz und die Männer zurückkamen.