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Sosehr sie es auch versuchte, sie bekam die Gesichter der toten jungen Mädchen nicht aus dem Kopf.

Mehrere Male füllte sie Schnee nach, sobald der im Topf zusammengeschmolzen war. Das Wasser fing gerade an zu sieden, als Prindin durch die Tür trat. Er lehnte seinen Bogen an die Wand und ließ sich mit einem Seufzer auf die Bank fallen.

Kahlan erhob sich und blickte zum leeren Türeingang. »Wo ist dein Bruder?«

»Er müßte bald hier sein. Wir haben unterschiedliche Wege zurück genommen, um uns noch weitere Spuren anzusehen.« Er reckte seinen Hals und blickte durch die Tür in den zweiten Raum. »Wo ist Chandalen?«

»Er ist dich und Tossidin suchen gegangen.«

»Dann wird er bald zurück sein. Mein Bruder ist nicht weit weg.«

»Was habt ihr gefunden?«

»Noch mehr Tote.«

Er schien im Augenblick nicht darüber sprechen zu wollen, daher beschloß sie zu warten, bis Chandalen mit Tossidin zurückkehrte, bevor sie ihn ausfragte.

»Ich war gerade dabei, Tee zu machen.«

Er nickte und lächelte ihr kurz und freundlich zu. »Ein heißer Tee wäre gut.«

Kahlan beugte sich über den Topf und schüttelte mit der einen Hand Tee aus einem Lederbeutel hinein, während sie sich mit der anderen das lange Haar zurückhielt.

»Du hast einen schönen Hintern«, hörte sie Prindin von hinten sagen.

Sie richtete sich auf und starrte ihn an. »Was hast du gesagt?«

Prindin deutete auf ihre Körpermitte. »Ich habe gesagt, du hast einen schönen Hintern. Er hat eine schöne Form.«

Kahlan hatte gelernt, auf die seltsamen Gebräuche der unterschiedlichen Völker in den Midlands nicht verblüfft oder beleidigt zu reagieren. Wenn zum Beispiel bei den Schlammenschen ein Mann einer Frau ein Kompliment über ihre Brüste machte, war dies dasselbe, als hätte er gesagt, sie sähe so aus, als könnte sie eine gute und gesunde Mutter werden, die in der Lage ist, ihre zukünftigen Kinder zu ernähren. Es war ein Kompliment, welches der Familie der geschmeichelten Frau ein stolzes Lächeln entlockte, und für einen Freier ein sicherer Weg, sich mit ihrem Vater anzufreunden. Doch die Bitte, eine Frau betrachten zu dürfen, die sich den Schlamm aus den Haaren gewaschen hatte, konnte leicht dazu führen, daß so mancher Bogen gespannt wurde — ebensogut hätte man der Frau einen unsittlichen Antrag machen können.

Die Schlammenschen waren in sexuellen Dingen besonders ungezwungen. Weselans unerwartete und pikante Beschreibungen des Liebesaktes mit ihrem Mann hatten Kahlan mehr als einmal die Röte ins Gesicht getrieben. Schlimmer noch, manchmal fing sie in seiner Gegenwart davon an.

Auch als sie Prindin anblickte, tauchten die Bilder der jungen Frauen vor ihrem inneren Auge auf.

Zwar hatte Prindin sie nicht zu ihren Brüsten beglückwünscht, doch die Hüften einer Frau schienen für ein ähnlich mütterliches Kompliment geeignet. Sie wußte, daß er keine Unhöflichkeit im Sinn hatte. Dennoch, bei seinem strahlenden Grinsen stellten sich ihre Härchen an den Armen auf. Vielleicht war es einfach der unpassende Zeitpunkt, hier, inmitten all der Toten, weshalb ihr diese Bemerkung so an die Nerven ging. Andererseits hatte er die toten Mädchen nicht gesehen.

Prindins Lächeln ließ nur wenig nach, doch eine gewisse Besorgnis legte seine Stirn in Falten. »Du wirkst überrascht. Hat dir Richard mit dem Zorn noch nie erzählt, wie schön dein Hintern ist?«

Kahlan rang nach Worten, sie wußte nicht recht, wie sie sich ehrenvoll aus der Affäre ziehen sollte. »Er hat nie ausdrücklich davon gesprochen.«

»Andere Männer müssen dir das bereits gesagt haben. Er ist zu schön, um nicht aufzufallen. Dein Körper ist ein sehr angenehmer Anblick. Er erweckt in mir den Wunsch…« Er runzelte verwirrt die Stirn. »Ich kenne das Wort nicht, das ihr für…«

Das Blut schoß ihr in die Wangen, als sie einen Schritt auf ihn zu machte. »Prindin!« Sie entspannte ihre geballten Fäuste und bekam ihre Stimme wieder unter Kontrolle. »Ich bin die Mutter Konfessor!«

Er nickte. Sein Lächeln kehrte zurück, wenn auch nicht ganz so selbstbewußt. »Ja, aber du bist auch eine Frau, und dein Körper…«

»Prindin!« Er machte ein verständnisloses Gesicht, während sie verärgert mit den Zähnen knirschte. »In deinem Land gilt es vielleicht als schicklich, eine Frau auf diese Weise anzusprechen, aber an anderen Orten in den Midlands ist es das keineswegs. An anderen Orten ist es sehr beleidigend, auf diese Art zu reden. Sehr beleidigend. Mehr noch, ich bin die Mutter Konfessor, und es gehört sich nicht, in dieser Art mit mir zu reden.«

Sein Lächeln erlosch. »Aber du bist jetzt ein Schlammensch.«

»Das mag stimmen, aber ich bin immer noch die Mutter Konfessor.«

Er wurde blaß. »Ich habe dich beleidigt.« Er sprang von der Bank auf und fiel vor ihr auf die Knie. »Vergib mir, bitte. Ich wollte nicht unhöflich sein. Ich wollte nur zeigen, wie sehr ich dich zu schätzen weiß.«

Ihr gerötetes Gesicht glühte vor Verlegenheit. Jetzt hatte sie es doch getan, sie hatte ihn gedemütigt.

»Ich weiß, Prindin. Ich weiß, daß keine böse Absicht dahintersteckt, aber außerhalb deines Landes darfst du nicht so sprechen. Andere würden das nicht begreifen und wären höchst gekränkt.«

Er war den Tränen nahe. »Das wußte ich nicht. Bitte sag, daß du Prindin vergibst.« Er klammerte sich an ihre Hose und umfaßte ihre Oberschenkel mit seinen kräftigen Fingern.

»Ja … natürlich … Ich weiß, daß du nichts Böses im Sinn hattest.« Sie ergriff seine Handgelenke und löste sie sacht von ihren Beinen. »Ich vergebe dir…«

Chandalen kam durch die Tür, das Gesicht zu einer grimmigen Maske erstarrt. Er warf einen knappen Blick auf Prindin, bevor er ihr in die Augen sah.

»Was geht hier vor?«

»Nichts.« Hastig half sie Prindin auf die Beine, als sein Bruder den Raum betrat. »Aber wir werden uns darüber unterhalten müssen, wie man Damen in den Midlands korrekt anspricht. Es gibt da ein paar Dinge, die ihr wissen müßt, damit ihr keinen Ärger bekommt.« Sie strich ihre Hosenbeine glatt und richtete sich auf. »Erzähl mir, was du gefunden hast.«

Chandalen warf Prindin einen vernichtenden Blick zu. »Was hast du getan?«

»Ich sagte doch schon: gar nichts«, schnitt Kahlan ihm das Wort ab. »Nur ein harmloses Mißverständnis. Denk nicht mehr daran.« Sie drehte sich zum Feuer um. »Ich habe heißen Tee aufgesetzt. Hol ein paar Becher — dort drüben auf dem Boden liegen welche, die wir benutzen können –, dann trinken wir Tee, während du uns erzählst, was du herausgefunden hast.«

Tossidin ging die Becher holen, verpaßte seinem Bruder auf dem Weg dorthin einen Klaps auf den Hinterkopf und flüsterte ihm obendrein einen Tadel zu. Chandalen schlüpfte aus seinem Umhang, hockte sich vors Feuer und wärmte sich die Hände. Die Brüder brachten die Becher. Prindin rieb sich den Kopf, als er sie herumreichte.

Um allen zu zeigen, daß Prindin in ihren Augen nicht in Ungnade gefallen war, richtete Kahlan ihre Aufmerksamkeit und die erste Frage an ihn. »Erzähl mir, was du gefunden hast.«

Prindin sah kurz zu den beiden anderen hinüber, dann setzte er eine ernste Miene auf. »Das Gemetzel geschah vor zehn, vielleicht zwölf Tagen. Der Feind kam größtenteils von Osten, doch es waren viele, und einige kamen von weiter nördlich und südlich. An den engen Stellen in den Bergen haben sie mit den Männern aus dieser Stadt gekämpft. Wer von den Männern aus der Stadt nicht getötet wurde, floh, als sie überrannt wurden, um sich hier zu sammeln und sich ihnen entgegenzustellen. Auf dem Weg hierher wurden sie von ihren Feinden verfolgt. Sie kämpften und starben auf der Flucht. Immer mehr Eindringlinge strömten durch die Pässe, schwenkten nach Süden ab, hierher, wo sie eine Schlacht schlugen. Als sie in dieser Stadt fertig waren, sind alle zusammen wieder nach Osten abgezogen.«