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Tossidin beugte sich ein wenig vor. »Bevor sie aufbrachen, haben sie ihre Toten aus der Stadt geholt. Sie haben dazu Wagen benutzt, es gibt viele Radspuren. Sie haben vielleicht zwei Tage gebraucht, um alle ihre Toten von hier fortzuschaffen. Es waren viele tausend. Die Menschen hier müssen sich wie die Seelen von Dämonen gewehrt haben. Die, die das verbrochen haben, haben mehr Männer verloren, als sie töten konnten.«

»Wo sind die Toten?« erkundigte sie sich.

»In einer Senke in einem Paß Richtung Osten«, erklärte Prindin. »Mit den Karren haben sie die Toten auf der Straße transportiert und sie dann in eine tief gelegene Stelle geworfen. Sie stapeln sich so hoch, daß wir nicht wissen, wie tief der Boden dort ist.«

»Wie sahen sie aus?« Sie nahm einen Schluck Tee, schlang beide Hände um den Becher und sog die Wärme in sich auf. »Wie waren sie gekleidet?«

Prindin griff unter sein Hemd und zog ein zusammengefaltetes Tuch hervor. Er reichte ihr das blutrote Bündel. »Dort standen Pfähle, mit diesen Tüchern hier obendran. Viele Männer trugen Kleidung mit den gleichen Symbolen darauf, wir wollten aber den Toten keine Kleider wegnehmen.«

Kahlan faltete das Banner auseinander und erstarrte vor Schreck, als sie das längliche rote Dreieck sah, das über ihren Händen drapiert lag. In der Mitte befand sich ein schwarzes Wappen mit einem verzierten, silbernen Buchstaben. Es war der Buchstabe R. Es war ein Kriegsbanner mit dem Wappen und dem Symbol des Hauses Rahl.

»Soldaten aus D’Hara«, sagte sie leise. »Wie ist das möglich?« Sie sah auf. »Waren auch Keltonier darunter?«

Die drei Männer blickten sich an. Sie verstanden nicht. Sie kannten die Keltonier nicht.

»Es gab noch einige, die anders gekleidet waren«, sagte Prindin. »Doch die meisten hatten dieses Symbol auf ihrer Kleidung oder auf dem Wappen.«

»Und sie sind nach Osten gezogen?«

Tossidin nickte. »Ich weiß nicht, wie ich dir ihre Zahl nennen soll, aber es waren so viele, daß man sie einen ganzen Tag lang vorbeiziehen sehen könnte, wenn man sich an die breite Straße stellt, die sie genommen haben.«

»Außerdem«, meinte Prindin, »haben sich ihnen beim Abzug noch andere angeschlossen, von Norden her, wo sie gewartet hatten, und sind mit ihnen gegangen.«

Kahlan kniff die Augen zusammen, als sie die Stirn nachdenklich in Falten legte. »Hatten sie viele Wagen dabei? Große Wagen?«

Prindin schnaubte verächtlich. »Sie müssen Hunderte davon haben. Diese Männer haben nichts selber getragen. Dafür nehmen sie die Wagen. Sie haben den Sieg errungen, weil sie viele sind, aber sie sind faul. Sie fahren auf Wagen, oder sie benutzen sie, um ihre Sachen zu transportieren.«

»Man braucht eine gewaltige Ausrüstung«, meinte sie, »um eine so große Armee zu versorgen. Und wenn sie auf Wagen fahren, bleiben sie frisch für den Kampf.«

»Außerdem macht es sie weich«, meinte Chandalen verächtlich. »Wenn man alles, was man braucht, am Körper trägt, so wie wir es tun, dann wird man stark. Wenn man zu Fuß geht, ohne alles zu tragen, was man braucht, oder auf Wagen fährt, oder auf Pferden sitzt, dann wird man weich. Diese Männer sind nicht stark wie wir.«

»Sie waren stark genug, diese Stadt einzunehmen«, meinte Kahlan, unter ihren Brauen hervorblickend. »Sie waren stark genug, die Schlacht zu gewinnen und ihren Gegner zu vernichten.«

»Nur deshalb, weil sie viele sind«, widersprach Chandalen, »so wie die Jocopo. Nicht, weil sie stark sind oder gute Krieger.«

»Eine große Zahl«, meinte sie, »entwickelt ihre ganz eigene Stärke.«

Dem widersprach keiner der drei.

Prindin stürzte den letzten Rest seines Tees hinunter, bevor er sprach. »Sie sind jetzt alle fort. Sie sind zusammengeblieben, als sie nach Osten zogen.«

»Nach Osten.« Sie überlegte einen Augenblick lang, während die drei warteten. »Sind sie durch einen Paß gezogen, über den eine Seilbrücke gespannt ist? Eine Brücke, die nur von einem gleichzeitig überquert werden kann, zu Fuß?«

Die Brüder nickten.

Kahlan stand auf. »Der Jara-Paß«, sagte sie leise zu sich selbst, während sie sich umdrehte und zur Tür hinausblickte. »Einer der wenigen, der für ihre Wagen groß genug ist.«

»Da ist noch etwas«, sagte Tossidin und erhob sich ebenfalls. »Vielleicht fünf Tage nach ihrem Abzug sind noch mehr Männer hierhergekommen.« Er hielt die gespreizten Finger beider Hände in die Höhe. »So viele haben das Gemetzel hier angerichtet.« Dann schloß er alle bis auf den einsamen kleinen Finger seiner rechten Hand. »So viele sind hierhergekommen, nachdem das getan war.«

Kahlan sah kurz zu Chandalen hinüber. »Die die Türen geschlossen haben.«

Er nickte, während die beiden anderen die Stirn in Falten legten.

»Sie haben die Stadt durchsucht«, fuhr Tossidin fort. »Hier waren keine Menschen mehr, die man hätte töten können, also sind sie den Spuren derer gefolgt, die nach Osten gegangen sind, um sich ihnen anzuschließen.«

»Nein«, widersprach Kahlan. »Das waren keine Verbündeten derer, die das hier getan haben. Sie wollten sich ihnen nicht anschließen. Aber sie sind ihnen gefolgt.«

Prindin dachte einen Augenblick lang nach. »Dann werden auch sie sterben, wenn sie die eingeholt haben, die das hier getan haben. Sie sind nicht so viele wie die, die sie verfolgen. Sie werden sein wie Flöhe, die versuchen, einen Hund zu fressen.«

Kahlan schnappte sich ihren Umhang und warf ihn sich über die Schultern. »Brechen wir auf. Der Jara-Paß ist breit genug für große Wagen, aber er ist auch sehr lang und verschlungen. Ich kenne kleine Pässe — wie zum Beispiel den, der zu der Seilbrücke über den Jara führt und dann hinauf zur Schlucht der Harpyien –, die eine Armee nicht benutzen kann, aber wir. Außerdem ist er viel kürzer. Wofür sie drei oder vier Tage brauchen, schaffen wir in einem.«

Chandalen erhob sich zwar, aber ohne jede Eile. »Mutter Konfessor, die Verfolgung dieser Männer wird uns nicht nach Aydindril bringen.«

»Wir müssen einen der Pässe überqueren, um nach Aydindril zu gelangen. Der Harpyienpaß ist so gut wie jeder andere.«

Chandalen machte noch immer keine Anstalten, seinen Umhang zu holen. »Aber auf diesem Weg erwartet uns eine Armee von Tausenden. Du wolltest mit so wenig wie möglich Aufsehen nach Aydindril gelangen. Auf diesem Weg erwartet uns Ärger.«

Kahlan war in die Hocke gegangen, hatte einen Stiefel auf einen Schneeschuh gestellt und begann die Bindung zu verschnüren. Die Gesichter der toten Mädchen verschwammen ihr vor Augen. »Ich bin die Mutter Konfessor. Ich werde nicht zulassen, daß so etwas in den Midlands geschieht. Das ist meine Pflicht.«

Die Männer blickten sich beunruhigt an. Die Brüder gingen ihre Schneeschuhe holen. Nicht so Chandalen.

»Du hast gesagt, es ist deine Pflicht, nach Aydindril zu gehen, wie Richard mit dem Zorn es von dir verlangt hat. Du hast gesagt, du mußt tun, was er verlangt.«

Kahlan unterbrach ihre Arbeit beim Verschnüren des zweiten Schneeschuhs. Sie dachte über Chandalens Worte nach, doch nur kurz. »Ich entziehe mich dieser Pflicht nicht.« Sie schnürte den Schuh zu und richtete sich auf. »Aber wir sind Schlammenschen. Wir haben auch noch andere Pflichten.«

»Andere Pflichten?«

Kahlan tippte auf das Knochenmesser, das unter dem Umhang an ihrem Arm befestigt war. »Den Seelen gegenüber. Die Jocopo, die Bantak und nun diese Männer, sie alle haben auf Seelen gehört, die ihnen großes Unheil eingeredet haben — Seelen, die durch den Riß im Schleier gekommen sind. Wir haben Verpflichtungen den Seelen unserer Ahnen und deren lebenden Nachkommen gegenüber.«

Sie wußte, daß sie Zedd finden mußte, wenn der Schleier geschlossen werden sollte — um Hilfe für Richard zu holen. Vielleicht war Richard der einzige, der den Schleier schließen konnte. Chandalen hatte recht — sie mußten unbedingt nach Aydindril.