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»Was ist das?« Auf dem Zettel stand: Westrand, Nordhochlandstraße, Dritte Reihe.

Chase zeigte auf den Zettel, als Zedd ihn vor sich hielt und las. »Sie meinte, dort könntest du sie finden. Ich soll dir von ihr ausrichten, daß du Ruhe brauchst, und wenn du zu ihr kämst, wollte sie dir einen StenadineTee brauen, und zwar einen so schwachen, daß du gut schlafen kannst. Verstehst du das?«

Zedd lächelte sanft in sich hinein, während er den Zettel zerknüllte. »Ein wenig.« Er tippte nachdenklich an seine Unterlippe. »Ruht euch etwas aus. Sollte dich der Wundschmerz am Schlafen hindern, könnte ich dir von einer der Heilerinnen etwas Tee brauen lassen…«

Chase hob abwehrend eine Hand. »Nein! Ich werde bestimmt prächtig schlafen.«

»Um so besser.« Er tätschelte Rachels Arm, klopfte Chase auf die Schulter und wollte gehen. Plötzlich fiel ihm etwas ein, und er drehte sich um. »Hast du Richard jemals eine rote Jacke tragen sehen? Eine rote Jacke mit goldenen Knöpfen und Brokat?«

Chase schnaubte spöttisch. »Richard? Zedd, du hast ihn sein halbes Leben großgezogen. Du solltest wissen, daß Richard keine solche rote Jacke besitzt. Er hat eine Festtagsjacke, aber die ist braun. Richard ist Waldführer. Er hat eine Vorliebe für Erdfarben. Ich habe nicht einmal gesehen, daß er ein rotes Hemd angezogen hätte. Wieso?«

Zedd überging die Frage. »Wenn du ihn siehst, sag ihm, daß er keine rote Jacke anziehen darf.« Er drohte Chase mit dem Finger. »Niemals! Es ist sehr wichtig, vergiß es nicht. Keine rote Jacke.«

Chase nickte. »Schon erledigt.« Er wußte, wann er den alten Mann nicht weiter bedrängen durfte.

Zedd lächelte Rachel zu und nahm sie kurz in den Arm, bevor er sich auf den Weg durch die Halle machte. Er fragte sich in aller Ruhe, ob er noch wußte, wo der Speisesaal war. Die Mittagszeit mußte fast vorüber sein.

Dann wurde ihm plötzlich klar: er wußte gar nicht, wohin er gehen sollte. Er hatte sich noch nicht um einen Schlafplatz im Palast gekümmert. Nun, das machte nichts. Schließlich verfügte der Palast über Gästezimmer. Er hatte Chase von ihnen erzählt. Dort würde er ebenfalls unterkommen.

Er faltete das zerknüllte Papier in seiner Hand auseinander und betrachtete es. Ein vornehmer Herr mit säuberlich gestutztem Bart und mit offiziellem golddurchwirktem Gewand bekleidet kam vorbei. Zedd hielt ihn auf.

»Entschuldigt, aber könntet Ihr mir vielleicht verraten, wo…« Er sah auf den Zettel. »Wo sich ›Westrand, Nordhochlandstraße, Dritte Reihe‹ befindet?«

Der Bärtige neigte höflich seinen Kopf. »Natürlich, Sir. Das liegt im Viertel der Heilerinnen. Es ist nicht weit. Ich werde Euch ein Stück weit begleiten und Euch dann den Rest des Weges beschreiben.«

Zedd konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Plötzlich fühlte er sich nicht mehr ganz so müde. »Danke. Sehr freundlich von Euch.«

5

Als Schwester Margaret am oberen Absatz der Steintreppe um die Ecke bog, sah eine alte Hausdienerin mit Mop und Eimer sie und sank auf die Knie. Die Schwester blieb kurz stehen, um der alten Frau die Hand auf den gesenkten Kopf zu legen.

»Der Schöpfer möge sein Kind segnen.«

Die Alte hob den Kopf, und ihr runzliges Gesicht verzog sich zu einem gütigen, zahnlosen Grinsen. »Vielen Dank, Schwester, und möge der Herr Euch in seinem Werk segnen.«

Margaret erwiderte das Lächeln und sah zu, wie die Alte ihren schweren Eimer den Gang entlangschleppte. Arme Frau, dachte sie, mitten in der Nacht muß sie arbeiten. Andererseits stand auch sie hier mitten in der Nacht und war noch auf den Beinen.

Die Schultern ihres Kleides kniffen unangenehm. Sie blickte nach unten und sah, daß sie in der Eile die obersten drei Knöpfe falsch geknöpft hatte. Sie ordnete sie, bevor sie die schwere Eichentür aufdrückte, die hinaus in die Dunkelheit führte.

Ein auf und ab marschierender Posten sah sie und kam herbeigeeilt. Sie verbarg ein Gähnen hinter dem Buch. Abrupt kam er vor ihr zum Stehen.

»Schwester! Wo ist die Prälatin? Er hat bereits lauthals nach ihr gerufen. Ich kriege jedesmal eine Gänsehaut davon. Wo steckt sie bloß?«

Schwester Margaret warf dem Posten einen finsteren Blick zu, bis der Mann sich auf seine Manieren besann und flink eine Verbeugung machte. Als er sich wieder aufrichtete, ging sie über den Festungswall weiter, während der Posten ihr auf den Fersen folgte.

»Die Prälatin kommt nicht einfach, nur weil der Prophet brüllt.«

»Aber er hat ausdrücklich nach ihr gerufen!«

Sie blieb stehen und umklammerte das Buch mit beiden Händen. »Möchtest du vielleicht mitten in der Nacht an die Schlafzimmertür der Prälatin klopfen und sie wecken, nur weil der Prophet lautstark danach verlangt?«

Im Licht des Mondes sah sie, wie sein Gesicht erblaßte. »Nein, Schwester.«

»Es genügt, wenn eine Schwester dieses Unfugs wegen aus dem Bett geholt wird.«

»Aber Ihr wißt ja gar nicht, was er gesagt hat, Schwester. Er hat gebrüllt, daß…«

»Genug«, warnte sie ihn mit leiser Stimme. »Muß ich dich daran erinnern, daß dir nur ein einziges seiner Wörter von der Zunge gehen muß, und du verlierst deinen Kopf?«

Er fuhr sich mit der Hand an die Kehle. »Nein, Schwester. Ich würde niemals auch nur ein einziges Wort fallenlassen. Außer einer Schwester gegenüber.«

»Nicht einmal einer Schwester gegenüber. Du darfst nicht einmal daran denken.«

»Vergebt mir, Schwester.« Er wurde kleinlaut. »Es ist nur so, ich habe ihn noch niemals derart schreien hören. Seine Stimme habe ich bisher nur gehört, wenn er nach einer Schwester gerufen hat. Was er gesagt hat, hat mich beunruhigt. Ich habe ihn noch nie so etwas sagen hören.«

»Er hat sich etwas ausgedacht, damit seine Stimme unseren Schutzschild durchdringt. Das wäre nicht das erste Mal. Manchmal gelingt ihm das. Deswegen werden seine Bewacher darauf vereidigt, nichts von dem zu verraten, was sie aufschnappen. Was immer du gehört hast, du solltest es bis zum Ende unseres Gesprächs vergessen haben. Es sei denn, du würdest Wert darauf legen, daß wir dir beim Vergessen helfen.«

Er schüttelte den Kopf und bekam vor Schreck kein Wort mehr heraus. Sie jagte dem Mann nicht gern Angst ein, aber sie durften einfach nicht zulassen, daß er sich bei einem Krug Bier mit seinen Kumpanen verplapperte. Prophezeiungen waren nichts für den gewöhnlichen Verstand. Sie legte ihm sacht die Hand auf die Schulter.

»Wie heißt du?«

»Ich bin Schwertmann Kevin Andellmere, Schwester.«

»Wenn du mir dein Wort gibst, Schwertmann Andellmere, über alles, was du gehört hast, den Mund zu halten, und zwar bis ins Grab, werde ich mich darum kümmern, daß man dich woanders zuteilt. Offensichtlich bist du für diesen Dienst nicht geschaffen.«

Er fiel auf die Knie. »Seid gelobt, Schwester. Lieber schlage ich mich mit hundert wilden Heiden herum, als die Stimme des Propheten hören zu müssen. Ihr habt mein Wort, bei meinem Leben.«

»So sei es denn. Geh zurück auf deinen Posten. Und bei Dienstende gehst du zum Hauptmann der Wachmannschaft und sagst ihm, Schwester Margaret hätte angeordnet, dich neu einzuteilen.« Sie legte ihm die Hand auf den Kopf. »Der Schöpfer möge sein Kind segnen.«

»Ich danke Euch, Schwester, für Eure Güte.«

Sie setzte ihren Weg über den Festungswall bis zu dem kleinen Säulengang am Ende fort, stieg die Wendeltreppe hinab und betrat die von Fakkeln erleuchtete Halle vor der Tür zu den Gemächern des Propheten. Zwei Wachen mit Speeren flankierten die Tür. Wie ein Mann verneigten sie sich.

»Es heißt, der Prophet habe gesprochen, durch den Schild hindurch?«

Kalte, finstere Augen erwiderten ihren Blick. »Tatsächlich? Ich habe nicht das geringste gehört.« Er sprach mit dem anderen Posten, ohne die Schwester aus den Augen zu lassen. »Nicht das geringste. Er war verschwiegen wie ein Grab.«