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Doch die Gesichter der toten Mädchen gingen ihr noch immer nicht aus dem Kopf. Die Schandtaten, die man ihnen angetan hatte, ließen sie noch immer nicht los.

Die beiden Brüder saßen auf der Bank und banden sich die Schneeschuhe um. Chandalen stellte sich dicht neben sie und senkte seine Stimme.

»Was kann es uns nützen, wenn wir diese Armee einholen? Es ist verkehrt!«

Sie sah ihm in seine braunen Augen. Nicht Trotz wie früher war in ihnen zu lesen, sondern aufrichtige Sorge.

»Chandalen, die Männer, die diese Morde begangen haben und dann nach Osten gezogen sind, sind vielleicht fünfzigtausend Mann stark. Die Männer, die die Türen im Palast geschlossen haben und diese Armee verfolgen, zählen vielleicht fünftausend. Sie sind voller Wut, doch wenn sie diejenigen einholen, die sie verfolgen, werden auch sie niedergemetzelt. Wenn ich die Gelegenheit habe, zu verhindern, daß fünftausend Mann abgeschlachtet werden, dann muß ich versuchen, diese Gelegenheit zu ergreifen.«

Er zog eine Braue hoch. »Und wenn du dabei getötet wirst, welches noch größere Unheil wird dann über uns kommen?«

»Aber genau das sollt ihr drei verhindern — daß ich getötet werde!«

Sie wollte zur Tür. Chandalen hielt sie sanft am Arm zurück, damit sie stehenbleiben mußte. Er sprach ruhig.

»Es wird bald dunkel sein. Wir können heute abend hier Rast machen und uns etwas zu essen kochen. Morgen früh, wenn wir uns ausgeruht haben, können wir aufbrechen.«

»Der Mond wird bald aufgehen und uns den Weg beleuchten. Wir haben keine Zeit zu verlieren.« Sie beugte sich zu ihm vor. »Ich gehe weiter, und zwar sofort. Wenn ihr so stark seid, wie ihr behauptet, dann kommt mit. Wenn nicht, könnt ihr euch hier ausruhen.«

Chandalen stemmte die Hände in die Hüften. Er sah sie verzweifelt an.

»Du kannst nicht weiter gehen als Chandalen. Wir kommen mit.«

Kahlan nickte ihm mit einem verkniffenen Lächeln zu, dann war sie durch die Tür verschwunden. Die Brüder schnappten sich ihre Bogen und mußten sich beeilen, um mit ihr Schritt zu halten, während Chandalen sich bückte, um seine Schneeschuhe zu schnüren.

31

Richard beobachtete, wie die Pferde Gras fraßen, das nicht vorhanden war, und kratzte sich den juckenden Bart. Der Boden des Tales war kahl und ausgetrocknet, doch die Pferde grasten zufrieden, als hätten sie üppiges grünes Gras unter ihren Hufen. Die Illusionen, so schien es, täuschten und verführten sogar die Pferde. Er fragte sich, was er noch alles sehen würde, was gar nicht vorhanden war.

Endlich rührte Schwester Verna sich, riß an Jessups Zügel und zerrte ihn voran. »Hier entlang.«

Unheilverkündende, dunkle Wolken schmiegten sich vor ihnen an den Erdboden und brodelten, als hätten sie ein Eigenleben. Richard zog die beiden anderen Pferde weiter und folgte der Schwester. Sie hatte erklärt, sie müßten zu Fuß gehen, denn die Pferde könnten vor etwas Unsichtbarem scheuen und sie hilflos in einen Bann hineintragen.

Schwester Verna änderte plötzlich ihren Kurs, ohne daß Richard gesehen hätte, warum, und führte sie ein wenig nach rechts. Die dunkle Wolke aus Staub und Erde stieg auf und überschlug sich, getrieben von den Windstößen, die sie bislang noch nicht erreicht hatten. Schwester Verna warf einen Blick über ihre Schulter. Ihr Gesicht war so finster wie die Wolke.

»Was immer du siehst, beachte es nicht. Was immer es ist, es ist nicht wirklich. Beachte es einfach nicht. Hast du das verstanden?«

»Was werde ich sehen?«

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder nach vorn. Ihre weiße Jacke war schweißnaß, genau wie sein Hemd. »Das kann ich dir nicht, sagen. Die Banne suchen sich die Dinge in deinen Gedanken, die du fürchtest oder nach denen du dich sehnst, deshalb sieht jeder etwas anderes. Doch einige Visionen stimmen überein. Einige Ängste sind bei allen von uns gleich. Ein Teil der Magie, die wir sehen werden, besteht nicht aus Visionen, sondern ist wirklich. Wie diese Staubwolken.«

»Und was habt Ihr beim letzten Mal gesehen, daß Ihr Euch so fürchtet?«

Sie ging eine Weile schweigend weiter. »Einen Menschen, den ich liebe.«

»Wenn es ein Mensch war, den Ihr liebt, warum solltet Ihr dann Angst haben, ihn zu sehen?«

»Weil er versucht hat, mich umzubringen.«

Richard blinzelte den Schweiß fort, der ihm in den Augen brannte. »Er? Ihr hattet einen Mann, den Ihr geliebt habt, Schwester?«

Sie beobachtete im Gehen den Boden. »Das ist lange vorbei.« Der Kummer dämpfte ihre Stimme. Sie hob kurz den Kopf und sah ihn an, bevor sie erneut den Boden absuchte. »Als ich noch jung war, hatte ich einen Geliebten. Jedidiah.«

Sie schwieg, daher fragte er: »Er ist nicht mehr Euer Geliebter?« Sie schüttelte den Kopf.

»Warum nicht?«

Sie zögerte einen Augenblick und wischte sich mit der Hand über die Stirn, bevor sie weiterging. »Ich war jung, vielleicht jünger noch als du, als ich den Palast der Propheten verließ. Um dich zu suchen. Wir wußten damals nicht, ob du schon geboren warst. Wir wußten aber, daß du auf jeden Fall geboren werden würdest, nur nicht, wann, daher wurden drei Schwestern ausgesandt. Aber das ist viele Jahre her. Ich habe mehr als die Hälfte meines Lebens außerhalb des Palastes verbracht. Getrennt von Jedidiah.« Sie blieb wieder stehen, sah erst nach rechts, dann nach links, bevor sie erneut geradeaus weiterging. »Er hat mich bestimmt längst vergessen und eine andere gefunden.«

»Wenn er Euch wirklich geliebt hat, Schwester, wird er Euch nicht vergessen und sich eine andere gesucht haben. Ihr habt ihn doch auch nicht vergessen.«

Sie zog kurz an der Pferdeleine und zog das Tier von etwas fort, das es untersuchen wollte. »Zuviel ist passiert. Wir sind, jeder für sich, älter geworden. Ich bin alt geworden. Wir sind nicht mehr die Menschen, die wir einmal waren. Er ist jemand, der die Gabe besitzt und sein eigenes Leben führt. Ich hätte keinen Platz darin.«

»Ihr seid nicht alt, Schwester. Wenn er Euch wirklich liebt, sollte Zeit keine Rolle spielen.« Er fragte sich, ob er von ihr oder von sich selbst sprach. Schwester Verna stieß ein leises, nach innen gekehrtes Lachen aus. »Jugend. Die Jugend besitzt viel Hoffnung, aber wenig Weisheit. Ich weiß, wie die Menschen sind. Die Männer. Er hat meinen Rock zu lange nicht gesehen. Er wird sich längst eine andere gesucht haben.«

Richard spürte, wie er in der Hitze rot wurde. »Die Liebe hat mehr zu bieten als das.«

»Ach, du weißt also viel über die Liebe, ja? Auch du wirst bald einem anderen Paar schöner Beine hinterherlaufen.«

Richard wollte gerade einem Anflug von Ärger Luft machen, als Schwester Verna stehenblieb. Sie sah nach oben. Die dunkle Wolke kam herangewirbelt, hüllte sie immer mehr ein.

Von irgendwo vernahm Richard das undeutliche Geräusch von jemandem, der seinen Namen schrie.

»Irgend etwas stimmt nicht«, sagte Schwester Verna leise zu sich selbst.

»Und was?«

Sie überging ihn, zog Jessup nach links. »Hier entlang.« Blitze erhellten die Luft ringsum. Ein Lichtblitz bohrte sich vor ihnen in den Boden und jagte einen Schauer aus kreidiger Erde gen Himmel. Der Boden erzitterte unter dem Einschlag.

Als der Blitz die dunkle Wand für einen Augenblick zerriß, sah Richard Kahlan. Sie stand da und beobachtete ihn. Dann war sie wieder verschwunden.

»Kahlan?«

Schwester Verna schlug die entgegengesetzte Richtung ein. »Hier entlang! Jetzt! Richard, ich hab’ dir doch gesagt, das ist nicht wirklich. Was immer du gesehen hast, du darfst es nicht beachten.«

Er wußte, es war ein Trugbild, und doch fuhr der Anblick wie ein sehnsuchtsvoller Stich durch seinen Körper. Er stöhnte innerlich. Warum mußte die Magie ihn mit Trugbildern von ihr verlocken? Sein eigener Verstand, hatte Schwester Verna gesagt, würde Dinge erzeugen, die er fürchtete oder nach denen er sich sehnte. Und was war das? Sehnsucht oder Furcht?

»Sind die Blitze echt?«

»Echt genug, um uns zu töten. Aber es sind keine Blitze in dem Sinne, wie du sie kennst. Dies ist ein Gewitter aus Bannen, die sich bekämpfen. Beim Blitzen entlädt sich ihre Kraft, wenn sie miteinander kämpfen. Gleichzeitig versuchen die Banne, jeden Eindringling zu vernichten. Unser Weg führt durch die Lücken ihrer Schlacht.«