Wieder hörte er in der Ferne jemanden seinen Namen rufen, doch es war nicht Kahlans Stimme. Es war die Stimme eines Mannes.
Der nächste Blitz schlug direkt vor ihnen ein. Sie hielten sich beide einen Arm schützend vors Gesicht. Die Pferde erschraken nicht. Offenbar war es so, wie die Schwester sagte: wären es echte Blitze gewesen, die Pferde wären durchgegangen.
Als die vom Lichtblitz hochgeschleuderte Erde ringsum niederging, drehte Schwester Verna sich um und packte ihn am Ärmel seines Hemdes.
»Hör zu, Richard. Irgend etwas stimmt nicht. Der Weg verändert sich zu schnell. Ich kann ihn nicht erfühlen, so wie ich eigentlich müßte.«
»Aber warum? Ihr seid doch schon einmal hier durchgekommen. Da habt Ihr es geschafft.«
»Ich weiß es nicht. Wir wissen nicht sehr viel über diesen Ort. Er ist mit einer Magie behaftet, die wir nicht völlig verstehen. Möglicherweise hat die Magie gelernt, mich zu erkennen, von damals, als ich schon einmal hier war. Mehr als zweimal kommt man nicht hindurch. Angeblich ist das zweite Mal schon schwieriger als das erste. Vielleicht ist es bloß das. Aber es könnte auch an etwas anderem liegen.«
»Aber an was? An mir vielleicht?«
Sie sah an ihm vorbei, sah Dinge, die aber, wie er wußte, nicht vorhanden waren. Sie blickte ihn wieder an. »Nein, du bist es nicht. Wärst du es, könnte ich den Durchgang noch genauso spüren wie früher, aber das kann ich nicht. Ich spüre ihn nur manchmal. Wahrscheinlich hängt es mit dem zusammen, was mit den Schwestern Elizabeth und Grace passiert ist.«
»Was haben sie damit zu tun?«
Das dunkle Unwetter hatte sie jetzt heulend und wirbelnd zur Gänze eingehüllt. Ihre Kleider flatterten in den Böen. Er mußte des Staubes wegen die Augen zusammenkneifen.
»Mit dem Tod haben sie ihre Gabe weitergegeben. Dafür haben sie ihr Leben gelassen, als du das Angebot abgelehnt hast — um die Gabe an die nächste weiterzureichen, um sie stärker zu machen, damit sie beim nächsten Versuch vielleicht erfolgreich ist.«
Deswegen hatte er also den Sog, den Halsring anzunehmen, mit jedem Mal stärker gespürt. Kahlan hatte davon gesprochen, dies könnte der Grund dafür sein, daß sie ihr Leben lassen, wenn er sich weigert — um ihre Kraft zu mehren, sie stärker zu machen.
»Soll das heißen, daß Ihr die Kraft, das Han, der anderen Schwestern habt?«
Sie nickte, während ihr Blick nervös umherwanderte. »Es verleiht mir die Kraft von allen dreien.« Ihr Blick kehrte zu seinen Augen zurück. »Vielleicht habe ich schon zuviel Kraft, um durchzukommen.« Sie packte sein Hemd fester und zog ihn näher an ihr Gesicht. »Wenn ich es nicht schaffe, mußt du allein weitergehen. Versuche, allein durchzukommen.«
»Was? Wie soll ich wissen, wie man allein durchkommt? Ich spüre nichts von den Bannen, die uns umgeben.«
»Widersprich mir nicht! Du hast den Blitz gespürt. Wenigstens den hast du gespürt. Jemand, der die Gabe nicht besitzt, würde ihn erst fühlen, wenn es zu spät ist. Du mußt es versuchen.«
»Schwester, Ihr werdet es schaffen. Ihr werdet den Weg finden.«
»Aber wenn nicht, mußt du es versuchen. Ignoriere alles, was du siehst, was dich verleiten will. Wenn ich umkomme, Richard, mußt du versuchen, dich zum Palast der Propheten durchzuschlagen.«
»Wenn irgend etwas passiert, versuche ich, mich zurück in die Midlands durchzuschlagen. Das ist kürzer.«
Sie riß einmal kurz und heftig an seinem Hemd. »Nein! Mußt du mir ständig widersprechen?« Sie sah ihn einen Augenblick lang finster an, dann wurde ihr Gesichtsausdruck etwas freundlicher. »Richard, du wirst sterben, wenn du keine Schwester hast, die dir beibringt, wie man die Gabe beherrscht. Der Halsring allein wird dich nicht retten. Du brauchst eine Schwester, damit der Rada’Han dir etwas nützt. Ohne Schwester wäre er wie eine Lunge ohne Luft, um sie zu füllen. Die Luft sind wir. Ein paar von uns haben bereits ihr Leben gegeben, um dir zu helfen. Sie dürfen nicht umsonst gestorben sein.«
Er löste ihre Hand von seinem Hemd und drückte sie sanft. »Ihr werdet es schaffen. Das verspreche ich Euch, Ihr werdet es schaffen. Ich werde alles tun, was ich kann, um Euch zu helfen. Habt keine Angst. Achtet nicht auf das, was Ihr seht. Habt Ihr das nicht gerade selbst gesagt?«
Sie stieß einen verzweifelten Seufzer aus, dann zog sie ihre Hand zurück und drehte sich um. »Du weißt nicht, was ich sehe.« Sie warf ihm einen Blick über ihre Schulter zu, voller Argwohn. »Stelle mich nicht auf die Probe, Richard. Ich bin nicht in der Stimmung dazu. Du tust, was ich dir sage.«
Schwester Verna ging weiter voran. Hinter sich hörte Richard Huf schlag. Dunkelheit umwirbelte sie, durchbrochen von knisternden Blitzen. Er fand es schwer, zu akzeptieren, wie ruhig die Pferde blieben. War es tatsächlich die Gabe, weshalb er all das um sich herum spürte?
Links von ihm lichtete sich die Wand aus Staub. Dahinter war Licht. Der Anblick ließ Richard erstarren. Es waren die Wälder von Kernland, seine Wälder, in die er sich zurücksehnte. Dort vor ihm lagen sie. Er brauchte nur hindurchzutreten. Die Ruhe und der Frieden des Ortes, auf den er starrte, erfüllten ihn mit schmerzlicher Sehnsucht, so als wäre der Schritt dorthin seine Erlösung.
Doch er wußte, es war eine Täuschung, ein Bann der Sehnsucht, der ihn in die Falle locken sollte, damit er auf ewig im Zustand der Verzauberung umherirrte. Aber was war eigentlich so schlimm daran, selbst wenn es nicht wirklich war? Wenn es ein Ort war, den er liebte, und er dort glücklich wäre, was war daran so schlimm?
Wieder hörte er seinen Namen, und wieder als Schrei. Der Hufschlag der Pferde hatte ihn fast erreicht. Er fuhr herum und sah, daß es Chase war, der seinen Namen brüllte.
»Achte nicht darauf, Richard«, ließ sich die Schwester mürrisch vernehmen. »Geh weiter.«
Richard sehnte sich nach seinem Freund ebensosehr wie nach den Wäldern. Er ging rückwärts und schaute.
Chase kam in vollem Galopp angeritten, sein schwarzer Umhang wehte hinterher, seine Waffen blinkten im Licht der unbarmherzigen Sonne. Das Pferd war mit schäumendem Schweiß bedeckt. Irgend jemand begleitete ihn auf seinem Schoß. Richard kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, und erkannte, daß es Rachel war. Das war normal. Rachel war immer bei Chase. Auch Rachel kreischte seinen Namen. Richard betrachtete das Trugbild, das auf ihn zugestürzt kam.
Irgend etwas an Rachel fesselte seine Aufmerksamkeit. Irgend etwas an ihr vermittelte Richard das untrügliche Gefühl von Zedds Gegenwart. Sein Blick wurde von einem bernsteinfarbenen Stein angezogen, der an einer goldenen Kette um ihren Hals hing. Der Anblick des Steins erweckte Richards Interesse, als wäre es Zedd selbst, der nach ihm rief.
»Richard!« brüllte Chase. »Geh nicht dort rein! Geh nicht dort rein! Zedd braucht dich! Der Schleier ist zerrissen! Richard!«
Plötzlich riß Chase das Pferd hoch. Es kam schlitternd zum Stillstand. Richard entfernte sich, langsam rückwärts gehend, ohne das Trugbild aus den Augen zu lassen. Chase hatte sich inzwischen beruhigt und aufgehört zu brüllen. Mit Rachel auf dem Arm stieg er vom Pferd und sah sich verwundert um. Mittlerweile wehte der Staub wieder zwischen ihnen hindurch, und Richard hatte Mühe, seinen alten Freund zu erkennen. Chase setzte Rachel ab und nahm sie bei der Hand, dann drehten sich die beiden um und starrten ins Nichts. Richard fand, dies sei ein eigenartiges Verhalten für ein Trugbild, aber vielleicht wollten sie ihn dadurch nur dazu verleiten, etwas zu suchen, auf das ihr Blick gerichtet war.
Richard drehte sich zur Schwester um, als sie seinen Namen rief. »Los, weiter, oder ich sorge dafür, daß du dir wünschst, ich hätte dich hiergelassen! Du darfst nicht stehenbleiben!« Sie blickte nach beiden Seiten, während sie weiterging. »Die Öffnung schließt sich um uns. Beeil dich, bevor wir in der Falle sitzen!«